Kapitel 5

Olivia: Das erste Mal zu Hause

Sonntag, 03.12.1995:

Telefonat mit Erika:
Sie möchte mit Olivia gegen Mittag nach Hause kommen.

Besuch bei meinen Eltern in Grünbach:
Ich versuchte, meiner Mutter meinen Standpunkt betreffend der Übertragung des Teilsorgerechts darzustellen. Als ich aber einleitend die Geschichte des elfeinhalbjährigen Buben mit der „Fastamputation“ beider Beine begann, verließ meine Schwester Michaela das Zimmer. Sie ertrug nicht diese schreckliche Geschichte, vor allem aber, weil sie nicht in Erwägung ziehen wollte, dass Dr. Hamer doch Recht haben könnte.
Ebenso mein Vater. Auch für ihn zählte kein belegbares Argument, sondern er polemisierte, wie er es aus den Medien vorgekaut bekommen hatte.

Erikas Tagebuchnotizen:
Heute fuhr ich mit Olivia das erste Mal nach Hause. Abends besuchten wir noch, bevor wir wieder in die Klinik zurückfahren mussten, das Haus des Meeres in Wien.

Olivia zuhause
3.12.1995.· Olivia das erste Mal für ein paar Stunden zu Hause

Medien

täglich alles - OLIVIA DURFTE MIT IHRER TANTE INS KINO

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Montag, 04.12.1995:

Telefonat mit Dr. Hamer:
Der Sender „tm3“ gehört angeblich zum „spiegel“.

Das muss man sich einmal vorstellen! Über das französische Büro aus Paris nahm „swiss news“ mit uns Kontakt auf, verlor aber über „spiegel-tv“ kein Wort. Mich hatte also mein Gespür, das Interview gleiche einem Verhör, nicht getrogen!

Olivia:
Während der Nacht wachte sie einmal laut weinend auf, konnte aber schnell wieder beruhigt einschlafen. Wahrscheinlich hatte sie ein böser Traum geplagt.
Von ca. 9:00 Uhr bis 11:00 Uhr war sie in der Schule. Sogleich als sie wieder in das Zimmer kam, wurde sie an weitere Infusionen gehängt und ihr die Chemo verabreicht. Anschließend kam die Physiotherapeutin.
Gegen Abend tauchten wieder ihre Bauchschmerzen auf. Mit ätherischen Ölen, ihrem Lieblingsöl, der Zitrone, das ich in den Handflächen verrieb und ihr dann die warmen Hände auf den Bauch auflegte, war sie zu beruhigen.

Betreffend das Pflegschaftsverfahren überlegte ich mir folgendes:
Wir lehnen den Vorschlag von Richter Masizek ab. Begründung: Wir empfinden es als Beleidigung, dass wir und meine Schwiegereltern, die immer hinter uns standen, derart übergangen werden. Das Gericht möchte die Verantwortung loswerden. Wir können es nicht verantworten, dass unsere Schwester ihren Beruf aufgibt und mit einem krebskranken Kind belastet wird.
Lieber belassen wir die Verhältnisse so, wie sie sind. Olivia bleibt also so lange im Krankenhaus, wie es die Therapie erfordert. Ausflüge nach Vereinbarung mit den Ärzten.

Wir beantragen eine Stellungnahme zu Dr. Hamers Schreiben Olivia betreffend und ein CT vom Abdomen und Gehirn und als Alternative dazu, sollte sich das AKH weigern, dass wir es selbst bei einem Radiologen erstellen lassen dürfen.
Schriftliche Erklärung von Silvia, worin sie die Teilsorgerechtsübernahme ablehnt.

Medien

kurier - OLIVIA: SORGERECHT FÜR TANTE

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Dienstag, 05.12.1995:

Olivia:
Am Morgen klagte sie wieder über Bauchschmerzen. Sie wirkte auch bedrückt.

Telefonat mit Silvia:
Sie wurde von der BH-Mödling angerufen. Es wurde ihr erklärt, dass Olivia über die Weihnachtszeit nach Hause dürfe, dafür aber müsste Silvia die Verantwortung übernehmen. Sie solle also einen Teil des Sorgerechts erhalten.
Ich sprach nochmals auf sie ein, diese Verantwortung abzulehnen, damit die Behörden den zweiten Vorschlag von Richter Masizek durchführen müssten.
Sie erklärte, nochmals mit Hofrat Marady sprechen zu wollen.
Danach rief sie abermals an. Für morgen um 8:00 Uhr war ein Termin mit ihr und mir bei Hofrat Marady vereinbart worden.

Telefonat mit Herr Mag. Rebasso:
Er erklärte sich bereit, morgen mitzukommen. Silvia solle ihn anrufen.

