KURIER - Olivias Mutter lenkt nun ein

KURIER, 31.07.1995

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Olivias Mutter lenkt nun ein


Mehrere Besuche im AKH

Zunächst weigerte sich die Mutter, ihrer Tochter bei der Chemotherapie im Wiener AKH beizustehen. Schließlich entschloß sich Erika Pilhar aber doch, zu Olivia ins Krankenhaus zu fahren.

Die Mutter des krebskranken Kindes scheint einzulenken. Sie besuchte ihre Tochter am Sonntag mehrmals und hält sich an die Bitte der Ärzte, Olivia nicht noch mehr zu verunsichern.

Die Kinderklinik wird rund um die Uhr bewacht: Jünger des deutschen „Heilers“ Hamer haben Olivias „Befreiung“ angekündigt.

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Olivias Mutter lenkt nun ein


Erika Pilhar besucht ihre Tochter / Hamer-Jünger kündigten „Befreiung“ an / AKH-Kinderklinik hermetisch abgeriegelt

Erika Pilhar läßt ihr schwerkrankes Kind nun nicht mehr allein! Mehrmals täglich besucht sie Olivia in der Kinderklinik des AKH. Wenige Stunden, nachdem die Mutter am Samstag behauptet hatte, sie könne ihrem Kind nicht weiter beistehen, weil es - gegen ihren Willen - chemotherapeutisch behandelt wird, tröstete sie ihre Tochter in der Isolier-Intensivstation.

„Das ist natürlich für Olivia sehr wichtig, denn ihre Beziehung zur Mutter ist sehr stark“, so ein behandelnder Arzt zum KURIER: „Wir haben Frau Pilhar erklärt, daß es für das Kind schlecht wäre, wenn sie in seiner Gegenwart negativ über unsere Behandlungsmethode sprechen würde. Sie hält sich zum Wohle ihrer Tochter an unsere Anweisungen.“ Die Spitalsleitung hat Erika Pilhar ein Zimmer zur Verfügung gestellt, in dem sie schlafen könnte: „Aber das hat sie abgelehnt.“ Helmut Pilhar hat Besuchsverbot. Außer der Mutter hat nur noch die Großmutter väterlicherseits (die immer gegen Hamers „Heilungsmethoden“ protestiert hatte) Zutritt zu dem Krankenbett der Kleinen.

Der Sechsjährigen geht es, so die Ärzte, „den Umständen entsprechend gut“. Bereits am Samstag wurde mit der Chemotherapie begonnen. Sonntag vormittag bekam sie die zweite Infusion. Das Mädchen kann nur noch seitlich und mit eingezogenen Beinen liegen, der mittlerweile 4,2 Kilo schwere Tumor drückt auf die rechte Lunge. Olivia hat Schwierigkeiten beim Atmen.

Eine am Samstag erstellte Computertomographie hat ergeben, daß sich keine Metastasen gebildet haben. Das gibt den Ärzten Grund zur Hoffnung: „Am Montag werden wir feststellen können, ob der Tumor durch die Chemotherapie schon kleiner geworden ist.“ Olivia muß nicht künstlich ernährt werden, ihr Verdauungssystem funktioniert. Tag und Nacht wachen Intensiv-Krankenschwestern am Bett der Kleinen: „Sie haben zu dem Mädchen eine gute Beziehung aufgebaut, Olivia hat Vertrauen zu ihnen gefaßt.“

Nach der Demonstration am Samstag am Wiener Stephansplatz hatten Hamer-Jünger die „Befreiung“ Olivias angekündigt. Die Kinderklinik ist hermetisch abgeriegelt, die dort postierten Polizeikräfte haben die Anweisung, „wenn nötig auch mit Gewalt“ einzuschreiten.

Martina Prewein



„Die schlechtesten Eltern sind immer noch die Eltern“

Dürfen Eltern in aller Liebe über Leben und Tod ihres Kindes herrschen? Wer bestimmt über das Kindeswohl? Waltraud Strohmer, deren Tochter vom Krebs geheilt ist, und Kinderanwältin Marion Gebhart in der KURIER-Konfrontation am Montag.


Moderation: Eva Gogala

Waltraud Strohmers Tochter ist heute 25 Jahre alt, gesund und verheiratet. Doch die Frau erinnert sich noch ganz genau an jenen Tag vor zehn Jahren, als sie die Diagnose erfuhr: Knochenkrebs, keine Operation möglich. „Das war ein Schock. Und auch wir haben ein schreckliches Erlebnis im Krankenhaus gehabt. Manche Kinder waren furchtbar entstellt.“ Doch die Eltern entschieden sich für die Schulmedizin, und die Tochter wurde geheilt.

Diese Chance hätte auch Olivia gehabt. - Wieviel Macht sollen Eltern über ihre Kinder haben?

