Kapitel 11

Malaga

Dienstag, 18.07.1995:

Am morgen unserer Abreise klagte Olivia über arge Bauschmerzen, und ihre Haltung war auch nicht aufrecht, sondern eher gebogen. Ich hatte Sorge, durch ihre körperlicher Verfassung und durch ihr zeitweiliges Jammern Aufsehen am Flughafen zu erregen.

Irene und Otto brachten uns zum Flughafen Zürich Kloten. Bereits am halben Weg leuchtet die Ladekontrolle am Armaturenbrett auf. Jetzt eine Autopanne hätte gerade noch gefehlt, aber irgendwie behielt ich die Ruhe und wir kamen auch zu unserem Ziel.
Wir hatten vereinbart uns mit Wilhelm am Schalter zu treffen. Er wollte noch schnell ein Horoskop für Olivia erarbeiten und uns das Ergebnis mitteilen. Nachdem er uns gefunden hatte, überreichte er uns ein mehrseitiges, mit vielen Kurven, Diagrammen und Symbolen versehen Horoskop. Seiner Ansicht nach hätte Olivia bis Mitte August noch einiges an Schmerzen zu erdulden, wäre dann aber über dem Berg. Im Allgemeinen, so meinte er, war das Horoskop sehr außergewöhnlich, leider aber kannte ich mich selbst mit solchen Dingen nicht aus.
Die Verabschiedung von den uns liebgewordenen Begleitern, Irene und Otto, fiel schwer. Wir hatten vieles gemeinsam erlebt und durchgemacht. Aber wir versprachen einander, uns in ruhigeren Zeiten zu besuchen. Abschiedsfotos wurden noch geschossen und wir gingen auf die Grenzkontrolle zu.

Nichts geschah, Gott sei Dank! Der Flug war für die Kinder wieder ein Abenteuer auf unserer eigentlich schrecklichen Odyssee. Sie waren noch nie geflogen. Olivia war in einer guten Verfassung, besser als ich erhofft hatte. Der Flug verlief ganz ruhig.

In Malaga angekommen, wurden wir von Dr. Hamer und Frau Itziar auf dem Flughafen empfangen. Itziar leitete das Zentrum für Neue Medizin in Madrid. In einem Wagen brachten sie uns in das Hotel Las Vegas, wo Dr. Hamer sein Zimmer hatte, aber auch wir uns eines aussuchen konnten. Zusätzlich wurden uns ein Apartment und ein alter Renault R4 von Freunden zur Verfügung gestellt. Selbst für Geld hatte Dr. Hamer gesorgt, damit wir die nötigen Einkäufe tätigen könnten.
Wir waren begeistert. Gleich neben dem Apartment befand sich die Ordination eines jener Ärzte, die Olivia betreuen sollten. Vis-a-vis vom Apartment war das Meer. Im Garten des Hotels befand sich ein Swimmingpool. Und alles kostenlos. Die Kinder jauchzten vor Freude und auch Erika und ich freuten uns, endlich Ruhe und Erholung finden zu können.

Familie Pilhar und Dr. Hamer
Ankunft in Malaga

Vorerst blieben Erika und die Kinder im Hotel. Itziar, Dr. Hamer und ich statteten einem verwandten Chirurgen von Itziar in seinem Bungalow einen Besuch ab. Dieser war in der Universitätsklinik von Malaga beschäftigt. Dieser Chirurg hatte bereits viel von Dr. Hamer gehört und auf der Veranda wurden die einzelnen CTs von Olivia diskutiert. Für den Chirurgen unvorstellbar war das Vorgehen der österreichischen Behörden. In Spanien würde es nicht so leicht möglich sein, Eltern ihr Kind wegzunehmen oder diese sogar noch wegen eines ungeklärten Medizinstreites mit der Polizei verfolgen zu lassen. Er war recht betroffen.
Für den kommenden Vormittag wurde ein Termin in der Universitätsklinik vereinbart, um weitere CTs von Olivia erstellen zu lassen.

Nach dem Besuch bei dem spanischen Chirurgen gingen wir noch auf einen kühlen Orangensaft in ein Café. Dr. Hamer bot mir das „Du“ an. Wir waren übermütig geworden und begingen schwere Fehler. Ich rief Herrn Pflughaupt an und frotzelte, er könne ein Interview haben, müsse aber nach Las Vegas kommen. Für Herrn Pflughaupt schien dies gar nicht abwegig zu sein und vermutlich wäre er auch nach Amerika geflogen, hätte ich ihm nicht noch wahrheitsgetreu unseren derzeitigen Aufenthaltsort verraten. Natürlich willigte er sofort ein und wir vereinbarten für kommenden Tag um 19:00 Uhr im Hotel Las Vegas ein Treffen.
Später holte ich Alexander und Olivia vom Hotel ab und wir übernachteten im Apartment. Dr. Hamer meinte, wenn Olivia Lust hätte zu baden, so wäre der Pool im Hofgarten komfortabler als der Meeresstrand und so blieb Erika mit ihr vorerst dort. Das Apartment war geräumig und hatte sogar einen kleinen Turnsaal. Vermutlich erteilten die, die derzeit Sommerurlaub im Norden machten, Gymnastikunterricht oder dergleichen. Er war jedenfalls ein idealer Spielplatz für Kinder, den sie sogleich als Schlafraum adoptierten.

Erika und Olivia Pilhar
Malaga: Trotz der strapaziösen Flucht hat Olivia Appetit
Olivia Pilhar
Abends im Hotelbett: Olivia isst Pizza

Bezirkshauptmannschaft: Schreiben an das Bezirksgericht:
Als Beilage wurde der Befund es Radiologen Dr. Hejda mitgegeben, der am 13. Juni erstellt worden war, aus verrechnungstechnischen Gründen jedoch mit 01.07.1995 datiert war.
Weiters wurde darauf aufmerksam gemacht, dass unser Rechtsanwalt Dr. Anescu mit uns in ständigen Kontakt war und derzeit versuche, uns eine Klinik in Deutschland zu vermitteln.

Medien

nz - Todkrankes Kind im TV statt in Klinik
kleine zeitung - Nur noch ein paar Tage zu leben



Mittwoch, 19.07.1995:

Am morgen fuhr ich mit den Kindern zurück zum Hotel. Dr. Hamer hatte von Freunden aus Deutschland und Österreich die letzten Neuigkeiten erhalten. Demnach würde uns Interpol bereits in der Schweiz gesucht haben. Mein Vater solle in einem „orf“-Interview unter Tränen unsere Rückkehr gefordert haben.

Es war klar, dass die Sendung von „spiegel-tv“ dies alles verursacht hatte. Czogalla hatte wahrscheinlich die Telefonnummer aus der Schweiz an die Polizei weitergegeben, wie sonst hätten sie dort nach uns suchen sollen? Auf die Möglichkeit, dass auch Herr Pflughaupt uns verpfeifen könnte, kamen wir zwar schon, glaubten aber, dass sich dieser nicht die eigene Story vermasseln wollte. Schockiert war ich über die Meldung unserer eigenen Eltern. Wir hatten während der ganzen Flucht kaum Zeit gehabt, sie auf dem Laufenden zu halten. Diesen Umstand bedauerte ich nun sehr.

Nach dem Frühstück begaben wir uns in die Klinik. Der zuständige Radiologe musste erst überredet werden, Olivia praktisch ohne Voranmeldung dranzunehmen. Vielleicht hatte ihn auch die Anwesenheit von Dr. Hamer geehrt, jedenfalls hatten wir schnell die Aufnahmen hinter uns und es ging an die Erstellung des Befundes. Innerhalb weniger Minuten war das Zimmer des Radiologen mit neugierigen Ärzten und Schwestern gefüllt. Dr. Hamer diskutierte mit dem Radiologen, Itziar übersetzte, obwohl Dr. Hamer recht gut Spanisch sprach, und ich stand dabei und beobachtete den Vorgang. Die beiden Ärzte waren nicht immer einer Meinung. So zum Beispiel erklärte der Radiologe, es wäre keine Nierenzyste und auch kein Wilmstumor an Olivias rechter Niere, sondern ein Nephroblastom. Über den Leberkrebs allerdings waren sie sich einig, so hatte ich es zumindest aus der Übersetzung Itziars und dem einvernehmlichen Kopfnicken der Ärzte entnommen.
Der Radiologe schrieb den Befund während des Gespräches. Die Dauer der Befunderstellung war ca. eine halbe Stunde. Dr. Hamer hatte zwar seine eigene Ansicht vertreten und auch versucht, diese zu erklären, drang aber sonst in keiner Weise auf den Radiologen ein. Dies hätte sich dieser wohl kaum gefallen lassen. Mit einer Bemerkung auf Deutsch stellte Dr. Hamer fest, der Radiologe solle seine Diagnose ruhig in den Befund schreiben, denn je mehr sich die Schulmedizin selbst widerspräche, umso besser wäre es für uns.
Als wir den Befund kopieren gingen, stellten wir zu unserem Entsetzen fest, dass der Radiologe das Leberkarzinom im Befund nicht erwähnte. Itziar versuchte zwar nochmals mit dem Radiologen diesbezüglich zu sprechen, doch eine nachträgliche Korrektur konnte sie nicht mehr erreichen. Sie vermutete, dass dieser bereits erahnte oder mittlerweile sogar vielleicht erfahren hatte, dass es in diesem Fall um einen größeren publik gewordenen Streitfall ging.

