Kapitel 2

Olivias Zwangschemopseudotherapie

Meines Wissens wurde bzw. wird Olivia nach zwei verschiedenen Chemoprotokollen behandelt. Genaues wurde uns offiziell nie mitgeteilt. Der Wechsel zwischen den beiden müsste mit dem Operationstermin Mitte September zusammengefallen sein. Das erste Chemoprotokoll entsprach dem Stadium IV, das zweite dem Stadium II.

Stadium I:
Der Tumor ist auf die Niere bzw. das Nierenbecken beschränkt und kann operativ vollständig entfernt werden.
Stadium II:
Der Tumor dehnt sich über die Niere hinweg aus und betrifft benachbarte Gewebe und Strukturen, Gefäße bzw. Lymphknoten, kann aber dennoch operativ vollständig entfernt werden.
Stadium III:
Der Tumor hat sich im Bauchraum lokal soweit ausgebreitet, dass eine Entfernung nur unvollständig möglich wäre.
Stadium IV:
Es finden sich Fernmetastasen, also Tumorabsiedelungen in anderen Organen (insbesondere in Leber, Lunge, selten im Gehirn bzw. Knochen)
Stadium V:
Ein Nephroblastom, das beide Nieren betrifft.

Die postoperative (nach der Operation) Chemotherapie lautet NEPHROBLASTOMSTUDIE SIOP 93-01 / GPOH
Postoperative Therapie bei intermediärer Malignität / Stadium II ohne Lymphknotenbefall (II N-)

Die Mengendosierung der Zytostatika wurde wie folgt berechnet

Actinomycin-D 15 μg / kg Körpergewicht
Vincristin 1,5 mg / m2 Körperoberfläche
Adriamycin 50 mg / m2 Körperoberfläche

Die Häufigkeit der Verabreichung war laut Protokoll wie folgt festgelegt:

Actinomycin-D:
i.v.38 jeweils Tag 1-5 der Woche 4, 8, 14 ,20, 26 μg (max. Einzeldosis 0,5 mg)
Dieses Medikament zeigte am augenscheinlichsten an den Schleimhäuten seine Wirkung.

Vincristin:
i.v. jeweils Tag 1-5 der Woche 1 bis 8, 11, 12, 14, 15, 17, 18, 20, 21, 23, 24, 26, 27 μg (max. Einzeldosis 2,0 mg)

Adriamycin:
Infusion über 4 Stunden jeweils Tag 1 der Woche 2, 6, 11, 17, 23 μg

Am Protokoll war noch vermerkt:
Kinder ≤ 12 kg Körpergewicht → Dosisreduktion (alle Zytostatika: 2/3)
schwere Nebenwirkungen → beim nächsten Zyklus: Dosisreduktion

Das waren die beiden einzigen Regulative, die auf das „Individuum Kind“ eingingen.

Weitere Medikamente:

Baktrim:
3x wöchentlich, Vorbeugung gegen Bakterien

Augmentin:
Antibiotikum; wurde verabreicht, wenn Entzündungswerte anstiegen

Leukomax, Neupogän:
Zum Heben der weißen Blutkörperchen

Eripo:
Zum Heben der roten Blutkörperchen

Zofran:
gegen Übelkeit

Die Ideologie der Schulmedizin ist erkennbar. Der Patient wird auf eine Maschine reduziert. Die Maschine „Patient“ wird regel- und steuerbar, nicht selten bis zu seinem Exitus.

38 i.v. = intravenös, in die Vene

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Was sagen die Beipackzettel?

Actinomyzine:
Sammelbegriff für zahlreiche, chem. weitgehend ident. Stoffwechselprodukte versch. Streptomyces-Stämme mit antibiot. Wirksamkeit, aber auch hoher Toxizität39, bedingt durch die spezif. Einlagerung in die DNA-Doppelhelix zw. zwei GC-Paaren; A. hemmen in niedriger Konz. die DNA-abhängige Synthese der RNA, in höherer auch die DNA-Replikation. Klin. Verwendung findet in begrenztem Umfang Actinomycin D bei malignen Tumoren.

Oncovin:
Wirkstoff: Vincristinsulfat

EW: (=Wirkungsweise)
Vincristin, zusammen mit Viblastin, eines der ersten Vincaalkaloide, ist ein Spindelgift, das die Mitose40 im Stadium der Metaphase hemmt. Der Wirkungsmechanismus von Oncovin ist noch nicht vollständig geklärt...

