KURIER - Gefährliche Heiler / Klinik-Befunde gefälscht?
KURIER, 23.07.1995
Olivia verschwunden
Zweifel an den während der Flucht erstellten Befunden
Nach der von den Eltern der krebskranken Olivia Pilhar und „Guru“ Geerd Hamer praktisch. verhinderten Untersuchung in Malaga am Freitag, fehlte am Samstag von der Familie jede Spur. Die Pilhars verließen ihr Hotel und verstecken sich nun in einem Privatquartier, wahrscheinlich bei spanischen Hamer-Anhängern.
Inzwischen kursiert in Malaga der Verdacht, daß verschiedene, angeblich nach Untersuchungen des Mädchens während der Flucht erstellte Befunde gefälscht sein könnten. Wer das tat, ist unbekannt.
Ein vom Freitag datierter Befund über eine „Untersuchung“ wurde jedenfalls mit Sicherheit nicht in der Kinderklinik in Malaga erstellt und verfasst, wie die ärztliche Leiterin dem KURIER erklärte
Seite 9
Kriminell
Wenn die Affäre um die krebskranke kleine Olivia bisher noch nicht kriminell war, ist sie es wohl jetzt endgültig. Wie der KURIER berichtet, hat die Klinik in Malaga ein Gutachten, das von der Familie als Entlastung vorgebracht wurde, als Fälschung bezeichnet.
Die Situation ist mehr als verfahren. Die Eltern befinden sich offensichtlich in einem Zustand der uneinsichtigen Abwehr aller Versuche, dem Kind mit schulmedizinischen Mitteln zu helfen. Sie befinden sich überdies ganz offenbar in psychologischer Geiselhaft eines obskuren „Heilers“, den sein Doktorgrad nicht daran hindert, absurde Theorien zu verbreiten.
Es ist ein Unterschied zwischen „Alternativmedizin“, die längst auch von der Schulmedizin akzeptiert wird, und sogenannten „Heilern“.
Ein Unterschied manchmal zwischen Leben und Tod.
Fall Olivia: Die lebensgefährlichen Lehren der Wunderheiler
Florierender Schwarzmarkt der Medizin
Das Schicksal der krebskranken Olivia hält Österreich in Atem. Ein Kind als Opfer dubioser Lehren eines „Heilers“. Kein Einzelfall: Immer mehr Menschen fühlen sich von der modernen Apparatemedizin allein gelassen. Werden leichte Beute für Wunderheiler, verlieren Unsummen und mitunter ihr Leben.
Von Konrad Kramar,
Susanne Mauthner-Weber
und Helga Goggenberger
Die Zeit arbeitet gegen Olivia. Läuft die Lebensuhr der Sechsjährigen ab, bevor ein Ärzteteam zumindest einen Rettungsversuch starten kann? Der Tumor im Bauch des krebskranken Mädchens hat mittlerweile die Größe eines Handballs und wächst ständig.
Doch was ganz Österreich am Fernsehschirm verfolgt, will er nicht sehen: Für Geerd Hamer, Arzt mit Berufsverbot in Deutschland und fanatischer Prediger seiner Krebs-Theorie, geht es Olivia zusehends besser. Helmut und Erika Pilhar,die Eltern, glauben ihm.
Sie sind nur zwei von vielen Menschen, die, abgeschreckt von der Maschinerie der Apparatemedizin, Zuflucht bei einer Heilslehre gesucht haben, die ihnen und ihrer Tochter etwas verspricht, wofür es in der Klinik keine Abteilung gibt: als Patient auch Mensch und nicht nur biologischer Baukasten zu sein. Für diesen Glauben opfern die Pilhars und ihr Guru Hamer möglicherweise ein Menschenleben.
Es wäre nicht das erste auf der Liste Hamers. In mehreren Bundesländern versucht ihm die Ärztekammer das Handwerk zu legen. Bisher ohne Erfolg. „Die Gesetze sind zu lax, die Behörden sind nicht willens, überhaupt etwas zu tun“, erklärt Dr. Felix Wallner von der Oberösterreichischen Ärztekammer, der seit Jahren einen verlustreichen Kampf gegen Kurpfuscher und Wunderheiler führt: „Fünfzehn Anzeigen und keine Verurteilung.“ Auf seinem Tisch das letzte Schreiben eines Krebskranken an seinen „Heiler“ Hamer: „Wie lange muß ich noch dahinsiechen?“ Hamer hatte ihn von einer Darmkrebs-Operation abgehalten, denn Schulmedizin er nennt er nur Schulmedizyniker. Und an den Alternativmedizinern läßt er auch kein gutes Haar: Alternaivmediziner heißen sie im Hamerschen Sprachgebrauch. Seinem Patienten verordnete er statt Therapie Konfliktlösung. Die Ärztekammer klagte. Am Tag, als die abweisende Antwort der Staatsanwaltschaft eintraf, starb der Patient unbehandelt.
