Kapitel 4

Am Beginn einer schweren Zeit...

Freitag, 19.5.1995:

Oft wird der Mensch mit sehr schmerzlichen Situationen konfrontiert. Er hat dann lediglich zwei Möglichkeiten. Sie anzunehmen, um das Beste daraus zu machen oder aufzugeben.
Wir mussten durch. So wie viele vor uns, standen nun auch wir am Beginn einer schweren Zeit. Niemand konnte jetzt sagen, wie diese Geschichte enden würde. Jeder hoffte das Beste und rechnete mit dem Schlimmsten.

Ich fuhr mit dem Auto von Maiersdorf nach Wr. Neustadt, machte ein paar Besorgungen für Olivia, wie Hausschuhe usw. und fuhr anschließend mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Wiener St. Anna-Kinderspital.

Am Nachmittag klärte uns eine Ärztin über Olivias Krankheits- und Behandlungsverlauf auf. Es wird eine mehrwöchige Chemotherapie vor der Operation stattfinden, dann wird operiert und danach die Chemotherapie fortgesetzt. Sie bewertete die Überlebenschance mit 70-80%. An der Leber befände sich ein Schatten, den die Ärzte noch nicht richtig interpretieren könnten. Sie versprach uns, dass ein ausführliches Ärztegespräch vor Beginn der Therapie erfolgen würde.
Die Ärztin sprach ruhig auf uns ein. Wir müssten unser ganzes Leben nun auf diese neue Situation erst schön langsam umstellen. Wir waren betroffen, als sie in Erwägung zog, dass Olivia vielleicht auch auf anderen Organen Metastasen haben könnte. Was sollte der Schatten auf der Leber bedeuten? Dies würde erst die kommenden CTs ergeben.
Bis jetzt glaubten wir, Olivia würde sofort operiert. Jetzt hieß es, es müsse eine sechswöchige Chemo vorgeschoben werden.
Und wie sollten wir mit den %-Angaben an Überlebenschance umgehen? Gut, von 100 Kindern würden „nur“ 20-30 sterben und 70-80 überleben. Aber bei welcher Gruppe wird sich Olivia befinden?

Ich fahre zurück, hole das Auto in Wr. Neustadt und gehe der Bitte Erikas nach, mit einem weiteren Naturheiler aus diesem Bezirk zu sprechen.
Diesen Naturheiler kannten wir bereits seit geraumer Zeit. Der Kontakt wurde aber von uns, eigentlich mehr von meiner Seite, einseitig gelöst. Er vertritt eine Glaubensgemeinschaft, die für mich einige faschistoide Züge zu erkennen gab. Mich störten solche Aussagen wie: „Die deutsche Sprache sei die höchstentwickelte Sprache“ und „Neger seien gegenüber Weißen in ihrer Entwicklung rückständig“. Die Hauptaussagen dieser Glaubensgemeinschaft stützten sich auf die Worte Jesu, sonst aber war sie in Opposition zur Kirche. Viele Gesichtspunkte waren auch meiner Meinung nach korrekt und bestechend in der Logik.
Aber seit meinem letzten Besuch waren Jahre vergangen und ich war sicher, dass mir der Naturheiler meinen Absprung vorhalten würde. Erika hatte meinen Besuch angekündigt. Ich wartete im Verkaufsraum, bis er sich für mich Zeit nahm.
Als er mir gegenübertrat, sah ich meine Befürchtungen sofort bestätigt. Normalerweise hätte er mich von sich aus in sein Zimmer einen Stock höher hinaufgebeten. Jetzt machte er keine Anstalten dazu. Nicht einmal einen Sitz wollte er mir anbieten. Nun, so leicht gab ich nicht auf. Also bat ich ihn, sich doch ein wenig Zeit zu nehmen, damit ich ihm in Ruhe unsere jetzige Situation erklären könne.
Wir betraten sein Zimmer und nahmen gegenüber Platz. Viel brauchte ich ihm nicht zu erzählen. Er begann sofort mir seine Vorhaltungen an den Kopf zu schmeißen. Wir hätten nicht an ihn geglaubt! Er hätte soviel Stunden in uns investiert! Vor allem in Erikas Schuppenflechte!
Was war der Erfolg? Erika hat ihre Schuppenflechte noch immer! Unser Kind hätte Krebs und überhaupt, so meinte er weiter, müssten wir eine sehr schlechte Ehe führen. Wie sonst sei unser Schicksal erklärbar?
Ich war betroffen. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Er war früher viel verständiger und hatte anscheinend unendliche Geduld. Jetzt aber hatte ich den Eindruck, dass er sich fürchtete, mit einem erfolglosen Fall wieder einmal in die Schlagzeilen zu geraten. Er wollte uns nicht helfen. Ich fragte mich, was ich bei ihm eigentlich verloren hatte!