Pharmakokinetik:
... 15-30 Minuten nach der Injektion werden mehr als 90% des Medikamentes aus dem Blut ins Gewebe abgegeben, wo es stark, aber nicht irreversibel gebunden wird... Es liegen Berichte über das Auftreten von leukämischen Infiltraten im Bereich des ZNS bei ansonsten erfolgreich mit Vincristin behandelten Patienten vor...
Elimination:
Sowohl beim Menschen als auch beim Tier wird das Medikament zum Großteil durch die Leber (!) ausgeschieden... Bei Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion ist die Dosis zu reduzieren und die Funktion anhand der üblichen Laborkontrollen zu überprüfen...
AA: (=zur besonderen Beachtung)
Zur Beachtung: Es ist von äußerster Wichtigkeit, eine Injektion außerhalb der Vene zu vermeiden... Niemals direkt in kleine Venen injizieren, da hierbei das Risiko einer versehentlichen Verletzung der Venenwand und des Austritts der Injektionslösung in das umgebende Gewebe erhöht ist... Beim Auftreten eines Venenkrampfes und/oder Schmerzen ist die Injektion sofort abzubrechen und der Rest der Lösung in eine andere große Vene zu injizieren (!).
DO: (=Dosierung)
übliche Dosis: ... Da eine überdosis von Oncovin sehr ernste, unter Umständen tödliche (!) Folgen haben kann, ist die Errechnung der Dosen und deren Verabreichung mit der allergrößten Aufmerksamkeit vorzunehmen.
Spezielle Dosierungsanweisungen:
Kinder, die 10kg oder weniger wiegen, sollten 0,05mg/kg Körpergewicht einmal pro Woche erhalten, worauf die weiteren Dosen vorsichtig erhöht (!) werden können. Patienten mit signifikant eingeschränkter Leberfunktion sollten Anfangsdosen von 0,05mg/kg bis 1mg/kg erhalten. ... Anschließende Dosierungen können je nach Toleranz der Initialdosis hinaufgesetzt (!) werden. ...
GA: (=Gegenanzeige)
... Bei akuten Infektionen und schwerer Knochenmarksdepression darf Oncovin nur nach strenger Nutzen-Risikoabwägung gegeben werden. ...
Es wurde über schweren Bronchospasmus und über akute Atemnot nach der Verabreichung von Vinca-Alkaloiden berichtet. ... besonders bei bevorstehender Lungenfunktionsstörung (!).
SST: (=Schwangerschaft und Stillen)
Während der Schwangerschaft ist bei allen Mitosehemmern Vorsicht geboten. Schädigungen des menschlichen Fetus wurden bisher nach Vincristin nicht gesehen, aus Tierexperimenten kann aber auf die Möglichkeit teratogener41 Effekte geschlossen werden. Eine verbindliche Aussage darüber, ob Vincristin die Fortpflanzungsfähigkeit beim Menschen beeinträchtigt, ist nicht möglich (!). In diesem Zusammenhang sollte der Arzt prinzipiell beim Einsatz von Oncovin wie bei allen Mitosehemmern, die Vorteile und Risiken der Behandlung gegeneinander abwägen. Es ist nicht bekannt, ob Vincristinsulfat in die Muttermilch übergeht (!). Aufgrund der Tatsache, dass viele Medikamente in die Muttermilch ausgeschieden werden und das Auftreten ernster Nebenwirkungen an gestillten Säuglingen möglich ist, sollte entweder nicht mehr gestillt (!) oder das Medikament abgesetzt werden. Allerdings sollte der Nutzen des Medikamentes für die Mutter in Betracht gezogen werden.
NW: (=Nebenwirkungen)
Die unerwünschten Wirkungen sind im Allgemeinen reversibel und dosisabhängig. Am häufigsten wird Alopezie42 beobachtet, am unangenehmsten sind die neuromuskulären43 Störungen.
Bei Einhaltung des empfohlenen Dosierungsschemas von einer Dosis pro Woche sind im allgemeinen Nebenwirkungen wie Leukopenie44, neuritische Schmerzen, Obstipation und Gehbehinderung nur kurzdauernd (weniger als 7-10 Tage).
Wird die Dosis herabgesetzt, werden die Beschwerden meist geringer (!) und verschwinden. Sie scheinen jedoch verstärkt in Erscheinung zu treten, wenn die Wochendosis in mehreren Teilportionen verabreicht wird. Manche Erscheinungen, wie Haarausfall, Parästhesien45, schleppender Gang, Verlust der tiefen Sehnenreflexe und Muskelschwund, bleiben häufig während der Behandlungszeit bestehen und verschwinden im Allgemeinen innerhalb 6 Wochen nach Beendigung der Therapie. Bei einigen Patienten sind die neuromuskulären Beschwerden für längere Zeit bestehen geblieben.
Nervensystem:
Die unerwünschten neuromuskulären Wirkungen treten häufig in einer bestimmten Reihenfolge auf. Zunächst kommt es zu Sensibilitätsstörungen und Parästhesien. Bei Fortsetzung der Behandlung können dann auch neuritisartige Schmerzen und später motorische Ausfälle auftreten. Eine spezifische Behandlung dieser Beschwerden ist bis jetzt nicht bekannt.
Bei einigen Patienten wurden Krämpfe, häufig verbunden mit Hochdruck verzeichnet.
Bei Kindern traten in einigen Fällen komatöse Zustände auf. Ferner wurden Ataxie46, Spitzfuß, Parästhesien und Taubheit der Finger- und Zehenspitzen beobachtet.
Vorbestehende neurologische Beschwerden werden durch die Gabe von Oncovin oft verschlechtert.
Hirnnervenlähmungen (extraokuläre47, laryngeale48 Muskulatur) können auch ohne motorische Ausfälle anderer Lokalisation auftreten(!!). Schwere Schmerzen im Bereich der Mundhöhle, des Pharynx49, der Glandula parotis50 sowie Knochen-, Rücken-, Gliederschmerzen und Myalgien wurden berichtet.
Magen-Darm-Trakt:
Obstipation und kolikartige Bauchschmerzen, die auf einer Verstopfung im oberen Kolon beruhen, können auftreten. Es können aber auch kolikartige Schmerzen bei leerem Rectum vorliegen. ...
über abdominelle Krämpfe, Erbrechen und Durchfälle, sowie über Perforation51 wurde berichtet. ...
Kardiovaskuläre52 Nebenwirkung:
Hyper- und Hypotension53 sind vorgekommen. Chemotherapie-Kombinationen mit Vincristin waren (vor allem bei Patienten mit vorheriger mediastinaler Bestrahlung) mit koronarer Herzkrankheit und Myokardinfarkt assoziiert. Ein kausaler Zusammenhang wurde nicht nachgewiesen.

