KURIER - Abendausgabe - Fall Olivia: Scharlatanen das Handwerk legen
KURIER, Abendausgabe 26.07.1995
Fall Olivia: Scharlatanen das Handwerk legen
Wiener Gesundheitsstadtrat Rieder wird aktiv: Sachverhaltsdarstellung an Staatsanwalt
Das Los der krebskranken Olivia rüttelt auch Politiker auf: Nach der Ärztekammer will auch Wiens Gesundheitsstadtrat Rieder eine Offensive gegen Scharlatane und „Wunderheiler“ starten. Ein Konsilium entschied am Dienstag, ob Olivia ins Spital soll.
Ein paar Wahrheiten
Im Beisein der Eltern fand ein ärztlicher „Gipfel“ über den Zustand der krebskranken Olivia statt. Hoffentlich hat irgendjemand dabei endlich einmal den Eltern ein paar Wahrheiten gesagt:
„Glauben Sie ja nicht, daß Olivia noch alle Zeit der Welt hat! Glauben Sie nicht, daß es allein in Ihrer elterlichen Gewalt oder in Ihrer Wissenskompetenz liegt, zu entscheiden, ob und welche ‚schul’medizinische Behandlung nun Ihr Kind retten kann oder nicht! Was Sie da tun, ist eine ungeheuerliche Anmaßung, ganz abgesehen von dem Zirkus, den Sie seit Wochen veranstalten. Es ist nicht Aufgabe des Bundespräsidenten, für Sie eine Ausschreibung für ‚den besten Bauchchirurgen’ (so der Vater von Olivia) zu veranstalten. Der Bundespräsident kann höchstens einen Gnadenakt setzen, wenn es für Sie rechtliche Folgen geben sollte. Befreien Sie sich endlich aus Ihrer Selbstgerechtigkeit!“
Offensive gegen Scharlatane
„Samthandschuhe ausziehen!“ fordert Rieder / Zuständiger Staatsanwalt will aber auch gegen die Eltern untersuchen lassen
Schwere Geschütze werden vom Rathaus gegen „Wunderheiler, Scharlatane, Gauner und potentielle Mörder“ in Stellung gebracht. Auslöser: der Fall Olivia.
Vizebürgermeister Sepp Rieder am Dienstag: „Ich hoffe, daß im Fall Olivia die Vernunft über Ratlosigkeit und Verunsicherung siegen wird. Dabei ist es äußerst wichtig, daß die Eltern in die Behandlung eingebunden werden. Nur so hat die kleine Patientin nämlich eine Chance. Eine Zwangsbehandlung gegen den Willen der Mutter würde bei Olivia zu schweren psychischen Schäden führen und die Heilungschancen dramatisch senken.“
Es gehe in der Auseinandersetzung nicht einmal um einen Methodenstreit zwischen Schul- und Alternativmedizin, meinte Rieder. „Hier geht es darum, Wunderheilern und gewissenlosen Profiteuren - ja, möglichen „Mördern“ - das Handwerk zu legen. Rieder kündigte noch für Dienstag eine „Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft“ an: „Welcher Arzt auch immer von einer Behandlung abrät, handelt nicht nur fahrlässig, sondern vorsätzlich und begeht vielleicht sogar das Delikt der vorsätzlichen Tötung.“
Um gegen solche Leute vorzugehen, brauche man nicht einmal eine Gesetzesänderung. Rieder wörtlich: „Man muß sich nur endlich die Samthandschuhe ausziehen, wenn man mit derartigen Herrschaften zu tun hat.“
Im Justizministerium hat man den Fall Olivia mit größter Behutsamkeit aufgegriffen. Der drohende Haftbefehl wurde, wie berichtet, auf Ersuchen durch den Bundespräsidenten ausgesetzt. Tatsächlich öffnete sich dadurch ein Weg für die freiwillige Rückkehr der Familie Pilhar nach Österreich. Für diesen Fall hatte man im Justizministerium den Eltern zwar nicht Straffreiheit, aber „wohlwollende Prüfung“ der strafrechtlichen Beurteilung versprochen. Daran will man sich halten.
