Bild (Woche) - Krebsarzt Dr. Hamer - 40 neue Tote
Bild Woche, 05.06.1997
40 neue Tote
Der Kölner Arzt Dr. Hamer hätte beinahe das Leben des Krebskindes Olivia auf dem Gewissen gehabt. Jetzt stellte die Ärztekammer eine List mit weiteren Patienten des Wunderheilers zusammen - mit 40 neuen Toten. Der Krebsarzt wurde verhaftet
Von HANS BEWERSDORFF
Justizvollzugsanstalt Köln. Scheppernd öffnet sich die Zellentür im Untersuchungstrakt. Ein älterer Mann mit Stirnglatze und Knollennase wird herausgeführt. Seine Augen blicken starr und kalt. Der Mann trägt Handschellen. Er ist auf dem Weg zur Haftrichterin.
Krebsarzt Ryke Geerd Hamer (62). Zwei Jahre lang hielt uns der selbsternannte Wunderheiler in Atem. Seine Thesen: „Krebs ist etwas Gutes. Es ist ein sinnvolles biologisches Programm der Natur, durch Konfliktbewältigung zu heilen. Schmerz trägt zur Genesung bei.“ Tatsache: Hamers Thesen brachten Leid und Tod über unzählige Menschen, darunter der schreckliche Fall von Krebskind Olivia - Hamer wollte sie mit Schokolade heilen.
Schlimm: Nach Olivias dramatischer Rettung in letzter Sekunde machte Krebsarzt Hamer weiter.
Es geht um mindestens 40 neue Todesfälle. Die Ärztekammer der Steiermark (Österreich) hat sie untersucht - alle Patienten waren bei Dr. Hamer, alle starben nach seinen Heilversuchen.
Einer von ihnen war ein leukämiekranker Deutscher (31). Ihm riet Dr. Hamer 1994: „Trennen Sie sich von Ihrer Familie, dann werden Sie wieder gesund.“ Der Mann hörte auf ihn. Ein Jahr später war er tot.
Einer ebenfalls leukämiekranken Frau (34) aus Deutschland schaute der „Wunderheiler“ tief in die Augen: „Sie sind völlig gesund.“ Die Frau starb ein Jahr später.
Jetzt liegt die Liste mit den 40 neuen Toten bei der Kölner Staatsanwaltschaft.
Warum faßten die Ermittler nicht eher zu?
Fakt ist: Dr. Hamer, früher ein anerkannter Arzt, hat seit 1986 keine ärztliche Zulassung mehr. Seit Juli 1995 lag ein internationaler Haftbefehl der Wiener Staatsanwaltschaft vor (Verstoß gegen das Heilpraktikergesetz und unterlassene Hilfeleistung). Er wird wahrscheinlich noch um den Vorwurf der „fahrlässigen Tötung“ erweitert.
Trotzdem konnte sich Hamer in Köln frei bewegen. Ungehindert reiste er durchs Land, jettete sogar ins Ausland. Die Polizei ließ ihn gewähren, weil Hamer sich regelmäßig telefonisch bei der Kölner Polizei meldete. Doch dann bekamen die Ermittler einen modernen ISDN-Anschluß er zeigt die Nummer des Anrufers. Da staunten sie, daß Hamer öfter aus Spanien anrief. Die Behörden befürchteten jetzt, daß er sich ganz absetzen könnte. Deshalb der Zugriff.
Wie kam er ohne Zulassung an Patienten?
Über Jahre baute der Krebsarzt heimlich ein Netzwerk über Deutschland und Österreich aus, um seine abstrusen Ideen verbreiten zu können. Der Sohn eines Opfers deckte auf: „Hamer und seine Anhänger sind hierarchisch gegliedert. Es ist fast wie in einer Sekte. Sie sitzen in Schlüsselpositionen in Krankenhäusern und Krankenkassen, haben Einsicht in die Daten der Kranken. Wird irgendwo ein besonderer Krebsfall eingeliefert, kommen wenige Tage später Hamer-Jünger zu Besuch und überreden den Kranken, sich an Hamer zu wenden. In ihrer Not bissen viele an.“
P.S.: Auch im Untersuchungsgefängnis zeigt sich der Krebsarzt uneinsichtig. „Ich habe nicht behandelt, nur wissenschaftlich beraten“, sagte er der Haftrichterin Erika Nagel.
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