Nach dem Mittagessen in einem Restaurant gingen wir zurück ins Hotel und überlegten uns unsere nächsten Schritte. Wir beschlossen einen Asylantrag an die spanische Regierung zu stellen, sowie einen offenen Brief an den Bundespräsidenten Thomas Klestil zu richten.

Kurz vor 19:00 Uhr ging ich mit Itziar in die Portierhalle um zu telefonieren, als mir zwei Spanier auffielen, die sich mit dem Portier unterhaltend, öfters in unsere Richtung deuteten. Kannten die uns aus den Medien, waren es Journalisten oder gar vielleicht Polizisten? Zu Itziar gewandt, murmelte ich ihr zu, dass mir diese beiden Männer suspekt seien. Kurz darauf kamen sie auf mich zu, zeigten ihren Interpolausweis und erklärten, wir seien vorerst festgenommen und müssten mit auf das Polizeirevier kommen.
Es entwickelte sich eine hitzige Diskussion. Itziar versuchte einen bekannten Rechtsanwalt zu erreichen. Erika schrieb ihren Brief an Klestil fertig. Ich beantragte Asyl in Spanien:

An die spanische Regierung

Betrifft: Antrag auf Asyl als politisch Verfolgter

Begründung:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Uns wurde das Sorgerecht vom Pflegschaftsgericht Wr. Neustadt entzogen, weil wir uns geweigert haben, unsere Tochter Olivia sofort mit Chemotherapie und Operation schulmedizinisch exekutieren zu lassen.
Am 05.07.1995 wurde eine Großfahndung in ganz Österreich eingeleitet mit dem Ziel, unsere Tochter einzufangen und sofort zu operieren. Mit knapper Not sind wir den Häschern entflohen. Über Deutschland flohen wir in die Schweiz. Gestern, 18.07.95, wurde gegen uns eine Interpolfahndung wegen „Kindesentführung“ erlassen.
Wieder konnten wir mit knapper Not aus der Schweiz nach Spanien entkommen.
Wir haben nichts anderes getan, als dass wir – aufgrund der wissenschaftlichen Neuen Medizin – die tausenden Hypothesen der Schulmedizin angezweifelt haben. Heute hat uns die Universitätsklinik Malaga Recht gegeben, nachdem uns bereits am 10.07.95 (siehe Gutachten Prof. Rius) die Universitätsklinik Barcelona schon Recht gegeben hat.

Laut Schulmedizin hätte unsere Tochter Olivia schon seit 3 Wochen gestorben sein müssen.
Uns werden immer neue Hypothesen und Horrorprognosen von der Schulmedizin ins Gesicht geworfen.

Jeder darf uns als „Ungehorsame“ gegen die Schulmedizin diffamieren und als Rabeneltern bezeichnen.
Dabei hatten wir grundsätzlich von Anfang an gegen eine eventuelle spätere Operation nach den Regeln der Neuen Medizin gar nichts einzuwenden, wenn sie sich aus mechanischen Gründen als notwendig erweisen sollte.

Olivia geht es relativ gut, sie hat Appetit, schläft gut, hat kaum noch Schmerzen und geht kleine Spaziergänge.
Wir möchten, dass sie erst wieder an Gewicht zunimmt, bevor wir an eine Operation herangehen wollen. Wir haben vereinbart, dass wir uns in 3-4 wöchigen Abständen in der Universitätsklinik Malaga vorstellen werden.

Wir bitten die spanische Regierung und die andalusische Landesregierung, uns vor der Verfolgung durch unsere österreichischen Gerichte, deren Urteil wir als ungerecht und inhuman empfinden, zu schützen.
Wir versuchen nach unserem besten Wissen und Gewissen die richtige Entscheidung für unsere Tochter zu finden.

Hochachtungsvoll

Erika und Helmut Pilhar

PS: Wir wurden heute um 19:00 Uhr von der Interpol im oben genannten Hotel festgenommen.

Dieses Schreiben wurde von uns abgeschickt, aber gehört haben wir nie mehr etwas darüber, auch beachtete niemand mehr unseren Asylantrag. Während ich das Schreiben mit dem Asylantrag fertigte, hatte Erika folgendes Schreiben an den Bundespräsidenten verfasst:

An den
Herrn Bundespräsidenten Dr. Klestil
Betrifft: Interpol-Fahndung gegen mich und meinen Gatten wegen Entführung meines eigenen Kindes Olivia.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Solange ich denken kann, war ich stolz darauf Österreicherin zu sein.
Jetzt werde ich von meinen eigenen Landsleuten diffamiert und entehrt, gerade steht die Interpol vor mir und will mich wie eine Schwerverbrecherin festnehmen – und nimmt mich fest.
Meine einzige „Schuld“ besteht darin, dass ich nach redlichstem Wissen und Gewissen das Beste für meine Tochter will. Sie hat einen oder sogar fünf Tumore gleichzeitig. Wie sehr sich alle Mediziner widersprechen, ersehen Sie aus den beigefügten Gutachten der Universitäten.
Der Einzige, der bisher offenbar die Sache richtig eingeschätzt hat, ist Herr Dr. Hamer von der Neuen Medizin, die im Gegensatz zur Schulmedizin keine Hypothesen duldet.
Bitte, Herr Bundespräsident, helfen Sie mir und meiner Familie. Ich will wirklich nur das Beste für mein Kind.
Es geht ihr übrigens einigermaßen gut, sie isst, schläft und geht spazieren. Eben wird sie mit mir von der Interpol verhaftet.
In Erwartung Ihrer sehr geschätzten Antwort, Ihre sehr ergebene

Erika Pilhar

Dr. Hamer verfasste ein Schreiben an den Richter Masizek

Sehr geehrter Herr Richter Masizek!

Da ich mich in den Fall der kleinen Olivia Pilhar wissenschaftlich involviert fühle, möchte ich Ihnen das Kurzgutachten der Rad. Univ. Klinik Malaga zukommen lassen. Die Universität Malaga lehnt die Existenz eines Wilmstumors vollständig ab. Des Rätsels Lösung haben Sie ja in dem Ihnen vorliegenden Video des Interviews mit Prof. Rius, dem Chef der Rad. Klinik der Universität Barcelona.
Ich frage Sie nochmals in aller Höflichkeit, Herr Richter: Finden Sie es wirklich gut, dass die Eltern von Olivia wie Schwerverbrecher mit Großfahndung und auch mit Interpol gejagt werden, wenn die Diagnose von 3 Universitäten so kunterbunt durcheinander purzeln und sich offenbar ständig ändern? In dubio pro reo! ... Jedenfalls stehe ich zur persönlichen Anhörung und zur Konfrontation mit jedem gewünschten Staatsmediziner zur Verfügung.
Die Eltern wollen wirklich nur das Allerbeste für ihr Kind. Übrigens geht es Olivia einigermaßen gut. Sie isst, schläft gut, geht kleine Spaziergänge und planscht im Swimmingpool.
Bitte, überdenken Sie ihre Entscheidung noch einmal. Sie können doch von normalen Eltern nicht erwarten, dass sie sich ruck-zuck für eine der Universitätsmeinungen entscheiden können.

Mit freundlichem Gruß Dr. Hamer

Zwischenzeitig kam ein Kameramann von Herrn Pflughaupt aus München an und entschuldigte dessen Abwesenheit mit einer Flugverspätung von zwei Stunden. Der Kameramann kam mir gelegen und obwohl ich nicht aus dem Hotel gedurft hätte, nützte ich eine günstige Gelegenheit und verdrückte mich mit ihm aus dem Hotel auf die Zufahrtsrampe und gab ein überstürztes Interview über unsere Verhaftung. Dieses Interview wurde zwar ausgestrahlt, aber komplett gekürzt und nicht im tatsächlichen Zusammenhang unserer Verhaftung. Darin bezeichnete ich die offizielle „Erklärung“ der Krankheit Krebs als gleiche Lüge, wie die absurden Behauptungen der Schulmedizin rund um die Krankheit AIDS.

