KURIER - Olivia kann kaum atmen

KURIER, 01.08.1995

zeitungsartikel

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Olivia kann kaum atmen

Lungenentzündung

Olivia Pilhar, seit Samstag im AKH, geht es schlecht. Der Krebstumor an der Niere ist gewachsen, drückt auf die Lunge, das Kind hat Lungenentzündung, kann kaum atmen. Es bekommt Morphium gegen Schmerzen. Die Chemotherapie kann erst in Tagen wirken. Die Überlebenschance ist auf 20 Prozent gesunken.

Inzwischen braut sich über „Krebsheiler“ Hamer, der das Kind, nach Meinung der Staatsanwaltschaft, auf dem Gewissen hat, einiges zusammen - 40 Todesfälle werden untersucht, auch einige Kinder waren Opfer.
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Olivias Zustand verschlechtert

Lungenentzündung, weil Tumor schon so groß ist / Mädchen im Dämmerschlaf /Mutter wacht am Bett / Überlebenschancen dramatisch gesunken

Martina Prewein

Der Gesundheitszustand der kleinen Olivia hat sich in der Nacht zum Montag dramatisch verschlechtert. Eine neu erstellte Computertomographie brachte den Ärzten am Vormittag dann das niederschmetternde Ergbnis, das sie ohnehin schon befürchtet hatten: Der Tumor ist weitergewachsen.

Wie berichtet, wird das sechsjährige, schwerkranke Mädchen seit Samstag im Wiener allgemeinen Krankenhaus - gegen den Willen seiner Eltern - chemotherapeutisch behandelt: Bei seiner Aufnahme im Spital hatten die Mediziner bereits eine beginnende Lungenentzündung diagnostiziert. Zusätzlich zu dem „krebszerstörenden Medikament“ werden daher der Kleinen Antibiotika verabreicht.

Ein behandelnder Arzt zum KURIER: „Olivia hat große Schwierigkeiten beim Atmen. Der Tumor drückt auf die rechte Lunge, die kaum noch funktionstüchtig ist. Sie ist zudem entzunden. Und die Krebsgeschwulst ist noch größer geworden. Wir wissen, daß es einige Tage dauert, bis eine Chemotherapie eine den Tumor verkleinernde Wirkung zeigt. Wir rechnen damit, daß dieser übernotwendige Effekt frühestens am Mittwoch greifen wird.“

Bis dahin bleibt nur die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, daß Olivia noch die Kraft hat, die Zeit bis dahin zu überstehen.

Die Sechsjährige weiß wahrscheinlich über ihren Gesundheitszustand selbst kaum mehr Bescheid. Die Schmerzen spürt sie nicht, sie bekommt Morphium. Die Kleine befindert sich in einem Dämmerzustand, sie ist kaum noch bei Bewußtsein. Maschinen und Infusionen erhalten ihr Leben.

Erika Pilhar wacht mittlerweile Tag und Nacht am Krankenbett ihrer Tochter. Die meiste Zeit weint sie still vor sich hin.

Helmut Pilhar sorgte in der Kinderklinik des AKH wieder einmal für Aufruhr: Er hatte angekündigt, mit Hamer-Anhängern das Spital „zu zerschlagen“. Die Schuld an Olivias schlechtem Gesundheitszustand geben die Eltern den Schulmedizinern. Das Ehepaar glaubt noch immer, das Mädchen hätte geheilt werden können, wenn Hamer es hätte weiter behandeln dürfen.

Der selbsternannte „Krebsheiler“, der nach Meinung der Polizei und Staatsanwaltschaft sich in Köln aufhalten dürfte, hat sich mittlerweile aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er gibt keine Interviews mehr, mit Erika und Helmut Pilhar ist er aber über Mobiltelefon weiterhin in Kontakt. Auch jetzt noch schafft er es, das Ehepaar zu beeinflussen.

