Kapitel 13

Kein Erbarmen - Olivia wird ihrer Mutter entrissen

Samstag, 29.7.995, 0:30 Uhr:

Gericht:
In dieser Verhandlung erklärte der Richter Masizek, dass die Zwangstherapierung aufgrund der Prognose des Ärztekomitees von 20-40% Heilungserfolg, auch ohne Beisein der Eltern vollstreckt werden wird.

20-40% Überlebenschance! Zuvor hatte er erklärt, dass bei 50% die Zwangstherapie käme und bei 10% würden wir Olivia zurückerhalten.
Man verarschte uns.

Natürlich hatten auch die Ärzte nur den Wilmstumor erkannt und diagnostiziert. Meine Frage, wie denn jene Diagnosen der Ärzte zu deuten seien, die ein Leberkarzinom feststellten (Frau Dr. Rostovsky, Dr. Hamer, Prof. Rius, Dr. Bauml) beantwortete der Richter dahingehend, dass das für ihn nicht gültige und somit inkompetente Meinungen seien. Meine Bitte, Olivia nach Barcelona fliegen zu dürfen, verwehrte mir Richter Masizek mit der Behauptung, Olivia sei nicht mehr transportfähig.

Olivia sollte nicht mehr transportfähig gewesen sein? Das schien mir die allermieseste Lüge überhaupt. Olivia konnte selbst auf das WC gehen, wir gingen mehrmals am Tag mit ihr im Zimmer spazieren, und nun sollte sie nicht mehr transportfähig sein? Was geschieht eigentlich mit Schwerverletzten bei einem Verkehrsunfall? Welche Personen sind wirklich nicht mehr transportfähig? Der Patientenanwalt Prof. Pickl verhielt sich, als wäre er ein Staatsanwalt. Außer Vorwürfen und Anschuldigungen bekam ich von ihm nichts zu hören. Zu viert redeten sie auf mich ein, Prof. Gadner war aber nicht mehr anwesend, und Dr. Heinz Zimper hielt sich im Hintergrund. Als ihrer Meinung nach alles besprochen schien, machten sie sich ausführlich über Dr. Hamer lustig. Richter Masizek konnte Dr. Hamers Namen noch immer nicht richtig aussprechen. Später las ich in einschlägigen Büchern nach, dass es ein Plan der Freimaurer sei, ständig Missverständnisse auszustreuen und diese nie aufzuklären. In Schriftstücken des Richters war auch Dr. Hamers Name ständig falsch geschrieben. War das gewollt, oder geschah es zufällig?

Diese Unterredung dauerte ca. bis 01:00 Uhr nachts. Als hätten sie einen Sieg zu feiern, schenkte Dr. Heinz Zimper anschließend jedem der Anwesenden ein Getränk ein. Der Richter meinte zu mir ironisch, ich hätte wieder mit der Wahl des Rechtsanwaltes Wegrostek einen guten Schachzug getätigt. Momentan wusste ich nicht, wovon er sprach, bis mir klar wurde, dass nach der Meinung des Richters diese Rechtsanwaltskanzlei immer wieder Prominenzen der Öffentlichkeit vertrat. Das hatte ich nicht gewusst. Hellhörig wurde ich jedoch, als er erwähnte, mit dem Dr. Wegrostek persönlich in die Schule gegangen zu sein.

Ich wollte zurück zu meiner Familie. Ein Beamter versperrte mir den Weg und wies mich zum Haupteingang raus. Ich durfte nicht einmal kurz noch meine Frau sprechen. Über mein Handy rief ich sie im Zimmer an, damit sie mir meine persönliche Habe auf den Parkplatz vor dem Krankenhaus nachbringen sollte. Erika durfte raus, ich allerdings nicht mehr rein. Ein Polizist erklärte, wenn ich mich im Bereich des Krankenhauses blicken lasse, würde ich verhaftet werden.

Was sollte ich tun gegen solch eine Macht? Sie ließen mich nicht mehr zu meinem Kind. Die Ärzte, der Richter, die Bezirkshauptmannschaft und schließlich die Polizei verwehrten mir als Vater den Zutritt zu meiner Tochter. So, als möchte ich meiner Tochter ein Leid zufügen und sie müssten Olivia vor mir schützen. So, als wären sie die Guten und ich der Böse.
Wieder fuhr ich nach Hause.

Am Morgen erhielt ich einen Anruf von Erika:
Sie war ratlos. Das Pflegepersonal hatte sie aufgefordert, alles für die Verlegung in das AKH nach Wien vorzubereiten. Erika wehrte sich und sagte, dies dürfe nicht geschehen, und es sei gegen ihren Willen. Sie wolle entsprechend den Zusagen von Spanien mit Olivia nach Hause. Daraufhin hatten sie sich wieder zurückgezogen.