Tiefe Trostlosigkeit ergriff mich auf dem Weg nach Hause. In der Küche waren die Schwiegereltern und Veronika, Erikas Schwester. Ich berichtete ihnen von Olivia und dem letzten Geschehen. Tränen bemächtigten sich meiner. Auf der Stiege zu unserem Stock schaute mich Elisabeth groß an, streckte mir ihre Arme entgegen und sagte: „Bist du traurig? Aber Gott sei Dank hast Du ja noch mich!“ Ich nahm sie hoch und drückte sie ganz fest.



Samstag, 20.5.1995:

Als ich am nächsten Tag wieder bei Olivia im Spital eintraf, merkte ich, dass Erika nervlich am Ende war. Sie hatte den Wunsch aus dieser Anstalt raus zu kommen. Sie wollte heim. Wir besprachen mit Olivia, dass ich diese Nacht bei ihr verbringen wollte und ich war unendlich froh, dass sie mich so ohne weiteres akzeptierte.

Erika kehrte am frühen Nachmittag nach Hause zurück. Seit langer Zeit stieg in mir wieder meine gewohnte Ruhe hoch. Schön langsam lebten wir uns in die Krankenhausroutine ein. Wir lernten die einzelnen Räume kennen, und mit der Zeit konnten wir uns frei innerhalb der Station bewegen. Ich hatte auch so ein Gefühl wie Optimismus, dass alles gut gehen wird.

Olivia durfte tun und lassen was sie wollte. Ich versuchte ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Es stand mir viel Zeit zum Nachdenken zu Verfügung.



Sonntag, 21.5.1995:

