profil - Mehr als ein Scharlatan

profil, 31.07.1995

zeitungsartikel


Mehr als ein Scharlatan

Paul Yvon über Heiler und Eltern, Medien und Politiker: Keiner ist der Verantwortung für die todkranke Olivia gewachsen.

Nach vier Wochen Olivia in den Medien enttäuscht der Besuch beim Schurken der Nation, Ryke Geerd Hamer, die Erwartungen. Im Schloßhof von Burgau spielen Kinder, junge Familien haben hier neben dem Freibad Wohnungen, es gibt Ausstellungen und das Gemeindeamt gleich nebenan: Entweder hat das Böse weder Namen noch Adresse, oder es ist was faul an unserem Meldegesetz.

Hier in der Oststeiermark sind keine Fanklubs, keine Wegweiser, keine Hinweise auf das „Zentrum für Neue Medizin“; nicht einmal ein Türschild gibt es an den Räumen im renovierten Schloß. Daß man beim „Heiler“ ist, zeigen nur seine für wartende Besucher ins Außenfenster gelehnten Schriften.

Die Zimmer sind eingerichtet wie für anspruchslose Seminare: keinerlei Geräte, dafür riesige Diagnose-Tabellen an der Wand. Keine Psycho-Bilder, nicht einmal Dürers betende Hände an der Wand von Räumen, wo einer angeblich durch Handauflegen Krebs heilen will. Hamer wohnt hier nicht mehr, war selten da. Nur ein paar Stapel mit Büchern und Broschüren im Sekretariat, eine genervte Statthalterin des Heilers, selbst von ihm geheilt (oder auch - noch - nicht): Das soll das Reich des Bösen sein? Da ist etwas außer Proportion geraten.

Im Grunde war schon am 3. Juli alles Nötige geschrieben, als profil nach „täglich Alles“ über Olivia, ihre Eltern und den „Heiler“ Hamer berichtete: Eltern verhindern die rettende Behandlung der an Krebs erkrankten Sechsjährigen. Ihr extremes Mißtrauen in die Schulmedizin entspricht einem ebenso extremen Vertrauen in die absurde „Naturheilmethode“ des Heilers.

Solche Geschichten gibt es immer wieder; meist geht es um Zeugen Jehovas, die aus religiösen Gründen Bluttransfusionen ablehnen. Medizinisch ist da fast immer alles klar, rechtlich immer: Ärzte und Eltern sind verpflichtet, alles zu tun - oder zu dulden-, was Schaden für Leib und Leben abwenden kann.

Vier Wochen Medienjagd auf Olivia haben alle Maßstäbe für die Auseinandersetzung über die Kernthemen des Falles zerbröselt. Man muß sich - wie in Burgau - erst wieder der banalen Wirklichkeit aussetzen, um das in wenigen Wochen wie eine Metastase gewachsene Gebirge zwischen Tatsachen und öffentlicher Wahrnehmung zu sehen.

Olivias Eltern haben damit klein begonnen: „Wir sind überzeugte Anhänger der Alternativmedizin“, sagen sie, weil die Frau ihre Schuppenflechte damit erfolgreich behandelt. Daß die Methoden des Herrn Hamer (siehe Kasten) mit der ehrbaren Alternativmedizin nichts zu tun haben, entgeht ihnen. Das Mißverständnis kann man diesen geschlagenen Eltern aber nicht schwerer ankreiden als denen, die damit ihre Geschäfte machen: Das sind Hamer und jene Beitragstäter, die ihm erst die Bühne für seine Auftritte zimmern.

Scharlatane werden von Medien seit jeher profitabel vermarktet; Betroffenheits-Leisten im TV sind voll davon. Daß der gemeingefährliche Schund aus den Shows aber auf den Spitzenplatz der Hauptnachrichten gehievt wurde, ist bisher nur dem ORF eingefallen.

Angefangen hatte das mit der üblichen Quotenhurerei, einen Wunderheiler samt Fans x-mal bei Schiejok auftreten zu lassen. Dann gab man dem seit Jahren aus dem Ärztestand geworfenen Hamer Gelegenheit, für seine heillose Heilslehre zu werben, ohne auch nur die einfachste Recherche anzustellen. Nun wird man im nächsten ORF-Beitrag betrübt fragen, wieso die Leute den Scharlatanen so auf den Leim gehen..