Erika und Helmut Pilhar
1. Verhaftung durch Interpol!

Irgendwann dazwischen erhielten wir die Nachricht aus Österreich, Bundespräsident Klestil hätte uns amnestiert, wenn wir bis kommenden Freitag zurückkehren würden. Trotzdem wurden wir abgeführt.

Bei dieser ersten Verhaftung war außer diesem Kameramann kein weiterer Journalist anwesend. In einem Zivilwagen wurden wir auf das Polizeirevier gebracht und dort vernommen. Dorthin kam dann auch der gerufene Rechtsanwalt, der uns versicherte, dass wir bald wieder frei sein würden. Wir waren nur mit Olivia festgenommen worden. Itziar und Dr. Hamer fuhren mit Alexander und Elisabeth hinter uns her. Auf dem Polizeirevier mussten wir mit Olivia mehr als eine Stunde ausharren, bis wir anschließend in ein nahes Gerichtsgebäude überstellt wurden.
Dort war ebenfalls wieder viel Geduld gefordert. Olivia, die sich den ganzen Tag über recht tapfer auf den Beinen gehalten hatte, zeigte bereits Ermüdungserscheinungen. Es war zum Verrücktwerden. Wir wurden wie Schwerverbrecher herumgeschleppt. Wir wurden verfolgt, verhaftet und jetzt sollten wir vielleicht auch noch in eine Gefängniszelle? Mit einem Krebskranken Kind? Was sollte uns noch alles zugemutet werden?
Aus den Übersetzungen von Itziar bekam ich mit, dass aus Österreich ein Fax zur Interpol in Malaga eingelangt sei, mit der Bitte uns vorerst festzunehmen.

Alle drei Ärzte, die Olivia in Behandlung nehmen sollten, waren erschienen. Darunter befand sich auch jener Arzt, der die spanische Fußballmannschaft Real Madrid betreute. Dieser war übrigens gerade im Begriff, an der medizinischen Universität in Madrid eine Doktorarbeit über die Hamer ́schen Herde zu verfassen. Der Richter schüttelte oftmals den Kopf, als könnte er ebenfalls nicht fassen, was hier vor sich ging und stellte uns ein Schreiben aus, in dem festgestellt wurde, dass wir sehr wohl sorgenvolle Eltern seien, da wir heute Vormittag noch mit Olivia in einer Klinik waren, um sie untersuchen zu lassen. Mit der Auflage, vorerst im Hotelzimmer zu bleiben, konnten wir gehen.
Ganze drei Stunden hatte der Spuk gedauert und wir waren wieder im Hotel. Trotz der Verordnung des Richters im Hotel zu bleiben, schickten wir Erika mit allen Kindern in das Apartment. Wir wollten Olivia fern von Journalisten halten und vor allem fern von diesem Pflughaupt!

Dr. Hamer erzählte mir, dass vor unserer Verhaftung einer der Interpolmänner auf ihn zugekommen sei und fragte, ob er der Journalist sei. Jetzt erst erkannte ich den Zusammenhang! Wieso wusste eigentlich die Interpol wo wir waren? Wir hatten es lediglich Herrn Pflughaupt gestern am Telefon verraten. Und die Uhrzeit! Der Zeitpunkt unserer Verhaftung deckte sich mit dem vereinbarten Termin mit Pflughaupt. Der hatte sich dies ja wirklich fein ausgedacht! Er wollte gleich bei der, von ihm organisierten Verhaftung, live dabei sein und diese filmen! Es dauerte nicht lange, da kam Herr Pflughaupt mit einer „kronen-zeitung“-Zeitung aus Österreich vom 19. Juli mit meiner Mutter auf dem Titelbild, durch die Hoteltür reingestürmt. Er hielt mir die Zeitung unter die Nase. Meine Mutter rief mich über dieses Tageblatt auf, doch endlich wieder mit meinem schwerkranken Kind zurückzukommen.

Was war da in Österreich wohl los? Meine Mutter am Titelblatt einer der auflagenstärksten Tageszeitungen von Österreich! „spiegel-tv“ hatte diese Geschichte zum Explodieren gebracht. Nun gut, soll es so sein. Ungelesen warf ich die Zeitung in den Mülleimer.

Familie Pilhar, Dr. Hamer und Itziar
Die 1. Freilassung:
Erleichterung – wieder zurück im Appartement

Pflughaupt redete auf mich ein, er meinte es doch nur gut mit uns, dieser Dr. Hamer sei aber, wie sich mittlerweile herausgestellt habe, ein böser Scharlatan. Er vermittelte mir folgende Telefonate, die ich noch spät abends führte:

Telefonat mit dem Pressesprecher des Justizministers von Österreich:
Dieser bestritt, die Interpolfahndung eingeleitet zu haben. Ich war leicht ungehalten und stellte ihm gegenüber fest, dass er entweder lüge oder nicht vollständig informiert sei. Meine ganze Familie komme gerade von einer Interpolverhaftung und selbst im Gericht wurde von einem Fax aus Österreich mit einem definitiven Auftrag gesprochen.

Telefonat mit Frau Dr. Petrovic:
Sie fragte mich, warum wir nicht das Angebot der Anthroposophischen Klinik in Deutschland angenommen hätten. Ich erklärte ihr, nicht so leicht auf eine Falle reinzutappen. Sie wisse selbst, dass in dieser Klinik ebenfalls Chemo verabreicht werden würde, warf ich ihr vor. Dies bestätigte Frau Petrovic. So, als ob ich lediglich einem Formalismus genüge hätte leisten sollen, fragte sie, was ich gegen ein „bisschen“ Chemo einzuwenden hätte.
Momentan war ich völlig verdattert. Sprach ich da wirklich mit der Frau Dr. Petrovic, die ich kannte? Sie war abgesprungen, das war mir klargeworden.

Es kam zu einem unschönen Streit zwischen Pflughaupt und Dr. Hamer. Pflughaupt gab sich einerseits als Freund der Familie aus, beschimpfte aber andererseits unseren Vertrauensarzt auf das Schlimmste. Ich entzog ihm daraufhin dir Erlaubnis, jemals noch über uns in irgendeiner Form zu berichten.

Erschöpft ging ich auf das Zimmer im Hotel. Dass Erika mit Olivia und den beiden anderen Kindern, entgegen den Anweisungen des Gerichtes, nicht die Nacht im Hotel zubrachten, war mir nebensächlich.

Medien

nön - Verzweifelter Ärzteappel: ‚Lasst Olivia nicht sterben!’
kleine zeitung - Krebskranke Olivia: Wettlauf mit dem Tod
kronen zeitung - Lasst Olivia nicht sterben!
kurier - Kampf um krebskrankes Mädchen
täglich alles - Olivia liegt im Sterben!



Donnerstag, 20.07.1995:

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück berieten Dr. Hamer und ich unser weiteres Vorgehen in seinem Zimmer.

Mehrere Telefonate mit verschiedenen Medien wurden geführt. Der Andrang war groß. Per Telefon gab ich ein Interview an die „orf“-Nachrichtensendung „zib“. Ein Telefonat mit dem Chef von der Zeitschrift „news“, Herrn Fellner, warf mich aber fast um. Er eröffnete mir, dass die „Österreichische Flugambulanz“ mit der Ärztin Frau Dr. Markovic und einem Onkologen aus dem St. Anna-Kinderspital, Dr. Witt, nach Malaga kommen werden, um uns nach Wien zurückzufliegen. In einem von der Zeitung gechartertem Flieger werde das „news“-Team mit meinem Freund Sepp D., meiner Schwägerin Veronika und unserem Hausarzt Dr. Grill ebenfalls nach Malaga kommen.

Wir wollten nicht nach Wien zurück! Was sollte der Riesenaufwand, die „Österreichische Flugambulanz“ mit zwei Ärzten einzuschalten? Ich wollte nicht! Ich war der Verzweiflung nahe. Schließlich gelang es Dr. Hamer und den im Zimmer anwesenden Ärzten, mich wieder zu beruhigen. So leicht könne man uns nicht gegen unseren Willen in den Flieger nach Österreich verfrachten.