Mit Erika trafen Judith, ihre Schwägerin, und Erikas Bruder Willi ein. Meine Schwester Michaela kam ebenfalls auf Besuch. Erika war wie ausgewechselt. Gestern war sie deprimiert und kraftlos, heute strotzte sie vor Energie.
Den Grund dafür erfuhr ich bald. Erika hatte die Absicht, einen alternativen Weg mit Olivias Krankheit zu beschreiten. Ich war entsetzt! Ich selbst hatte mich mit der gegebenen Situation so einigermaßen abgefunden, war auch der Überzeugung, dass hier Olivia wahrscheinlich geholfen werden könnte, und jetzt wollte meine Frau einen gänzlich anderen Weg einschlagen. Und welch einen Weg noch dazu? Sie wollte zu ihrer Cousine Karin gehen und um Hilfe bitten. Deren Mann Gerald war seit geraumer Zeit als holistischer Berater tätig. Die beiden vertraten für mich absolut obskure Ideen, z.B. würde ihrer Überzeugung nach die Erde bald zugrunde gehen und lediglich ein paar auserwählte Seelen sollten von Außerirdischen gerettet werden. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Was sollte ich nun tun? Ich erklärte Erika, dass mir ihr Weg absolut gefährlich erschien und machte sie darauf aufmerksam, hierfür alleine die Verantwortung übernehmen zu müssen. Mit allem erklärte sich Erika einverstanden. Ich war der Verzweiflung nahe. Sollte ich es ihr verbieten? Und was, wenn im St. Anna-Kinderspital Olivia nicht geholfen werden konnte? Dann würde Erika, wahrscheinlich zu Recht, mir den Vorwurf machen, nicht alles unternommen zu haben.
Auch Willi und Judith bearbeiteten mich, mir doch zumindest eine Alternative aufzeigen zu lassen. Ich fühlte mich entsetzlich und drohte innerlich zu zerreißen.
Ich gab schließlich nach. Wir machten uns auf den Weg zu Karins Schwiegermutter. Dazu borgten wir uns das Auto meiner Schwester, da unseres zu Hause stand. Bei dieser Familie eingetroffen, führten sie uns vorerst in ein Zimmer. Dort hatten wir unter ihrem Beisein solange zu warten, bis Gerald, ihr Sohn und Karins Ehemann, mit seiner Sitzung zu Ende war. Das Zimmer war voll mit Büchern und Tonkassetten. Alles einschlägig, so schien es mir. Geralds Mutter hatte ich zuvor noch nicht kennen gelernt. Sie war eine Dame um die 50 Jahre, sonnengebräunt und mit einem strahlenden Lächeln. Sie erschien mir recht herzlich, doch hatte ich Vorbehalte ihr und ihrem Sohn gegenüber. Ich überließ es Erika fast zur Gänze, die Konversation zu führen.
Schließlich kam Gerald und führte uns in das Wohnzimmer, in dem mehrere, mir unbekannte Personen anwesend waren. Ingeborg, seine Mutter, sorgte für einen gedeckten Tisch mit Kuchen, Getränken und verschiedenem mehr. Zu Geralds Rechten saß eine Frau, die sich später als Geralds Medium, zu den für Kinesiologen üblichen Befragungsritualen, zur Verfügung stellte. Ich gebe zu, dass das Folgende auf mich einen sehr merkwürdigen und äußerst fragwürdigen Eindruck machte. Gerald fragte das Medium über Olivias Krankheit aus. Dazu stellte er die entsprechende Frage, drückte mit beiden Händen auf die ausgestreckten Arme des Mediums und erkannte am Gegendruck ihrer Arme, die jeweils entsprechende Antwort. War der Gegendruck stark, so war seine Frage mit „Ja“ beantwortet und umgekehrt. Er gab vor, alles Mögliche erfragen zu können. Ob Olivia nur diesen Tumor habe, ob Olivia sonst metastasenfrei sei und vieles mehr.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich aber auch mit den übrigen Anwesenden ein interessantes Gespräch. Gut erinnere ich mich an ein Pärchen, beide etwa 30 Jahre alt. Der Mann litt vor einem Jahr an Gehirntumor und wurde operiert. Bevor man ihm jedoch die Chemo verabreichen wollte, konnte ihn seine Freundin aus dem Spital herausbekommen. Er selbst war damals in einem nicht aufnahmefähigen Zustand und bekam von seiner Umgebung und von dem, was da eigentlich mit ihm passierte, nicht viel mit. Die Ärzte waren natürlich über das Vorgehen seiner Freundin fürchterlich entsetzt und prophezeiten ihr den baldigen Tod ihres Freundes. Er überlebte aber alle bisherigen Todestermine der Ärzte und ich hatte wirklich den Eindruck, dass es ihm eigentlich recht gut ging. Seine Freundin erzählte noch den Augenblick ihres Erscheinens im Spital recht eindrucksvoll. Gerade als sie das Krankenzimmer ihres Freundes betrat, sah sie, wie die Nadel der Chemospritze am Arm ihres Freundes abglitt und sich verbog.
Gerald vertrat die Ansicht, dieser Mann hätte nie einen Gehirntumor gehabt. Er litt an einem ganz anderen Krebs. Dies stellt er mit Hilfe seines Mediums, also dieser Frau neben ihm fest.
Ich ließ alles an mich heran, wollte zwar glauben, konnte aber nicht. Ich erkannte keine Therapie, ich erkannte keinen Ausweg für Olivia. Ich nahm mir vor, wenn Erika darauf bestehen würde, bei Gerald Hilfe zu suchen, ihr ordentlich die Leviten zu lesen. Ohne mich! Ich würde ihr mit allem drohen, auch mit dem Gesetz!
Schließlich wurde aber das Gespräch auf einen Krebsarzt namens Dr. Hamer gelenkt und uns wurde eine Adresse einer Wiener Ärztin überreicht, die entsprechend den Erkenntnissen dieses Arztes vorgehen würde. Damals brachte ich Dr. Hamer noch mit Geistheilung in Zusammenhang und war überhaupt nicht beeindruckt. Wir erhielten auch Bücher über seine angeblichen Entdeckungen.