Krisengipfel über Olivias Schicksal
Den Eltern droht jetzt trotz allem ein Verfahren nach §92 (Quälen oder Vernachlässigen eines Unmündigen). Je nach Folgen der Tat gibt es einen Strafrahmen von einem Jahr bis zu zehn Jahren. Straffreiheit muß das Gericht allerdings dann gewähren, wenn die „innere Tatseite“ fehlt, wenn z. B. Eltern nicht erkannt haben, daß sie Unrecht begangen haben, weil sie z. B. in einer Ausnahmesituation von anderen beeinflußt oder gar irregeleitet wurden.
Der zuständige Staatsanwalt Erich Reisner vom LG Wiener Neustadt will die strafrechtlichen Vorwürfe gegen die Eltern auf jeden Fall gerichtlich prüfen lassen. Wobei er auch nach dem „Entführungs-Paragraphen“ 195 Anklage erheben möchte. Und gegen den deutschen Ex-Arzt und „Krebsheiler“ Geerd Hamer sammelt er seit Montag Anzeigen um Anzeigen, vor allem aus der Steiermark. Hamer will er nicht nur der „Beihilfe“ anklagen, sondern, sollte Olivia sterben müssen, wegen fahrlässiger Tötung.
Über Olivias Schicksal wurde Dienstag nachmittag bei einem „Krisengipfel“ in Wien entschieden. An der Besprechung nahmen neben dem gesetzlichen Vormund Dr. Heinz Zimper von der BH Wiener Neustadt auch der Leiter des St.-Anna-Kinderspitals, Helmut Gadner, und Marina Marcovich teil, die Olivia „heimgeholt“ hatte.
Vertrauensärzte der Eltern berieten
Ebenso waren „Vertrauensärzte“ der Familie Pilhar dabei. Diese Mediziner hatten sich schon am Vormittag in Maiersdorf an der Hohen Wand, wo die Pilhars wohnen, zusammengefunden, um die Situation zu besprechen. Auch Erika und Helmut Pilhar, Olivias Eltern, nahmen dann an dem „Krisengespräch“ am Nachmittag in Wien teil.
In Maiersdorf, der Heimat der kleinen Olivia, sorgen sich die Nachbarn weniger um theoretische, strafrechtliche Konsequenzen. „Wenn die Kleine stirbt, werden sie sich Vorwürfe machen, solange sie leben“, meinte Dienstag ein alter Bekannter der Familie.
Olivias Geschwister Alexander, 7, und Elisabeth, 4, denken nicht an so ein tragisches Ende. Sie tollten mit ihren Rädern im Garten umher. Nur Olivia blieb im Haus und schlief offenbar. Ruhe hat das Kind dringend notwendig.
Dreißig Kinder wurden geheilt
Jährlich erkranken rund 30.000 Menschen in Österreich an Krebs. Die meisten an Darmkrebs (4400), 3800 an Brustkrebs, 3000 an Lungenkrebs und 2200 an Prostatakrebs. Diese Erfahrungswerte wurden am Dienstag in Wien bekanntgegeben.
Dabei wurde auch eine Lanze für die Chemotherapie gebrochen. Mit dieser Behandlungsmethode können bei zwölf Krebsarten Heilungen erzielt werden. Die höchsten Heilungsraten werden bei Patienten mit Hodenkarzinomen (90 Prozent), Coreonkarzinomen (98 Prozent) und Wilmstumoren (90 Prozent) erreicht.
An einem Wilmstumor leidet, wie berichtet, laut Befund auch die kleine Olivia. Diese Art des Nierentumors tritt zu 75 Prozent bei Kindern unter fünf Jahren auf. In Österreich erkrankten in den vergangenen fünf Jahren 30 Kinder daran. Alle konnten geheilt werden!