Des Öfteren ging ich in die Hotelhalle hinunter, um zu sehen was sich dort abspielte. Pflughaupt und seinem Kollegen wich ich nach Möglichkeit aus. Diese schienen aber mein, ihnen ausgesprochenes Filmverbot zu respektieren und ließen mich auch in Ruhe. Nur an Dr. Hamers Zimmer klopften sie im Stundenintervall und forderten ihn laut rufend auf, sich einem Interview zu stellen. In der Hotelhalle hatten sich aber mittlerweile auch andere Reporter und ganze Fernsehteams versammelt. Diesen gab ich bereitwillig Auskunft über unsere missliche Lage. Im Laufe des Nachmittages waren plötzlich wieder die Männer von Interpol da! Mit ihren sockenlos getragenen Weichlederschuhen, saßen sie breit auf einer Couch, direkt vor dem Hoteleingang, gerade so, als wollten sie kontrollieren, ob ich das Hotel auch ja nicht verlasse. Wieso waren sie eigentlich schon wieder da? Waren sie wirklich als Wache abkommandiert worden? Ich machte die Probe aufs Exempel und schritt durch die Hoteltüre. Sofort waren sie aufgesprungen, hielten mich am Arm fest und wiesen mich wieder in die Halle hinein. Ich hatte Hausarrest. Erklärungen konnten sie mir keine geben, da sie der Sprache Englisch und ich der spanischen Sprache nicht mächtig waren.

Zurück in Dr. Hamers Zimmer, dauerte es nicht lange bis es an der Tür klopfte und mich die Interpolmänner aufforderten mitzukommen. Als wir nicht sofort Anstalten machten deren Wunsch Folge zu leisten, wurden sie ungehalten und erklärten, Gewalt anzuwenden.
Unter Blitzlichtgewitter und laufenden Kameras wurden wir aus dem Hotel abgeführt und wieder in das Gerichtsgebäude gebracht. Die Presse folgte uns hektisch.

Zweite Festnahme durch Interpol:
Den Polizisten der Interpol war es anscheinend selbst peinlich, schon wieder unsere Familie festnehmen zu müssen. Sie gaben vor, ein weiteres Fax aus Österreich erhalten zu haben, das aber mit dem Ersten nichts zu tun hatte (?!).
Ich wurde abgeführt und ins Gericht gefahren. Im Gerichtsgebäude stellte man mich vor einen neuen Richter, diesmal eine Richterin. Ein älterer Herr, der gut Deutsch sprechen konnte und ebenfalls im Gerichtssaal anwesend war, forderte in scharfem Ton Auskunft von mir. Ich vermutete, dass er ein Dolmetscher war. Er wollte wissen wo mein PKW war, wie wir nach Spanien kamen, vor allem aber wo sich Olivia befände. Was interessierte ihn mein geborgter Renault, fragte ich mich verwundert und erklärte ihm, dass dieser vor dem Hotel stehe. Erst als er erstaunt nachplapperte, mein grüner Audi stehe vor dem Hotel und wir seien mit ihm nach Spanien gekommen, verstand ich welchen Wagen er meinte und klärte ihn auf. Sein Ton gipfelte in unverhohlenen Beleidigungen. Erst als ich ihn fragte, wer er überhaupt sei, stellte sich heraus, dass es sich bei diesem Herrn um den österreichischen Konsul, Herrn Esten, handelte. Konsul Esten warf mir vor, am Vortag gelogen zu haben. Ich hätte behauptet, ich wäre im Besitz der Obsorge, was sich erst jetzt als falsch herausgestellt habe. Deshalb sei der Gerichtsbeschluss vom gestrigen Tag ungültig und wurde widerrufen. Ich dementierte auf das Heftigste und hatte plötzlich große Angst, dass hier ein fingierter Prozess stattfinden sollte. Vorerst war ich bei der Behauptung geblieben, Erika sei mit den Kindern am Strand spazieren und werde erst gegen Abend zurückkommen. Erst später erklärte ich, warum ich mich entschlossen hatte, meine Familie nicht im Hotel übernachten zu lassen.
Ich wurde gezwungen mit mehreren Beamten und dem Konsul, verteilt in zwei Polizeiautos, zu meiner Familie zu fahren. Gefolgt wurden wir von mehreren Autos der spanischen Presse. Die Polizei versuchte diese mit mehreren missglückten Tricks abzuhängen. An einer der Kreuzungen mussten wir anhalten, ein Pressewagen hielt in zweiter Spur direkt neben unseren. Sofort brachten sie durch deren offenes Fenster ihre Kamera in Position und filmten unseren Wagen. Durch mein offenes Fenster bedeutete ich ihnen, dass sie noch ca. 1000m auf dieser Straße zu fahren hätten. Der neben mir im Fond sitzende Polizist drückte auf den elektrischen Fensterheber und verschloss mein Fenster. Die Pressefritzen hielten sich gut, doch plötzlich bogen sie ohne ersichtlichen Grund einfach ab und waren weg. Vermutlich wollten sie die Festnahme der Familie nicht gefilmt haben.
Unser Apartment befand sich zu ebener Erde. Ich ging auf das große vergitterte Wohnzimmerfenster zu und sah Olivia im Bett liegen und Elisabeth spielen. Erika war gerade in der rückwärtigen Küche beschäftigt. Mit Tränen in den Augen klopfte ich an die Scheibe und Elisabeth rief laut und freudig: „Papa!“ Einer der Polizisten, der diese Szene mitbekam, fasste mich eher freundschaftlich an der Schulter und geleitete mich durch die von Erika geöffnete Tür.
Als alle Personen, einschließlich des Konsuls, in der Wohnung waren, fingen sie zu diskutieren an. Ich hatte den Eindruck, dass ihnen diese Festnahme absolut unangenehm war. Schließlich wurden wir alle zurück in das Gerichtsgebäude gebracht, wo bereits wieder die Journalistenhorde lauerte.
Im Gerichtsgebäude war der Tumult perfekt. Alles lief durcheinander. Wir wurden von einigen Beamten streng bewacht, von anderen wie Außerirdische bestaunt, andere wiederum schenkten uns ein mitleidiges Lächeln. An den Türen und Fenstern des Gebäudes lauerten die Pressefritzen. Viele filmten gleich durch die mit Gittern versehenen Fenster.
Plötzlich stand vor mir im Gerichtsgebäude mein Freund Sepp! Dankbar nahm ich seinen Beweis echter Freundschaft an. Er war mit den Reportern der Zeitschrift „news“ angekommen. Erikas Schwester Veronika und unser Hausarzt Dr. Grill, der ebenfalls mitgekommen war, wären in einem Spital der Stadt Malaga, weil ein Gerücht umging, eventuell seien wir dort anzutreffen.

Die „Österreichische Flugambulanz“ mit Frau Dr. Marcovich sollte ebenfalls bereits gelandet sein. Diese Ärztin, aber auch Begleitpersonal und ein Onkologe aus dem St. Anna-Kinderspital kamen kurze Zeit später.

Jetzt war das Gerichtsgebäude zum Bersten voll und alle redeten durcheinander. Olivia ging vor Müdigkeit bereits in die Knie. Arme Olivia!
Frau Dr. Marcovich erklärte, von ihrem Auftrag nicht gerade begeistert zu sein, und sie werde uns auf keinen Fall gegen unseren Willen nach Wien mitnehmen lassen. Der Onkologe, Dr. Witt, war da anscheinend anderer Meinung. Er lief mir regelrecht nach und verlangte nach einem Gespräch unter vier Augen. Er ging mir fürchterlich auf die Nerven. Was wollte dieser Knilch in Weiß? Wollte er uns gut zureden und uns die Chemo doch noch schmackhaft machen?
Endlich schenkte ich ihm meine Aufmerksamkeit, ging aber sogleich verbal auf ihn los mit der Frage, ob er sein Kind einer Chemo aussetzen würde. Er blickte zu Boden und sofort konterte ich nach, er solle nicht zu Boden blicken, sondern mir in die Augen schauen. Nochmals wiederholte ich meine Frage. Er wurde plötzlich rot und brachte aber kein Wort hervor. Das genügte mir, er brauche mir keine Antwort mehr zu geben, denn er habe meine Frage soeben zur Genüge beantwortet, stellte ich fest und ließ ihn in seiner Verblüfftheit stehen. Dr. Hamer, der das Gespräch mitgehört hatte, schüttelte sich vor Lachen.
Irgendwann wurde Erika zum Telefon verlangt, da der Bundespräsident mit ihr persönlich sprechen wollte! Ruhe war aber kaum durchzusetzen und so bekam ich nicht viel von dem Gespräch mit, außer dass uns Straffreiheit bei Rückkehr zugesichert wurde.
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht alle Varianten an nun ersonnenen Lösungsvorschlägen verstand, mitbekam oder auch im Kopf behielt.

Herr Konsul Esten machte einen Termin mit Herrn Dr. Calvo, Onkologe der Kinderklinik in Malaga, für kommenden Tag aus. Es wurde aber von uns verlangt, noch an diesem Tag dort zu einem Vorgespräch zu erscheinen.

