BUNTE - Alle spielen Gott
BUNTE, 03.08.1995
Krebskind Olivia
Alle spiele Gott
Die Eltern, der Wunderheiler, die Chemotherapie-Ärzte, die Boulevardpresse
Olivia Pilhar, 6. Der Fall erregt die ganze Welt: Ihr Bauch ist durch einen Tumor gebläht, aber die Eltern sind dem Wunderheiler Dr. Geerd Hamer verfallen, verhindern mit allen Mitteln die Behandlung durch Schulmediziner. Hamer möchte den Krebs durch eine „Psycho-Kur“ heilen
Krebskind Olivia. Wer hat hier überhaupt noch recht?
Seit dem Fall Olivia, dem Krebskind, stellen sich so viele Eltern Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind. Z. B.: Kann ich als Elternteil wirklich nicht entscheiden, was das Beste für mein Kind ist? Ab wann muß ich mir die Entscheidung abnehmen lassen von Fachleuten? Wann ist mein Kind nicht mehr mein Kind? Wann gehört mein Kind den Ärzten und nicht mehr mir? Dieser Text fiel BUNTE-Autor Helge Timmerberg nicht leicht. Er hat drei Kinder, er ist ein liebender Vater. Er erzählt die Geschichte von Olivia, dem krebskranken Kind, so:
Als sie endlich wieder nach Österreich zurückkam, war die 6jährige Olivia Pilhar auf 34 Pfund abgemagert. Aber der Tumor in ihrem Bauch wog inzwischen 4 Kilo. Er ist täglich gewachsen. Man konnte es sehen, man konnte es hören. Das Mädchen wimmerte vor Schmerzen. Kommentar der Mutter: „Sie ist ein bißchen wehleidig“. Kommentar des behandelnden Wunderheilers: „Der Tumor ist gut. Er wird den Krebs bald abstoßen.“ Kommentar der Ärzte in Wien: „Wahnsinn. Wenn sie nicht sofort behandelt wird, stirbt Olivia in wenigen Tagen.“ Wie die Behandlung aussieht: Erst Chemotherapie, um den Tumor zu verkleinern, dann Operation, schließlich chemotherapeutische Nachbehandlung. In Olivias Fall, die unter einem Wilmstumor leidet, der an ihrer Leber wächst, bedeutet das 95 % Heilungschancen, wenn mit der Behandlung im Frühstadium begonnen wird. Im Mai dieses Jahres, als ihre Schmerzen begannen, konnte man noch von einem Frühstadium reden. Jetzt nicht - mehr. Jetzt stehen die Chancen 50: 50. Was hat ihre Eltern dazu getrieben, die Heilungschancen des Kindes glatt zu halbieren? Normalerweise flieht man vor dem Tod, nicht vor den Ärzten. Waren die Eltern Spinner? Die Mutter, Erika, 28, ist Lehrerin. Der Vater, Helmut, 30, Computerfachmann. Moderne Menschen in einer modernen Stadt. Als der Vater in der Klinik mit chemotherapeutisch behandelten Kindern zusammenkam, ergriff ihn der Horror. Keine Haare, aufgeschwemmte Gesichter. Das, so sagte er, tue ich meiner Tochter nicht an. Die modernen Eltern hatten moderne Freunde. Die kannten einen in Mode gekommenen Mann.
