KURIER - Dramatische Kraftprobe der Ärzte mit Olivias Vater
KURIER, 27.07.1995
Dramatische Kraftprobe der Ärzte mit Olivias Vater
Primarius: „Es geht ihr sehr schlecht“ / Gendarmerie bewacht krankes Kind
„Olivia geht es sehr schlecht, ihr Zustand ist kritisch“, meinte am Mittwoch Primararzt Hans Vanura vom Krankenhaus Tulln. Wie der KURIER exklusiv berichtet hat, mußte das krebskranke Mädchen schon Dienstag mittag ins Spital eingeliefert werden. Genau dagegen aber protestierte Vater Helmut Pilhar Mittwoch abend. Er dachte wieder an Flucht, wollte für „die freie Wahl der Therapie ins Gefängnis gehen“. Das Kind muß von der Gendarmerie bewacht werden.
Handelten Eltern richtig?
KURIER-Taed-Umfrage zum Fall Olivia Pilhar
Das Schicksal der krebskranken Olivia bewegt Österreich. Die Eltern vertrauten einem Wunderheiler statt der Schulmedizin und flüchteten mit dem Kind aus Österreich.
Der KURIER fragt Sie:
Haben die Eltern Olivias richtig gehandelt?
Rufen Sie an, und teilen Sie uns Ihre Meinung mit (JA/NEIN). - Ihr Anruf kostet 21 g/sec. Die Umfrage läuft bis Freitag, 12 Uhr. Das Ergebnis erfahren Sie am Sonntag im KURIER.
Ihre Stimme zählt!
Olivia kam um 70 Tage zu spät
Ärzte im Tullner Spital kämpfen um Leben des Mädchens / Vater denkt wieder an Flucht / Das kranke Kind muß von der Gendarmerie bewacht werden
„Es geht ihr furchtbar schlecht, ihr Zustand ist kritisch.“ So bezeichnet Olivia Pilhars neuer Arzt, der Tullner Kinderprimar Hans Vanura, das Befinden des krebskranken Kindes. Wie der KURIER exklusiv berichtet hat, wurde Olivia am Dienstag schon Stunden vor Zusammentreten des Ärztekonsiliums in Wien - ins Tullner Spital eingewiesen.
Als man schon gehofft hatte, daß sich eine Lösung abzeichnen werde, drehten die Eltern Erika und Helmut Pilhar wieder den Spieß um: Vermutlich nach einem Telefongespräch mit „Krebsheiler“ Geerd Hamer zeigte sich Helmut Pilhar, der Kindesvater, über die Behandlung in Tulln verärgert. Man wolle mit Chemotherapie und Bestrahlung gegen Olivia vorgehen, mit Infusionen habe man schon begonnen. Pilhar denkt schon wieder an Flucht vor der Schulmedizin. Aber die Kinderabteilung in Tulln wird jetzt von der Gendarmerie bewacht., In einer „Presseaussendung“ unterstreicht Olivias Vater seine Entschlossenheit: „Ich, Helmut Pilhar, bin auch bereit, für die freie Wahl der Therapie ins Gefängnis zu gehen.“
Dabei drängt die Zeit!
Genau vor zehn Wochen war die erste Diagnose auf Wilms-Tumor an der Niere gestellt worden. Und dieser Tumor wächst wahnsinnig rasch. Schon vor 70 Tagen war er acht mal zehn Zentimeter groß!
Dr. Vanura blieb trotz aller Rückschläge zuversichtlich, die Eltern von der Notwendigkeit einer „klassischen“ Behandlung überzeugen zu können. Aber: „Nach einem ersten Gespräch mußte ich zur Kenntnis nehmen, daß sie überhaupt kein Vertrauen zur ‚klassischen’ Medizin haben.“
Vanura hat den behördlichen Auftrag, daß Olivia Pilhar das Tullner Krankenhaus nicht verlassen darf. Wie der KURIER erfuhr, wurden Kind und Mutter Mittwoch früh jedoch mit einem Notarztwagen ins Stockerauer Krankenhaus überstellt. Olivia wurde noch einmal computertomographisch untersucht. Um festzustellen, wie weit sich die Metastasen in ihrem kleinen Körper schon ausgebreitet haben.