...

Sonstige unerwünschte Wirkungen:
An weiteren Nebenwirkungen wurden Gewichtsverlust, Fieber, Reaktionen seitens der Hirnnerven und Kopfschmerzen (!), sowie Atrophie des N.opticus mit Blindheit (!) und vorübergehender kortikaler Blindheit beobachtet. Weiters sind durch Schädigung des 8. Gehirnnervs (!) Gleichgewichts- und Hörstörungen möglich. Dies zeigt sich in einer teilweisen oder totalen Taubheit, die permanent oder vorübergehender Natur sein kann (!!).
Außerdem können Schwindelgefühl, Nystagmus54 und Vertigo55 auftreten.
WW: (=Wechselwirkung)
... Besondere Vorsicht ist bei ... geboten, bzw. bei Patienten mit Leberstörungen (!).
WH: (=Warnhinweis)
... Da man Labortiere mit Folinsäure vor letalen56 Vincristin-Dosen schützen kann, erscheint es sinnvoll, Patienten, die eine überdosis von Oncovin erhalten haben, ebenfalls mit Folinsäure zu behandeln (!!).

39 Toxizität = Giftigkeit eines Stoffes, eingestuft nach seiner Mortalität (Sterbehäufigkeit)
40 Mitose = Zellteilung bzw. Zellkernteilung im Dienste der Zellerneuerung u. des Wachstums
41 teratogen = beim Kind im Mutterleib Missbildungen erzeugend
42 Alopezie = Haarausfall
43 neuromuskulär = die Nerven und Muskeln betreffend
44 Leukopenie = Verminderung der weißen Blutkörperchen
45 Parästhesien = Fehlempfindungen mit Schmerzcharakter
46 Ataxie = Störung der Bewegungsabläufe, Fehlkoordination
47 extraokulär = um das Auge herum
48 laryngeal = Kehlkopf-
49 Pharynx = Rachen
50 Glandula parotis = Ohrspeicheldrüse
51 Perforation = Durchbruch, z.B. des Darms
52 kardiovaskulär = Herz u. Gefäße betreffend
53 Hyper- und Hypotension = erhöhte bzw. verminderte Spannung, hier des Herzmuskels
54 Nystagmus = Augenzittern
55 Vertigo = Schwindel
56 letal = tödlich

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Mir wird schlecht! Wenn man weiß, dass diese „Behandlung“ der Patienten, meines Kindes(!), allein aufgrund einer Hypothese erfolgt, die durch nichts, durch rein gar nichts(!!) bewiesen werden kann, liegt die Vermutung nahe, dass mit diesen Patienten perverse Versuche unternommen werden!!

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Hippokratischer Eid:

Auszüge:

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Was ich bei der Behandlung sehe oder höre, oder was ich an Dingen, die man nicht weitersagen darf, auch außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen erfahre: Schweigen will ich bewahren und als heiliges Geheimnis solches betrachten. Wenn ich nun diesen Schwur halte und nicht breche, so möge ich mich meines Lebens und meiner Kunst erfreuen in Ehren bei allen Menschen für alle Zeit; wenn ich aber meineidig werde, soll alles Unheil mich treffen.

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Auch werde ich tödliches Gift niemandem geben, mag er selbst darum bitten, und auch keinen Rat dieser Art erteilen.

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