Frau Dr. Marcovich setzte folgendes Schreiben im Gerichtsgebäude auf:

Telefonische Rücksprache mit Prof. Gadner

20.7.95, 18:30/ Dr. Marcovich

Nachdem die Eltern eine Rücktransferierung ihres Kindes nach Wien strikt ablehnen und eine solche nur unter Einsatz von Polizeigewalt durchgeführt werden könnte, hält Prof. Gadner ebenso Frau Dr. Marcovich einen Verbleib der Familie Pilhar in Spanien für die bessere Lösung.
Allerdings muss dieser Verbleib in Spanien unter schulmedizinischer Verantwortung der Universität Malaga / Kinderabteilung / Prof. Calvo erfolgen.
Weiters erklärt sich Herr Prof. Gadner bereit, mit den österreichischen Behörden Kontakt aufzunehmen, um ein weiteres gerichtliches Vorgehen der Behörden gegen die Eltern hintanzuhalten.

Unterzeichnet: Dr. Witt, Dr. Marcovich, Erika u. Helmut Pilhar

Wir wurden in dieses Krankenhaus gebracht. Es muss erwähnt werden, dass sämtliche unserer Schritte von unzähligen Kameras gefilmt und wir von Dutzenden Reportern bedrängt wurden. Wir kamen immer mehr zur Überzeugung, dass es niemandem, keinem Schulmediziner, keiner Behörde, keinem Journalisten darum ging, dem Kind eine optimale Bedingung zur Heilung zu verschaffen sondern vielmehr darum, dass nicht sein kann, was nicht sein darf!

Der Besuch im dortigen Krankenhaus war eine Farce. Seltsamerweise war kein kompetenter Arzt erreichbar. Mit dem Pflegepersonal wurde vereinbart, am nächsten Tag wiederzukommen. Und wieder die Journalisten. Es erschien als wäre dies nur ein geplanter und inszenierter Auftritt gewesen, womöglich nur um der Presse die Schlagzeile: „Endlich, Olivia im Krankenhaus!“ zu liefern.

Zurück im Hotel hatte ich mit dem völlig verstörten Hotelchef zu tun. Seine Hallen waren voller Journalisten und er beklagte sich bei mir, dass ich ihn zuvor wenigstens um Filmerlaubnis hätte bitten sollen. Achselzuckend versuchte ich ihm verständlich zu machen, dass ich all diese Menschen nicht gerufen habe. Der Portier schüttelte überhaupt nur mehr den Kopf. Zweimal durch die Interpol verhaftet und zweimal wieder innerhalb von Stunden freigelassen und noch dazu mit drei Kindern, so etwas hatte er noch nicht erlebt!

Die Eltern Pilhar, Dr. Hamer und Freunde
Abends nach der zweiten Verhaftung:
Lagebesprechung und Pressekonferenz

Medien

kleine zeitung - JUSTIZ STELLT ELTERN VON OLIVIA EIN ULTIMATUM
kronen zeitung - OLIVIAS 'HEILER' GEISTIG GESTÖRT?
kurier - RÜCKKEHR ODER HAFTBEFEHL: ULTIMATUM AN OLIVIAS ELTERN
täglich alles - JETZT SETZT SICH KLESTIL FÜR DIE KLEINE OLIVIA EIN



Freitag, 21.7.1995:

Wie vereinbart fuhren wir wieder in das Krankenhaus. Herr Konsul Esten erklärte, Erika bei Betreten des Krankenhauses mit Olivia, das Sorgerecht zurückerstatten zu wollen, was er dann auch im Beisein mehrerer Zeugen tat. Ich war von dieser Regelung aus mir unverständlichen Gründen ausgeklammert, was wiederum Dr. Hamer sehr belustigend fand. Dr. Hamer äußerte spaßeshalber die Vermutung, ich bekäme deshalb nicht das Sorgerecht zurück, weil ich nicht persönlich mit dem Bundespräsidenten gesprochen, Erika dagegen die Rückübertragung durch ihren Charme erreicht hätte.

Der mit Herrn Konsul Esten und Herrn Dr. Calvo ausgemachte Termin aber platzte. Aus unerklärlichen Gründen musste just an diesem Tag Dr. Calvo seinen Urlaub unvorhergesehener Weise antreten! Eigenartig, nicht wahr? Ich hatte meinen eigenen Reim auf solch ein Verhalten. Dr. Calvo hatte Schiss! Ein solches Verhalten war mir bereits bestens bekannt! Das Nichtzustandekommen des Ärztekomitees nach der „help-tv“-Sendung, wurde mir wieder gegenwärtig.
Sollten sie sich einer öffentlichen Diskussion stellen, hatten sie plötzlich alle möglichen Ausflüchte zur Hand.
Zwei dortige Ärzte übernahmen notgedrungen die Aufgabe des Dr. Calvo und kamen natürlich zu dem Schluss, dass eine sofortige Chemotherapie unbedingt nötig sei. Frau Dr. Marcovich und Konsul Esten lehnten dies jedoch strikt ab, da wir ja gerade aus diesem Grund diese Odyssee auf uns genommen hatten.

Es kam zu diesem, von Herrn Dr. Hamer aufgesetzten Schreiben, in dem die weitere Behandlung von Olivia festgelegt wurde und das alle Beteiligten, wie der Konsul Esten als Vertreter des Staates Österreich, Frau Dr. Marcovich und unser Hausarzt Dr. Grill unterschrieben.

Malaga, 21.7.1995

Auf Bitten des österreichischen Konsuls Walter Esten gebe ich im Falle des Kindes

OLIVIA PILHAR

folgenden ärztlichen Rat:

Nach meiner Ansicht hat Olivia im wesentlichen 3 organische Geschehen, die ich sinnvolle biologische Sonderprogramme der Natur nenne, die man früher Krebs nannte, alle 3 in der Heilungsphase.

1. Eine Nierenzyste in Induration rechts
2. Ein Sammelrohr-Ca ebenfalls der rechten Niere
3. Ein Leber-Ca

2 und 3 sind, zu erschließen aus dem typischen Nachtschweiß, in tuberkulöser Heilung.

Der große Streit ging eigentlich über die noch auf den Bildern vom Mai ‘95 liquide, inzwischen nahezu vollständig indurierte Nierenzyste, die nach den Regeln der Neuen Medizin 9 Monate benötigt vom Beginn der Konfliktlösung (Wasser/Flüssigkeitskonflikt), bis diese Induration vollständig ist. Quasi die Zeit einer Schwangerschaft. Zu einem gewissen Zeitpunkt dieses Vorgangs nannte man solche indurierende Zysten bisher „Wilmstumor“. Wenn solche indurierenden Nierenzysten, die ja Urin produzieren, klein sind, werden sie in Deutschland (Prof. KlippeI, Celle) aufgrund meiner Forschungsergebnisse schon nicht mehr operiert.

Bei OLIVIA ergibt sich eine Operationsindikation aufgrund der ind. Nierenzyste. Nach meiner Meinung und den Regeln der Neuen Medizin ist die ind. Zyste bereits „reif“. Man könnte sie praktisch sofort operieren. Man sollte sie auch sobald als möglich in Österreich operieren.

Sobald als möglich heißt: Sobald es möglich ist:

In diesem Falle stehen einer sofortigen Operation einstweilen noch schwerwiegende differential-risikomäßige Überlegungen entgegen:

1. Der Allgemeinzustand von OLIVIA ist deutlich reduziert - allerdings ist in dieser Hinsicht eine baldige Besserung zu erwarten: Das Kind hat guten Appetit, nimmt zur Zeit echtes Gewicht zu, schläft gut, fühlt sich relativ wohl.

2. OLIVIA ist derzeit in mindestens 3-facher Hinsicht in Vagotonie28. Eine solche extreme Vagotonie erlaubt eine Operation nur im vitalen Notfall. Der liegt hier glücklicherweise nicht vor. Eventuell wird die Vagotonie noch durch eine Leukämie (aleukämisch) wegen eines in Heilung(-Schmerz) befindlichen rekalzifizerenden, vorher osteolytischen Prozesses am rechten Querfortsatz des 2. LKW verstärkt.