Marion Gebhart, alleinerziehende Mutter eines vierjährigen Sohnes, fehlt in der Diskussion um die krebskranke Olivia Pilhar und ihre Eltern. Das Wichtigste: „Ich habe noch kein einziges Mal gehört, was Olivia eigentlich meint und will. Das ist der Kardinalfehler. Kinder verstehen mehr, als man glaubt, auch Krankheit und den Tod.“ Das weiß sie auch von ihrem Sohn: „Wir haben viele alte Menschen in der Verwandtschaft, und ich habe angefangen, mit meinem Sohn darüber zu reden, wie das ist, wenn man stirbt. Ich werde ihm auch sicher nie sagen, wenn jemand stirbt, der ist halt verschwunden oder im Himmel. Auch kleine Kinder denken schon logisch, wenn sie es gelernt haben. Kein Kind ist zu klein, um ernst genommen zu werden.“

Kinder sind viel reifer. Waltraud Strohmers Erfahrung: „Kindern ist es unangenehm, wenn man nicht mit ihnen, sondern über sie redet. Und gerade krebskranke Kinder sind meist viel reifer, als es ihrem Alter entsprechen würde.“ Das Verhalten von Olivias Eltern kann sie nicht nachvollziehen. „Es ist so ungeheuerlich. Die wissen nicht, was sie tun. Das Kind leidet ja und hat immer weniger Chancen.“ Für Kinderanwältin Gebhart geht es genau darum: „Es geht nicht mehr um das Recht der Eltern, sondern um das Recht des Kindes zu leben. Und da haben irgendwelche Wünsche der Eltern zurückzustehen.“

Die Fehler sind allerdings schon passiert. Wäre eine Zwangsbehandlung vertretbar? Für Gebhart ist das klar: „Es geht immer nur darum, daß das Kind überlebt. Wenn der Vater einen Hungerstreik macht, dann macht er eben einen.“

„Aber kann man das verantworten?“ - widerspricht Waltaud Strohmet. „Es kann niemand gegen den Willen der Eltern eine Zwangstherapie machen. Das geht nicht, denn das Kind und die Eltern müssen bei der Behandlung mitarbeiten. Es wird sicher nicht gegen den Willen der Eltern entschieden werden können. Die schlechtesten Eltern sind immer noch die Eltern, und die Pilhars sind keine schlechten Eltern, sondern irregeleitet.“

Verantwortung der Eltern. Einwand Gebharts: „Aber das Kind stirbt!“ Doch Strohmer beharrt: „Das müssen die Eltern verantworten. Ich glaube nicht, daß ein Gesetz oder irgendwer anderer helfen kann.“ Gebhart sieht noch eine Möglichkeit: „Vielleicht könnten die Großeltern als Bezugsperson einspringen. Ich würd's probieren. Denn ohne Behandlungen ist sicher, was passiert. Wenn das Kind das selbst verweigert, kann man nichts mehr machen.“

Sollen Eltern die alleinige Verfügungsgewalt haben - oder sollen Behörden im Sinne des Wohls des Kindes einschreiten dürfen?

Kein Einzelfall. „Auf jeden Fall“, meint Waltraud Strohmer. „Nur so etwas wie den Fall Pilhar hat es noch nie gegeben.“ – „Stimmt nicht“, widerspricht Kinderanwältin Gebhart. „So etwas ist auch im St. Anna schon öfter vorgekommen, daß Eltern ihre Kinder aus der Behandlung nehmen, nur eben still und heimlich.“

Falsches Rechtssystem. Sie sucht die Ursachen woanders: „Unser Rechtssystem kümmert sich zu viel um die Rechte der Eltern und viel zuwenig um die Rechte der Kinder. Da muß eine Änderung her. Eltern haben Rechte und Pflichten. Im Gesetz stehen eher die Rechte, die Pflichten kaum. Da muß man wirklich mehr auf die Kinder hören. Gut gemeint von den Eltern ist nicht immer gut fürs Kind.“

Nicht diese Eltern. Da sind sich die bei den Frauen einig. Strohmer: „Wir müssen den Fall Pilhar jetzt ausklammern, weil der schon so verfahren ist. Aber es gibt schon Fälle, wo es besser wäre, Kinder hätten diese ihre Eltern nicht, sondern andere Hilfe.“


KURIER-KONFRONTATION AM MONTAG
Waltraud Strohmer
Marion Gebhart
Waltraud Strohmers Tochter litt an Knochenkrebs und wurde geheilt. Heute ist die Frau in der Elterninitiative des St.-Anna-Kinderspitals aktiv. Darin werden die Eltern krebskranker Kinder betreut und Erfahrungen ausgetauscht. Marion Gebhart ist Kinder- und Jugendanwältin in Wien. Sie kann weisungsfrei zum Wohl des Kindes entscheiden. Gebhart ist Mutter eines vierjährigen Sohnes und Alleinerzieherin.
Ihre Thesen: Ihre Thesen:
• „Gerade krebskranke Kinder sind viel reifer, als es ihrem Alter entsprechen würde.“ • „Es geht nicht mehr um das Recht der Eltern, sondern um das Recht des Kindes zu leben. Und da haben irgendwelche Wünsche der Eltern zurückzustehen.“
• „Es gibt schon Fälle, wo es besser wäre, Kinder hätten diese ihre Eltern nicht, sondern andere Hilfe.“ • „Olivia ist kein Einzelfall. Es ist schon öfter vorgekommen, daß Eltern ihre Kinder aus der Behandlung nehmen, nur eben still und heimlich.“
• „Wenn das Kind stirbt, das müssen Olivias Eltern verantworten.“ • „Man muß wirklich mehr auf die Kinder hören. Gut gemeint ist nicht immer gut fürs Kind.“
• „Die Pilhars sind keine schlechten Eltern, sondern irregeleitet.“