Kapitel 10

Von Deutschland in die Schweiz - Sucht uns Interpol?

Donnerstag, 13.07.1995:

Am frühen Morgen brachen wir auf. Die Hoffnung auf ein Ärztekomitee war im Sande verlaufen. Meinen Job war ich los geworden. Der Rechtsanwalt hatte das Handtuch geworfen. Trotz des Gegengutachtens war anzunehmen, dass wir weiter gesucht wurden. Wir waren nun auch in Deutschland nicht mehr sicher und mussten uns weiterhin verstecken.

Mit Dr. Hamer hatten wir für morgen ein Treffen in Ulm an einer Autobahnraststation geplant. Auch er war der Meinung, dass für uns Deutschland zu unsicher geworden war und wir in die Schweiz zu Freunden fahren sollten.

Bevor wir den Ort jedoch verließen, besorgten wir für Olivia noch die Bachblüte Mimulus. Daran hätten wir schon viel früher denken sollen. Diese Blüte entsprach genau dem Verhalten von Olivia.

Ich selbst fühlte mich ausgebrannt. Ich nahm nur zwei Gespräche von Freunden über das Handy von Otto entgegen, sonst blieb das Telefon still. Irgendwie war es verdächtig ruhig geworden. Als würden alle vor dem angekündigten Sturm lauschen. Als hätten alle erkannt, wie ausweglos die Situation und wie zwecklos weitere Gespräche sein würden. Oder war ich nur müde? Freiwillig rief ich niemanden an, zumindest vorerst nicht.
Planlos fuhren wir Richtung Ulm, als wir plötzlich direkt vor der vereinbarten Raststation standen. Eigentlich hatten wir diese weiter südlich vermutet und hätten wahrscheinlich viel Zeit für die Suche nach ihr verschwendet. Jetzt waren wir zufällig, ohne sie gesucht zu haben, auf sie gestoßen. Wir hielten an und überlegten, wo wir die Nacht verbringen wollten. Schließlich einigten wir uns auf ein kleines Städtchen in der Nähe und mieteten uns in einem Hotel ein.

Olivia ging es wieder besser. Sie hatte die Fahrt ohne große Probleme überstanden. Es war schon eigenartig, einmal ging es ihr schlecht, dann wieder gut. Wir konnten mit ihr sogar auf ein Eis ausgehen.

Obwohl wir vorerst wieder in Sicherheit waren, war ich sehr unruhig und ich musste mit mir allein sein. Als alle anderen auf ihrem Zimmer waren, machte ich einen größeren Spaziergang.

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Freitag, 14.07.1995:

Gleich nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zu dieser Raststation. Aber es war wie verhext, wir konnten nicht den Rückweg finden. Schließlich hielten wir auf dem Pannenstreifen der Autobahn die beiden Wagen an, um uns zu beraten. Ich stieg aus dem Wagen, um zu Otto zurück zu gehen, als dieser plötzlich über meine Schulter hinweg jemandem zulächelte. Ich weiß nicht wie es kommen konnte, aber vor dem Wagen den ich steuerte, stand plötzlich ein LKW und der Fahrer war im Begriff auszusteigen. Ich hatte diesen LKW weder gesehen noch gehört. Der Fahrer kam mit winkenden Händen auf uns zu, meinte, er habe erkennen können, dass wir uns verfahren hätten und wir bräuchten ihm nur zu sagen, wohin wir wollten, so würde er uns sicher dorthin geleiten. Mir kam diese Szene vor, als hätte uns der liebe Gott diesen Fahrer geschickt. Er brachte uns zu dieser Raststation, hob die Hand zum Gruß und fort war er wieder.

Telefonat mit Herrn Czogalla:
Dr. Hamer hatte ihm das Gegengutachten und das Video aus Barcelona geschickt. Die Übersetzung des Schriftstückes hätte aber lediglich die Bestätigung des Wilmstumors ergeben und das Video sei ganz leer, klagte er.

Ich konnte mir nicht zusammenreimen, was hier geschehen war. Wieso sollte Dr. Hamer ein leeres Video verschicken?
Das Ergebnis der Übersetzung war mir klar. Prof. Rius erstellte ein schulmedizinisches Gutachten mit einem Hinweis darauf, dass nach der Neuen Medizin sehr wohl drei Krebsgeschehen vorlagen. Dieses Gutachten hatte leider wirklich nicht die von Dr. Hamer versprochene Sprengkraft. Zu undeutlich kam hier diese wesentlich Aussage zum Tragen, und das Video hatte ich noch nicht gesehen. Ich befürchtete Schlimmes.