Telefonat mit Silvia:
Mit meinem Rechtsanwalt wollte sie absolut nichts zu tun haben. Dies fand ich stark. Wie kam sie dazu, mir meinen Rechtsbeistand zu verweigern? Diese Vorgehensweise kannte ich zur Genüge von den Behörden.
Hätte Erika bei dem Gespräch mit Richter Masizek im AKH einen Anwalt dabeigehabt, so würde sich der Richter jetzt schwertun, Erika, was seinen zweiten Vorschlag anbelangte, ein Missverstehen unterjubeln zu wollen.
Silvia blieb dabei, entweder ich alleine, oder sie sagt den morgigen Termin ab.
Ich ging auf's Ganze und erklärte ihr, wenn sie sich weiter in unsere Angelegenheit einmische, würden wir gegen sie vorgehen müssen. Wir könnten uns dies nicht gefallen lassen. Wir würden ihr den Zutritt zu Olivia verweigern, sollte ihr aber das Kind zugesprochen werden, werden wir Olivia aufklären, bzw. sie müsste dann mit Olivia völlig alleine zurande kommen, da wir uns zurückziehen würden. Das saß!

Telefonat mit Hofrat Marady:
Ich erklärte ihm, morgen mit meinem Rechtsanwalt kommen zu wollen. Er sagte, er sei Beamter und ob er wolle oder nicht, müsse er sich mit dem Fall auseinandersetzen. Er hätte aber gerne ein Gespräch von Mensch zu Mensch geführt, und wenn ich ihm und meiner Schwester misstraue, so könnten wir gleich zu Gericht gehen. Er wolle hier nicht den Botenjungen spielen. Er habe aber morgen Zeit, und wenn ich möchte, könne ich auch mit Rechtsanwalt erscheinen.

Telefonat mit Erika:
Ich erklärte ihr den bisherigen Verlauf und bat sie, sich mit Silvia in Verbindung zu setzen.
Danach rief sie mich zurück. Sie hatte Silvia erklärt, dass sie lieber im Krankenhaus mit Olivia Weihnachten feiere als bei ihr in Brunn am Gebirge. Sie verbot ihr nochmals, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen, denn auch ihr wäre es umgekehrt nicht recht, wenn wir uns derart massiv in die ihrigen einmischen würden. Den Termin mit Hofrat Marady hatte Silvia abgesagt!

Telefonat mit Silvia:
Sie las mir ihr Fax an Herrn Hofrat Marady vor mit dem Inhalt, sie werde weiterhin für den Notfall, sollte Olivia in ein Heim kommen müssen, zur Verfügung stehen, bat aber inständig, uns Eltern die Chance zu geben, das Sorgerecht zurückzubekommen. Wir hätten schon mehrmals gezeigt, dass wir mit Olivia wieder ins AKH zurückkommen würden, und außerdem hatten wir ihr glaubhaft versichert, nicht mehr flüchten zu wollen. Sie und auch meine ganze Familie würden für das Erscheinen von Olivia garantieren.
Dieses Fax legte zwar der Behörde wieder eine Schiene, denn sie bräuchte nur zu behaupten, es sei ein Notfall und Olivia komme in ein Heim, aber es schien mir doch, dass der Wunsch, uns eine Chance zu geben, erkennbar war.

Erika löste mich im AKH ab, und ich brachte meine Mutter nach Hause.

Telefonat mit Sigrun:
Unser Interview vom vergangenen Dienstag solle heute in „spiegel-tv“ ausgestrahlt werden. Man hatte gewusst, dass wir nie für „spiegel-tv“ ein Interview gegeben hätten, deshalb trickste man uns über „swiss-news“/tm3 derart aus.
Ich entschied, keine weiteren Interview-Aufzeichnungen mehr zu geben. Lediglich Live-Sendungen würde ich noch annehmen. Auch das Angebot des Herrn Puschler einer Aufzeichnung für „rtl“ „Explosiv“, Termin: 23.12.95, lehnte ich ab.

Die Kinder waren bei der Familie D. abzuholen. Sepp war mit den Buben im Dorf Krampus68 ärgern.

Zu Hause lag ein Angebot eines Verlages für mein Tagebuch vor.

68 Krampus, österreichisch = mit Maske verkleideter Begleiter von Nikolaus

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Mittwoch, 06.12.1995:

Telefonat mit Hofrat Marady:
Ich entschuldigte mich für mein Nichterscheinen und kündigte ein Schreiben vom Rechtsanwalt an, in dem wir um einen neuerlichen Termin mit ihm und Herrn Gruber bitten werden. Meiner Meinung würde die Angelegenheit derzeit stagnieren, und ich wolle sie deshalb konstruktiv vorantreiben.