3. Im Rahmen der 3fachen oder sogar 4fachen Vagotonie muss man bei OLIVIA, aufgrund des typischen Nachtschweißes, eine doppelte Tuberkulose (Leber und Sammelrohre der re. Niere) annehmen. Es ist damit zu rechnen, dass die Leber- und Sammelrohr- Tb bis in 6 Wochen weitgehend zum Abschluss gekommen sein wird. Es wird nicht verkannt, dass das Zuwarten mit einer Operation auch erhebliche Risiken in sich birgt, aus rein mechanischen Gründen:

Gefahr einer Mesenterialvenenthrombose und Gefahr einer Kompression der Vena cava. Bei gewissenhafter Abwägung aller Risiken rate ich zu einer Operation Anfang/Mitte September. Bis Ende August/Anfang September ‘95 ist zu erwarten, dass OLIVIA 3 bis 4 kg an echtem Gewicht zugenommen hat. Bis dahin kann auch die extreme Vagotonie und der tuberkulöse Prozess weitgehend abgeschlossen sein. In dieser Zeit bis Ende September ‘95 sollte eine gewissenhafte Kontrolle aller klinischen und Laborparameter durch die Univ. Kinderklinik Malaga erfolgen. Das entspricht wiss. Standard, wird von mir ausdrücklich gefordert und auch von den sehr vernünftigen Eltern bejaht.

Operation:
Die Operation Anfang/Mitte September ‘95 sollte sehr gewissenhaft vorbereitet werden. Das ist zwar selbstverständlich und sollte natürlich dem von den Eltern damit betrauten Chirurgenteam überlassen werden. In diesem Fall aber ist ein besonders günstiger Umstand besonders zu berücksichtigen:
Wir wissen ja, dass wir unter der Operation ein gut abgekapseltes („nicht bösartiges“) Gebilde vorfinden werden, das uns erlaubt, die gut funktionierende rechte Niere zu erhalten. Durch diesen von der Neuen Medizin eingebrachten günstigen Umstand wird die Operation komplizierter, muss also dementsprechend vorbereitet werden, evtl. in diesem Fall von dorsal und ventral zugleich.

Ich meine deshalb, dass alle Ärzte in diesem komplizierten Fall zum Wohle von OLIVIA sinnvoll zusammenarbeiten sollten.

Ich glaube auch, dass jeder Arzt - bei Abwägung aller Gesichtspunkte und Risiken - bei seinem eigenen Kinde meine Vorschläge, die ich nach bestem Wissen und Gewissen gebe, gerne folgen würde.
Dr. med. Ryke Geerd Hamer

Einverstanden: Helmut Pilhar, Erika Pilhar, Dr. Grill, Dr. Marcovich, Esten

Eltern Pilhar und Olivia
Der von allen unterzeichnete Behandlungsplan für Olivia

Dr. Hamer feierte dies als Novum in der Neuen Medizin. Ein Kind, unsere Olivia, sollte nun mit der Zustimmung eines Vertreters des österreichischen Staates und natürlich sachverständiger Ärzte therapiert werden dürfen. Dass sich die spanischen Ärzten auch damit einverstanden erklärten und diesen Vorschlägen zustimmten, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden. Viva Olivia! Viva Españia! Viva la medicina sagrada!

Es wurde im Hotel eine Pressekonferenz einberufen. Wir fuhren zusammen zurück in das Hotel. Vor dem Hotel war ein Journalistenrummel sondergleichen. Dr. Hamer hatte Olivia an der Hand und sie waren gerade im Begriff, entlang der Auffahrt zum Hotel zu gehen, als sich plötzlich ein Fernsehteam aus der Menge absonderte und hinter den beiden herlief. Ich war kaum überrascht Czogalla wiederzutreffen. Entsetzt war ich aber als ich hörte wie er schrie: „Herr Dr. Hamer! Hören sie auf, der Familie Pilhar Lügen zu erzählen! Sie besitzen gar keine Approbation!“
Dieser widerliche Mensch wollte lediglich Stunk verbreiten. Wir selbst erwähnten den Entzug der Approbation bereits in Deutschland Czogalla gegenüber. Er wusste also, dass wir uns darüber im Klaren waren. Viel schlimmere Aussprüche dieses Spiegel-Agenten bekam ich aber gar nicht mit. Erst später wurden sie mir von Dr. Hamer erzählt.
In der Hotelhalle ließ dieses Pseudo-Fernsehteam nicht locker. Man jagte uns regelrecht! Czogalla soll Dr. Hamer nochmals angeschrien haben: „Herr Dr. Hamer! Was machen Sie, wenn Olivia übermorgen stirbt?“ Zu diesem Zeitpunkt hatte Dr. Hamer noch immer Olivia an der Hand. Sie hatte diese schwarzmagischen Ausrufe dieses Terrorjournalisten sicherlich mitbekommen. Daraufhin reichte es Dr. Hamer, und er verurteilte Czogalla scharf vor laufender Kamera.
Die Vorgehensweise dieses Güllesenders war später, als diese Szenen ausgestrahlt wurden, sehr deutlich erkennbar. Gezeigt wurde nicht diese grauenhafte Attacke des Journalisten, nein, lediglich Dr. Hamers erboste Reaktion flimmerte den Zuschauern über den Bildschirm. Dem nichtsahnenden Fernsehkonsumenten wurden ganz gezielt ausgewählte Bilder vorgesetzt und mit polemischer Wortwahl des Moderators eine verzerrte Sachverhaltsdarstellung vermittelt.
Und dies war in der gesamten Berichterstattung unseres Falles keine Ausnahme. Fast sämtliche Interviews vor der Kamera, wurden geschnitten und zerstückelt und aus dem Zusammenhang mit einseitigen Ausschmückungen der Moderatoren verdreht ausgestrahlt. Dies ist die übliche Vorgehensweise unserer sogenannten freien Presse!
Erst viel später wurde mir dieser verhängnisvolle Umstand klar, und ich versuchte auf Live-Sendungen auszuweichen. Bei diesen kam es lediglich auf das persönliche Geschick von mir und meinem Gegenüber an, welcher Eindruck dem Zuschauer vermittelt werden konnte.

Auch während der Pressekonferenz hielten die Terroraktionen an. Bemerkenswert war, dass sich Czogalla und Pflughaupt plötzlich sehr gut verstanden, sie solidarisierten sich geradezu. Gestern noch hatte mir Pflughaupt erklärt, er würde gegen Czogalla wegen bestimmter falscher Behauptungen, prozessieren. Jetzt standen sie Seite an Seite und waren fürchterlich verärgert, dass wir ihnen das Filmen verboten hatten.
Auch ein „kronen-zeitung“-Reporter tat sich besonders hervor. Ohne an der Reihe zu sein, fiel er mit unqualifizierten Behauptungen vielen einfach ins Wort. Später, zurück in Österreich, erkannte ich diesen Reporter in einem „orf“-Interview wieder. Dieses wurde aufgenommen, als es hieß, wir wären wieder untergetaucht. Vor lauter Langeweile, oder weil sie einfach ein Material liefern mussten, interviewten sich die Journalisten schließlich gegenseitig! Und was sie alles zu erzählen wussten! In Wirklichkeit hatten wir nur 1000m weiter in unserem Appartement vor dieser wilden Journalistenhorde Zuflucht gesucht.

Trotz des Schadens, den sie in der Bevölkerung mit diesen oft obskuren Behauptungen anrichteten, ist es auch heute noch köstlich, die Wirklichkeit mit diesen Lügenmärchen zu vergleichen. Ein Blick auf die Headlines der damaligen Tageszeitungen genügt.

Eine gewisse Beruhigung seitens der Behörden stellte sich im Verlauf der nächsten Tage ein. Dem Konsul hatten wir unser Appartement bekannt gegeben, und vorerst war er zufrieden.
Interessant war auch die Tatsache, dass Konsul Esten sehr wohl über die Neue Medizin Bescheid wusste. Seine persönliche Sekretärin war durch diese geheilt worden.

Da wir annahmen, Erika sollte ebenfalls bei der Pressekonferenz anwesend sein, ließen wir Veronika im Appartement mit den Kindern zurück. Wir bedachten dabei nicht, dass für Veronika der körperliche Zustand von Olivia ungewohnt war und so passierte eine kleine Katastrophe. Olivia bekam Schmerzen, und Veronika war nicht in der Lage, sie zu beruhigen. Dadurch wurde sie selbst nervös und geriet nahezu in Panik, da sie uns nicht erreichen konnte. Schließlich erreichte uns doch im Hotel ihr Hilferuf, und als wir im Appartement eintrafen, war so ziemlich das ganze Haus und viele Passanten von der Straße in unserer Wohnung versammelt. Olivia schrie, Veronika war hysterisch. Endlich konnten wir die Situation beruhigen, und die Leute verabschiedeten sich höflich. Die Mentalität spanischer Mütter und Väter ist eine andere als die der unseren. Kinder zählen dort viel, sehr viel sogar, und alle waren Olivia zugetan. Erika legte sich zu Olivia und innerhalb von Minuten war sie ruhig und schlief während der ganzen Nacht, ohne einmal wachzuwerden.