Olivia sollte also in das AKH zur Chemotherapie verlegt werden. Plötzlich war sie wieder für transportfähig erklärt worden. Ich überlegte blitzschnell. Vergangenen Donnerstag hatte Primar Vanura öffentlich im Fernsehen erklärt, eine Therapie ohne Mitwirkung der Eltern würde zum Tod von Olivia führen und wäre daher nicht machbar. Es war eine schreckliche Entscheidung, aber ich überredete Erika, unter keinen Umständen mitzufahren, und sie müsse dies den Ärzten begreiflich machen. Nach dieser öffentlichen Erklärung würden sie es nicht wagen können, Olivia von ihr wegzunehmen. Darin sah ich noch unsere einzige Chance.
Aber es wurde kein Erbarmen gezeigt. Gegen den ausdrücklichen Willen der Mutter, wurde ihr das Kind entrissen. Es muss schrecklich gewesen sein. Olivia hat geschrien und Erika geweint.

Olivia wurde in das AKH nach Wien transportiert. Erika fuhr heim.

Welche Chance gibt die Schulmedizin einem Kind, das eine Nierenzyste, ein Sammelrohrkarzinom, einen Leberkrebs und Knochenkrebs an einem Lendenwirbel hat und überdies noch ohne Beisein der Eltern zwangspseudotherapiert wird?

Über Radio wurde eine Demonstration für Patientenrechte und Therapiefreiheit am Wiener Stephansplatz für 13:00 Uhr angekündigt. Weiters wurde aber verlautbart, dass Erika wie eine Rabenmutter nun ihr Kind im Stich gelassen habe. Wir fuhren kurz entschlossen zu dieser Demonstration. Unterwegs rief ich mehrere Fernsehteams an, um in einem Interview diese ungeheuerliche Vorgehensweise der Ärzte, aber auch um unseren Standpunkt darlegen zu können. Binnen wenigen Minuten waren ca. um die 200 Personen in eine hitzige Debatte verwickelt. Mehrere Polizeibusse einer Sondereinheit standen eingriffsbereit am Domplatz.
Ein Mann mit einem Stoß Flugblätter erschien und machte fürchterlichen Stunk. Es waren Partezettel32 von Olivia, die er den Passanten in die Hände drückte! Er widerte mich an und ich fragte ihn laut, von wem er geschickt und bezahlt würde? Er schritt streitlustig auf mich zu, fragte ob ich Geld benötige, griff in seine Hosentasche und hielt mir ein Paket klein zusammengelegter Hunderterscheine unter die Nase. Ich war verdattert. Was machte dieser Kerl mit so vielen Hundertern in den Taschen und den Partezetteln im Arm auf dieser Demonstration? Das roch förmlich nach einer gekauften Gegendemonstration. Um 15:00 Uhr entschloss sich Erika, doch zu Olivia ins AKH zu fahren. Ich hielt es zwar nicht für klug, aber abraten wollte ich ihr auch nicht. Wer weiß, was mittlerweile mit Olivia bereits angestellt wurde oder noch geplant war.
Mit ein paar Freunden zog ich mich nach mehrstündiger Debatte am Stephansplatz in ein nahes Cafe zurück. Nachdem wir uns wieder erholt und gestärkt hatten, wollten wir in die Ordination des Herrn Dr. Langer fahren, um weiteres zu besprechen.
Obwohl Erika im AKH und ich im Cafe waren, hatte sich die Menschenmenge nach anderthalb Stunden noch immer nicht aufgelöst.
Meine Bekannten wollten, dass ich mich auf keine weiteren Diskussionen einlassen sollte. Sie hatten Angst, dass es zu Handgreiflichkeiten kommen könnte. Als wir aber an einer kleineren Gruppe vorüberschreiten wollten, stellte mich ein etwa gleichaltriger Mann mit gestreiftem Ruderleibchen und einem Regenschirm als Stock zur Rede. Provokant baute er sich, mit den Händen am Regenschirm abgestützt, vor mir auf und beschuldigte mich lauthals, meiner Tochter die einzig mögliche Therapie, also die Chemotherapie, zu verweigern und sie sterben lassen zu wollen. Ich zeigte absolut keine Angst oder Schüchternheit und ließ ihn aussprechen. Dann griff ich in meine Brusttasche und hielt ihm eine veröffentlichte Statistik unter die Nase, aus der hervorging, dass die Chemotherapie lediglich 6% der Therapierten überleben. Den Große-Reden-Schwinger hatte ich zum Schweigen gebracht. Wir gingen weiter. Dieser Mann erschien mir suspekt. Er konnte verdammt gut formulieren und sein selbstsicheres Auftreten stach von der Menge deutlich ab. Wer war er und was wollte er? Ich hatte ihn nur kurz zum Schweigen bringen können. Als er sich gefasst hatte, lief er uns regelrecht nach und stellte mich wieder zur Rede. Jedes Mal war sogleich ein ganzer Schwarm von Passanten um ihn herum versammelt. Ich stand im wahrsten Sinne des Wortes, mit dem Rücken an der Wand. Die Stelle, wo er mich wieder angehalten hatte, war ein enger Durchgang zwischen einem Abgang zur U- Bahn und einer Häuserfront. Meine Freunde bekamen es sichtlich mit der Angst zu tun, aber auch ich hatte den Eindruck, dass ein Funke genügen würde und die Menge könnte über mich herfallen und mich lynchen. Ich lief Gefahr, meine Fassung und Ruhe zu verlieren, deshalb versuchte ich ihn verbal zu attackieren. Wer, wenn nicht wir Eltern sollten seiner Meinung die Verantwortung über ihr eigenes Kind tragen, wollte ich von ihm wissen. Er plusterte sich auf, wieder auf seinen Regenschirm gestützt und erklärte: „Ich und der Staat!“ Er und der Staat. Ich schüttelte über soviel Anmaßung den Kopf und ließ mich von meinen Freunden aus der Menge wegführen. Ich war erschüttert von dem Erlebten.

