Kapitel 7

Drohungen

Montag, 29.5.1995:

Gleich morgens ging der behördliche Stress weiter:

Telefonat mit Dr. Mann:
Dr. Mann bat, mich mit Prof. Gadner verbinden zu dürfen. Prof. Gadner meinte, keine Klinik sei so gut wie die seine, er könne aber sagen, ob jene, in der nun Olivia behandelt wird, gut sei. Unsere Flucht aus seiner Klinik beruhe auf einem Missverständnis. Dr. Mann gehe normalerweise nie so vor. Das Gespräch dauerte ca. 20 Minuten. Als Prof. Gadner erwähnte, dass wir jederzeit wieder seine Hilfe in Anspruch nehmen könnten, bedanke ich mich, betonte nochmals, Olivia in der Klinik unseres Vertrauens behandeln zu lassen und legte auf.

Unruhe ergriff mich. Prof. Gadner war Leiter des St. Anna-Kinderspitales. Er hatte zwar nicht unmittelbar mit den Behörden gedroht, nur glaubte ich auch nicht, dass mit diesem Gespräch die Angelegenheit erledigt sein konnte. Ich ahnte Schlimmes, und es traf ein:

Telefonat mit Prof. Jürgenssen:
Prof. Jürgenssen drohte, dass er als Verantwortungsträger rechtliche Schritte unternehmen müsste, wenn wir nicht die Klinik nennen würden, in der Olivia behandelt werde. Weiters, es gäbe in Österreich nur ein paar Kliniken die Wilmstumore behandelten und diese (8-12 Fälle pro Jahr) würden auf alle Fälle gemeldet werden. Eine solche Situation sei ihm noch nicht untergekommen und bevor er eine Anzeige erstatte, möchte er mit mir persönlich sprechen. Ich blieb bei meinem vermeintlichen Recht, von zwei ärztlichen Vorschlägen einen wählen zu dürfen und den Namen der Klinik geheim halten zu können.

Jetzt war der Teufel los. Obendrein bekam Olivia wieder Fieber, aber auch Alexander klagte über Übelkeit, weshalb wir ihn nicht zur Schule gehen ließen.

Erika und ich überlegten erstmals ernstlich einen Zufluchtsort aufzusuchen. Es wäre Irrsinn, wenn uns das Kind weggenommen und zu Tode therapiert werden würde, wo es sich doch auf dem Wege der Heilung befand. Wir beschlossen, dass die Schulmedizin Olivia nicht in ihre Hände bekommen durfte. Die ersten Vorsichtsmaßnahmen trafen wir, indem heikle Telefonate wegen der Gefahr des Abhörens nur mehr auswärts geführt wurden. Von verschiedenen Seiten wurde uns zu dieser Vorsicht geraten.

Telefonat mit Dr. Bauml:
Seiner Meinung nach sei es nicht so einfach möglich, ein Kind aus intaktem Familienverband zu reißen. Es liege ja keine Notsituation vor. Seiner Meinung nach würden die Ärzte lediglich bluffen und wir sollten uns nicht Angst machen lassen. Als verantwortlicher Arzt möchte er allerdings nicht auftreten. Er deutete an, dass er in der Vergangenheit böse Erfahrungen mit der Ärztekammer gemacht hatte und nicht mehr bereit sei, für die Neue Medizin den Kopf hinzuhalten.

Telefonat mit Dr. Hamer:
Er beruhigte mich betreffend Olivias Fieber und Schmerzen, die im Heilungsverlauf als normal anzusehen sind. Nochmals betonte er die Wichtigkeit, dass Olivia ihre Mutter zur ständigen Verfügung haben solle.

Telefonat mit Dr. Herz8, der sich angeblich auch mit der Neuen Medizin auskannte:
Auch er lehnte es ab, als verantwortlicher Arzt aufzutreten und riet uns den Gang zu den Medien.
Diesen Vorschlag versuchte ich sofort umzusetzen und rief meine Schwester Silvia an, damit sie mir einen Termin bei Herrn Schijok („ORF“)9, den sie persönlich kannte, verschaffte.

Telefonat mit Frau Schijok:
Sie wirkte sehr reserviert, erklärte sich aber bereit, mit ihrem Mann zu sprechen.

8 Name geändert
9 Österreichischer Rundfunk und Fernsehen



Donnerstag, 30.5.1995:

Olivia schwitzte die Nacht hindurch und ihr Pyjama musste sogar gewechselt werden. Am Morgen jedoch war sie fit.