Wir kehrten zu Olivia ins Kinderspital zurück. Da geschah etwas Unvorhersehbares. Wegen Platzmangels wurde ein achtjähriges Mädchen zu uns ins Zimmer verlegt. Sie hieß Anna und hatte bereits eine einjährige Chemotherapie hinter sich. Ich war über Annas psychische und physische Verfassung entsetzt. Auch Erika und Olivia waren sichtlich betroffen. Anna litt an Knochenkrebs. Mein Bett wurde für sie frisch bezogen und man stellte mir ein Feldbett im selben Zimmer in Aussicht. Anna wurde abgewogen. Die Schwester brachte zu diesem Zweck die Waage ins Zimmer und Anna stellte sich darauf. „22,5 kg! Gott sei Dank, zugenommen!“ Das waren Annas erste Worte und sie trafen mich mit großer Wucht.
Ihre Eltern und die Schwestern kümmerten sich darum, Annas Habe zu verstauen und ihr es so bequem wie möglich zu machen. Auch wurden ihr sogleich Medikamente vorgesetzt, die Anna aber mit der Begründung, nicht schlucken zu können, verweigerte. Der kurze Dialog der Schwester mit Anna entsetzte mich noch mehr. „Schau Anna“, meinte die Schwester, „kannst Du gut schlucken, bekommst Du das Medikament in Tablettenform. Kannst Du weniger gut schlucken, bekommst Du das Medikament in Tropfenform und kannst Du überhaupt nicht schlucken, bekommst Du es intravenös. Du kannst es Dir aussuchen.“ Erst im Laufe der Zeit erfuhr ich, dass die Chemotherapie großen Schaden an den Schleimhäuten verursacht. Sowohl im Mund und Rachenbereich, als auch im Darm.
Es gelang mir, ein kurzes Gespräch mit Annas Vater zu führen. Er erklärte, dass die Behandlung ursprünglich für ein paar Monate geplant war, jetzt aber bereits ein Jahr dauerte. Anna hätte nun die vorletzte Chemorunde vor sich. Dann, so meinte er, habe sie es überstanden. Mehrere Operationen musste sie schon über sich ergehen lassen. Teile des Schienbeins und des Knies mussten durch Implantate ersetzt werden.

Dies war für mich eigentlich der Auslöser, Erikas Wunsch, nach Alternativen zu suchen, doch nachzugehen.



Montag, 22.5.1995:

Vom St. Anna-Kinderspital aus wurden wir mit einem Rettungswagen zu einem Röntgeninstitut in der Nähe der Urania gefahren. Olivia nahm ihren neuen Lieblingsteddy von ihrer Tante Michaela mit. Dort mussten wir einige Zeit warten, bis wir an die Reihe kamen. Um die Langeweile zu vertreiben, beobachteten wir die anwesenden Personen. Olivia gefiel besonders eine etwas ältere, dickere Dame, die die Wartezeit mit einem Nickerchen nützte und recht deutlich schnarchte. Erika holte einstweilen ein homöopathisches Mittel aus einer nahen Apotheke. Als Olivia endlich an die Reihe kam, waren schon Stunden vergangen.

Endlich waren die Aufnahmen fertig und wir machten uns wiederum mit dem Rettungswagen auf den Weg zurück in das St. Anna-Kinderspital. Wir gaben die Aufnahmen bei den Schwestern ab und mir wurde von ihnen ein nahe stehender Arzt als der behandelnde Arzt für Olivia gezeigt, mit der Bemerkung, dieser werde sich, sobald er die Aufnahmen (CTs) gesehen hätte, an uns wenden. Wieder verging eine beträchtliche Zeit. Nervös trieb ich mich in der Nähe dieses Arztes herum, damit ich die Gelegenheit sofort nützen konnte, wenn er mit der Erledigung anderer Dinge fertig wäre. Dadurch gelang es mir, ein Gespräch zwischen diesem Arzt und einem angekommenen Vertreter ungewollt zu belauschen. Sie diskutierten über ein vom Vertreter präsentiertes Produkt.

Arzt: Und die Vorteile gegenüber dem alten Produkt?
Vertreter: Weiß ich nicht. Ich müsste nachsehen.
Arzt: Aber es ist doch wesentlich, die Vorteile zu kennen.
Vertreter: Ich muss mich informieren und werde sie Ihnen nennen.