Während Hamer sich jeder Verantwortung an dem kritischen Gesundheitszustand Olivias entzieht, kämpft ein mehrköpfiges Ärzteteam um das Leben des kleinen Mädchens. „Der Zustand der Kleinen ist mehr als kritisch, aber wir werden alle uns zur Verfügung stehende Kraft aufwenden, das Ringen gegen den Tod zu gewinnen“, so ein behandelnder Arzt zum KURIER: „Die Überlebenschance liegt mittlerweile bei höchstens zwanzig Prozent. Aber es ist eine Chance, die wir nutzen können - und die uns hoffentlich Erfolg bringen wird.“


Um ein Kilo gewachsen

Besonders tragisch ist, daß Olivia - wäre sie rechtzeitig schulmedizinisch behandelt worden - eine 95prozentige Heilungschance gehabt hätte. Als vor nun schon zweieinhalb Monaten der Wilms-Tumor diagnostiziert wurde, hatte er eine Größe von 320 Milliliter. Nun ist er mehr als 4500 Milliliter groß. In der vergangenen Woche ist er um einen Kilo gewachsen.

„Das Problem - ist, daß das Geschwür explosionsartig größer wird. Daher zählt jeder Tag. Je früher man mit der Chemotherapie beginnt, umso höher sind die Heilungschancen“, so ein Mediziner.


Spanische Ärzte warnten

Noch vor eineinhalb Wochen lag die Überlebenschance Olivias bei 70 Prozent. Die Ärzte in Malaga, wohin die Eltern - auf Hamers Anweisung - mit dem Kind geflüchtet waren, hatten schon bei einer oberflächlichen Untersuchung des Mädchens am 22. Juli dazu geraten das Kind - auch gegen den Willen der Eltern – „zwangzutherapieren“.
Vielleicht - ist dieser Schritt um wichtige neun Tage zu spät gemacht worden . .



Das sind die Verbündeten Geerd Hamers

Eine blamable Entgleisung leistete sich die bunte Tageszeitung „täglich Alles“, die einen „offenen Brief“ an Bundespräsident Thomas Klestil abdruckte. In dem Schweizer Brief wird Klestil vorgeworfen, er habe gegenüber den Eltern Olivias ein Versprechen gebrochen, weil das Kind jetzt gegen den Willen der Eltern therapiert wird. Er heule mit den „Chemotherapie-Wölfen“ und müßte wegen Beihilfe zum Kindermord angezeigt werden, sollte Olivia sterben.

Das Pamphlet war vom Geschäftsführer einer „Internationalen Vereinigung zum Schutz der Therapiefreiheit und Elternrechte“ unterzeichnet.

Sein Name: Andres J. W. Studer. Er zählt zu den radikalsten Rechtsextremisten in der Schweiz, für den in Österreich Einreiseverbot besteht.



Internationaler Haftbefehl: Viele von Hamers Opfern sind Kinder!


Gegen Geerd Hamer besteht mittlerweile ein internationaler Haftbefehl. „Der Mann muß daran gehindert werden, noch mehr Menschen in den Tod zu führen“, so der Wiener Neustädter Staatsanwalt Erich Reisner, der bereits dabei ist, die Anklageschrift zu erstellen. Dem Juristen sind bisher 40 Fälle bekannt, in welchen der selbsternannte „Krebsheiler“ erfolglos behandelte. Diese Patienten sind tot.

Reisner zum KURIER: „Das Fürchterliche ist: Es sind viele Kinder darunter, die noch nicht für sich selbst entscheiden durften. Ihre Eltern haben das - wie bei Olivia - für sie übernommen. Und es ist kaum zu fassen: Auch nach dem Tod der Kinder glauben viele der Mütter und Väter noch immer an Hamer“, so Reisner.

Meist ist der „Wunderarzt“ zu einem frühen Zeitpunkt des Krankheitsverlaufs eingeschritten und hat alle schulmedizinischen Therapien verhindert, die oft eine hohe Heilungschance versprochen hätten.

