die Presse - Haftbefehl gegen "Krebsheiler" Hamer

die Presse, 29.07.1995

zeitungsartikel


Haftbefehl gegen „Krebsheiler“ Hamer

Wegen Quälens oder Vernachlässigens Unmündiger könnte der „Krebsheiler“ Hamer angeklagt werden. Freitag wurde gegen ihn ein Haftbefehl erlassen.

WIEN/TULLN (g. h.). Gegen Ryke Geerd Hamer wurde vom Justizministerium ein Haftbefehl erlassen, das bestätigte am Freitag die Kriminalpolizei. Hamer kann wegen „Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen“ nach dem Paragraphen 92 des Strafgesetzbuches angeklagt werden. Der Strafrahmen beträgt, falls die Tat eine schwere Körperverletzung mit Dauerfolgen nach sich zieht, sechs Monate bis fünf Jahre. Im Todesfall des kleinen Mädchens kann das Gericht eine Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren verhängen. Der Tatbestand der „Kurpfuscherei“ sei bei Hamer nicht gegeben, da dieser ein ausgebildeter Arzt ist. Der selbsternannte Wunderheiler hielt sich Freitag in Köln auf und erklärte in einem Radio-Interview. „Ich würde mein Kind genauso behandeln“. Seiner Ansicht nach bestünde kein Grund zur Panik.

Das zähe Ringen um das Schicksal der kleinen Olivia hat am Freitag unterdessen von vorne begonnen. Diesmal wurde der Vormund des Kindes, Heinz Zimper, vom zuständigen Pflegschaftsrichter Rudolf Masicek ins Tullner Spital begleitet. Eine zwangsweise Therapie der krebskranken Oliva zeichnete sich in den Nachmittagsstunden ab.

„Ein Krankenhausaufenthalt ohne Behandlung hat keinen Sinn“, erklärte am Freitag der Vorstand der Kinderabteilung des Tullner Krankenhauses, Hanns Vanura. Die Fronten zwischen Medizinern, Behörden und den Eltern Pilhar seien nun endgültig verhärtet. „Wie kann ich zu jemandem Vertrauen haben, der ständig seine Meinung ändert“, gab sich Vanura sichtlich enttäuscht.

In einem ORF-Interview sah Vanura nur noch zwei Möglichkeiten: Die Durchführung der Chemotherapie gegen den Willen der Eltern oder die Entlassung des Kindes auf Revers unter Einwilligung des Jugendgerichts. Bei einer zwangsweisen Behandlung müßte man die Eltern entweder aus dem Spital entfernen, oder „ins Irrenhaus bringen“ zeigte der Kinderarzt Emotionen.

Nicht einmal 24 Stunden hielt die Zusage von Erika und Helmut Pilhar, einer Chemotherapie für die kleine Olivia zuzustimmen. Nun seien die Gerichte an der Reihe, so Vanura, ihm seien die Hände gebunden. Da eine Zwangsbehandlung des Kindes für den renommierten Kinderarzt kaum Erfolgsaussichten hat, scheint Olivias Schicksal besiegelt.

In der Zwischenzeit hat sich Helmut Pilhar wieder in einem Offenen Brief an Bundespräsident Klestil gewandt. „Ich willigte in den baldigen chemotherapeutischen Tod meiner Tochter ein, weil ich sonst keinen Ausweg mehr sah“, heißt es im Schreiben. Weiter: „Wir verweigern jede Art der Chemotherapie und fordern für unsere Tochter eine Therapie entsprechend der ‚Neuen Medizin’ unter Leitung des Herrn Dr. Hamer.“ Die Ankündigung, er trete in den Hungerstreik, machte Olivias Vater vorerst nicht wahr.

Die kleine Olivia leidet mittlerweile unter starken Schmerzen. Doch die Eltern verweigern sogar eine effektive Schmerzbekämpfung. Stunden und Tage verrinnen, und die Überlebenschancen der kleinen Olivia schwinden immer mehr. Der Tumor in ihrem Bauch fülle bereits ein Volumen von 4,6 Liter aus. Das fußballgroße Geschwür drückt auf die Gefäße des Kindes. „Olivia hat große Schwierigkeiten beim Schlucken“, so Vanura.

Noch am Donnerstag abend verfolgte Zimper scheinbar eine neue Strategie. Es gelang ihm, Helmut Pilhar vor dem Spital abzufangen. Während der Jurist bis in die späte Nacht auf den verstörten Vater des todkranken Mädchens einzuwirken versuchte, fanden auf der Kinderstation Gespräche zwischen Erika Pilhar und Marina Marcovich statt. Offensichtlich wollte man zumindest einen Elternteil für den bereits eingeschlagenen Weg zurückgewinnen. Ohne Erfolg. Auch Olivias Mutter war nicht zur Vernunft zu bringen. Erschöpft brach man am Freitag gegen 1.30 Uhr früh die Gespräche ab. Man einigte sich darüber, am Nachmittag einen weiteren Anlauf für eine Konsens-Lösung zu nehmen. Kurz vor Redaktionsschluß meinte Hanns Vanura: „Die Verhandlungen werden noch Stunden in Anspruch nehmen. Die Position sind weiter festgefahren.“

Unterdessen legte die steirische Ärztekammer einen ersten Bericht über die von ihr installierte „Hamer-Hotline“ vor. Inzwischen seien 200 Anrufe, darunter 34 Berichte über Todesfälle, die in Zusammenhang mit den Aktivitäten des Wunderheilers Ryke Geerd Hamer stehen, eingegangen. Nächste Woche sollen diese Fälle an die Staatsanwaltschaft Wr. Neustadt weitergeleitet werden. „Wir dürfen das Experimentieren am Menschen nicht tolerieren“, erklärte der steirische Ärztekammer-Präsident Wolfgang Routil.