28
 Vagotonie = konfliktgelöste Phase mit Ruhe-Innervation

Medien

kleine zeitung - DER VERSUCH, OLIVIA ZU HOLEN, IST GESCHEITERT
kronen zeitung - OLIVIA WÄRE HEUTE GESUND
kurier - MUTTER VERSPRICHT KLESTIL, OLIVIA IN KLINIK ZU BRINGEN
standard - EIN LETZTES ANGEBOT AN OLIVIAS ELTERN
täglich alles - KINDERÄRZTIN MARCOVICH WILL OLIVIA HEIMHOLEN



Samstag, 22.7.1995:

Ab nun blieb Erika mit den Kindern in der sicheren Wohnung. Veronika tätigte Einkäufe oder ging mit Alexander und Elisabeth spazieren. Das nahe Meer mit einem Bad zu nützen, gelang, glaube ich, lediglich den beiden Kindern, Alexander und Elisabeth. Ich selbst war pausenlos unterwegs bis weit in den nächsten Morgen. Einmal waren wir in Dr. Hamers Hotelzimmer, dann wieder in der Wohnung von spanischen Freunden, oder ich ging mit meinem Freund Sepp auf ein Bier, bei dem wir immer sehr tiefschürfende Gespräche über den Sinn dieser außergewöhnlichen Geschichte führten. Sepp erzählte, dass zu Beginn der Woche über das österreichische Fernsehen ein Aufruf des Herrn Prof. Gadner an unsere Verwandten und Bekannten erfolgt war, in dem er diese bat, uns zur Rückkehr zu bewegen. Das fand ich heuchlerisch.

An diesem Morgen traf ich mich mit Dr. Hamer in seinem Zimmer. Das „report“-Team vom „orf“ hatte sich angemeldet. Für den Nachmittag sollten Aufnahmen am Strand mit Olivia gemacht werden. Olivia vor die Kamera zu zerren, hielt ich für keine gute Idee, gab jedoch dem Drängen unter der Bedingung nach, dass sich Olivia wohl fühlen müsse.

Konsul Esten kam zu Besuch. Er beruhigte mich bezüglich der gestrigen Falschmeldung, wir würden kommenden Montag erneut verhaftet werden. Davon hatte ich gar nichts mitbekommen. Der Konsul hatte erneut mit dem Bundespräsidenten gesprochen, und dieser teilte ihm von einer Unterredung mit dem Justizminister mit, unsere Angelegenheit so rasch als möglich bereinigen zu wollen. Zu diesem Zweck sollte der Leiter des St. Anna-Kinderspitals Herr Prof. Gadner am Montag nach Malaga fliegen. Konsul Esten interpretierte Prof. Gadners Absicht als Kniefall vor Dr. Hamer.

Als ich mit Sepp das Hotel verließ, bemerkte ich einen Reporter in einem parkenden Auto am Straßenrand. Als wir mehrere Schritte entfernt zurückblickten, war dieser aus dem Wagen gestiegen und hängte sich gerade seine Kamera um die Schultern. Ich machte mir mit Sepp den Scherz, diesen Mann abzuhängen. Wir konnten es uns nicht leisten, den Aufenthaltsort von Olivia zu verraten.

Medien

kleine zeitung - BANGEN UM OLIVIA: SKEPSIS & HOFFNUNG, SO LÜGEN HAMER UND SEINE FANS, KEIN ERSATZ FÜR CHEMOTHERAPIE
kronen zeitung - TAUZIEHEN UM OLIVIAS LEBEN!
kurier - OLIVIA HAT AUCH LEBERKREBS
salzburger nachrichten - VORLÄUFIG KEIN HAFTBEFEHL GEGEN ELTERN VON OLIVIA, KREBSKRANKE OLIVIA EIN KOMMUNIKATIONSOPFER
salzburger volkszeitung - OLIVIA SOLL IN SPANISCHES SPITAL
täglich alles - WIRD DIE KLEINE OLIVIA IM AUGUST OPERIERT?



Sonntag, 23.7.1995:

Für diesen Morgen plante Sepp nach Österreich zurückzufliegen. Eigentlich hatten wir uns bereits am Vortag verabschiedet, und ich war sehr überrascht, als er uns früh morgens weckte. Er war völlig aus dem Häuschen. Von „news“ hatte er erfahren, dass das in Malaga erstellte Gutachten gefälscht worden sein sollte, weiters dass vier Kinder aus dem St. Anna-Kinderspital bei Dr. Hamer waren und verstorben seien.
Kopfschüttelnd fragte ich ihn, ob er noch immer nicht kapiert habe, wie der Hase laufe. Dr. Hamer erzählte mir am Vortag, er hätte „news“ den Originalbefund von Prof. Rius aus Barcelona ausgehändigt und nicht mehr zurückbekommen. Jenes Gutachten, das den Wilmstumor widerlegte, war unter meiner Anwesenheit in Malaga erstellt worden und auch noch in unserem Besitz. Diese Behauptung zu widerlegen, erschien mir einfach. Ich vermutete, dass nun „news“ dieses Gerücht in die Welt gesetzt hatte, da sie annahmen, dieses Gutachten aus Malaga zu besitzen. Erst später erfuhr ich, dass den Ärzten aus Malaga unterstellt wurde, ein Gefälligkeitsgutachten gemacht zu haben.
Betreffend die vier Kinder wusste ich von Dr. Hamer, dass dieser einem Salzburger Zahnarzt riet, sein Kind nicht der Chemotherapie im St. Anna-Kinderspital auszusetzen, sondern dieses nach den Regeln der Neuen Medizin therapieren zu lassen. Dieser Vater traute Dr. Hamer zu wenig und flog sein Kind zu regelmäßigen Transfusionen irgendwelcher Art nach Wien in das AKH. Dies hatte ihm Dr. Hamer keinesfalls geraten. Das Kind verstarb. Aber gleich von vier Kindern aus dem St. Anna-Kinderspital wusste Dr. Hamer nichts. Er räumte jedoch ein, nicht von allen den durchgemachten Leidensweg zu kennen, generell sei aber darauf ausdrücklich hinzuweisen, dass er niemals vorgab, ein Wunderheiler zu sein. Kinder, die nach der zehnten Chemorunde von den Eltern aus dem Spital genommen und dann erst zu ihm gebracht wurden, hatten sicherlich nicht jene guten Voraussetzungen, wie ein schulmedizinisch nicht therapiertes Kind.

Sepp war es anzusehen, dass er sich trotzdem sehr sorgte und Dr. Hamer nicht traute. Was sollte ich tun? Solche Reaktionen von Menschen, die unvorbereitet und über die Medien beeinflusst auf unserem Fall aufmerksam wurden, waren verständlich. Wie sollten sie auch zu den Hintergrundinformationen gelangen, die wir hatten? Über das Fernsehen würden diese gewiss nicht aufgeklärt werden und sicherlich auch nicht über die Tageszeitungen. Ich konnte nur ahnen, wie die Stimmung in Österreich war. Ich schrieb an den Bundespräsidenten:

Offener Brief der Eltern von Olivia Pilhar an den Bundespräsidenten

Herrn Thomas Klestil

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Wir als österreichische Staatsbürger und besorgte Eltern unseres krebskranken Kindes bedauern sehr, dass unser Weigern, einer Chemotherapie zuzustimmen, und unser Wunsch, Olivia entsprechend den Regeln der Neuen Medizin von Dr. Hamer zu therapieren, auf großes Unverständnis seitens der staatlich anerkannten Medizin sowie der Behörden getroffen war, so dass wir entsprechend unserer Überzeugung einzig und allein in der Flucht vor dem österreichischen Staat die letzte Überlebenschance für unser Kind sahen.

Heute, nach zwei Monaten Angst und Sorge wissen wir noch immer nicht, wann endlich unsere Entscheidung respektiert wird. Für uns und unsere Kinder, vor allem aber für die krebskranke Olivia, ist unsere jetzige Situation furchtbar belastend.

Um Ihnen dies zu verdeutlichen, möchten wir kurz den bisherigen Verlauf unseres Aufenthalts in Malaga schildern:
Am ersten Tag bemühten wir uns sofort um einen Termin in der Universitätsklinik Malaga, den wir am Mi 19.7.95 mit Olivia wahrnehmen konnten. Der Befund dieser Untersuchung ergab eindeutig, dass Olivia nicht an einem Wilmstumor leide. Am Abend des selben Tages wurden wir, die Eltern und unsere Tochter Olivia, von der Interpol verhaftet. Zuerst wurden wir in das Polizeigebäude und später in das Gerichtsgebäude gebracht. Dort stellte uns der zuständige Richter den Bescheid aus, wir wären doch verantwortungsbewusste Eltern, da wir ja unser Kind am Vormittag untersuchen ließen und gab uns wieder frei. Diese Festnahme dauerte von 19:00 bis 22:30 Uhr. Um ca. 23:30 Uhr erklärte der Pressesprecher des Justizministers von Österreich am Telefon, es liege kein internationaler Haftbefehl gegen uns vor.
Diese Aussage erschien uns sehr befremdend, zumal wir tags darauf, also am Do 20.7. um ca. 15:00 Uhr ein zweites Mal von der Interpol verhaftet wurden. Wir wurden wieder in das hiesige Gericht überstellt.
Glücklicherweise traf bald Frau Dr. Marcovich ein. Durch ihre Vermittlung und die des zuständigen Konsuls, Herrn Walter Esten, wurden wir wieder auf freien Fuß gesetzt, mussten jedoch gleich darauf und auch am folgenden Tag erneut der Kinderklinik in Malaga einen Besuch abstatten.

