die Presse - Hitzestau, einmal anders: Olivia, der Weinskandal und die Parade

die Presse, 29.07.1995

zeitungsartikel


Hitzestau, einmal anders: Olivia, der Weinskandal und die Parade

Was ich davon halte
THOMAS CHORHERR

Nein, ich möchte gewiß nicht mit Hilfe des Schicksal eines todkranken Kindes journalistische Originalität unter Beweis stellen. Jede Art von Leichtfertigkeit darf in diesem Fall ausgeklammert werden - er, der Fall, verbietet es. Vor allem, seit ein Tullner Primararzt aus seinem Herzen, das wie bei uns allen vom Geschick der kleinen Olivia beschwert ist, keine Mördergrube gemacht hat und ganz offen vor der Fernsehkamera erklärte, die Sechsjährige werde auf jeden Fall sterben. Erst als er merkte, daß ärztliche Wahrheit, per Television verbreitet, nicht genauso „ankommt“ wie am Krankenbett den Eltern übermittelt, erst dann setzte er sein „wenn nicht . . .“ hinzu.

Trotzdem ist das, was rund um Olivia geschieht, ein Ereignis, das nicht nur zur Medienkritik Anlaß gibt, sondern auch künftige Diplomarbeiten an Publizistikinstituten motivieren könnte. Ich möchte in diesem Zusammenhang eine Frage zitieren, die gelegentlich scherzhaft, oft aber auch in vollem Ernst an Journalisten gestellt wird: Wieso passiert jeden Tag genausoviel, wie es braucht, um eine Zeitung zu füllen? Die Antwort fällt im Hochsommer schwerer als außerhalb der Urlaubszeit und könnte folgendermaßen lauten: Wenn uns, den Journalisten - und da sind keineswegs nur die Kollegen von den elektronischen Medien gemeint - etwas fehlt, um die Seite zu füllen, nehmen wir Zuflucht zum „Infotainment“. Täuschen wir uns nicht: Solange wir nicht selbst betroffen sind, darf auch das Schicksal, das anderswo zuschlägt, als wertfrei gemeinte, journalistisch servierte „Unterhaltung“ bezeichnet werden. Wetten, daß selbst in der Hitze der Nacht die Story von Olivia die Einschaltziffern Rekordhöhen erreichen läßt?

Und da sind wir, so paradox und möglicherweise auch gefühlswidrig es klingen mag, beim medialen Hitzestau, der sich auf mancherlei Art Luft macht. Der sogenannte Weinskandal ist seinerzeit im Hochsommer ausgebrochen, besser gesagt, zur Story gemacht worden, die seither im Blätterwald Wurzeln geschlagen hat. Daran zu erinnern, daß ähnliches in Italien passiert ist und dort zahlreiche Todesopfer zu beklagen waren, ist müßig. Zu erzählen, daß der italienische Weinskandal - vielleicht, weil man ihn nicht in der Ferienzeit entdeckt hat - von den Medien des Landes nach kurzer Zeit als nicht mehr interessant empfunden wurde, ist gleichfalls zur Binsenweisheit geworden. Sommergeschichten sind Urlaubslektüre. Je menschlicher, desto „unterhaltender“ sind sie.

Wäre die Diskussion um die Bundesheerparade nicht unterblieben, wenn ihre Gegner nicht zurecht angenommen hätten, daß ihren Argumenten jetzt mehr Platz eingeräumt würde als während der politischen Saison? Hätte sich dann der Verteidigungsminister gar an den Urlaubsort des Bundeskanzlers begeben, um dessen Konsens für eine Materie zu erhalten, die einzig und allein in seine, des Verteidigungsministers Kompetenz fallt? Aber da Politik üblicherweise kleingeschrieben wird im Hochsommer, werden Selbstverständlichkeiten zu Staatsaffären.

Und da sind wir, so sonderbar dies anmuten mag, wieder beim traurigen Fall der kleinen Olivia. Ein Einzelschicksal wird zum „Knüller“, weil es die Ingredienzien einer menschlichen Tragödie mit jenen allgemeinen (allgemeinen?) Interesses vermengt. Aber: Frage doch einer, wieviele krebskranke Kinder es in Österreich gibt. Erkundige man sich doch, wieviele Leichen den Weg des sauberen „Wunderheilers“ pflastern.

Wieviele vermeintlich charismatische medizinische Gurus gibt es bereits in Österreich? Wieviele Eltern schwören auf Methoden, die mit der Schulmedizin nichts mehr zu tun haben, und nehmen in Kauf, ihr Kind auf dem Altar ihrer (falschen) Überzeugung zu opfern? Und es gibt leider keinen Engel, der ihnen im letzten Moment in den Arm fällt wie jener, der Abraham davon abhielt, seinen Sohn Isaak zu töten.

Der Fall der kleinen Olivia ist herzzerreißend und ekelerregend zugleich. Herzzerreißend, weil vor unser aller Augen das Leiden eines unschuldigen kleinen Mädchens gezeigt wird. Ekelerregend, weil - ich wage es zu sagen - er so ausführlich präsentiert wird, damit, bildlich gesprochen, die Seiten voll werden und die Sendezeit ausgefüllt wird. Das ist übertrieben, gewiß, und demagogisch und vielleicht auch nicht ganz richtig. Der andere Hitzestau, jener fernab der Straßen, sollte uns dennoch sehr zu denken geben.