Das Produkt wurde trotzdem vom Arzt entgegengenommen mit der Bemerkung:

Arzt: Es liegt nicht in meiner Kompetenz, über die Annahme des Produktes zu entscheiden.

In diesem Moment kam es zum Blickkontakt zwischen dem Arzt und mir und ich überlegte, ob ihm nun mein Mitanhören des Gespräches peinlich war. Seine weiteren, normalen Reaktionen ließen aber keine entsprechenden Rückschlüsse zu. Der Arzt betrat unser Zimmer und stellte sich als Herr Dr. Mann vor. Er meinte, nun alle Ergebnisse der letzten Untersuchung zu wissen und die hierfür notwendige Therapieform zu kennen. Er wollte sofort mit der Chemotherapie beginnen, damit keine unnötige Zeit verstreiche. Das versprochene Ärztegespräch räumte er für den folgenden Tag ein. Als wir uns dagegen verwahrten, erklärte er, einen Fehler begangen zu haben und war sofort für ein Gespräch bereit.
Auch er bestätigte die Therapieform mit mehrwöchiger Chemo, Operation und Fortsetzung der Chemo, bezifferte aber die Heilungschance mit 80-90%. Da er unsere Ablehnung gegenüber der Chemo erkannte, schlug er uns als Alternative eine sofortige Operation vor, bezifferte deren Heilungserfolg aber lediglich mit 40- 50%.
Er versuchte, ruhig mit uns zu sprechen. Ich hatte aber den Eindruck, dass dieser Arzt hoffnungslos überarbeitet war oder sonstige schwere Probleme hatte. Irgendwie wirkte er verkrampft.
Angesprochen auf das mitgehörte Gespräch zwischen ihm und dem Vertreter am Vormittag, meinte er, dass wir daraus sein Verantwortungsbewusstsein erkennen können. Als wir ihm erklärten, einen weiteren Arzt konsultieren zu wollen, lehnte er vorerst ab und drohte, unseren Fall seinen Vorgesetzten mitzuteilen, der wahrscheinlich rechtliche Schritte gegen uns einleiten werde. Dr. Mann verlor zusehends seine Ruhe und versuchte händeringend, uns umzustimmen. Wir blieben bei unserer Absicht und nahmen das Kind auf Revers aus dem Spital. Hiefür musste dieser Revers zuerst von Dr. Mann und einer weitern Ärztin aufgesetzt werden. Durch unseren Entschluss gegen den ärztlichen Willen, kam eine beachtliche Aufregung in das sonst ruhige Treiben der Station.

Wir fühlten plötzlich von allen Ärzten und Schwestern eine Aversion uns gegenüber. Anscheinend kam es nicht oft zu solch einer Situation wie dieser. Plötzlich hatte ich Angst, dass man zu verhindern suchte, uns gehen zu lassen und veranlasste Erika zu packen, um so rasch wie möglich bei drohender Gefahr flüchten zu können. Dr. Mann händigte uns schließlich doch noch die Untersuchungsbilder aber ohne jeden Befund aus. Dies wurde mir erst später bewusst. Er verlangte auch noch, dass wir spätestens in zwei Tagen wieder von uns hören ließen bzw. was ihm sinnvoller erschien, dass wir dann wieder zurückkehren müssten.

