Kapitel 8
Hat die Schulmedizin ein Monopolrecht?
Mittwoch, 31.5.1995:
Massiver Druck seitens der Ärzte am frühen Morgen (9:00 Uhr).
Telefonat von Prof. Jürgenssen:
Er fragt, ob sich unsere Einstellung geändert habe. Ich verneine. Weiters wollte Prof. Jürgenssen wissen, ob wir mit Olivia bei Dr. Hamer in Behandlung seien. Auch dieses verneinte ich, was ja auch nicht zutraf. Prof. Jürgenssen bezeichnete Dr. Hamer als Kollegen, der unqualifizierte Diagnosen stelle und irgendwo im Burgenland oder in der Steiermark ein Zentrum besitze. Ein Recht der Eltern auf Geheimhaltung des behandelnden Arztes bestritt Prof. Jürgenssen und legte auf.
Abgesehen von dem Druck, den sämtliche Ärzte auf uns ausübten, war bemerkenswert, dass alle Dr. Hamer als Kontrahenten vermuteten. Wie um alles in der Welt kamen sie auf diesen Kölner Arzt? Kannten wirklich sämtliche Onkologen Dr. Hamers Neue Medizin und wenn ja, wie konnte man sich dann deren Verhalten erklären? Wir hatten den Eindruck, Dr. Hamer war das personifizierte schlechte Gewissen dieser Onkologen.
Mir war bekannt, dass die Arztwahl frei ist und man den Namen des behandelnden Arztes nicht nennen musste. Prof. Jürgenssen räumte dies aus: „Ja, wenn es um eine Blinddarmoperation ginge, dann schon, aber hier liegt Krebs vor, an dem das Kind sterben kann.“
Verlieren also Eltern bei einer Krebsdiagnose ihres Kindes automatisch jedes Recht, bei der Therapie mitzubestimmen? Müssen dann diese Eltern ihr Kind jeder Therapie, die gerade schulmedizinisch aktuell ist, ausliefern und dies mit ihrer Unterschrift sogar noch bekräftigen, auch dann, wenn sie von dieser nicht überzeugt sind? Genügt es vielleicht schon, wenn der Arzt behauptet, es ginge um Leben und Tod bei dem Kind, und die Eltern verlieren damit automatisch alle Elternrechte? Leben wir in einem Staat, in dem die Medizin Diktaturrecht besitzt? Laufen wir hier nicht Gefahr, dem Staat unbequem erscheinende Personen über deren Kinder gefügig zu machen?
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| Zeichnung Olivias vom 31.05.1995 ins Tagebuch des Vaters |
Gut, es mag berechtigterweise entgegengehalten werden, Eltern könnten aus religiösen Motiven handeln oder einem Scharlatan Glauben schenken. Nun, religiöse Motive hatten wir nicht, wir erlauben uns aber auch in keiner Weise, Entscheidungen aufgrund religiöser Beweggründe zu bewerten. Und dass wir keinem Scharlatan auf dem Leim gegangen waren, wussten wir. Dazu hatten wir genügend Bestätigung über die Richtigkeit der Neuen Medizin anderer, anerkannter Schulmediziner in Händen. Wie sollten wir also die Behörden überzeugen?
Warum sollten wir eigentlich die Behörden überzeugen? Hat die Schulmedizin ein Monopolrecht auf Heilung? Könnte sie 100%igen Erfolg vorweisen, dann wäre alles klar, und es gäbe keine Diskussion. Natürlich würde man dann die Schulmedizin wählen. Aber das kann sie nicht! Innerhalb der letzten zwei Jahre sind zwei meiner nahen Verwandten an Krebs gestorben.
Für mich sind 100% meiner an Krebs erkrankten Verwandten in der schulmedizinischen Therapie verstorben!
Gegenüber der Neuen Medizin tritt die etablierte, schulmedizinische Ärzteschaft derart anmaßend auf, dass sie zu nachweislich reproduzierbaren und höchste Heilungsquoten versprechenden Vorgehensweisen in der Krebstherapie nicht nur keine öffentliche Stellung bezieht und dies im streng naturwissenschaftlichen Prinzip beurteilt, sondern wie im Mittelalter dies dogmatisch von sich weist, ohne Prüfung als Scharlatanerie verurteilt, davon überzeugte Ärzte unter Drohung des Entzuges der Approbation zum „Abschwören“ zwingt und alle davon überzeugten Eltern als nicht urteilsfähig einstuft und gerichtlich gegen sie vorgeht.
Die Schulmedizin bedient sich der Justiz, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen.
Wir als Eltern von Olivia sind von Dr. Hamers Neuer Medizin im Allgemeinen und von seiner Diagnose betreffend Olivia im Speziellen komplett überzeugt. Dr. Hamer diagnostizierte, dass sich Olivia im Heilungsprozess der Krankheit Krebs befindet und wir als Eltern diesem Kind die optimale Therapie angedeihen lassen können, wenn Olivias Mutter vorerst aufhört, arbeiten zu gehen und dadurch dem Kind genau das wieder gibt, was es so nötig braucht – eine ständige, ununterbrochene Fürsorge der Mutter.