Wie mochte es Olivia ergangen sein? Erst später erfuhren wir, was Olivia widerfahren war. Sie hatte sich dermaßen aufgeregt, dass sie einen Kollaps erlitten hatte und sofort in die Intensivstation gebracht werden musste. Öffentlich wurde das nie zugegeben. Es wurde behauptet, dass ihr Allgemeinzustand eine Intensivbehandlung erforderlich machte. Tatsache war, dass Olivia zum Frühstück in Tulln noch ein Kipferl und Kakao zu sich nahm und dass sie sehr wohl noch selbst gehen konnte!
Auf der Intensivstation im Wiener AKH musste sie intubiert werden. In Tulln wackelte bereits ihr linker vorderer Schneidezahn. Dass dieser durch die Intubation verloren ging, war verständlich. Nun fehlte ihr allerdings auch der rechte vordere Schneidezahn. Dies ist nur durch die überstürzte Einleitung der Sofortmaßnahmen erklärbar!
Es waren in Tulln eine Anzahl sehr prominenter Ärzte anwesend. Unter ihnen auch eine Kinderpsychologin. Wenn diese Ärzte nicht so weit voraussehen konnten, was bei einer gewaltvollen Trennung von der Mutter mit Olivia geschähe, dann muss ich deren Kompetenz bezweifeln! Sie wussten es aber sehr wohl! Primar Vanura hatte es ja selbst im Fernsehen gesagt. Nicht ihre Kompetenz war zu bezweifeln, sondern ihre Menschlichkeit! Sie hatten keine. Skrupellos waren sie vorgegangen und riskierten das Leben unseres Kindes bereits in den ersten Stunden.

Moment, hier war vielleicht folgender Aspekt zu beachten. Ich selbst hatte ja Dr. Heinz Zimper gutgläubig erzählt, dass Erika niemals ihr Kind verlassen könnte. Hatten die Ärzte mit dem unbändigen Mutterinstinkt kalkuliert? Natürlich! In den Medien wurde dies ja als eine Ungeheuerlichkeit dargestellt. Wie könnte eine Mutter bloß ihr Kind in so schwerer Stunde alleine lassen? Wer aber verursachte diese schweren Stunden? Die Mutter sicherlich nicht.

Abends kam Erika wieder nach Hause. Es war ihr lediglich für Stunden erlaubt worden bei Olivia zu sein. Ihre Erzählungen von Olivias Zustand erschütterten mich. Olivia wurde in angeblich künstlichem Tiefschlaf gehalten, künstlich beatmet und künstlich ernährt. Da wir ja nicht ahnen konnten, weshalb diese Maßnahmen getroffen worden waren, wir uns diese absolut nicht erklären konnten, befürchteten wir die allerschlimmsten Absichten der Ärzte. Wir dachten, es müsse nun ein fürchterliches Szenario über Olivias „dramatischen“ Gesundheitszustand künstlich gemalt werden. Damit, so meinten wir, wollten die Ärzte ihr Eingreifen rechtfertigen. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Olivia durch den erlittenen Schock, von der Mutter gewaltsam getrennt worden zu sein, einen Kollaps erlitten hatte.
Ganz genau wissen wir es eigentlich bis heute nicht. Theoretisch könnte an ihrer dramatischen Verschlechterung auch der Ersteinsatz dieser Pseudotherapie schuld gewesen sein. Bekanntlich sterben 10- 15% der Patienten an der erstmaligen Anwendung der Chemotherapie. Eine schulmedizinisch propagierte Erfolgschance von mehr als 90% ist somit rein rechnerisch gar nicht möglich.

Wiener AKH
Eine „Krankenfabrik“ - das Wiener AKH

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kurier - SITUATION UM OLIVIA WIRD UNERTRÄGLICH

32 Partezettel, österreichisch = Zettel mit Todesanzeige