Geerd Hamer, derzeit in Köln, schäumt: „Gegen den Willen ihrer Eltern wird Olivia in der Tullner Klinik festgehalten!“ Der selbsternannte „Krebsheiler“ greift die österreichische Regierung an: „Sie hat ihr Wort gebrochen. Man hatte versprochen, daß das Kind - wenn es die Eltern wünschen - nach meiner Methode weiter behandelt wird. Nun bekommt die Kleine Traubenzucker- und Aspirin-Infusionen. Besser wäre es, sie weiter Schokoladeneis schlecken zu lassen, denn das schmeckt ihr und macht sie somit gesund.“
In ihrer „Presseerklärung“ sagen die Pilhars, daß sie „Dr. Hamer hundertprozentig“ vertrauen und er nach wie vor bereit sei, die Behandlung ihrer Tochter „in vollem Umfang zu übernehmen“.
Hamer möchte bald wieder nach Österreich kommen. Grund: „Meine beiden Vertrauensärzte (der Tullner Amtsarzt und Vizebürgermeister Willibald Stangl und die Wiener praktische Ärztin Elisabeth Rozkydal) haben sich von den Behörden einschüchtern lassen. Sie können den Eltern nicht wirklich helfen.“ Mit den beiden Medizinern ist Hamer, wie er behauptet, „schon seit längerem befreundet. Rozkydal hat schon viele Patienten an mich vermittelt, so auch Olivia. Und Stangl habe ich in die ganze Sache eingeschaltet, weil er Amtsarzt ist und für uns den rechtlichen Weg ebnen konnte“.
Die Eltern, berichtet er, „telefonieren stündlich mit mir und sind verzweifelt darüber, daß man nun ihr Kind im Spital therapiert“.
Primarius Vanura hofft dennoch: „Es muß mir einfach gelingen, eine Vertrauensbasis zu den Eltern herzustellen. Dafür werde ich kämpfen. Ich muß sie überzeugen, daß ihr Kind nur noch durch die bewährten Behandlungsmethoden gerettet werden kann.“
Auch der gesetzliche Vormund, Dr. Heinz Zimper von der BH Wiener Neustadt, ist überzeugt, daß sich in Tulln eine letzte Chance bietet, Olivia zu retten. Zimper betont, „alle Maßnahmen werden mit den Vertrauensärzten der Familie abgeklärt“.
Bei den Verzögerungen sieht der Primarius der Tullner Chirurgie, Franz Stöger, eine große Gefahr: „Wenn wir zu spät mit der Chemotherapie beginnen, kann das Kind sterben dann wird man der Schulmedizin die Schuld geben.“
Zur „Chemotherapie“ ein Bericht auf Seite 19.
Olivias Ärzte haben Kind mit Wilms-Tumor gerettet
März 1980: Der zweijährige Markus Krach aus Grafenwörth im Bezirk Tulln erkrankte an Wilms-Tumor. Der Bub wurde gerettet. Just von jenen Ärzten, die jetzt im Krankenhaus Tulln um Olivias Leben kämpfen: dem Kinderprimar Hans Vanura und dem Chefchirurgen Franz Stöger. Als dritter Lebensretter fungierte damals Olaf Arne Jürgenssen, der den „Fall Olivia“ schließlich ins Rollen gebracht hat.
Für die Familie des heute kerngesunden 17jährigen Markus war es eine schwere Zeit. Vater Franz erinnert sich: „Vanura hat den Tumor zum Glück rechtzeitig erkannt, Stöger hat ihn operiert. Im AKH wurde unser Sohn einer Chemotherapie unterzogen, bei der er alle Haare verlor.“
Jürgenssen, damals Oberarzt im AKH, spielte bei der Behandlung des kleinen Buben eine zentrale Rolle. Krach: „Markus war fixiert auf Jürgenssen. Nur ihm hat er vertraut. Niemand sonst durfte meinem Sohn eine Nadel in den Arm stechen. Einmal hat es ein anderer versucht. Markus hat sich mit Händen und Füßen gewehrt.“
Jürgenssen entschuldigte sich brieflich und sogar handschriftlich bei seinem kleinen Patienten: „Es tut mir leid, daß ich das letzte Mal keine Zeit gehabt habe, da ich plötzlich zu einer wichtigen Besprechung in die Direktion mußte.“
Markus Krach ist heute Schüler in einer Handelsakademie und leidenschaftlicher Tennisspieler. Mit dem örtlichen Tennisklub errang der 17jährige sogar schon den Meistertitel. Schäden durch die Chemotherapie blieben keine zurück. Auch die Haare sind wieder gewachsen.