Die weltweite Überlebensrate betrug 1983 bis 1989 immerhin 88,4 Prozent. Zwanzig Jahre vorher hatten nur 33 Prozent der kleinen Patienten überlebt. Als geheilt gelten Krebspatienten ab fünf Jahre nach Behandlung.
Der Mann, der die Entscheidung über Olivia fällen muß: „Nicht mehr zögern“
Der „Fall“ der kleinen Olivia Pilhar berührt Dr. Heinz Zimper, 40, von der BH Wiener Neustadt menschlich zutiefst. Daß er vielleicht zum „Richter“ über Leben und Tod wird, versucht er noch zu verdrängen. Trotz allem will er seiner Rolle als Vormund des krebskranken Mädchens bis zur letzten Entscheidung - Chemotherapie ja oder nein - gerecht werden.
Im Behördentalltag ist der Jurist und Bezirkshauptmann-Vize ein Experte für die Altlasten-Entsorgung. Sein bisher größter Brocken: Der Umweltskandal in der, Mitterndorfer Senke. Die Umwelt ist Zimpers persönliches, Anliegen. Er ist ein naturverbundener Mensch, seine Hobbys: Wandern und Schwimmen.
Nebenbei ist der Beamte auch juristischer Berater für die Jugendabteilung der BH. In dieser Funktion wurde er vom Gericht als Vormund für Olivia Pilhar eingesetzt: „Das ist keine einfache Aufgabe. Vor allem auch deshalb, da das Schicksal des Mädchens bei mir bedrückende Gefühle auslöst.“
Zimper ist selbst Vater zweier Kinder, eines 20jährigen Sohnes und einer zehnjährigen Tochter und leidenschaftlicher Familienmensch. Wie er in der Situation von Olivias Eltern entscheiden würde, wollte er nicht so recht beantworten: „Als Eltern will man für Kinder immer nur die beste Lösung. Aber keiner weiß, welche das ist.“
Eines steht für Zimper aber fest: „Die Ärzte müssen entscheiden, welche Behandlungsmethode den größten Genesungserfolg verspricht. Wenn man zum Ergebnis kommt, daß Olivia unbedingt stationär behandelt werden muß, werden wir als Vormund die Einweisung unterschreiben. Zögern darf man jetzt nicht mehr.“
Aber: „Egal, wie die Lösung ausfällt, die Eltern müssen sie mittragen. Alles andere wäre für Olivia eine Katastrophe.“
Die nächste Entscheidung: Muß Hamer Schloß räumen?
Eine ganz normale Gemeinderatssitzung, in der über Kanalbauten und sonstige Sanierungen beschlossen werden muß, wird zur Sondersitzung in der Causa Hamer umfunktioniert. Die SP-Fraktion muß Mittwoch abend einen Dringlichkeitsantrag einbringen, damit in der VP-dominierten Gemeinde überhaupt der Mietvertrag mit Geerd Hamer im Schloß Burgau besprochen wird.
„Ich bin nicht optimistisch, wirklich etwas bewegen zu können“, merkt der sozialdemokratische Fraktionsführer Adam Schmidt an. „Aber in der Burgauer Bevölkerung ist es, seit der Fall Olivia publik wurde, zu einer Stimmungsänderung gekommen. Und auf die hat der Bürgermeister einzugehen.“ VP-Ortschef Hermann Wallner sieht noch keinen zwingenden Grund, die für 7000 S vermieteten Räumlichkeiten der Hamerschen Verlagsgesellschaft „Amici di Dirk“ anders zu nutzen.
Der Oppositionsführer hat mit einer gezielten Ankündigungspolitik dafür gesorgt, daß die Sitzung ordentlich besucht ist. Vertreter der Ärzteschaft haben sich ebenso angesagt wie Hamer-Anhänger.
Schützenhilfe kommt von der Bundes-SP: Deren Gesundheitssprecher Walter Guggenberger forderte Dienstag die Schließung der Burgauer Praxis und bezeichnete Hamer als „Scharlatan“.