Dr. Geerd Ryke Hamer, Wunderheiler aus Köln. Dem vertrauten die Pilhars ihre Tochter an. Das Jugendamt entzog ihnen darauf befristet das Sorgerecht. Die Flucht begann. Zunächst: Wer ist Dr. Hamer? Er hat in Tübingen und Erlangen Theologie und Medizin studiert, rühmte sich bald, „einer der besten Kliniker der Welt“ zu sein und betrog Anfang der 70er Jahre mehrere kleine Gemeinden, denen er eine Praxiseröffnung versprach, wenn ihm dafür Bankkredite gewahrt würden. Mit dem Geld verschwand er dann auf Nimmerwiedersehen. Einige Jahre praktizierte Hamer als normaler Arzt. Dann starb sein Sohn auf Korsika. Erschossen von einem italienischen Prinzen. Unglück? Mord? Es wurde nie aufgeklärt. Hamer bekam nach diesem Schock gleichzeitig Hodenkrebs und Botschaften aus dem Jenseits. Sein toter Sohn erklärte ihm auf Befehl Gottes, wie Krebs zu heilen ist. Seine These: „Krebs ist, genau wie Aids, eine Lüge. Ein psychologisches Problem.“ Seine Therapie: Handauflegen, seelische Konfliktbewältigung. Seine Erfolgsbilanz: Von 50 Patienten überlebten 7. Vor acht Jahren entzog man ihm die Zulassung als Arzt. Hamer erklärte Olivias Eltern, der Tumor sei bereits dabei, abzuheilen. Alles, was das Mädchen noch brauche, seien lange Spaziergänge am Strand von Malaga. Waren sie blind, hatten sie keine Ohren, konnten sie den Krebs nicht täglich weiterwachsen und den Körper ihrer Tochter nicht täglich weiter verfallen sehen? Österreichs Ärzte, Österreichs Politiker, ja sogar der Bundespräsident riefen ihnen per Fernsehen zu: „Wacht auf, kommt zurück“. Das taten sie schließlich auch. Jetzt bleiben drei Fragen: a): Wird das Mädchen überleben? b) Darf so etwas sein? Dürfen Laien (Eltern) mehr Macht haben als die Experten? Und c): Ist jeder Wunderheiler ein Schwein? Zu a): Da gibt es Hoffnung, wie gesagt, zu etwa 50 %. Zu b): Alle Macht den Ärzten? Zurück zu dem gottgleichen Status der Männer und Frauen in Weiß? Dafür gibt es zu viele schlechte, dafür gibt es zu viele Geldgierige, dafür gibt es zu viele Fälle von Schlamperei und Fehldiagnosen in der Schulmedizin. Natürlich gibt es auch zu viele schlechte Eltern. Güterabwägung: Ärzte haben das Wissen. Eltern haben die Liebe. Für Ärzte ist ein krankes Kind ihr Fall. Für Eltern ist es ihr Leben. Zusammenarbeit ist angesagt. Dafür braucht es Vertrauen. Das ist eine menschliche Qualität. Neue Gesetze schaffen das nicht. Im Gegenteil. Hätte ihnen niemand das Sorgerecht entzogen, wären Olivias Eltern nicht geflohen. Und der Wunderheiler Hamer hätte weniger Macht. Zu c): Sind alle Wunderheiler Scharlatane? Man kann sagen: Die meisten ja, einige nicht. Außerdem gibt es einen Unterschied zwischen alternativer und magischer Medizin. Die alternative Medizin wird z. B. von anthroposophischen Ärzten gepflegt, die in ihren mit modernster Technik ausgestatteten Kliniken (Herdecke, etc.) Spiritualität und Wissenschaft zu verbinden verstehen. Die Heilung von Geist, Körper und Seele, alles unter einem Dach. Die magische Medizin dagegen war, ist und bleibt eine absolute Ausnahmetherapie. Echte Wunderheiler sind ein sehr selten vorkommendes Phänomen. Jesus von Nazareth gehörte dazu.
Alle spiele Gott
Die Eltern, der Wunderheiler, die Chemotherapie-Ärzte, die Boulevardpresse
Olivia Pilhar, 6. Der Fall erregt die ganze Welt: Ihr Bauch ist durch einen Tumor gebläht, aber die Eltern sind dem Wunderheiler Dr. Geerd Hamer verfallen, verhindern mit allen Mitteln die Behandlung durch Schulmediziner. Hamer möchte den Krebs durch eine „Psycho-Kur“ heilen
Krebskind Olivia. Wer hat hier überhaupt noch recht?