Obwohl die Familie das Leiden der kleinen Olivia Pilhar verfolgt, möchte sie den Eltern keine Ratschläge geben. Vater Krach: „Das steht mir nicht zu. Ich würde aber gerne meine Erfahrungen mit dem Wilms-Tumor an Olivias Eltern weitergeben.“
Franz Resperger
Die Chronologie einer Tragödie um ein kleines Mädchen
Eine Ärztin angezeigt
Jene Ärzte, die dem „Krebsheiler“ Hamer Patienten vermittelten, haben mit disziplinären Folgen zu rechnen. Als erste wurde Dr. Elisabeth Rozkydal von ÖVP-Gesundheitssprecher (und praktischem Arzt) Dr. Erwin Rasinger bei der Kammer angezeigt. Rozkydal hatte laut Hamer die Eltern Olivias zu ihm geschickt.
Kammeramtsdirektor Dr. Ernst Chlam: „Bisher ist Dr. Rozkydal nicht negativ aufgefallen.“ Der Disziplinarspezialist sieht die kommenden Verfahren als Testfälle für das 1994 novellierte Ärztegesetz. „Bisher durfte die Disziplinarkommission maximal drei Monate Berufsverbot verhängen, jetzt ist die Befristung gefallen. Der Betroffene kann zwar gegen die Maßnahme berufen, doch die Kommission kann der Berufung die aufschiebende Wirkung versagen.“
Dr. Erwin Rasinger meinte am Mittwoch, der Kurpfuscherei müsse endlich ein Riegel vorgeschoben werden. Er werde einen Antrag im Nationalrat auf Verschärfung des Paragraphen einbringen. Mit solchen Änderungen, die das Gesetz besser „handhabbar“ machen. So soll die Frage der Entgeltlichkeit geklärt werden (wer „Spenden“ nahm, fiel nicht unter den Paragraphen).
Vehement forderte Rasinger den Rücktritt der Grün-Chefin Madeleine Petrovic. Sie habe „für Hamer den Boden bereitet“. Im Parlament habe sie zum Problem Krebsbehandlung Anfragen gestellt, als wäre sie Hamers „Sekundantin“. „Wo ist Frau Petrovic jetzt, da es dem Kind so schlecht geht?“ fragte der Politiker.
Die Grünen antworteten, Petrovic habe nur versucht, im Konflikt zwischen den Heilmethoden „zu vermitteln“.
Rasinger kritisierte aber auch die „Schulmedizin“: Ein besseres Gesprächsklima mit Patienten sei dringend notwendig. Die Medizinerausbildung müsse auch das Fach „Ethik“ umfassen.
Primarius: „Es geht ihr sehr schlecht“ / Gendarmerie bewacht krankes Kind
„Olivia geht es sehr schlecht, ihr Zustand ist kritisch“, meinte am Mittwoch Primararzt Hans Vanura vom Krankenhaus Tulln. Wie der KURIER exklusiv berichtet hat, mußte das krebskranke Mädchen schon Dienstag mittag ins Spital eingeliefert werden. Genau dagegen aber protestierte Vater Helmut Pilhar Mittwoch abend. Er dachte wieder an Flucht, wollte für „die freie Wahl der Therapie ins Gefängnis gehen“. Das Kind muß von der Gendarmerie bewacht werden.
Seite 7
Handelten Eltern richtig?
KURIER-Taed-Umfrage zum Fall Olivia Pilhar
Das Schicksal der krebskranken Olivia bewegt Österreich. Die Eltern vertrauten einem Wunderheiler statt der Schulmedizin und flüchteten mit dem Kind aus Österreich.
Der KURIER fragt Sie:
Haben die Eltern Olivias richtig gehandelt?
Rufen Sie an, und teilen Sie uns Ihre Meinung mit (JA/NEIN). - Ihr Anruf kostet 21 g/sec. Die Umfrage läuft bis Freitag, 12 Uhr. Das Ergebnis erfahren Sie am Sonntag im KURIER.