Wiener Gesundheitsstadtrat Rieder wird aktiv: Sachverhaltsdarstellung an Staatsanwalt
Das Los der krebskranken Olivia rüttelt auch Politiker auf: Nach der Ärztekammer will auch Wiens Gesundheitsstadtrat Rieder eine Offensive gegen Scharlatane und „Wunderheiler“ starten. Ein Konsilium entschied am Dienstag, ob Olivia ins Spital soll.
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Ein paar Wahrheiten
Im Beisein der Eltern fand ein ärztlicher „Gipfel“ über den Zustand der krebskranken Olivia statt. Hoffentlich hat irgendjemand dabei endlich einmal den Eltern ein paar Wahrheiten gesagt:
„Glauben Sie ja nicht, daß Olivia noch alle Zeit der Welt hat! Glauben Sie nicht, daß es allein in Ihrer elterlichen Gewalt oder in Ihrer Wissenskompetenz liegt, zu entscheiden, ob und welche ‚schul’medizinische Behandlung nun Ihr Kind retten kann oder nicht! Was Sie da tun, ist eine ungeheuerliche Anmaßung, ganz abgesehen von dem Zirkus, den Sie seit Wochen veranstalten. Es ist nicht Aufgabe des Bundespräsidenten, für Sie eine Ausschreibung für ‚den besten Bauchchirurgen’ (so der Vater von Olivia) zu veranstalten. Der Bundespräsident kann höchstens einen Gnadenakt setzen, wenn es für Sie rechtliche Folgen geben sollte. Befreien Sie sich endlich aus Ihrer Selbstgerechtigkeit!“
Rau
Offensive gegen Scharlatane
„Samthandschuhe ausziehen!“ fordert Rieder / Zuständiger Staatsanwalt will aber auch gegen die Eltern untersuchen lassen
Schwere Geschütze werden vom Rathaus gegen „Wunderheiler, Scharlatane, Gauner und potentielle Mörder“ in Stellung gebracht. Auslöser: der Fall Olivia.
Vizebürgermeister Sepp Rieder am Dienstag: „Ich hoffe, daß im Fall Olivia die Vernunft über Ratlosigkeit und Verunsicherung siegen wird. Dabei ist es äußerst wichtig, daß die Eltern in die Behandlung eingebunden werden. Nur so hat die kleine Patientin nämlich eine Chance. Eine Zwangsbehandlung gegen den Willen der Mutter würde bei Olivia zu schweren psychischen Schäden führen und die Heilungschancen dramatisch senken.“
Es gehe in der Auseinandersetzung nicht einmal um einen Methodenstreit zwischen Schul- und Alternativmedizin, meinte Rieder. „Hier geht es darum, Wunderheilern und gewissenlosen Profiteuren - ja, möglichen „Mördern“ - das Handwerk zu legen. Rieder kündigte noch für Dienstag eine „Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft“ an: „Welcher Arzt auch immer von einer Behandlung abrät, handelt nicht nur fahrlässig, sondern vorsätzlich und begeht vielleicht sogar das Delikt der vorsätzlichen Tötung.“
Um gegen solche Leute vorzugehen, brauche man nicht einmal eine Gesetzesänderung. Rieder wörtlich: „Man muß sich nur endlich die Samthandschuhe ausziehen, wenn man mit derartigen Herrschaften zu tun hat.“
Im Justizministerium hat man den Fall Olivia mit größter Behutsamkeit aufgegriffen. Der drohende Haftbefehl wurde, wie berichtet, auf Ersuchen durch den Bundespräsidenten ausgesetzt. Tatsächlich öffnete sich dadurch ein Weg für die freiwillige Rückkehr der Familie Pilhar nach Österreich. Für diesen Fall hatte man im Justizministerium den Eltern zwar nicht Straffreiheit, aber „wohlwollende Prüfung“ der strafrechtlichen Beurteilung versprochen. Daran will man sich halten.