Dr. Hamer verspätete sich gewaltig, aber er kam und hatte das Video dabei. In einem Vortragssaal der Raststation konnten wir es uns ansehen und wir waren begeistert. In allen wichtigen Punkten gab Prof. Rius Dr. Hamer recht. Das Video zeigt Prof. Rius und Dr. Hamer vor den CTs von Olivia und im Gespräch über die verschiedenen Krebserkrankungen.
Er hatte dieses Video mehrmals kopiert und an „spiegel-tv“, „orf“ usw. und auch an den Pflegschaftsrichter Masizek verschickt. Hierbei war ihm ein Fehler unterlaufen und einige Kopien blieben leer, was er aber sofort mit einer neuerlichen Versendung gutgemacht hatte.
Dass es Olivia wieder besser ging, freute ihn sehr und überhaupt hatte das Video unsere Stimmung stark gehoben. Dass der Richter in Wr. Neustadt Augen machen würde, wenn er das Video sah, nahmen wir an. Trotzdem gingen wir weiter strategisch vor. Wir sollten noch an diesem Tag in die Schweiz zu Freunden von Dr. Hamer fahren und dort absolut ruhig und ohne Kontakt zu den Medien bleiben. Dort sollte Olivia ihren Krebs ausheilen können. Mit dem Gegengutachten konnten die Behörden nun mehr von einer weiteren Verfolgung Abstand nehmen, wir aber sollten erst wieder nach Österreich, wenn Olivia völlig gesund sei. Seine dortigen Freunde kannten die Neue Medizin, und wir konnten sicher auf deren Beistand zählen.

Gegen den Abend machten wir uns auf den Weg in die Schweiz. Wir waren über eine Stunde gefahren, als ich einen Anruf von einem Freund aus Österreich erhielt. Er warnte uns, dass vermutlich bereits die Interpol nach uns fahnde. Wir waren schockiert. Wir wurden gejagt wie die Hasen und kein Gegengutachten konnte sie von ihrem Vorhaben, Olivia in die Hände zu bekommen, abhalten. Wir änderten sofort den Plan, mit der Fähre über den Bodensee zu fahren und wählten die längere Route auf der Autobahn rund um den Bodensee. Es schien uns zu gefährlich, die lange Zeit auf der Fähre festzusitzen.
Gegen 22:00 Uhr kamen wir an die deutsch-schweizerische Grenze und beschlossen, uns dermaßen auf die beiden Autos zu verteilen, das Otto und ich in einem und die Kinder mit Erika und Irene im anderen Wagen die Grenzkontrolle passierten. Gesucht sollte ja nach unserer Familie werden, somit würde Mann, Frau und drei Kinder verdächtig erscheinen. Andererseits waren in Erikas Reisepass alle drei Kinder eingetragen, so dass wir die Kinder nicht aufteilen konnten. Wir waren furchtbar nervös und wirklich wurde Otto vom Grenzbeamten näher über Ziel und Aufenthaltsort befragt, schließlich aber doch durchgelassen.
Wir waren in der Schweiz, die Freude über den geglückten Grenzübertritt riesig. Spät abends kamen wir an unser Ziel an. Dr. Hamers Bekannte, Gerda, hatte bereits für unsere Ankunft alles vorbereitet, und wir waren bald in unseren Betten. Wir alle waren völlig erschöpft.

Medien

nz - Eltern vermarkten Krebskrankes Kind

Meiner Meinung nach hatten wir diesen Artikel dem unprofessionell vorgehenden Herrn Pflughaupt zu verdanken. Aber im Verlaufe unserer Geschichte hatte ich noch mit einer Unzahl anderer „Pflughäupter“ zu schaffen.

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Samstag, 15.07 bist Montag, 17.07.1995:

Es war ein kleines, aber überaus lieb hergerichtetes, altes Holzhaus hoch oben am Berg mit Blick auf den Bodensee. Gerda war immer beschäftigt. Sie putzte, kochte und umsorgte uns und Olivia den ganzen Tag. Sie wusste über die verschiedensten Heilmittel und Heilverfahren Bescheid und war eine alte Verfechterin der Neuen Medizin. Auch in dieser war sie sehr bewandert. Ihr Freund, Wilhelm, war ebenfalls ein sehr naturverbundener Mensch und konnte uns viel über Musik-, Farben- und Märchentherapie erzählen. Sein größter Schatz, so schien mir aber, war seine menschliche Umgangsform, die Wärme und Verständnis ausstrahlte. Oft spielte er Olivia am Klavier ein Ständchen.