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| JA: | 045 9299 111 200 |
| NEIN: | 045 9299 111 201 |
Olivia kam um 70 Tage zu spät
Ärzte im Tullner Spital kämpfen um Leben des Mädchens / Vater denkt wieder an Flucht / Das kranke Kind muß von der Gendarmerie bewacht werden
„Es geht ihr furchtbar schlecht, ihr Zustand ist kritisch.“ So bezeichnet Olivia Pilhars neuer Arzt, der Tullner Kinderprimar Hans Vanura, das Befinden des krebskranken Kindes. Wie der KURIER exklusiv berichtet hat, wurde Olivia am Dienstag schon Stunden vor Zusammentreten des Ärztekonsiliums in Wien - ins Tullner Spital eingewiesen.
Als man schon gehofft hatte, daß sich eine Lösung abzeichnen werde, drehten die Eltern Erika und Helmut Pilhar wieder den Spieß um: Vermutlich nach einem Telefongespräch mit „Krebsheiler“ Geerd Hamer zeigte sich Helmut Pilhar, der Kindesvater, über die Behandlung in Tulln verärgert. Man wolle mit Chemotherapie und Bestrahlung gegen Olivia vorgehen, mit Infusionen habe man schon begonnen. Pilhar denkt schon wieder an Flucht vor der Schulmedizin. Aber die Kinderabteilung in Tulln wird jetzt von der Gendarmerie bewacht., In einer „Presseaussendung“ unterstreicht Olivias Vater seine Entschlossenheit: „Ich, Helmut Pilhar, bin auch bereit, für die freie Wahl der Therapie ins Gefängnis zu gehen.“
Dabei drängt die Zeit!
Genau vor zehn Wochen war die erste Diagnose auf Wilms-Tumor an der Niere gestellt worden. Und dieser Tumor wächst wahnsinnig rasch. Schon vor 70 Tagen war er acht mal zehn Zentimeter groß!
Dr. Vanura blieb trotz aller Rückschläge zuversichtlich, die Eltern von der Notwendigkeit einer „klassischen“ Behandlung überzeugen zu können. Aber: „Nach einem ersten Gespräch mußte ich zur Kenntnis nehmen, daß sie überhaupt kein Vertrauen zur ‚klassischen’ Medizin haben.“
Vanura hat den behördlichen Auftrag, daß Olivia Pilhar das Tullner Krankenhaus nicht verlassen darf. Wie der KURIER erfuhr, wurden Kind und Mutter Mittwoch früh jedoch mit einem Notarztwagen ins Stockerauer Krankenhaus überstellt. Olivia wurde noch einmal computertomographisch untersucht. Um festzustellen, wie weit sich die Metastasen in ihrem kleinen Körper schon ausgebreitet haben.
Geerd Hamer, derzeit in Köln, schäumt: „Gegen den Willen ihrer Eltern wird Olivia in der Tullner Klinik festgehalten!“ Der selbsternannte „Krebsheiler“ greift die österreichische Regierung an: „Sie hat ihr Wort gebrochen. Man hatte versprochen, daß das Kind - wenn es die Eltern wünschen - nach meiner Methode weiter behandelt wird. Nun bekommt die Kleine Traubenzucker- und Aspirin-Infusionen. Besser wäre es, sie weiter Schokoladeneis schlecken zu lassen, denn das schmeckt ihr und macht sie somit gesund.“
In ihrer „Presseerklärung“ sagen die Pilhars, daß sie „Dr. Hamer hundertprozentig“ vertrauen und er nach wie vor bereit sei, die Behandlung ihrer Tochter „in vollem Umfang zu übernehmen“.
Hamer möchte bald wieder nach Österreich kommen. Grund: „Meine beiden Vertrauensärzte (der Tullner Amtsarzt und Vizebürgermeister Willibald Stangl und die Wiener praktische Ärztin Elisabeth Rozkydal) haben sich von den Behörden einschüchtern lassen. Sie können den Eltern nicht wirklich helfen.“ Mit den beiden Medizinern ist Hamer, wie er behauptet, „schon seit längerem befreundet. Rozkydal hat schon viele Patienten an mich vermittelt, so auch Olivia. Und Stangl habe ich in die ganze Sache eingeschaltet, weil er Amtsarzt ist und für uns den rechtlichen Weg ebnen konnte“.