Ein eigenartiger Traum plagte mich diese Nacht:
Ich gehe aus einem Café und bemerke, wie müde meine Beine sind. Ich schaue auf die Uhr und erkenne, dass in den nächsten 10 Minuten mein Zug nach Hause geht. Es ist weit bis zum Bahnhof. Ich versuche zu laufen. Es ist mir aber unmöglich, auch nur schneller zu gehen, meine Knie sind wie betäubt. Schließlich erreiche ich eine Firma, bei der ich hoffe, ein Taxi rufen zu können. Im Hof der Firma muss ich trotz meiner Müdigkeit über Fässer und andere Hindernisse klettern und werde von den anwesenden Firmenangehörigen mit unwilligen Blicken bedacht. Meine Knie sind einfach nicht zu gebrauchen.

Telefonat mit einer Freundin von Frau Dr. Rostovsky:
Die Freundin erklärt sich bereit, bei ihrem Rechtsanwalt in unserer Angelegenheit vorzusprechen. Für den Fall einer Anzeige, sollten wir auf alle Fälle mit dem zuständigen Jugendamt in Kontakt treten. Auch konnte sie eine deutsche Klinik namens „Vera-Med“-Klinik nennen, die nicht sofort mit Chemo vorgehen soll.

Telefonat mit „täglich alles“:
Dr. Hamer war bekannt. Ihrer Meinung nach liege es in unserer Entscheidung, eine Therapie zu wählen und wir wären auch nicht gezwungen, die Therapieform bekannt zu geben.

Am Nachmittag war ich bei Frau Dr. Rostovsky bestellt. Ich musste eine Erklärung unterfertigen, in der ich mich einverstanden erklärte, dass Olivia entsprechend der Neuen Medizin behandelt wird.
Anschließend fuhr ich nach Wr. Neustadt ins Krankenhaus zum vereinbarten Gespräch mit Prof. Jürgenssen.

Persönliches Gespräch mit Prof. Jürgenssen:
Ich legte ihm ein aufgesetztes Schreiben vor. Prof. Jürgenssen erklärte mir, er habe selbst die Leitung für das Projekt Wilmstumor in Wr. Neustadt aufgebaut. Dr. Mann sei sein Schüler. Die Wilmstumorbehandlung sei dann in das St. Anna-Kinderspital verlegt worden. Er habe sich bereits im St. Anna-Kinderspital beschwert, dass nicht sofort mit der Behandlung begonnen wurde, vermute aber, dass Dr. Mann sich wahrscheinlich in einem Kongress befand. Dieser hätte somit richtig gehandelt, indem er sofort mit der Therapie beginnen wollte. Weiters erklärte er mir noch die Widerstandskraft der Kinder. Würde deren Dosis an Chemo auf Erwachsene hochgerechnet diesen gegeben, würden diese sofort sterben!!
Prof. Jürgenssen vertrat die Ansicht, es wäre sein Recht und seine Pflicht, den Namen der Klinik oder des behandelnden Arztes zu erfahren, denn wir könnten ja auch einen Kurpfuscher in die Hände geraten sein.
Auf meinen Hinweis, dass uns mit juristischen Schritten gedroht wurde, meinte Prof. Jürgenssen, er kenne uns ja nicht und wie sonst könne er uns zur Preisgabe des Namens bewegen. Das angebliche Missverständnis (Vertrauensverlust) erklärte er damit, dass im St. Anna-Kinderspital eine hochtechnisierte, aber auch hochqualifizierte Routine herrsche und die Ärzte praktisch daran gewöhnt seien, Krebsdiagnosen Eltern mitzuteilen und dies bei uns vielleicht nicht schonend genug vorgetragen wurde.
Die Erfolgschancen bezifferte der mit „eventuell noch höher als 90%“, er könne aber nicht garantieren, dass Olivia die Behandlung überhaupt überlebe. Als ich dem Drängen des Prof. Jürgenssen nicht nachgab, meinte dieser, er habe einmal einer Mutter mit ihrem Kind nachgegeben und dieses sei gestorben. Ich wäre ja noch viel zu jung, um seine Qualen als Arzt verstehen zu können.
Meine Frage, ob bei einem seiner Kinder bereits Krebs diagnostiziert wurde, musste er verneinen, worauf ich erwiderte, dass dann wohl auch er meine Qualen nicht verstünde. Prof. Jürgenssen erklärte, das biblische Recht der Eltern über ihre Kinder zähle für ihn nicht. Er arbeite doch nicht Tag und Nacht und lasse sich dann alles kaputt machen. Er machte ein paar Randbemerkungen zu dem Schreiben, die ich hier hinzufüge und unterschrieb es.

