KURIER - Chemotherapie: Mutter läßt Olivia allein
KURIER, 30.07.1995
Todesengel
Endlich. Nach Wochen haben die Behörden das absurde und lebensgefährliche Psychospiel beendet und gegen den Willen der Eltern eine (schulmedizinische) Behandlung von Olivia angeordnet. Diese „Zwangsbehandlung“ ist die letzte Chance für das Kind, denn die völlig desorientierten Eltern hätten ihre Tochter in Hamers Namen offenbar lieber sterben lassen als einer Therapie zugestimmt, die ihr schwer gestörter Guru verbietet.
Endlich wurde auch gegen den zynischen Todesengel Ryke Geerd Hamer Haftbefehl erlassen. Gleich 37 Fälle scheinen nachweisbar, in denen schwerkranke Patienten den Glauben an den obskuren Heiler mit dem Leben bezahlten.
Wir fragen allerdings, warum erst jetzt? Hätten Behandlungs- und Haftbefehl nicht längst gegeben werden müsssen? Hoffentlich ist es jetzt nicht zu spät.
Endlich. Nach Wochen haben die Behörden das absurde und lebensgefährliche Psychospiel beendet und gegen den Willen der Eltern eine (schulmedizinische) Behandlung von Olivia angeordnet. Diese „Zwangsbehandlung“ ist die letzte Chance für das Kind, denn die völlig desorientierten Eltern hätten ihre Tochter in Hamers Namen offenbar lieber sterben lassen als einer Therapie zugestimmt, die ihr schwer gestörter Guru verbietet.
Endlich wurde auch gegen den zynischen Todesengel Ryke Geerd Hamer Haftbefehl erlassen. Gleich 37 Fälle scheinen nachweisbar, in denen schwerkranke Patienten den Glauben an den obskuren Heiler mit dem Leben bezahlten.
Wir fragen allerdings, warum erst jetzt? Hätten Behandlungs- und Haftbefehl nicht längst gegeben werden müsssen? Hoffentlich ist es jetzt nicht zu spät.
FFW

Mutter ließ Olivia bei Chemotherapie allein
Sechsjährige wird nun im AKH behandelt: „Heilungschance liegt bei 20 bis 40 Prozent“
Wie groß die seelischen Schmerzen sind, die Olivia neben den körperlichen zu ertragen hat - darüber kann niemand urteilen. „Das Mädchen zu sehen, nachdem die Mutter von ihr gegangen ist, war einer der fürchterlichsten Augenblicke in meiner Laufbahn“, sagt Primar Hans Vanura: „Das Kind hat geweint, es war zerstört.“
Ohne Mutter wurde die Kleine am Samstag um 9 Uhr früh vom Tullner Krankenhaus in das Wiener AKH gebracht. Erika Pilhar hatte sich geweigert, ihrer Tochter weiterhin beizustehen. „Bliebe ich bei ihr, wenn sie chemotherapeutisch behandelt wird, würde das bedeuten, daß ich mich der Schulmedizin füge. Und das werde ich nie tun“, erklärte sie.
Kurz nach Mitternacht war die Entscheidung gefallen: Olivia muß eine Chemotherapie bekommen. Stundenlang hatten Ärzte, ein Patientenanwalt, der zuständige Richter und Olivias Vormund Heinz Zimper getagt.
„Es war nicht einfach, diesen Schritt zu gehen“, so Univ.-Prof. Dr. Klaus Lechner. „Aber wir wissen: Wird das Mädchen nicht chemotherapeutisch behandelt, stirbt es. Der Tumor hat nun ein Gewicht von 4,2 Kilo - und er wächst explosionsartig weiter. Olivia, kann jetzt schon kaum atmen, weil ihre Lungen zusammengequetscht werden. Nur eine Chemotherapie kann helfen. Ihre Heilungschance liegt bei 20 bis 40 Prozent. Es ist unsere Pflicht, diese Möglichkeit zu nutzen.“
Nachdem der Beschluß feststand, sprachen die Ärzte mehrere Stunden mit den Eltern des Kindes. Doch die blieben stur. Der Vater fuhr nach Hause. Weiterhin versuchten Primar Vanura und Dr. Marina Marcovich, die Mutter dazu zu überreden, bei Olivia zu bleiben. „Frau Pilhar blieb allen Argumenten unzugänglich. Oft unterbrach sie das Gespräch, um zu telefonieren wahrscheinlich mit Hamer. Ihre Antworten wurden immer monotoner, sie sprach wie in Trance.“
Frühmorgens wurde die Kleine dann in das AKH transportiert. „Wir haben uns für dieses Spital entschieden, weil Olivia dort in der Intensiv-Isolierstation behandelt werden kann. Das Mädchen braucht unbedingte Ruhe“, so Zimper. Die Verabschiedung war kurz: Erika Pilhar sprach ihrem Kind nicht einmal Mut zu.
