WIENER ZEITUNG - Petrovic wollte Förderung Hamers / Helmut Pilhar im Hungerstreik
WIENER ZEITUNG, 28.07.1995
| Scholtens ablehnende Antwort auf Parlamentarische Anfrage Petrovic wollte Förderung Hamers Am 23. Juni stellte die Bundessprecherin der Grünen, Madeleine Petrovic, eine Parlamentarische Anfrage an Wissenschaftsminister Rudolf Scholten über die Auseinandersetzung seines Ressorts mit den Thesen von Dr. Ryke Geerd Hamer, der nunmehr durch die Causa Pilhar besonderes Aufsehen erregt hat. Donnerstag wurde die schriftliche Antwort des Ministers veröffentlicht. Scholten erklärte, daß sich sein Ressort sehr wohl mit medizinischen Alternativtheorien auseinandersetze, eine Förderung in Richtung der Methoden von Hamer für ihn jedoch nicht in Frage käme. Auf die Frage, ob sich das Wissenschaftsministerium inhaltlich mit den Thesen von Hamer - oder mit „anderen alternativen Krebstheorien“ -, auseinandergesetzt habe, antwortete Scholten, daß „die Thesen des Dr. Hamer mit Alternativmedizin nichts zu tun haben und es auch keine sogenannte ‚alternative’ Krebstheorie gibt“. Um sich mit „unkonventiellen Theorien und alternativen Behandlungsmethoden“ wissenschaftlich auseinanderzusetzen, sei es wichtig, daß „derartige Thesen überhaupt einer wissenschaftlichen Beurteilung zugänglich sind“. Nach Meinung von Experten - der Minister beruft sich hierbei vor allem auf den Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Graz, Thomas Kenner - sei dies bei Hamer nicht möglich. Die Tatsache, daß Krebserkrankungen psychische Wurzeln haben könnten, sei der Schulmedizin seit langem bekannt und nicht erst von Hamer aufgezeigt worden. „Die Feststellungen Dr. Hamers über die sogenannten ontogenetischen Zusammenhänge enthalten manch Richtiges, dem stehen allerdings völlige Unsinnigkeiten und Absurditäten gegenüber“, so Scholten. Eine weitere Frage Petrovics zielte auf die Summe der Forschungsmittel in den vergangenen drei Jahren für die Überprüfung neuer Krebstheorien ab. In diesem Zeitraum seien seitens seines Ressorts in insgesamt 15 Forschungsaufträgen rund 18,5 Mill. Schilling investiert worden, lautet die Anwort des Ministers. Der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung habe dafür im selben Zeitraum etwa 26,2 Mill. Schilling für 44 Projekte aufgewendet. Zuletzt wollte die Klubobfrau der Grünen wissen, ob der Minister persönlich der Meinung sei, daß neue Krebstheorien umgehend geprüft werden müßten. Scholtens Antwort: „Selbstverständlich.“ Allerdings sei eine Finanzierung im „Zusammenhang mit der Überprüfung von Hamers „Theorien“ mit Hilfe öffentlicher Gelder „aufgrund des zum Teil fehlenden, zum Teil von falschen Voraussetzungen ausgehenden Konzeptes absolut unverantwortlich“. Wende im Fall Pilhar: Familie leht Chemotherapie wieder ab Helmut Pilhar im Hungerstreik Einmal mehr eine dramatische Wende im Fall der krebskranken sechsjährigen Olivia Pilhar: Entgegen allen Abmachungen und Zusagen des „Gipfels“ von der Nacht auf Donnerstag im Krankenhaus Tulln lehnten die Eltern des Mädchens am Abend plötzlich die Chemotherapie und anderen „schulmedizinische“ Behandlungsformen für ihr Kind wieder ab. Das bestätigte Primar Dr. Hanns Vanura am Abend. Der Mediziner: „Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht“. Olivia leide an einer von der rechten Niere ausgehenden Geschwulst, die mittlerweile fast den ganzen Bauchraum ausfülle und auf Leber sowie Lunge drücke. Sie sei sehr geschwächt und könne kaum gehen, so