Krisengipfel über Olivias Schicksal
Den Eltern droht jetzt trotz allem ein Verfahren nach §92 (Quälen oder Vernachlässigen eines Unmündigen). Je nach Folgen der Tat gibt es einen Strafrahmen von einem Jahr bis zu zehn Jahren. Straffreiheit muß das Gericht allerdings dann gewähren, wenn die „innere Tatseite“ fehlt, wenn z. B. Eltern nicht erkannt haben, daß sie Unrecht begangen haben, weil sie z. B. in einer Ausnahmesituation von anderen beeinflußt oder gar irregeleitet wurden.
Der zuständige Staatsanwalt Erich Reisner vom LG Wiener Neustadt will die strafrechtlichen Vorwürfe gegen die Eltern auf jeden Fall gerichtlich prüfen lassen. Wobei er auch nach dem „Entführungs-Paragraphen“ 195 Anklage erheben möchte. Und gegen den deutschen Ex-Arzt und „Krebsheiler“ Geerd Hamer sammelt er seit Montag Anzeigen um Anzeigen, vor allem aus der Steiermark. Hamer will er nicht nur der „Beihilfe“ anklagen, sondern, sollte Olivia sterben müssen, wegen fahrlässiger Tötung.
Über Olivias Schicksal wurde Dienstag nachmittag bei einem „Krisengipfel“ in Wien entschieden. An der Besprechung nahmen neben dem gesetzlichen Vormund Dr. Heinz Zimper von der BH Wiener Neustadt auch der Leiter des St.-Anna-Kinderspitals, Helmut Gadner, und Marina Marcovich teil, die Olivia „heimgeholt“ hatte.
Vertrauensärzte der Eltern berieten
Ebenso waren „Vertrauensärzte“ der Familie Pilhar dabei. Diese Mediziner hatten sich schon am Vormittag in Maiersdorf an der Hohen Wand, wo die Pilhars wohnen, zusammengefunden, um die Situation zu besprechen. Auch Erika und Helmut Pilhar, Olivias Eltern, nahmen dann an dem „Krisengespräch“ am Nachmittag in Wien teil.
In Maiersdorf, der Heimat der kleinen Olivia, sorgen sich die Nachbarn weniger um theoretische, strafrechtliche Konsequenzen. „Wenn die Kleine stirbt, werden sie sich Vorwürfe machen, solange sie leben“, meinte Dienstag ein alter Bekannter der Familie.
Olivias Geschwister Alexander, 7, und Elisabeth, 4, denken nicht an so ein tragisches Ende. Sie tollten mit ihren Rädern im Garten umher. Nur Olivia blieb im Haus und schlief offenbar. Ruhe hat das Kind dringend notwendig.
Gerhard Krause
Ilse Schmid
Martina Prewein
Ilse Schmid
Martina Prewein
Dreißig Kinder wurden geheilt
Jährlich erkranken rund 30.000 Menschen in Österreich an Krebs. Die meisten an Darmkrebs (4400), 3800 an Brustkrebs, 3000 an Lungenkrebs und 2200 an Prostatakrebs. Diese Erfahrungswerte wurden am Dienstag in Wien bekanntgegeben.
Dabei wurde auch eine Lanze für die Chemotherapie gebrochen. Mit dieser Behandlungsmethode können bei zwölf Krebsarten Heilungen erzielt werden. Die höchsten Heilungsraten werden bei Patienten mit Hodenkarzinomen (90 Prozent), Coreonkarzinomen (98 Prozent) und Wilmstumoren (90 Prozent) erreicht.
An einem Wilmstumor leidet, wie berichtet, laut Befund auch die kleine Olivia. Diese Art des Nierentumors tritt zu 75 Prozent bei Kindern unter fünf Jahren auf. In Österreich erkrankten in den vergangenen fünf Jahren 30 Kinder daran. Alle konnten geheilt werden!