Uns überzeugt dies, denn wir sahen zwar die Qualen Olivias als ihre Mutter arbeiten ging, dachten aber, Olivia würde sich schon daran gewöhnen. Sie gewöhnte sich auch daran, aber auf ihre persönliche, uns nicht erkennbare Weise. Ihr Organismus schaltete auf das natürliche Notprogramm „Krebs“ um mit einer bestimmten Organreaktion. Unterstützen wir unser Kind, indem wir ihm real zeigen, dass es dieses Notprogramm nicht mehr benötigt, indem also ihre Mutter ständig um sie ist, hört der Krebs auf zu wachsen. Das Kind gesundet. Davon sind wir überzeugt.
Donnerstag, 1.6.1995:
Telefonat von Herrn Reisner, Jugendamt:
Ich nützte die verbleibende Zeit und nahm den Termin bei dem empfohlenen Rechtsanwalt vor.
Besuch bei Rechtsanwalt Dr. Kleiner:
Telefonat mit Frau Dr. Rostovsky:
Besuch von Herrn Reisner (Jugendamt):
Olivia hatte kein Fieber, keine Schmerzen und war wohlauf.
Freitag, 2.6.1995:
Besuch am Bezirksgericht Wr. Neustadt bei Herrn Richter Masizek:
Auf meinen Einwand, dass es sich in diesem Fall um medizinische Meinungsverschiedenheit handle, ähnlich dem Fall des Arztes Dr. Semmelweis (der für den Richter interessanterweise kein Begriff war) und hierbei sich doch das Gericht auch diese zweite Meinung anhören müsse, um keine Fehlentscheidung zu treffen, erklärte Richter Masizek, dass innerhalb der nächsten drei Wochen eine Anhörung beider Seiten stattfinden könne. Das fand ich korrekt, wandte aber ein, dass der Arzt, nach dessen Rat ich Olivia therapieren lassen wollte, zur Zeit wegen Beleidigung in Österreich strafrechtlich verfolgt werde. Richter Masizek räumte mir ein, dass auch ein anderer Arzt, der dieselben medizinischen Thesen vertrete, kommen könne. Ich bedankte mich und ging.
Ich war der Meinung, dass gerade eine solche richterliche Anhörung im Sinne der Neuen Medizin sein müsste, da dieser nun endlich die Gelegenheit geböten würde, vor dem Gesetz für die Richtigkeit ihrer Behauptung den Beweis antreten zu dürfen. Wie einfältig! Weder auf die Zusagen des Richters, noch auf die Ärzte der Neuen Medizin konnte ich zählen.
Telefonat mit Frau Dr. Rostovsky:
Meine Vorfreude war vernichtet.
Telefonat mit Dr. Bauml:
Ich bekam es mit der Angst zu tun und verfasste einen Brief an die Internationale Helsinki Föderation für Menschenrechte. Trotz des gegenteiligen Ratschlages entschloss ich mich zum Gang an die Medien.
Telefonat mit Frau Dr. Rostovsky:
Olivia hatte am Nachmittag leichte Müdigkeit und abends Kopfschmerzen.
Sonntag, 4.6.1995:
Telefonat mit Dr. Herz:
Bei Freunden erkundigte ich mich nach geeigneten Zufluchtsorten.
Telefonat mit Ingeborg:
Olivia hatte tagsüber keine Beschwerden. Abends bekam sie Gliederschmerzen.
Montag, 5.6.1995:
Telefonat mit Frau Ingrid:
Gespräch mit Karl (tätig beim OGH - Oberster Gerichtshof):
„Ich fordere menschenrechtliche Anerkennung der direkten und nicht trennbaren Verbindung und Wechselwirkung zwischen Psyche, Gehirn und Organ.
Bei Krankheit fordere ich ein gesetzliches Recht, mich für eine Behandlung entsprechend dieser Einheit entscheiden zu dürfen.
In diesem Sinne fordere ich als Erziehungsberechtigter, dies auch für meine Kinder entscheiden zu können.“
Gespräch mit Herr H.(Gemeinderat Grünbach und Redakteur):
Auch ihm erzählte ich das bisherige Geschehen. Er erklärte sich bereit, über Dr. Hamer Informationen zu sammeln. Von ihm erwartete ich mir eine faire Berichterstattung in einer lokalen Zeitung.
Ich hatte ein ungutes Gefühl. Was passiert, wenn morgen das Jugendamt mit Polizeiverstärkung Olivia abholt? Wie viel Zeit verbleibt uns noch? Werde ich die notwendige Hilfe beim morgigen Treffen im Wiener Café erhalten? Wann sollten wir Olivia in Sicherheit bringen? Muss ich dann ins Gefängnis und wenn ja, wie geht es dann weiter? Über uns war ein Alptraum hereingebrochen. Wir müssten untertauchen, um vor den Schergen der Mächtigen zu flüchten. Wir hatten Angst, am Telefon abgehört zu werden. Wenn das Telefon läutete, zuckten wir zusammen. Zukunftspläne, etwaiger Jobverlust, all das beschäftigte uns jetzt am allerwenigsten, ja wurde zur Nebensächlichkeit. Lieber heute als morgen hätte ich Olivia mit Erika in Sicherheit gewusst.
Olivia war wohlauf, erhielt aber weiterhin ihre Mittel. Alle Kinder, auch Olivia, schliefen bei Bekannten. Wir mussten dem Drängen der Kinder nachgeben.
Für den nächsten Tag wurde die Flucht beschlossen.