All diese Ereignisse gingen ja durch die Medien. Wir finden es unvorstellbar grausam, was unserem krebskranken Kind Olivia hierbei abverlangt wurde. Von heilsamer Ruhe kann hier unmöglich gesprochen werden.
Den Gipfel der Grausamkeit erreichte Czogalla, Reporter des „Spiegel“-Magazins aus Deutschland, der Herrn Dr. Hamer, der Olivia an der Hand hielt, ins Gesicht schrie: „Herr Dr. Hamer, was machen Sie, wenn Olivia übermorgen stirbt?“ Das ist Journalistik von niederstem („Spiegel“) Niveau.

Herr Bundespräsident, wir bitten Sie dringendst, schnell Voraussetzungen in Österreich zu schaffen, die uns und weiteren Eltern, die das Vertrauen in die schulmedizinische Krebstherapie verloren haben, ermöglichen, ihr Kind entsprechend der Neuen Medizin zu therapieren.

Dieser Wahnsinn, diese unzumutbare Odyssee eines krebskranken Kindes, darf sich nie wieder wiederholen müssen.
Die verzweifelten Eltern von Olivia Pilhar

Erika u. Helmut Pilhar

Dr. Hamer war der Ansturm der Journalisten unerträglich geworden, und er zog sich zu Bekannten zurück.
Am Abend berichtete Itziar über einen unglaublichen Vorfall. Czogalla und sein Terrorteam hatte sie durch die ganze Stadt mit zwei Autos verfolgt. Schließlich flüchtete sie auf eine Tankstelle, wo ihr Wagen sofort von den beiden anderen eingekeilt wurde. Sie rief Freunde und die Polizei um Hilfe und nur mit deren vereinten Kräften konnte Itziar die beiden Verfolgungswagen abhängen. Czogalla benötigte anscheinend für die Sendung um 22:00 Uhr noch Filmmaterial.
Die Vorgehensweise des „spiegel-tv“ Teams spottete wirklich jeder Beschreibung. Dass der Spiegelverlag mit solchen Journalisten zu mehr Informationsmaterial gelangen kann, als es einem Geheimdienst möglich ist, wurde verständlich. Diese Agenten waren immer an vorderster Stelle und filmten was die Kamera hergab. Ausgestrahlt wurde immer nur ein Bruchteil, der Rest wanderte ins Archiv und war für die Bevölkerung unzugänglich.

Dr. Hamer telefonierte an diesem Abend mehrmals mit Frau Dr. Marcovich in meinem Beisein.
Prof. Gadners Flug nach Malaga wurde immer unwahrscheinlicher. Es gab pausenlos widersprüchliche Auskünfte.
Nach vielem Hin und Her einigten wir uns mit Frau Dr. Marcovich, gegen entsprechende Sicherstellungen nach Österreich zurückzukehren. Der Journalistenterror war unerträglich geworden!

Medien

kronen zeitung - OLIVIAS ELTERN DREHEN DURCH
kurier - OLIVIA VERSCHWUNDEN
täglich alles - OLIVIAS BEFUNDE IN SPANIEN GEFÄLSCHT!



Montag, 24.7.1995:

Gegen 3:00 Uhr morgens wurden wir vom Konsul persönlich abgeholt und zum Flughafen gefahren. Es war ihm anzusehen, dass er froh war, uns loszuwerden.

Erika Pilhar und Kinder im Auto
Abreise im Wagen des österreichischen Konsuls

Entgegen den Vereinbarungen, waren mit der „Österreichischen Flugambulanz“ das „news“-Team sowie das noch immer in Malaga anwesende „report“-Team eingeladen worden, ebenfalls am Flughafen zu erscheinen.
Im nachhinein betrachtet, wurde uns klar, da waren manche Dinge von Dritten geschickt inszeniert worden ... Am Linienschalter wurde noch von Dr. Hamer zu unserem Schutz eine schriftliche Vereinbarung getroffen, die auch von Dr. Marcovich und Konsul Esten unterschrieben wurde.
Auch wurde uns ein Telefax der Bezirkshauptmannschaft Wr. Neustadt von der Ärztin übergeben.

Vereinbarung vom 24.7.95:

Frau Dr. Marcovich als Beauftragte der österreichischen Regierung gibt die Versicherung ab, dass bei Olivia Pilhar nichts gegen den Willen der Eltern getan werden wird, insbesondere keine Chemo und kein stationärer Aufenthalt in einem Krankenhaus.

Herr Dr. BaumI, Amtsarzt aus Tulln und Frau Dr. Rostovsky betreuen das Kind.

Soweit von Dr. Hamer verfasst. Frau Dr. Marcovich fügte folgende Ergänzung hinzu:

Die Einbindung der beiden Obengenannten erfolgt nach Rücksprache mit Prof. Gadner, der im Sinne der Behörde die therapeutische Verantwortung für Olivia Pilhar trägt. Sämtliche diagnostischen und therapeutischen Schritte werden von Prof. Gadner nur im Einvernehmen mit den Eltern durchgeführt, bzw. nach deren Aufklärung.

Unterzeichnet: Dr. Marcovich, Konsul Esten

Warum hatte Frau Dr. Marcovich diesen eindeutigen Vertrag, derart zweideutig ergänzt? Wer hatte sie entsprechend instruiert?
In der allgemeinen Aufbruchsstimmung, schenkte ich dieser Ergänzung von Frau Dr. Marcovich wenig Bedeutung. Auch wollte ich nicht spitzfindig sein.

Telefax:

Betrifft: Olivia Pilhar

Im Falle einer freiwilligen Rückkehr der Familie Pilhar nach Österreich mit Tochter Olivia und Durchführung der erforderliche Untersuchungen sowie Absprache der Behandlungen wird die BH29 Wr. Neustadt die notwendigen Schritte für die Rückgabe des Sorgerechtes unterstützen sowie bei der Staatsanwaltschaft keine Anträge auf Zwangsausübung stellen.
Ich wünsche alles Gute

für den Bezirkshauptmann
Dr. Zimper

Helmut Pilhar, Dr. Hamer und Dr. Marcovich
Unterzeichnung des Vertrages mit Hinzufügungen durch Frau Dr. Marcovich am Flughafen Malaga

Beide Schreiben gefielen mir nicht sonderlich gut und einiges hätte ich daran auszusetzen gehabt, doch vermutete ich nicht im Mindestens das Ungeheuerliche, das noch auf uns zukommen sollte!
Mit diesen beiden Schreiben bestiegen wir die Maschine der „Österreichischen Flugambulanz“.

Familie Pilhar, Dr Marcovich und der Konsul
Abflug nach Wien.
Rechts im Bild neben Dr. Marcovich der österreichische Konsul Esten

Der Flieger war eng und wir saßen mehr auf- als nebeneinander. Olivia lag auf dem Transportbett. Gelegentlich nickte ich ein. Wir waren alle nicht ausgeschlafen.

In verschiedenen Zeitungsmeldungen war berichtet worden, Olivia hätte im Flieger künstlich beatmet werden müssen. Das war gezielte Falschinformation, um den Gesundheitszustand von Olivia drastischer darzustellen.
Natürlich waren aber die ständigen Reisen für sie eine ungeheure Belastung. Dr. Hamer hatte seine Patienten immer zur weitgehenden Schonung und Ruhe angehalten. In seiner ehemaligen Klinik hatte er sie in Decken gewickelt, am Balkon in die frische Luft gesetzt und die Patienten wurden rundherum bedient. Wie sonst soll sich auch ein Patient mit Gliederschmerzen, mit einer riesigen Leberschwellung und dergleichen kurieren können?

Wir waren in einer fürchterlichen Situation. Von Anfang an hatten wir gewusst, dass Olivia ständige Ruhe und Pflege durch ihre Mutter benötigt. Warum durften wir sie nicht zu Hause gesund pflegen? Warum wurden wir durch halb Europa gehetzt?