Wie bei Kathia P., 14, aus Enns. Das Mädchen war 1994 an einem Sarkom (einer besonders aggressiven Form von Krebs) erkrankt. Der Tumor war im linken Knie, die Ärzte sahen, keine andere Möglichkeit, als das Bein zu amputieren, da die Gefahr der Metastasenbildung sehr hoch war. Auch jetzt sagen sie noch: „Hätten wir die Operation durchführen können, würde das Mädchen heute wahrscheinlich gesund sein.“ Doch, Kathia wurde nicht ins Spital gebracht, sie begab sich in Hamers Behandlung. Der - nach alter Methode - riet, abzuwarten, bis sich der Tumor von selbst zurückbildet. Doch das „Wunder“ trat wieder einmal nicht ein. Drei Monate später starb Kathia unter Qualen. Bis zum Ende hatte ihr Hamer verboten, Schmerzmittel einzunehmen.

Untersucht werden nun auch jene vier (Todes-)Fälle aus dem St.-Anna-Kinderspital, bei welchen der „Krebsheiler“ eingeschritten ist. Gesundheitsstadtrat Rieder hat der Oberstaatsanwaltschaft Wien am Montag bezüglich Hamer eine Sachverhaltsdarstellung übergeben. Darin wird der maßgebliche Einfluß des „Heilers“ auf Erika und Helmut Pilhar belegt und der Verdacht geäußert, daß Hamer wissentlich Olivia falsch behandelte und damit für die schweren gesundheitlichen Folgen verantwortlich ist.

Der Bürgermeister von Burgau, Hermann Wallner, sieht noch immer keinen Handlungsbedarf, Hamer den Mietvertrag im Schloß zu kündigen. Ein internationaler Haftbefehl sei kein Grund, er warte auf eine gerichtliche Verurteilung.



E-Geräte und Zahnpasta mußten aus der Wohnung

Die Wiener Ärztin Dr. Elisabeth Rozkydal hat Familie Pilhar seinerzeit an Geerd Hamer vermittelt. Inzwischen läuft. gegen diese Medizinerin eine Disziplinaruntersuchung. Jetzt gibt es Hinweise, daß gegen die Ärztin schon vor Jahren Beschwerden eingebracht worden seien.

Auch Christian Sch., 43, hatte gegen die Behandlungsmethoden Rozkydals protestiert. Seine (mittlerweile geschiedene) Frau hatte die Medizinerin vor fünf Jahren kennen gelernt: „Brigitte erzählte der Ärztin über ihre gesundheitlichen Probleme - ihre Akneausschläge und über die Gebärmuttersenkung“, so Sch. zum KURIER: „Und Rozkydal versprach ihr, sie zu heilen. Meine Frau war von der Ärztin sehr beeindruckt und befolgte alle ihre Anweisungen - die immer merkwürdiger wurden. Zunächst mußte sie alle Elektrogeräte aus unserer Wohnung entfernen, weil sie angeblich gefährliche Strahlen abgeben, dann wurde unser Bett gegen eine Holzpritsche getauscht - weil das Liegen darauf so gesund sein soll. Schließlich durfte mein Sohn keine Zahnpasta mehr benutzen, weil auch die verstrahlt wäre. Meine Frau steckte sich komische Steine, die angeblich alles Böse abwenden, in die Unterwäsche. Ich versuchte, meine Frau zur Vernunft zu bringen. Vergebens. Schließlich bekam sie zu hören, daß ich der eigentliche Grund für ihre Krankheiten sei und sie sich von mir trennen sollte.“

Der KURIER bat die Ärztin um eine Stellungnahme: „Ich bin mit Frau Sch. befreundet, mehr sag ich nicht dazu. Aber wenn Sie wollen, kann ich Ihnen viele Patienten vermitteln, die von Dr. Hamer geheilt wurden.“