Seit dem Fall Olivia, dem Krebskind, stellen sich so viele Eltern Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind. Z. B.: Kann ich als Elternteil wirklich nicht entscheiden, was das Beste für mein Kind ist? Ab wann muß ich mir die Entscheidung abnehmen lassen von Fachleuten? Wann ist mein Kind nicht mehr mein Kind? Wann gehört mein Kind den Ärzten und nicht mehr mir? Dieser Text fiel BUNTE-Autor Helge Timmerberg nicht leicht. Er hat drei Kinder, er ist ein liebender Vater. Er erzählt die Geschichte von Olivia, dem krebskranken Kind, so:
Als sie endlich wieder nach Österreich zurückkam, war die 6jährige Olivia Pilhar auf 34 Pfund abgemagert. Aber der Tumor in ihrem Bauch wog inzwischen 4 Kilo. Er ist täglich gewachsen. Man konnte es sehen, man konnte es hören. Das Mädchen wimmerte vor Schmerzen. Kommentar der Mutter: „Sie ist ein bißchen wehleidig“. Kommentar des behandelnden Wunderheilers: „Der Tumor ist gut. Er wird den Krebs bald abstoßen.“ Kommentar der Ärzte in Wien: „Wahnsinn. Wenn sie nicht sofort behandelt wird, stirbt Olivia in wenigen Tagen.“ Wie die Behandlung aussieht: Erst Chemotherapie, um den Tumor zu verkleinern, dann Operation, schließlich chemotherapeutische Nachbehandlung. In Olivias Fall, die unter einem Wilmstumor leidet, der an ihrer Leber wächst, bedeutet das 95 % Heilungschancen, wenn mit der Behandlung im Frühstadium begonnen wird. Im Mai dieses Jahres, als ihre Schmerzen begannen, konnte man noch von einem Frühstadium reden. Jetzt nicht - mehr. Jetzt stehen die Chancen 50: 50. Was hat ihre Eltern dazu getrieben, die Heilungschancen des Kindes glatt zu halbieren? Normalerweise flieht man vor dem Tod, nicht vor den Ärzten. Waren die Eltern Spinner? Die Mutter, Erika, 28, ist Lehrerin. Der Vater, Helmut, 30, Computerfachmann. Moderne Menschen in einer modernen Stadt. Als der Vater in der Klinik mit chemotherapeutisch behandelten Kindern zusammenkam, ergriff ihn der Horror. Keine Haare, aufgeschwemmte Gesichter. Das, so sagte er, tue ich meiner Tochter nicht an. Die modernen Eltern hatten moderne Freunde. Die kannten einen in Mode gekommenen Mann.