Damit wurde das ärztliche Irrlicht mit dem flackernden Blick - natürlich immer gemeinsam mit den sterbenstraurigen Augen Olivias - zum „Zeit im Bild“-Renner. Als der „Standard“ kommentierte, daß sich das unseriöse Wühlen im intimen Seelenleid schlecht mit dem öffentlich-rechtlichen Status des ORF vertrage, zeigte ein Leserbrief der „ZiB 2“ -Chefredaktion, daß es dem ORF dabei um den Menschen zuletzt geht: Man rotzt, der „Standard“ habe die Geschichte bloß verschlafen, daher die neidische Kritik. Man könne sich „leider auch in Zukunft nicht vom ‚Standard’ vorschreiben lassen“, wie man die „Zeit im Bild“ gestalte.


Leider“ stimmt, denn die von der Zeitung aufgeworfene Frage geht an den Kern dieses ORF und damit des (un)seriösen Journalismus.
Der hat System. Der „neue“ ORF hat in wenigen Monaten Peinlichkeiten und journalistische Übergriffe in einer Dichte geboten, die sogar einem Privatsender nicht ohne weiteres nachgesehen würden:
• erst die aberwitzige Medienjustiz in „Vera“, ein rechtskräftiges Urteil eines Geschworenengerichtes für falsch und also zu korrigierend hinzustellen;
• dann der Skandal um die Kinder einer mißbrauchten Frau, die bei Nora Frey im Radio erfahren durften, daß ihr Großvater ihr Vater ist;
• dann die Unsäglichkeit in „Help-TV“, als das Jugendamt in die Knie gezwungen wurde, einer Behinderten ihr Baby zurückzugeben, obwohl sie es nicht versorgen kann. „Help-TV“ sorgte dafür, daß jetzt pro Monat absurde 80.000 Schilling für die Betreuung ausgegeben werden müssen. Die Jugendämter stehen nun den zu Recht empörten anderen Hilfsbedürftigen gegenüber, die man leider nicht zur Frau Stöckl schicken kann: Die treibt nämlich längst die nächste Sau durchs Dorf.
• Und jetzt Olivia: Nach der ORF-Logik fehlt nur noch die Direktübertragung der Operation; als Happy-End der Tod live vor der Kamera.

Der ORF hätte es wissen können: Schon 1982 war nach einem Auftritt Hamers im Bremer Fernsehen alles dazu Erforderliche öffentlich diskutiert worden. Daß es erstens wegen der Breitenwirkung unverantwortlich ist, so gefährlichen Scharlatanen die Bühne zu zimmern - und daß man zweitens seriös informierende Gegengewichte einbauen muß, wenn man es trotzdem tut.

Der deutsche Radiologe und Krebsforscher Ernst Krokowski hatte damals davor gewarnt, daß Patienten die lebensrettende Behandlung wegen ihrer TV-„Kenntnisse“ verweigern könnten. Genau das ist nun geschehen und wird dem Journalismus zu Recht angekreidet. Daß Hamer als psychisch gestört aus dem Ärztestand flog, interessierte niemanden.

Dem journalistischen hat sich der politische Standard angeglichen: Madeleine Petrovic machte sich erst im TV mit Hamer für die Naturmedizin stark, dann wandte sie sich gegen ihn, als sie erfuhr, was sie vorher hätte wissen können. Sie geißelte den „Medienrummel“, den doch gerade sie mit erzeugt und für sich benützt hatte. Sogar der Bundeskanzler, durch beharrliches Nichtstun wesentlich mit schuld am Zustand des Medienmarktes und der auf ihn zugeschnittenen Olivia-Berichte, wird plötzlich aktiv und verspricht dem Mädchen wohlfeile Hilfe. Da war der Bundespräsident wie immer schneller; in seinem Wartezimmer werden sich künftig Krebspatienten um Beratung drängeln, sein Pressesprecher wird die Tips ebenso veröffentlichen wie bei Olivia. (Er unterliegt ja nicht der Schweigepflicht wie die Tullner Ärzte, die sich im Fernsehen über Details der Krankengeschichte verbreiten.)

