die Presse - Medizin - Wissenschaft und Alternativen

die Presse, 18.08.1995

zeitungsartikel

Olivia stand erstmals kurz auf

WIEN (red.). Der Zustand der krebskranken Olivia Pilhar hat sich weiterhin stabilisiert. Dies erklärte der Vorstand der Wiener Universitäts-Kinderklinik, Radvan Urbanek, in einem medizinischen Bulletin. Die Verlegung von der Intensivstation auf eine normale Kinderstation sei bereits angeordnet worden.

Das Kind atme spontan, benötige jetzt keinen zusätzlichen Sauerstoff mehr für seine Atmung und beginne zu essen und zu trinken, hieß es im AKH. Olivia habe auch bereits kurz- aufstehen können. Olivias Tumor ist nach Angaben der Ärzte weiter geschrumpft. Die Bemühungen um das sechsjährige Kind werden durch die Aufnahme der Mutter auf derselben Station sowie Besuche der Familienmitglieder unterstützt.



Medizin – Wissenschaft und Alternativen

VON JOSEF SMOLLE

Irrationale Therapieansätze sind nicht unbedingt zum Scheitern verurteilt. Medizin ist keine homogene Lehre.

Ein Elternpaar flieht mit seinem krebskranken Kind vor einer erfolgversprechenden Behandlung und läßt einen „Alternativtherapeuten“ walten. Den Eltern wird das Sorgerecht entzogen. Sie versuchen mit dem Kind einer „Zwangsbehandlung“ zu entkommen. Während weiterer Alternativtherapie wächst der Tumor auf schützungsweise ein Viertel des Körpergewichts. Schließlich wird das schwerstkranke Kind doch noch behandelt.

In der medialen Aufbereitung läßt man durchklingen, daß der „Schul“-Mediziner halt mit den Eltern doch nicht so richtig habe umgehen können, von Mauern, von menschlichem Versagen, von „Ausgrenzungsreflexen“ der Schulmedizin ist die Rede. Und schon wird wieder der Ruf nach mehr sogenannter „Ganzheitsmedizin“ und nach Etablierung der Alternativen laut. Dabei machen in der konkreten Streitfrage die Behauptungen des „Alternativ“-Mediziners und die Entwicklungen der letzten Wochen eine rationale Wertung relativ leicht. Ob jemand, der erklärt, daß Aids Einbildung sei und daß er mit wenigen von ihm entdeckten Naturgesetzen jede Krebskrankheit im Handumdrehen heilen könne, noch einen Bezug zur Realität hat, kann jeder mit dem eigenem Verstand beurteilen.

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Die Kardinalfrage ist, ob in medizinischen Fragen der nüchterne Verstand überhaupt als Maß der Beurteilung geeignet ist. Dies mag am Beispiel der Homöopathie, einer der akzeptiertesten alternativmedizinischen Methoden, erläutert werden: Das zentrale Dogma der Homöopathie ist - polemisch ausgedrückt - der Glaube, daß geschütteltes Wasser Heilkräfte enthält. Da das Dogma rational nicht faßbar ist, wird die nüchterne Betrachtungsweise erschwert: Die Grundlage der Methode - und manch anderer - ist eben eine emotionale, und die Methode ist - trotz oder wegen dieser Grundlage - bei Ärzten und Patienten überaus beliebt.

Irrationalität eines Therapieansatzes verurteilt diesen durchaus nicht automatisch zum Scheitern: Die Medizin stellt nämlich kein homogenes Lehr- und Handlungsgebäude dar, sondern steht im wesentlichen auf drei Säulen: Die erste Säule ist die der objektiven und wissenschaftlich reproduzierbaren Wirkung; sie ist relativ jungen Datums. Die zweite Säule, leider oft lapidar als Plazebo-Effekt abgetan, stellt die Jahrtausende alte, jedem Arzt-Patienten-Kontakt innewohnende Heilwirkung dar und ist ein zutiefst ärztlichmenschlicher Auftrag. Die dritte Säule ist die Spontanheilung, die bei den vielen phasenhaften und selbstlimitierten Krankheiten die stärkste Verbündete jeder Form von Medizin bedeutet.

Die wissenschaftliche Medizin hat in den letzten Jahrzehnten fast ausschließliches Gewicht auf die erste Säule gelegt. Dabei übersieht man leicht, daß ein Arzt, der charismatisch die Arzt-Patient-Interaktion zu nutzen, und den Spontanverlauf von Krankheiten mit großer Erfahrung einzuschätzen versteht, durchaus auch völlig ohne objektiv wirksame Säule bei bestimmten Krankheiten erfolgreich sein kann. Umgekehrt heißt das aber auch, daß nicht alles, was Zustimmung findet, objektiv und reproduzierbar wirksam sein muß. Bei aller Begeisterung ist Kritikfähigkeit gefordert. Sie sollte in stets gleichem Maße angewandt werden.

So positiv man diesen zentralen Aspekt der sogenannten „Alternativen“ - nämlich die Rückbesinnung auf die menschliche Interaktion, die Arzt-Patient-Beziehung, sehen muß - so groß ist auch das Gefahrenpotential: Sobald der Therapeut verkennt, daß sich seine Form der Medizin vor allem auf Spontanverlauf und Charisma gründet, kann er versucht sein, mit diesen Mitteln auch lebensbedrohende Krankheitsbilder zu behandeln und so in die Irrationalität abgleiten.

Man mag einwenden, daß eine rationale Näherung an die medizinische Problematik, wie sie hier gebracht wird, den emotionalen, den „Gefühls“-Aspekt, der einen Gegensatz zur Ratio darstellt und für das Phänomen des Lebens mindestens ebenso wichtig ist, unberücksichtigt läßt. Gegensätze sind jedoch nicht „Rationalität“ und „Gefühl“, sondern „Rationalität“ – „Irrationalität“ und „Gefühl“, „Gefühllosigkeit“. Wir sollten nun unsere Patienten weder einer rationalen, gefühllose „Apparatemedizin“ noch einer gefühlvollen, irrationalen „Ganzheitsmedizin“ aussetzen, sondern eine rationale, einfühlsame Medizin, eine Medizin für den ganzen Menschen, pflegen.


Der Autor ist Oberarzt an der Grazer Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie.

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