Besuch bei Frau Dr. Rostovsky5:
Wir fuhren mit dem Taxi zu Frau Rostovsky, die uns Gerald empfohlen hatte, froh das St. Anna-Kinderspital hinter uns zu lassen. Allerdings war mir absolut nicht klar, was uns dort erwarten solle. Frau Dr. Rostovskys Ordination befand sich in einem Wiener Altbau, hatte aber eine angenehme Atmosphäre. Sie führte ein längeres Gespräch mit Erika. Olivia und ich gingen derweilen in den kleinen Innenhof und suchten nach einer Beschäftigung. Immer wieder stieg das Bewusstsein über Olivias Krebs in mir hoch. Oft musste ich mit aufkommenden Tränen kämpfen.
Endlich wurden wir gerufen. Frau Dr. Rostovsky bestand darauf, dass Olivia während der Gespräche nicht anwesend sein dürfe. Also gaben wir Olivia Papier und Buntstifte, und sie malte in einem abgelegenen Zimmer ein Bild. Olivia malt sehr gerne und war damit voll einverstanden.
Mein erster Eindruck von Frau Dr. Rostovsky im Gespräch war nicht überzeugend. Sie sprach sehr viel über Geistheilung und Wahrsagerei. Mit meinem damaligen Weltbild war ihre Ansicht absolut nicht vereinbar und ich geriet in eine leichte Nervosität, nun doch nicht an kompetente Stelle geraten zu sein.
Sie stellte außer dem Wilmstumor auch eine Schädigung der Leber fest. Sie erklärte, mit Wilmstumor keinerlei Erfahrung zu haben und riet uns direkt mit Dr. Hamer in Kontakt zu treten. Sie würde eine Wahrsagerin über diesen Fall befragen und wenn diese zu dem Schluss käme, eine Chemotherapie sei für Olivia wichtig, so müssten wir diesen Rat befolgen. Ich war total verwirrt.

Erst als Frau Dr. Rostovsky erwähnte, dass wir von Wahrsagerei gegenüber Dr. Hamer nichts erwähnen dürften, da dieser davon absolut nichts halte, wusste ich, dass wir diesen Kölner Arzt ruhig aufsuchen konnten und ich fasste wieder Hoffnung. Ein Termin mit ihm wurde vereinbart. Frau Dr. Rostovsky schrieb noch ein Rezept über verschiedene homöopathische Mittel und eine Überweisung an einen Röntgenarzt in Mödling für die Erstellung eines Kopf-CTs. Anschließend fuhren wir heim.

Zu Hause führte ich mit Erika ein längeres Gespräch. Zweifel plagten mich. Frau Dr. Rostovskys Hinweis, wir müssten Olivia einer Chemotherapie unterziehen, wenn dies die Wahrsagerin für richtig hielte, war für mich absolut inakzeptabel. Wie könnte man einer Wahrsagerin Entscheidungen über derart schwerwiegende Fragen überlassen? Was würde uns in Köln erwarten? Erika erklärte, es werde uns der richtige Weg gezeigt werden. Erika sprach ihr eigenes Gottvertrauen an. Sie verlangte von mir, in Gott zu vertrauen. Wie sollte ich? Ich war Atheist. Sie warf mir vor, vielleicht dadurch vieles zu verschulden. Wir waren überfordert. Unter Tränen sprachen wir miteinander. Ich fragte sie, ob dies eine Prüfung Gottes für mich sei. Sollte Gott von mir wirklich fordern, an ihn zu glauben? War dies die Bedingung, dass ich Olivia wieder gesund zurückerhielt?

5 Name geändert



Dienstag, 23.5.1995:

Am Morgen machten wir uns sofort auf den Weg zu dem zuerst aufgesuchten Naturheiler, um ihn nochmals um konkrete Unterstützung zu bitten. Ich war gespannt, ob er seine eher ablehnende Haltung weiter beibehalten würde. Dem war aber nicht so. Im Gegenteil. Er sprach mit uns wie auch sonst immer und strahlte Optimismus aus, so dass wir Zuversicht und Hoffnung fassten. Wir kannten diesen Mann nun schon Jahre und waren von seiner ruhigen Art und seiner gläubigen Einstellung gegenüber dem Naturgeschehen tief berührt. Seine treffsichere Diagnostik hatte mich auch schon in der Vergangenheit sehr beeindruckt. Er gab uns einige Produkte aus seiner Palette mit und als ich ihm seinen Zeitaufwand entschädigen wollte, lehnte er höflich aber bestimmt ab und erklärte, er fühle sich beleidigt, für eine Hilfestellung Geld annehmen zu sollen. Für ihn bedeutete es eine Gabe Gottes, anderen Menschen helfen zu können. Seine nunmehrige Hilfsbereitschaft führte ich direkt auf unsere Entschlossenheit zurück, die Chemotherapie strikt abzulehnen.