Olivia selbst verbrachte die meiste Zeit im Bett. Des Nachts schwitzte sie sehr stark und dieser Schweiß hatte auch einen ganz eigentümlichen Geruch.

Früh am Morgen und spät abends konnte man von unserem Zimmerfenster aus eine Fuchsfamilie mit vier Jungtieren beobachten. Die jungen Füchse spielten drollig auf der steilen Wiese vor dem Haus und waren für die Kinder eine Sensation. Aber auch wir selbst beobachteten gerne das wilde und übermütige Treiben.

Da es uns in der angrenzenden Ortschaft nicht möglich war, eine Gaststube oder der gleichen mit Fernseher ausfindig zu machen, beschlossen wir Sonntagabend nach Lichtenstein zu Bekannten von Irene zu fahren, um die Sendung „spiegel-tv“ anzusehen.
Dieser Beitrag war fürchterlich! Von dem ganzen Interview, das ich gegeben hatte, wurde lediglich ein einziger belangloser Satz ausgestrahlt und der Rest derart gröblich negativ verzerrt, dass mir ganz schlecht wurde!
Erika wurde als Mutter gezeichnet, die die Krebserkrankung ihrer Tochter als Bagatelle hinstellte. Als dann auch noch Dr. Hamer als Scharlatan und Spinner dargestellt wurde, war ich am Boden zerstört.
Wie konnte ich mich in diesem Team so geirrt haben? Dieser Herr Czogalla zeigte so viel Anteilnahme und Verständnis für diesen Medizinstreit, in den wir geraten waren. Jetzt aber wurden seine wahren Absichten offenbar!
Wieso kann ein Entdecker derart diffamiert werden? Warum überprüft man nicht endlich seine Behauptungen? Hier stand eine Macht dahinter, die absolut keine Mittel scheute, die Bevölkerung für dumm zu verkaufen. Mit dieser Sendung wurde polemisiert, es wurden Emotionen angesprochen, um das Denken des Zusehers auszuschalten. Warum nur kann man derart unmenschlich grausam sein? Und der verhetzte, uninformierte Zuseher wusste nicht einmal, dass es hierbei ja um sein persönliches Interesse ging, das mit Füßen in den Schmutz getreten wurde!
Der Patient muss unmündig und dumm bleiben!

Dr. Hamer war ebenfalls empört und besorgt über diesen Beitrag. Mittlerweile konnte er aber in Spanien drei Ärzte der Neuen Medizin mobilisieren, die sich bereit erklärt hatten, Olivia in ihre Behandlung zu übernehmen. Der Wegweiser unserer Odyssee zeigte somit auf das ferne Malaga in Spanien. Auch beklagte sich Dr. Hamer, dass er von Herrn Pflughaupt regelrecht mit Anrufen terrorisiert wurde, so dass ich mich am Tag der Abreise entschloss, ihn anzurufen.

Herr Pflughaupt war sehr ungehalten über den Beitrag im „spiegel-tv“. Seiner Meinung nach hätte ich dies nicht zulassen dürfen und somit Vertragsbruch begangen, den er einklagen werde, wenn ich ihm nicht sofort zur Verfügung stehen sollte. Dass er bluffte war mir klar. Ich hatte ihm einen Vertrag unterschrieben, aber darin war für eine nächste Sendung in „pro 7“ die Rede und dieser Beitrag war schon längst gesendet worden. Weitere Abmachungen hatten wir vertraglich nicht geregelt und die mündliche Vereinbarung von Burgau hatte er meiner Meinung nach nicht korrekt genug erfüllt. Natürlich verstand ich seine Wut und beschwichtigte ihn, mich auf alle Fälle am nächsten Tag bei ihm zu melden. Verschwiegen hatte ich, dass wir dann bereits in Malaga sein würden.

Wir mussten den Flug für unsere Familie buchen. Wieder einmal stand eine gefährliche Grenzkontrolle bevor.

Medien

kurier - Ein Kind wird einer verrückten Idee geopfert