Die Eltern, berichtet er, „telefonieren stündlich mit mir und sind verzweifelt darüber, daß man nun ihr Kind im Spital therapiert“.
Primarius Vanura hofft dennoch: „Es muß mir einfach gelingen, eine Vertrauensbasis zu den Eltern herzustellen. Dafür werde ich kämpfen. Ich muß sie überzeugen, daß ihr Kind nur noch durch die bewährten Behandlungsmethoden gerettet werden kann.“
Auch der gesetzliche Vormund, Dr. Heinz Zimper von der BH Wiener Neustadt, ist überzeugt, daß sich in Tulln eine letzte Chance bietet, Olivia zu retten. Zimper betont, „alle Maßnahmen werden mit den Vertrauensärzten der Familie abgeklärt“.
Bei den Verzögerungen sieht der Primarius der Tullner Chirurgie, Franz Stöger, eine große Gefahr: „Wenn wir zu spät mit der Chemotherapie beginnen, kann das Kind sterben dann wird man der Schulmedizin die Schuld geben.“
Zur „Chemotherapie“ ein Bericht auf Seite 19.
Franz Resperger,
Martina Prewein
Martina Prewein
Olivias Ärzte haben Kind mit Wilms-Tumor gerettet
März 1980: Der zweijährige Markus Krach aus Grafenwörth im Bezirk Tulln erkrankte an Wilms-Tumor. Der Bub wurde gerettet. Just von jenen Ärzten, die jetzt im Krankenhaus Tulln um Olivias Leben kämpfen: dem Kinderprimar Hans Vanura und dem Chefchirurgen Franz Stöger. Als dritter Lebensretter fungierte damals Olaf Arne Jürgenssen, der den „Fall Olivia“ schließlich ins Rollen gebracht hat.
Für die Familie des heute kerngesunden 17jährigen Markus war es eine schwere Zeit. Vater Franz erinnert sich: „Vanura hat den Tumor zum Glück rechtzeitig erkannt, Stöger hat ihn operiert. Im AKH wurde unser Sohn einer Chemotherapie unterzogen, bei der er alle Haare verlor.“
Jürgenssen, damals Oberarzt im AKH, spielte bei der Behandlung des kleinen Buben eine zentrale Rolle. Krach: „Markus war fixiert auf Jürgenssen. Nur ihm hat er vertraut. Niemand sonst durfte meinem Sohn eine Nadel in den Arm stechen. Einmal hat es ein anderer versucht. Markus hat sich mit Händen und Füßen gewehrt.“
Jürgenssen entschuldigte sich brieflich und sogar handschriftlich bei seinem kleinen Patienten: „Es tut mir leid, daß ich das letzte Mal keine Zeit gehabt habe, da ich plötzlich zu einer wichtigen Besprechung in die Direktion mußte.“
Markus Krach ist heute Schüler in einer Handelsakademie und leidenschaftlicher Tennisspieler. Mit dem örtlichen Tennisklub errang der 17jährige sogar schon den Meistertitel. Schäden durch die Chemotherapie blieben keine zurück. Auch die Haare sind wieder gewachsen.