Seit Tagen fühlten wir uns das erste Mal wieder psychisch wohl. Dem Naturheiler gelang es, uns Mut zuzusprechen und wir hatten ein konkretes Ziel vor Augen, nämlich einen außergewöhnlichen Arzt in Köln, den Herrn Dr. Hamer. Ich nützte jede Gelegenheit, um mich mit den Büchern dieses Arztes vertraut zu machen. Es gelang mir leicht, in seinen Schriften einen für mich verständlichen „roten Faden“ zu finden und meine Erwartung stieg, diesen Mann persönlich kennen zu lernen.

Gegen 14:30 Uhr fanden wir uns bei dem Radiologen in Mödling ein, um ein Kopf-CT von Olivia erstellen zu lassen. Alles verlief ohne Komplikationen. Ich bewunderte die Ärzte, die sich im Stillen zusammengeschlossen hatten, um Patienten entsprechend der Neuen Medizin helfen zu können. Aus den erhaltenen Skripten über die Neue Medizin wusste ich über deren Schwierigkeit, anerkannt zu werden, und dass in gewissen Kliniken und auch Praxen die Erstellung eines Kopf-CTs nicht mehr zugelassen wurde. Damit wollte man es Patienten erschweren, die sich für die Neue Medizin entschieden hatten.

Von Dr. Hamers Meinung über die psychische Ursache der Krebsentstehung angetan, versuchte ich mich an eine mögliche Ursache bei Olivia heranzutasten. Es kam vor dem Schlafengehen zu folgendem Gespräch mit Olivia:

Vater: Olivia, fürchtest Du Dich vor der Dunkelheit?
Olivia: Nein, aber vor dem, was ich träume.
Vater: Was träumst Du?
Olivia: Ich weiß nicht. Wenn ich daran denke, dann träume ich davon, und das will ich nicht. Wenn ich aber sage: „Bitte lieber Gott, ich will nichts träumen!“, dann träume ich auch nichts.
Vater: Soll Mama heute bei Dir schlafen?
Olivia: Ja.



Mittwoch, 24.5.1995:

Das Gespräch von gestern Abend beschäftigte mich noch und ich versuchte, daran anzuknüpfen:

Vater: Olivia, es kann sein, dass Deine bösen Träume schuld an Deinem Knödel im Bauch sind. Der Doktor in Deutschland wird Dich vielleicht danach fragen.
Olivia: Jetzt gehe ich ja nicht schlafen und traue mich, mich an die Träume zu erinnern. Da ist eine alte Röhre, in der ich mich befinde, und ein dicker Mann will herein, passt aber nicht durch. Er geht dann neben mit...
Vater: Siehst du den dicken Mann später noch im Traum?
Olivia: Wenn er neben der Röhre hergeht, wache ich auf.

An dieser Stelle möchte ich ein paar Besonderheiten von Olivia erwähnen:

Olivia lehnte es als einziges unserer Kinder ab, bei uns Eltern zu schlafen.
Sie wachte des Öfteren nachts laut schreiend auf und war kaum mehr zu beruhigen. In solcher Verfassung war sie auch nicht ansprechbar und wimmerte mit angstgeweiteten Augen vor sich hin. Es dauerte dann einige Zeit bis sie wieder durch ihre Mutter zu Bett gebracht werden konnte. Erikas Vater erklärte, dass auch er als Kind solches Verhalten aus einem Furchtgefühl heraus zeigte.
Olivia ist ruhiger als ihre Geschwister und gibt auch eher als diese in einer Auseinandersetzung nach.

Wir bereiteten uns für die Reise nach Köln vor. Olivia freute sich riesig, nun endlich wieder einmal mit dem Zug und noch dazu in einem eigenen Schlafabteil reisen zu dürfen.
Am Wiener Westbahnhof trafen wir meine Schwester Silvia mit ihrem Sohn Christoph, die sich von uns verabschiedeten und Olivia noch ein Geschenk mit auf die Reise geben wollten. Wir belegten in dem furchtbar langen Zug im ersten Wagon das erste Abteil und waren über den gebotenen Komfort angenehm überrascht. Olivia war durch dieses außergewöhnliche Erlebnis und die erhaltenen Geschenke aufgedreht und es dauerte einige Zeit, bis wir uns Schlafen legen konnten. Ich studierte während der nächtlichen Fahrt noch lange in den Schriften von Dr. Hamer, bis auch mich die Müdigkeit in einen durch das Rumpeln des Zuges oftmals unterbrochenen Schlaf lullte.