Alles Nötige ist im Fall Olivia gesagt. Vielleicht gehört noch dazu, daß schon vom Hungerstreik die Rede ist, dieser letzten Sackgasse der Ausgeplünderten; daß die entsetzten und ratlosen Eltern noch zwei andere Kinder haben, die bei dem Horrortrip dabei waren. Und daß die Familie bei der Rückkehr ins traute Heim erfahren durfte, daß der Vater von seiner Firma entlassen worden ist.

Mitarbeit: Heike Kroemer


Hamers Ansichten: Wahn und Witz

These: Alle Arten von Krebs treten als Antwort auf Seelenkonflikte in Wochen- oder Monatsfrist in Erscheinung. Wenn man den Konflikt löst, geht auch der Krebs von selbst ein.

Tatsache: Seelische Umstände haben Einfluß auf die Entwicklung jeder Erkrankung; die Entstehung von Krebs ist aber biologisch bedingt. Geschwulste brauchen bis zur Nachweisgröße drei bis zehn Jahre Wachstum. Hätte Krebs eine psychische Ursache, müßte man ihn auch psychiatrisch behandeln können. Tatsächliche Besserungen und Spontanheilungen gibt es in jedem Fall, aber von echter Heilung ist erst nach fünf Jahren zu sprechen. Dafür hat Hamer bisher keinen einzigen Fall als Beleg.

These: Nach der zweiten der „eisernen Regeln des Krebses“ bestimmt der Inhalt des Konfliktes den Ort des Krebsgeschehens: Sexprobleme machen Gebärmutterkrebs, Todesangst macht Lungenkrebs - nicht aber das Rauchen: Das Rauchen ist für Hamer nur Ausdruck eines Konfliktes, der seinerseits Lungenkrebs erzeugt.

Tatsache: Keine einzige Untersuchung hat je solche Zusammenhänge belegen können. Der bei Asbestarbeitern verheerend häufige Lungenkrebs dürfte kaum auf besonders häufige Seelenpein der Arbeiter hinweisen.

These: Ursache von Krebs ist ein Programmierungsfehler im Gehirn. Falsche Codes an die Zellen lassen Krebszellen entstehen.

Tatsache: Hier werden Neurophysiologie und psychische Konflikte vermischt. Aber ob die Seele im Gehirn sitzt, im Zwerchfell oder sonstwo, ist nicht festgestellt.



Leserbriefe

Der Fall Olivia
Das Geschäft mit der Verzweiflung.

Ich kann mir unschwer vorstellen, welche Konflikte dieser Medienrummel, die Angst und die Gewalt, die das Kind erleben muß, wenn es an bewaffneten Polizisten vorbeigeschleppt wird und von sensationslüsternen Reportern Mikrofone an den Mund gesteckt bekommt, ohne das Ganze wahrscheinlich zu verstehen, auslösen werden - die Kochkunst der Großmutter kann dagegen nur eine Lappalie sein! Können wir mit unterschiedlichen medizinischen Vorstellungen, menschlichen Ängsten und Konflikten wirklich nicht mehr anders umgehen, als sie zu einem Mediengroßereignis zu machen, wogegen die Sommerlochgeschichte vom letzten Jahr über die Erziehungsansichten der Frau Vranitzky harmlos und weit ungefährlicher war?
Dr. Eva Nagl-Jancak
Wien


Wenn man die Informationssendungen im ORF zum Thema „Krebs - und die neue Medizin“ des Arztes Dr. Hamer gesehen und gehört hat und sich als positiv denkender Mensch mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen dieses Forschers auseinandergesetzt hat, wird einem nicht nur angst und bang, es wird einem todübel. Mit allen zu Gebote stehenden Mitteln und nicht geringem Aufwand wird hier eine Hatz veranstaltet, zu der mir nur der Begriff „Exorzismus“ einfällt.
Mag. Ingomar Kmentt
Wien