Vanura. Tatsächlich war der Tumor in den letzten zwei Monaten von 300 ml auf ein Volumen von vier Liter - das ist das Dreizehnfache - angewachsen. Es sei, so Vanura, im Zuge der Verhandlungen einhellig festgestellt worden, daß der Tumor ohne Chemotherapie nicht operiert werden könne. Die entsprechende Behandlung sollte im Krankenhaus Tulln durchgeführt werden. Nach Angaben des Mediziners könnte eine Chemotherapie erste Reaktionen nach vier bis sechs Wochen zeigen - so sie erfolgreich ist. Apropos Chancen: „Das weiß im Moment kein Mensch“, meinte der Tullner Primar. Seit 20 Jahren habe man niemanden mehr in so einem späten Stadium behandelt. Für Primar Vanura ist „Olivia kein Einzelfall, sondern wahrscheinlich die Spitze eines Eisberges“. Die Schulmedizin habe offensichtlich Vertrauensdefizite bei den Patienten. „Wir haben die emotionale Seite schon in der Ausbildung vernachlässigt“, so der Arzt. Zustimmung zurückgezogen Inzwischen ist aber gleichzeitig zur von der Mutter formulierten „Kehrtwende“ - Erika Pilhar befindet sich im Zimmer ihrer Tochter im Tullner Spital - Olivias Vater Helmut Pilhar (30) in einen Hungerstreik getreten. Vanura konnte dazu vorerst nichts sagen, weil sich der 30jährige nicht in Tulln aufhielt. Der Mediziner wies darauf hin, daß von den Übereinkünften der vergangenen Nacht Telefonprotokolle existierten, welche das Einverständnis der Familie mit dem eingeschlageneen Weg dokumentierten. Ausgelöst wurde die Wende in der Meinung der Familie Pilhar offenbar durch den „Wunderheiler“ Geerd Ryke Hamer. Dieser rief laut ORF-Fernsehen um 17.15 Uhr bei der Chefredaktion an und sagte, es stimme nicht, daß die Eltern eine Zustimmung zur Chemotherapie gegeben hätten. Helmut Pilhar präzisierte auf eine Rückfrage, daß er seine Zustimmung wieder zurückziehe. Er forderte wiederum, Olivia nach der Methode von Dr. Hamer zu behandeln. „Wenn dem Kind eine Chemotherapie verabreicht wird, stirbt es“, sagte Helmut Pilhar. „Es kann kann nicht sein, daß der Staat über das Leben meiner Tochter verfügt.“ Das einzige, was ihm, Pilhar, übrig bleibe, sei es nun, in den Hungerstreik zu treten. Hamer darf weiter in Burgau agieren Der Versuch, den Mietvertrag mit „Psychoheiler“ Ryke Geerd Hamer zu lösen, ist Mittwoch abend im Gemeinderat der oststeirischen Marktgemeinde Burgau vereitelt worden. OVP und F blockten den Vorstoß der SPÖ-Fraktion ab, indem sie den dringlichen Antrag nicht auf die Tagesordnung nahmen. Tenor der Mehrheit, die weiter zu Schloß-Mieter Hamer steht: Eine Entscheidung in dem aufgeheizten Klima wäre weder sinnvoll noch sachlich. Der ausgebildete Internist betreibt seit 1990 ein „Beratungszentrum“ im gemeindeeigenen Schloß. Offizieller Vertragspartner ist sein Verlag „Amici di Dirk“, dem zu günstigen Konditionen - 15 Schilling pro Quadratmeter - Räumlichkeiten für „Verlagstätigkeit und gelegentliche Vorträge“ zur Verfügung gestellt wurden. Seitens der SPÖ hatte Fraktionsführer Adam Schmidt bereits mehrmals versucht, Hamer loszuwerden. Doch Bürgermeister Hermann Wallner, dessen Frau selbst nach den Methoden der „Neuen Medizin“ behandelt wurde, hielt ebenso wie Teile der Bevölkerung zu dem Heiler. Mit der Begründung, „Wir können nicht Mitschuld übernehmen am Tod von kranken und verzweifelten Menschen, denen Dr. Hamer Heilung verspricht“, hatte Schmidt nun erneut einen - vergeblichen - Anlauf zur Kündigung des bis Mitte 1996 laufenden Mietvertrags unternommen. |
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