Telefonat mit Dr. Hamer:
Nach seinen Informationen war die gestrige „spiegel-tv“ - Sendung wieder eine der üblichen Hetzkampagnen gewesen. Er selbst hatte sie jedoch nicht gesehen.

Interview mit Frau Stampf, „focus“:
Der Artikel würde kommenden Montag erscheinen.

Telefonat mit Erika:
Vormittags, als Olivia in der Schule war, ließ sie sich von einem Frauenarzt untersuchen. Bei der Untersuchung erfolgte derart schnell eine Ultraschalluntersuchung, dass sie gar nicht reagieren konnte. In einem Gespräch billigte ihr aber dann der Arzt zu, in Zukunft von solchen Untersuchungen Abstand zu nehmen, da dies auch früher ohne diese funktioniert hätte. Mit dem Kind und ihr sei alles in bester Ordnung.

Telefonat mit Herrn SeIlin, „bild am sonntag“:
Es werde gegen die „kronen“-Zeitung (2.10.95) wegen Bildklaus und gegen den „kurier“ (3.10.95) wegen falscher Behauptung rechtlich vorgegangen. Dies bekam ich nun schon x-fach zu hören, hatte bisher aber darüber nichts Schriftliches erhalten. Kurz erklärte ich ihm unsere derzeitige rechtliche Lage und wie es Olivia und uns ginge.
Für Weihnachten möchte er eine kleine, schöne Geschichte machen.

Am Abend kam der Nikolaus in den Kindergarten. Schon lange hatten Erika und ich geplant, dies für einen neuerlichen Versuch zu nutzen, Elisabeth den Kindergarten schmackhaft zu machen. Elisabeth war schon den ganzen Tag lang in Vorfreude und mehr als bereitwillig, ging sie mit mir mit.
So, als wäre sie nie vom Kindergarten ferngeblieben, bewegte sie sich in der Menge von Gleichaltrigen. Vor allem aber suchte sie die Gesellschaft der kleinen Nina D.. Nachdem die Veranstaltung vorüber war, versprach Elisabeth der Tante vom Kindergarten, morgen wiederzukommen. Und sie hielt ihr Versprechen.

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Freitag, 08.12.1995:

Olivia verbrachte den Nachmittag in Maiersdorf. Für heute war ich wieder an der Reihe, die Nacht bei Olivia im AKH zu verbringen. Mit dem Wagen fuhren wir ins Krankenhaus zurück.

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Samstag, 09.12.1995:

AKH:
Während der Nacht wachte Olivia weinend auf. Sie hatte Bauchschmerzen und schrie regelrecht nach ihrer Mutter. Ihren Oberkörper wippte sie im Bett sitzend vor und zurück und jammerte kläglich. Ich versuchte beruhigend auf sie einzureden und dachte, dass vielleicht auch sie die Magengrippe erwischt hatte, die gestern noch mir ziemlich zugesetzt hatte.
Sie musste erbrechen. Wohlweislich gab es dafür schon vorbereitete und anscheinend speziell für diesen Zweck konzipierte Papierschüsseln im Zimmer, sowie jede Menge Stoffwindeln.
Ich stellte fest, dass ich schon eine gewisse Routine darin besaß, meinem Kind bei seinen Übelkeitsanfällen beizustehen. Jeder Elternteil, der sein Kind während der Chemotherapie begleitet hatte, kennt dies zur Genüge. Nur, wie steht es mit der persönlichen Einstellung zu diesem Geschehen? Vermutlich ist es erträglicher, wenn man annimmt, dass nach der Therapie alles gut werden würde, wenn man glaubt, dieses momentane Leid des Kindes würde sich legen, man müsse dies eben in Kauf nehmen.
Aber mir fehlte dieser Glaube an die „Hoffnung Chemo“. Für meinen Wissensstand gab es keine Begründung, dieses Leiden meines Kindes rechtfertigen zu können. Diese „Therapie“ war lediglich eine Bürde. Eine unnötige Bürde, mit höchstem Risiko für mein Kind!
Was man als Vater oder Mutter hierbei mitleidet, kann man kaum beschreiben.
Aber auch ich hatte Hoffnung, denn ich brauchte nur an den Beginn der Chemotherapie zu denken, wie hoffnungslos damals alle waren. Alle, einschließlich mir, und doch schaffte es Olivia bis an den heutigen Tag. Olivia und auch wir wurden getragen. Es ist schwer zu formulieren, wer hier seine schützenden Hände über uns hielt und noch immer hält, aber dass es so ist, davon bin ich felsenfest überzeugt.