Die weltweite Überlebensrate betrug 1983 bis 1989 immerhin 88,4 Prozent. Zwanzig Jahre vorher hatten nur 33 Prozent der kleinen Patienten überlebt. Als geheilt gelten Krebspatienten ab fünf Jahre nach Behandlung.
Der Mann, der die Entscheidung über Olivia fällen muß: „Nicht mehr zögern“
Der „Fall“ der kleinen Olivia Pilhar berührt Dr. Heinz Zimper, 40, von der BH Wiener Neustadt menschlich zutiefst. Daß er vielleicht zum „Richter“ über Leben und Tod wird, versucht er noch zu verdrängen. Trotz allem will er seiner Rolle als Vormund des krebskranken Mädchens bis zur letzten Entscheidung - Chemotherapie ja oder nein - gerecht werden.
Im Behördentalltag ist der Jurist und Bezirkshauptmann-Vize ein Experte für die Altlasten-Entsorgung. Sein bisher größter Brocken: Der Umweltskandal in der, Mitterndorfer Senke. Die Umwelt ist Zimpers persönliches, Anliegen. Er ist ein naturverbundener Mensch, seine Hobbys: Wandern und Schwimmen.
Nebenbei ist der Beamte auch juristischer Berater für die Jugendabteilung der BH. In dieser Funktion wurde er vom Gericht als Vormund für Olivia Pilhar eingesetzt: „Das ist keine einfache Aufgabe. Vor allem auch deshalb, da das Schicksal des Mädchens bei mir bedrückende Gefühle auslöst.“
Zimper ist selbst Vater zweier Kinder, eines 20jährigen Sohnes und einer zehnjährigen Tochter und leidenschaftlicher Familienmensch. Wie er in der Situation von Olivias Eltern entscheiden würde, wollte er nicht so recht beantworten: „Als Eltern will man für Kinder immer nur die beste Lösung. Aber keiner weiß, welche das ist.“
Eines steht für Zimper aber fest: „Die Ärzte müssen entscheiden, welche Behandlungsmethode den größten Genesungserfolg verspricht. Wenn man zum Ergebnis kommt, daß Olivia unbedingt stationär behandelt werden muß, werden wir als Vormund die Einweisung unterschreiben. Zögern darf man jetzt nicht mehr.“
Aber: „Egal, wie die Lösung ausfällt, die Eltern müssen sie mittragen. Alles andere wäre für Olivia eine Katastrophe.“
Franz Resperger
Die nächste Entscheidung: Muß Hamer Schloß räumen?
Eine ganz normale Gemeinderatssitzung, in der über Kanalbauten und sonstige Sanierungen beschlossen werden muß, wird zur Sondersitzung in der Causa Hamer umfunktioniert. Die SP-Fraktion muß Mittwoch abend einen Dringlichkeitsantrag einbringen, damit in der VP-dominierten Gemeinde überhaupt der Mietvertrag mit Geerd Hamer im Schloß Burgau besprochen wird.
„Ich bin nicht optimistisch, wirklich etwas bewegen zu können“, merkt der sozialdemokratische Fraktionsführer Adam Schmidt an. „Aber in der Burgauer Bevölkerung ist es, seit der Fall Olivia publik wurde, zu einer Stimmungsänderung gekommen. Und auf die hat der Bürgermeister einzugehen.“ VP-Ortschef Hermann Wallner sieht noch keinen zwingenden Grund, die für 7000 S vermieteten Räumlichkeiten der Hamerschen Verlagsgesellschaft „Amici di Dirk“ anders zu nutzen.
Der Oppositionsführer hat mit einer gezielten Ankündigungspolitik dafür gesorgt, daß die Sitzung ordentlich besucht ist. Vertreter der Ärzteschaft haben sich ebenso angesagt wie Hamer-Anhänger.
Schützenhilfe kommt von der Bundes-SP: Deren Gesundheitssprecher Walter Guggenberger forderte Dienstag die Schließung der Burgauer Praxis und bezeichnete Hamer als „Scharlatan“.
U.J.
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