Schreiben an Prof. Jürgenssen:

Wir, Erika und Helmut Pilhar, bedauern sehr, dass sich die Auseinandersetzung betreffend unseres Kindes Olivia Pilhar derart unerfreulich entwickelt hat.
Wir müssen hierbei jedoch festhalten, dass wir aufgrund mangelnden Vertrauens den behandelnden Ärzten gegenüber, dazu bewegt wurden, Olivia der Behandlung dieser Ärzte zu entziehen und sie (Olivia) dem (den) Arzt(en) unseres Vertrauens zur weiterführenden Behandlung übergaben.

Wir ersuchen Sie, Hr. Prof. Jürgenssen, sich als weitere Ansprechperson in dieser Thematik zu erklären. Begründen wollen wir dieses Ersuchen damit, dass bereits Sie sich selbst, aber auch Dr. Mann sowie Prof. Gadner vom St. Anna-Kinderspital sich als verantwortlich erklärt haben, wir aber Sie, Hr. Prof. Jürgenssen als verantwortlicher Arzt unseres Bezirks-Krankenhauses Wr. Neustadt ansehen.

Wir ersuchen Sie, uns folgendes zu bestätigen:
- Dem Kind, Olivia Pilhar, wurde „Wilmstumor“ diagnostiziert.
- Die Heilungschancen mit Chemotherapie, anschließend Operation und Fortsetzung der Chemotherapie wird von Ihnen mit 90% beziffert. „Beim vermuteten Stadium II vielleicht höher.“10
- Die Heilungschancen mit alleiniger, sofortiger Operation (Entfernung Tumor inkl. rechter Niere) beziffern Sie mit 40-50%.
- Bei Nichtbehandlung verdoppelt sich der Tumor innerhalb von Wochen und wegen Bildung von Metastasen wird dem Kind 1⁄2 bis 1 Jahr noch zu leben eingeräumt.
- (Sie erklären) den Eltern gegenüber, Ihrem Wissen nach, alle Erfolg versprechende therapeutischen Maßnahmen genannt zu haben. Diese sind:
- Sofortiger Beginn mit einer Chemotherapie mit anschließender Operation und Fortsetzung der Chemotherapie
oder
- sofortige Operation ohne Chemotherapie. „Dieses Gespräch ist von Dr. Mann geführt worden.“11

Weiters garantieren Sie:
- Olivia wird trotz erhaltener Chemotherapie in ihrem weiteren Leben Kinder bekommen können und keine, wie auch immer gearteten geistigen oder körperlichen Schäden davontragen.
- Die bisherigen Untersuchungen (bis Mo 22.5.95) ergaben, dass lediglich die Niere von Wilmstumor betroffen ist und alle weiteren Organe frei von Metastasen waren. Es werden sich nach der Entfernung des Tumors samt rechter Niere keine weiteren Metastasen bilden. „Nach unseren Erfahrungen ist dies möglich, wenn die lt. Protokoll für Wilmstumorbehandlung in Österreich vorgesehenen Maßnahmen getroffen werden. Was ich nicht garantieren kann (genauso wenig wie ich garantieren kann, dass es bei der Heimfahrt mit dem Auto keinen Unfall geben
















































 kann) ist das Ausbleiben einer Komplikation. Eine Garantie wird nie möglich sein.“12

Sie bestätigen weiters:
- Uns Eltern mit juridischen Schritten gedroht zu haben, wenn wir die Klinik und/oder den behandelnden Arzt nicht bekannt geben. „...da ich nicht wissen kann, ob einem Kurpfuscher geglaubt wird.“13
- Dieses Schreiben in einem persönlichen Besuch von Hr. Helmut Pilhar (Vater von Olivia Pilhar) erhalten zu haben und nach eventuell erforderlichen Rückfragen bei Dr. Mann (St. Anna-Kinderspital) den Inhalt dieses Schreibens als wahr und nicht anzweifelbar zu erachten.

Wir stellen ausdrücklich fest, dass unser Motiv keinen, wie auch immer gearteten religiösen Ursprung hat und verwehren uns gegen den Vorwurf, primär ein anderes Ziel als die Heilung unserer Tochter zu verfolgen.

Wir als verantwortliche Eltern sehen uns gezwungen, uns um Rechtsbeistand umzusehen, sollten Sie bei Ihrer Drohung einer Anzeige gegen uns bleiben.

Olivia fühlte sich den ganzen Tag wohl.

10, 11, 12, 13 Fett gedruckt: Handschriftliche Einfügung von Prof. Jürgenssen