Salzburger Nachrichten - "Wunderheiler" Hamer in Köln verhaftet

Salzburger Nachrichten, 23.05.1997

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„Wunderheiler“ Hamer in Köln verhaftet

Wegen seiner „Behandlung“ der siebenjährigen krebskranken Olivia ist, der umstrittene deutsche Mediziner Ryke Geerd Hamer auch in Österreich in die Schlagzeilen gekommen. Am Mittwoch wurde er in Köln verhaftet.
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Wunderheiler Hamer in Köln verhaftet
Auch im Fall „Olivia“ wird ermittelt


Todkranken Patienten von ärztlicher Behandlung abgeraten: Neunjähriger Bub aus Österreich starb - Fluchtgefahr

WIEN, KÖLN (SN, APA). Die Bilder der krebskranken Olivia gingen im Sommer 1995 durch alle Medien. Für heiße Diskussionen sorgte damals der deutsche „Wunderheiler“ Ryke Geerd Hamer. Am Mittwoch wurde Hamer in Köln verhaftet.

Ihm wird von der Kölner Staatsanwaltschaft vorgeworfen, in vier Fällen gegen das Heilpraktikergesetz in Deutschland verstoßen zu haben. Den todkranken Krebspatienten habe er dabei von jeder ärztlichen Beratung abgeraten und sie, statt dessen zum Vertrauen auf ihre „Selbstheilungskräfte“ ermuntert. Drei Patienten, darunter ein aus Österreich angereister neunjähriger Bub, sind verstorben. Fahrlässige Tötung sei das jedoch keine, so Oberstaatsanwältin Regine Appenrodt. Die Kranken hätten Hamer schließlich freiwillig aufgesucht. Ermittelt wird noch in sieben anderen österreichischen Fällen, darunter der Fall Olivia. Ob sich Hamer auch deswegen vor Gericht verantworten muß, stehe noch nicht fest, erklärte Appenrodt. Grund für die Verhaftung sei jedenfalls Fluchtgefahr: Es müsse befürchtet werden, daß sich Hamer nach Spanien absetzt.

Als Anhänger der von Hamer begründeten „Neuen Medizin“ hatten auch die Eltern Olivias die Behandlung des zuletzt sechs Kilogramm schweren Tumors im Bauch des siebenjährigen Mädchens durch die Schulmediziner verweigert und eine Chemotherapie abgelehnt. Nach Hamers Auffassung kann jede Krankheit nur durch die Lösung des zugrundliegenden seelischen Konflikts geheilt werden. Metastasen oder das Immunsystem gebe es nicht. Von renommierten Medizinern wird er als „Sektierer“ bezeichnet, „der durch Irreführung von Laien als gemeingefährlich bezeichnet werden muß“.

Die Eltern Olivias schenkten wie viele andere Hamer ihr Vertrauen. Dem Paar wurde das Sorgerecht entzogen. Erst nach einer spektakulären Flucht nach Spanien und tagelangen Verhandlungen gelang es, das Kind zurück nach Österreich zu bringen und medizinisch zu behandeln. Die Überlebenschancen des Mädchens waren durch die monatelange Verzögerung der Behandlung auf nur mehr fünf bis zehn Prozent, gesunken. Mittlerweile geht es Olivia gut.

Gegen Hamer war bereits im August 1996 in Wien ein internationaler Haftbefehl wegen ungeklärter Todesfälle von Patienten ausgeschrieben worden. Und auch die Staatsanwaltschaft Graz ermittelte. Die Verhaftung in Deutschland habe darauf jedoch keine Auswirkungen, heißt es im Justizministerium, da ein deutscher Staatsbürger von Deutschland ohnehin nicht ausgeliefert werde. Gegebenenfalls könnten österreichische Staatsanwaltschaften aber um die Übernahme der Strafverfolgung nach Köln ansuchen. In den meisten österreichischen Fällen würde aber ohnedies auch in Deutschland ermittelt.

In Deutschland hat Hamer seit 1986 Berufsverbot. Seine Tätigkeit führte er in einem Schloß im steirischen Burgau mit seinem „Zentrum für neue Medizin“ weiter. Erst im April 1996 beschloß der dortige Gemeinderat die Kündigung des Mietvertrages „wegen Mieterückstand“.

Begonnen hat der heute 60jährige Hamer - der selbst durch eine Operation (!) von einem Krebsleiden geheilt wurde - seinen Kampf gegen die Schulmedizin 1978, nach dem tragischen Tod seines damals 19jährigen Sohns, der bei einem Schießunfall ums Leben kam. Seither beschäftigen Hamer und seine Anhänger, die er in halb Europa gefunden hat, immer wieder Justiz und Medizin. 1992 wurde er in Köln zu sechs Monaten bedingt verurteilt, weil er einem 17jährigen ein Krebsgeschwür am Knie nicht behandelt, sondern das Bein gegipst hatte - es mußte amputiert werden.