WIENER ZEITUNG - Chemotherapie für Olivia Pilhar

WIENER ZEITUNG, 30.07.1995

zeitungsartikel


Chemotherapie für Olivia Pilhar

Eine stundenlange Sitzung in der Nacht auf Samstag brachte die endgültige Entscheidung: Das wochenlange Tauziehen um das Schicksal der sechsjährigen krebskranken Olivia Pilhar wurde vorerst durch eine Überstellung des Mädchens in die Universitätskinderklinik im Wiener AKH und die Einleitung einer Chemotherapie gegen den Willen der Eltern beendet.


Der Zustand der kleinen Patientin ist besorgniserregend. Das Geschwür im Bauchraum hat bereits ein Gewicht von 4,2 kg und damit das 15fache seiner ursprünglichen Ausdehnung.

„Man hat es sich sicher nicht leicht gemacht, aber jetzt sind alle Möglichkeiten ausgereizt. Wir hatten nur noch die Wahlmöglichkeit zwischen Leben und dem sicheren Tod“, erklärte der als Referent für die Pflegschaft des Kindes zuständige Stellvertretende Bezirkshauptmann von Wiener Neustadt, Heinz Zimper, Samstag mittag im Tullner Krankenhaus vor Journalisten. Nach einer stundenlangen Sitzung in dem niederösterreichischen Spital, zu welcher der zuständige Richter Rudolf Masicek vom Bezirksgericht Wiener Neustadt vier namhafte Gesundheitsexperten geladen hatte, fiel gegen 1 Uhr die Entscheidung, bei Olivia die nach Ansicht der Schulmedizin nicht mehr länger aufschiebbare Chemotherapie durchzuführen.

Gegen Ende dieses vorerst letzten Gespräches war der Eindruck entstanden, die Mutter der Sechsjährigen würde trotz dieses Beschlusses weiterhin bei ihrem Kind bleiben, Samstag vormittag lehnte Frau Pilhar es jedoch ab, Olivia in das Wiener AKH zu begleiten. „Das dürft Ihr nicht tun, Ihr bringt das Kind um, ich kann nicht mitkommen, sonst würde man das als Einverständnis deuten“, schilderte der Tullner Primar Hanns Vanura die jüngste Reaktion der Frau, deren Zustand er – „vermutlich aufgrund von Telefongesprächen mit draußen“ - als „entpersönlicht, wie hypnotisiert“ beschrieb.

Laut Heinz Zimper Waren für die Entscheidung zur sofortigen Einleitung einer Chemotherapie folgende Punkte ausschlaggebend, die in der nächtlichen Sitzung klar zum Ausdruck gekommen seinen: Olivia hat ohne entsprechende Behandlung keine Überlebensmöglichkeit. Bei schneller Einleitung einer Chemotherapie bestehen erhebliche Chancen. Selbstverständlich sind damit Risiken verbunden, man habe jedoch zuletzt nur noch die Wahlmöglichkeit zwischen Leben und sicherem Tod gehabt

Nach der Überstellung in der AKH befinde sich das Kind nunmehr in den absolut besten Händen, betonte Zimper weiter. Es gehe der Kleinen entsprechend gut. Sie habe gegen Mittag bereits zu weinen aufgehört und sich mit dem begleitenden Arzt unterhalten. Trotzdem sei die Trennung von den Eltern für die Sechsjährige sicherlich eine Art Schock, „es war eines der schlimmsten Erlebnisse, die ich in dieser Hinsicht je hatte“, so der Tullner Primar Hanns Vanura, der den Abschied von Olivia miterlebt hatte.


Haftbefehl gegen Hamer

Gegen den deutschen Ex-Arzt und „Wunderheiler“ Ryke Geerd Hamer ist nach Zeitungsberichten vom Samstag Haftbefehl erlassen worden. Die Ärztekammer habe in vier Tagen 37 Fälle gesammelt, in denen Patienten durch Hamer von einer Therapie abgehalten worden seien, hieß es. Unter Berufung auf die Kriminalpolizei wurde berichtet, Hamer könne wegen „Quälens oder Vernachlässigens unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen“ nach Paragraph 92 des Strafgesetzbuches angeklagt werden. Der Tatbestand der „Kurpfuscherei“ sei bei Hamer nicht gegeben, da dieser ein ausgebildeter Arzt ist.