Dr. Geerd Ryke Hamer, Wunderheiler aus Köln. Dem vertrauten die Pilhars ihre Tochter an. Das Jugendamt entzog ihnen darauf befristet das Sorgerecht. Die Flucht begann. Zunächst: Wer ist Dr. Hamer? Er hat in Tübingen und Erlangen Theologie und Medizin studiert, rühmte sich bald, „einer der besten Kliniker der Welt“ zu sein und betrog Anfang der 70er Jahre mehrere kleine Gemeinden, denen er eine Praxiseröffnung versprach, wenn ihm dafür Bankkredite gewahrt würden. Mit dem Geld verschwand er dann auf Nimmerwiedersehen. Einige Jahre praktizierte Hamer als normaler Arzt. Dann starb sein Sohn auf Korsika. Erschossen von einem italienischen Prinzen. Unglück? Mord? Es wurde nie aufgeklärt. Hamer bekam nach diesem Schock gleichzeitig Hodenkrebs und Botschaften aus dem Jenseits. Sein toter Sohn erklärte ihm auf Befehl Gottes, wie Krebs zu heilen ist. Seine These: „Krebs ist, genau wie Aids, eine Lüge. Ein psychologisches Problem.“ Seine Therapie: Handauflegen, seelische Konfliktbewältigung. Seine Erfolgsbilanz: Von 50 Patienten überlebten 7. Vor acht Jahren entzog man ihm die Zulassung als Arzt. Hamer erklärte Olivias Eltern, der Tumor sei bereits dabei, abzuheilen. Alles, was das Mädchen noch brauche, seien lange Spaziergänge am Strand von Malaga. Waren sie blind, hatten sie keine Ohren, konnten sie den Krebs nicht täglich weiterwachsen und den Körper ihrer Tochter nicht täglich weiter verfallen sehen? Österreichs Ärzte, Österreichs Politiker, ja sogar der Bundespräsident riefen ihnen per Fernsehen zu: „Wacht auf, kommt zurück“. Das taten sie schließlich auch. Jetzt bleiben drei Fragen: a): Wird das Mädchen überleben? b) Darf so etwas sein? Dürfen Laien (Eltern) mehr Macht haben als die Experten? Und c): Ist jeder Wunderheiler ein Schwein? Zu a): Da gibt es Hoffnung, wie gesagt, zu etwa 50 %. Zu b): Alle Macht den Ärzten? Zurück zu dem gottgleichen Status der Männer und Frauen in Weiß? Dafür gibt es zu viele schlechte, dafür gibt es zu viele Geldgierige, dafür gibt es zu viele Fälle von Schlamperei und Fehldiagnosen in der Schulmedizin. Natürlich gibt es auch zu viele schlechte Eltern. Güterabwägung: Ärzte haben das Wissen. Eltern haben die Liebe. Für Ärzte ist ein krankes Kind ihr Fall. Für Eltern ist es ihr Leben. Zusammenarbeit ist angesagt. Dafür braucht es Vertrauen. Das ist eine menschliche Qualität. Neue Gesetze schaffen das nicht. Im Gegenteil. Hätte ihnen niemand das Sorgerecht entzogen, wären Olivias Eltern nicht geflohen. Und der Wunderheiler Hamer hätte weniger Macht. Zu c): Sind alle Wunderheiler Scharlatane? Man kann sagen: Die meisten ja, einige nicht. Außerdem gibt es einen Unterschied zwischen alternativer und magischer Medizin. Die alternative Medizin wird z. B. von anthroposophischen Ärzten gepflegt, die in ihren mit modernster Technik ausgestatteten Kliniken (Herdecke, etc.) Spiritualität und Wissenschaft zu verbinden verstehen. Die Heilung von Geist, Körper und Seele, alles unter einem Dach. Die magische Medizin dagegen war, ist und bleibt eine absolute Ausnahmetherapie. Echte Wunderheiler sind ein sehr selten vorkommendes Phänomen. Jesus von Nazareth gehörte dazu.
| Rechtslage Olivia, deutsch Von Prof. Dr. Robert Schweitzer Artikel 4 des deutschen Grundgesetzes verbürgt zwar die Gewissensfreiheit: „Die Freiheit des Gewissens ist unverletzlich“. Trotzdem können sich Eltern straf- und zivilrechtlich nur in engen Grenzen mit ihrem Gewissen entschuldigen. Wenn es um Leben oder Tod geht, reichen nicht einmal eine „übermächtige Motivation“ und ein „unüberwindlicher Zwang“ aus. Die Eltern machen sich demnach voll strafbar. Je nachdem, was ihnen im einzelnen zur Last fällt, werden sie bestraft: wegen Totschlags - mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren, wegen Körperverletzung mit Todesfolge - mit Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren, oder wegen unterlassener Hilfeleistung - mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe. Da den Eltern die Personensorge entzogen ist und sie das Kind verstecken, haben sie sich überdies schon der „Kindesentziehung“ schuldig gemacht - Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe. |
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