Obwohl die Familie das Leiden der kleinen Olivia Pilhar verfolgt, möchte sie den Eltern keine Ratschläge geben. Vater Krach: „Das steht mir nicht zu. Ich würde aber gerne meine Erfahrungen mit dem Wilms-Tumor an Olivias Eltern weitergeben.“
Franz Resperger
Die Chronologie einer Tragödie um ein kleines Mädchen
| • | 17. Mai 1995: Maiersdorf, NÖ: Die sechsjährige Olivia klagt über heftige Bauchschmerzen. |
| • | 18. Mai: Diagnose im Krankenhaus Wiener Neustadt - Verdacht auf Wilms-Tumor an der rechten Niere. Olivia wird in das St.-Anna-Kinderspital in Wien überstellt. Der Verdacht bestätigt sich. Der Tumor ist schon acht mal zehn Zentimeter groß. Chemotherapie wird angeordnet. |
| • | 22. Mai: Die Eltern, Helmut und Erika Pilhar, entscheiden sich noch vor dem ausführlichen „Erstgespräch“ gegen die Chemotherapie und holen Olivia aus dem Spital. Sie wenden sich an den dubiosen „Krebsheiler“ Geerd Hamer. |
| • | 9. Juni: Erste Tagsatzung beim Pflegschaftsgericht. Primarius Olaf Arne Jürgenssen vom Wiener Neustädter Spital hat die Behörden eingeschaltet. Der Vater verweigert weiter Chemotherapie. Mutter Erika Pilhar taucht mit Olivia und deren beiden Geschwistern unter. |
| • | 23. Juni: Das Gericht entzieht den Eltern das Sorgerecht und überträgt es dem Jugendamt. Dr. Heinz Zimper von der BH wird Olivias Vormund. |
| • | 24. Juni - 18. Juli: Mit Unstützung von Hamer-Anhängern flüchten die Pilhars von Österreich über Deutschland und die Schweiz nach Südspanien. Sie werden von der Polizei gesucht. Bei diversen Interviews und TV-Auftritten plädieren sie für die Hamer-Theorien. Olivias Bauch hat bereits den Umfang eines Handballs. |
| • | 5. Juli: Der Fall Olivia wird im „Help-TV“ aufgezeigt, Madeleine Petrovic zeigt Verständnis für Hamer und Eltern. |
| • | 19. Juli: Die Familie wird in Malaga in Südspanien entdeckt. Eine Rückholaktion mit der Ärzteflugambulanz wird gestartet. Kinderärztin Marina Marcovich vermittelt. |
| • | 21. Juli: Eine kurze, offizielle Untersuchung in der Kinderklinik von Malaga bestätigt den schlechten Zustand der Kleinen. |
| • | 24. Juli: Rückflug nach Österreich. Vertrauensärzte der Eltern und Schulmediziner sollen die Behandlung abklären. |
| • | 25. Juli: Olivia wird ins Krankenhaus Tulln eingeliefert. |
Ilse Schmid
Eine Ärztin angezeigt
Jene Ärzte, die dem „Krebsheiler“ Hamer Patienten vermittelten, haben mit disziplinären Folgen zu rechnen. Als erste wurde Dr. Elisabeth Rozkydal von ÖVP-Gesundheitssprecher (und praktischem Arzt) Dr. Erwin Rasinger bei der Kammer angezeigt. Rozkydal hatte laut Hamer die Eltern Olivias zu ihm geschickt.
Kammeramtsdirektor Dr. Ernst Chlam: „Bisher ist Dr. Rozkydal nicht negativ aufgefallen.“ Der Disziplinarspezialist sieht die kommenden Verfahren als Testfälle für das 1994 novellierte Ärztegesetz. „Bisher durfte die Disziplinarkommission maximal drei Monate Berufsverbot verhängen, jetzt ist die Befristung gefallen. Der Betroffene kann zwar gegen die Maßnahme berufen, doch die Kommission kann der Berufung die aufschiebende Wirkung versagen.“
Dr. Erwin Rasinger meinte am Mittwoch, der Kurpfuscherei müsse endlich ein Riegel vorgeschoben werden. Er werde einen Antrag im Nationalrat auf Verschärfung des Paragraphen einbringen. Mit solchen Änderungen, die das Gesetz besser „handhabbar“ machen. So soll die Frage der Entgeltlichkeit geklärt werden (wer „Spenden“ nahm, fiel nicht unter den Paragraphen).
Vehement forderte Rasinger den Rücktritt der Grün-Chefin Madeleine Petrovic. Sie habe „für Hamer den Boden bereitet“. Im Parlament habe sie zum Problem Krebsbehandlung Anfragen gestellt, als wäre sie Hamers „Sekundantin“. „Wo ist Frau Petrovic jetzt, da es dem Kind so schlecht geht?“ fragte der Politiker.
Die Grünen antworteten, Petrovic habe nur versucht, im Konflikt zwischen den Heilmethoden „zu vermitteln“.
Rasinger kritisierte aber auch die „Schulmedizin“: Ein besseres Gesprächsklima mit Patienten sei dringend notwendig. Die Medizinerausbildung müsse auch das Fach „Ethik“ umfassen.
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