Am Morgen war ihre Übelkeit wieder verflogen. Gegen 9:00 Uhr kam meine Schwägerin Veronika, um mich abzulösen. Mit ihr sollte Olivia nach Maiersdorf fahren und dann abends wieder in das AKH zurückkommen.
Kurze Zeit später kam Hanni mit ihrer Tochter. Ihr frühes Erscheinen war ungewöhnlich und auch ihre Geschichte, die sie mir erzählte. Sie hatte einen Traum in dem sie Olivia auf dem Schoß hielt. Eine alte Frau, die Hanni des Öfteren im
Traum erschien, erklärte ihr, dass ich mich vor den gegnerischen Mächten in Acht nehmen müsse. Dies müsse sie mir unbedingt mitteilen. Diese Mächte würden mich für gewisse Zeit, in der ich diesen hilfreich sei, benützen, und mich dann wie eine heiße Kartoffel fallen lassen.

Gespräch mit Frau I., „Freya-Verlag“ in Linz:
Bis vor fünf Jahren führte sie im „orf“-Radio eine esoterische Sendung, bis sie ihren Verlag gründete. Zwei ihrer verlegten Bücher hatte ich bereits und eines davon war ein wirklich schöner und positiver Märchenroman.
Sie gab an, am kommenden Montag mit Herrn Falk in unserer Angelegenheit ein Gespräch zu führen und mich danach zu verständigen. Eventuell könnte sich Herr Falk bereit erklären, Auszüge aus dem Tagebuch vorab zu veröffentlichen.
Geplant war eine erste Auflage mit 10 000 Stück. Einen Vorschuss zu bekommen, hielt ich momentan nicht für wichtig. Wichtiger war es für mich, die Geschichte so wahrheitsgetreu als möglich unter das Volk zu bringen.
Frau I. kam in Begleitung eines etwa 28-jährigen Mannes, der vermutlich mit ihr den Verlag führte. Der Eindruck, den ich von beiden gewinnen konnte, war angenehm gut. Der junge Mann saß irgendwie auf Nadeln. Wahrscheinlich dachte er, für wichtigere Dinge notwendige Zeit zu vergeuden, jedenfalls machte er Andeutungen, im Büro weiter arbeiten zu wollen.

Auf dem Weg zurück hielt ich kurz an einer Raststation, um mich zu stärken und traf „zufällig“ Herrn Schmier von „plera-film“, mit dem ich bereits vor Wochen im AKH wegen unserer Filmgeschichte gesprochen hatte. An solche Zufälle war ich bereits schon fast gewöhnt. Wie gesagt, für mich gab es keine Zufälle mehr, alles hatte seinen Sinn und Zweck.
Er erkannte und grüßte mich und erzählte, dass er sich mit Dr. Martin Zimper besprochen hatte. jene Filmparts zu übernehmen, welche in Österreich gedreht werden sollten. Von dieser Abmachung wusste ich noch gar nichts. Das Gespräch war kurz, aber freundlich.

Telefonat mit Dr. Hamer:
Ich schilderte ihm kurz Olivias Verfassung. Sie aß wiederum eher wenig, war aber fit genug, um mit ihren Geschwistern Schlitten zu fahren. Auch dass sie während der vergangenen Nacht wegen Schmerzen aufwachte und schließlich erbrach, teilte ich ihm mit.
Dr. Hamer machte darauf aufmerksam, dass die kritische Phase mit dem Heilungsprozess nach Absetzen der Chemo eintreten werde. Er vermutete nach wie vor, dass Olivia an einer Leberzirrhose leide und dies von den Ärzten des AKH totgeschwiegen werde. Wahrscheinlich, so meinte er weiter, rechneten sie gar nicht damit, dass Olivia so lange am Leben bleiben konnte, sie nahmen wohl eher an, Olivia stürbe viel früher und die leidige Diskussion um weitere CTs wäre somit hinfällig gewesen.
Er wüsste vielleicht zwei Ärzte, die als Gutachter für ein Gegengutachten zu dem schlechten onkologischen Gutachten, welches uns in unserem Strafprozess sehr belastete, fungieren könnten. Er wird es bis kommenden Montag geprüft haben, ob sie einwilligen.
Seinen Termin für eine Aussage vor der deutschen Staatsanwaltschaft hatte sein Rechtsanwalt auf Mitte Jänner verschoben. In der Zwischenzeit müsse er sämtliche Befunde und CTs von Olivia zur Verfügung gestellt bekommen. Übrigens müssten dies auch die oben erwähnten Gutachter bekommen.
Weitere Schritte habe er bereits eingeleitet, könne darüber aber am Telefon nicht sprechen.

Erika war zu Hause und als ich ankam, badete sie gerade die Kinder. An Erika konnte man bereits deutlich ihre Schwangerschaft erkennen.

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