Kapitel 2

Wie alles anfing

Mittwoch, 17.5.1995:

Alles fing ganz harmlos an. Ich war gerade bei Sepp D., meinem besten Freund, um über unser Hausprojekt zu sprechen. Sepp wohnt nur einen Steinwurf von uns entfernt und arbeitet in einem Architekturbüro. Die Architektur bedeutet für ihn wohl einiges mehr als nur eine Beschäftigung, um Geld zu verdienen. Er ist mit Haut und Haaren Architekt.
Auf Besuch bei ihm war ein Bekannter aus der Steiermark, der sich intensiv mit der Problematik natur- und menschengerechten Bauens auseinandergesetzt hatte und gerade dabei war, seine Erkenntnisse in Form eines Programms für jeden möglichen Fall der Hausgestaltung leicht zugänglich zu machen. Sein Vorname war Walter.

Wir waren gerade mitten in der Auseinandersetzung, welche Hausvariante zum Tragen kommen würde, als Erika mich anrief. Es war ca. 20:00 Uhr, und mir wurde klar, dass wir nun mit Olivia ins Spital zu einer Untersuchung fahren mussten.
Den gestrigen und heutigen Tag über klagte Olivia über Bauchschmerzen hoher Intensität. Bauchschmerzen waren bei Olivia nichts Besonderes. Oft klagte sie darüber. Meist dann, wenn am nächsten Tag Erika in die Schule fahren musste und sie, Olivia, nicht von ihrer Mutter in den Kindergarten gebracht werden konnte.
Wir Eltern vermuteten als Ursache der Schmerzen eben dieses psychische Problem. Da aber Alexander älter und Elisabeth jünger als Olivia waren und bei ihnen keinerlei solcher Anzeichen erkennbar waren, nahmen wir dieses Problem bei Olivia nicht besonders ernst. Wir meinten, dass Olivia sich über kurz oder lang ebenso an die geänderten Umstände, also neuer Wohnort und neuer Kindergarten mit neuen Freunden, gewöhnen würde, wie sich ihre Geschwister daran gewöhnt hatten.
Aber die Schmerzintensität und -dauer war neu. Wir hatten den begründeten Verdacht, dass es diesmal gar der Blinddarm sein könnte. Also machten wir uns spät abends auf den Weg ins nahe gelegene Krankenhaus Wr. Neustadt und gelangten in die Kinderklinik.
Es war um die Uhrzeit absolut kein Betrieb. Wir waren die einzigen und mussten ein bisschen Geduld haben bis sich jemand zur Untersuchung von Olivia einfand.
Olivia wurde am Bauch betastet und abgeklopft. Sie musste verschiedene Fragen über die zu sich genommene Nahrung der letzten Stunden beantworten und schließlich auch eine Harn- und Stuhlprobe abliefern. Anschließend mussten wir noch zu einem Chirurgen einen Stock höher, der erklärte, dass Olivia sicher an keiner Blinddarmentzündung litt.
Zufällig las ich in diesem Raum einen Aushang über die Schutzmaßnahmen im Umgang mit Zytostatika durch. Es war erschreckend, welche gefährliche Medikamente Patienten verabreicht wurden.
Die Untersuchungen dauerten ca. 1,5 Stunden. Ich war schon leicht gereizt, denn jetzt hatte es den Anschein, dass nicht ein entzündeter Blinddarm sondern vielmehr eine Blähung ihr die Schmerzen verursachten. Wegen einem „vertretenen Wind“ sind wir ins Spital gefahren und ich musste diese Besprechung bei Sepp sausen lassen! Ich war wirklich ein wenig verärgert, aber natürlich froh, Olivia nicht im Spital wegen einer Blinddarmoperation zurücklassen zu müssen. Wir wurden aber trotzdem instruiert, morgen zu einer Kontrolluntersuchung zu erscheinen.

Wir fuhren also wieder heim und ich konnte sogar noch ein, zwei Stunden an der weiteren Diskussion bei Sepp teilnehmen.