Die Mutter Helmut Pilhars, die von Beginn des Dramas um das kleine Mädchen gegen die „Heilungsmethoden“ Hamers protestiert hatte, wird ihrer Enkeltochter nun beistehen. Die Anhänger des selbsternannten „Krebsforschers“ (gegen den ein Haftbefehl besteht) reagierten mit Hungerstreik. Am Samstag versammelten sie sich am Wiener Stephansplatz. Olivias Eltern, die eine Behandlung ihrer Tochter in einer spanischen Klinik (natürlich nach „Hamer'scher Methode) fordern, waren auch dabei! Am Nachmittag fuhr die Mutter doch ins AKH.
Olivias Zustand ist stabil. Krankenschwestern kümmern sich rührend um das kleine Mädchen, eine Psychotherapeutin hilft ihm, den Trennungsschmerz zu überwinden. „Unsere Aufgabe war es zunächst, der Kleinen zu erklären, was mit ihr geschehen wird. Olivia hat schon ein wenig Vertrauen zu uns gefaßt. Sie spricht mit uns und hat aufgehört zu weinen“, so ein behandelnder Arzt.
Martina Prewein
Ilse Schmid
Ilse Schmid
Absurde Sprüche des „Heilers“ liefen im Radio
Der Haftbefehl gegen Geerd Hamer wurde Freitag unter Zeitdruck erlassen. Die Justiz in Wiener Neustadt hielt es nämlich für „nicht ausgeschlossen“, daß der selbsternannte Krebsheiler in Graz bei einer regionalen ORF-Telefonkontaktsendung („Leitung frei“) live teilnehmen würde. Kripobeamte überzeugten sich: Man war mittels Konferenzschaltung nach Köln verbunden. Hamer wird Beihilfe an Olivias Qualen (Paragraph 92) vorgeworfen.
Familienfunkchefin Gudrun Gröblbauer ist Angriffen ausgesetzt: Der Rektor der Medizinischen Fakultät Graz, Thomas Kenner, und die Ärztekammer können nicht verstehen, warum dem in Deutschland mit Berufsverbot belegten Arzt 80 Minuten lang ein unglaublich großes Forum zur Verbreitung seiner obskuren Hypothesen (Neue Medizin) eingeräumt wurde. Gröblbauer vertröstete das Kinderpublikum („Der Klapotetz fängt später an“) und rechtfertigte die Sendung mit dem Rundfunkgesetz und einem „gesellschaftlich relevanten Ereignis“, Olivias Todeskampf eben.
Die Familienfunkchefin urgierte wiederholt sachliche Wortmeldungen der Hörer und Antworten Hamers.
Eigendynamik schlug durch. Haarsträubende Behauptungen Hamers erreichten über den Äther schließlich auch Regionen, wo Aufklärung und Information noch im Winkerl liegen. So verstieg sich Hamer in die Aussage, daß 95 Prozent aller schulmedizinischen Krebstherapien erfolglos wären und tödlich enden würden. Ein Anrufer, von Beruf Arzt, versuchte mit Statistiken zu entkräften. Gegen Hamers geschliffene Rhetorik, Präpotenz (nur intelligente Menschen könnten seine Neue Medizin verstehen) und seinen Anspruch auf absolute medizinische Wahrheit war kein (Heil-) Kraut gewachsen.
Emotionen der Hörer überwogen: „Wie können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, daß Olivia wahrscheinlich sterben wird?“ Hamer konterte „väterlich“: Wäre Olivia sein Kind, würde er nicht anders handeln und raten - beim Leben seiner eigenen vier Kinder.
Aufschlußreiche Panne: Eine Hörerin konfrontierte Hamer mit dem Tod einer Freundin, die dessen Grundsätze beherzigt habe. Die Krebskranke starb in Boston. Blitzartig war die Leitung nach Köln unterbrochen. Hamer beschwerte sich später: „Ihr habt mich rausgeschmissen!“ Auf den Fall ging er geflissentlich nicht mehr ein.
Ulli Jantschner
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