Ihr Anspruch auf Ausschließlichkeit, die Ablehnung jeglicher Kombination mit anderen - in der medizinischen Fachwelt anerkannten - Methoden, das macht die Heiler erst zu gefährlichen Heilern.
Hamer jedenfalls benützt den Fall Pilhar, um seiner „Neuen Medizin“ endlich jene Popularität zu verschaffen, die sie - seiner Meinung nach - längst verdient hätte. Seine fanatischen Anhänger folgen ihm ohnehin kritiklos - sogar bis nach Malaga.
Krebspatienten sind leichte Beute für Heiler und ihre wundersamen Therapien. Viele solcher Kurpfuscher findet man in kleinen Orten. Oft sind es Bauern, die nebenbei als „Schröpfer“ oder „Wender“ die ganze Gegend kurieren, Leukämiesalben oder Krebs-Bestrahlungen mit Heizlampen anbieten. Kuriositäten von meist nur lokaler Bedeutung, die den Ärztekammern Kopfzerbrechen bereiten. Mehrere hundert Anzeigen muß das Kurpfuscher-Referat jährlich bearbeiten. Nicht nur die Kammern, auch die Gerichte haben mit Heilern regelmäßig zu tun. Denn so wie der bayrische Geistheiler, der sich im Vorjahr knapp 1,4 Millionen Schilling von einer Kundschaft in Kufstein erpreßte, halten viele die heilenden Hände nicht nur auf, sondern drohen auch mit Unglück, Blitz und Todesfällen für die nächsten fünf Leben, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden.
Die großen Stars der Wundermedizin aber sind meist Ärzte, die ihre selbstentwickelten Therapien nicht nur über alle Medien verbreiten, sondern sie auch im großen Stil in eigens erbauten Kliniken anbieten. Legendär der Chirurg und spätere „Sterbehelfer“ Julius Hackethal, der in seinem „Eubios-Gesundheitszentrum“ mit „Wildtier- und Haustierkrebs“ und deren Behandlung durch ziemlich heftige Hormondosen nicht nur ein Vermögen, sondern auch einige Leichen erwirtschaftete.
Umstritten auch Nikolaus Kehr, der Münchner Arzt, der auch Hans Peter Heinzls Krebsleiden mit seiner ATC-Therapie traktierte. Die Immunstimulation wird von fast allen Kollegen als wirkungslos abgelehnt.
Doch es bedarf heute weder eines Ärztekittels noch des Anscheins von Seriosität, um als Wunderheiler Erfolg zu haben. Im ausgehenden 20. Jahrhundert genügen wie im Mittelalter Handauflegen, heilende Blicke oder Strahlen jeder Art und Wellenlänge, um im Handumdrehen Tausende Heilungsuchende anzuziehen. Denn die Abgrenzung zwischen seriösem Alternativmediziner und Wundertätigem ist selbst für Fachleute schwer und für Laien meist unmöglich. Sogar in Ärztezeitungen dürfen selbsternannte „Heiler“ ihre Dienste anbieten. „Die Ganzheitsmedizin kommt durch einen Scharlatan in Mißkredit“, kritisiert Günther Leiner, ÖVP-Fraktionsführer im Gesundheitsausschuß.
Langsam setzt auch bei Schulmedizinern ein Umdenken ein. Der Dekan der Medizinischen Fakultät der Uni Graz, Thomas Kenner: „Die Tatsache, daß Krebs psychische Wurzeln haben kann, ist längst bekannt.“ Sowohl Psycho-Onkologie als auch Psycho-Neuro-Immunologie (psychische Faktoren können die Immunabwehr so beeinflussen, daß Krebs „spontan“ heilt) werden an der Uni Graz gelehrt. Ein Lehrfach, wie man verunsicherte und verängstigte Patienten richtig behandelt, fehlt allerdings.
Und so können sich die neuesten Heilsvermittler via Fernsehen profilieren. Seit der Wunderheiler Erich Lasch in „Schreinemakers live“ nicht nur mehreren Zuschauern die erwünschte Wunderheilung, sondern SAT 1 Rekordquoten einbrachte, stürzen sich die deutschsprachigen Sender auf die Wunderheiler. Auch der ORF sprang über die öffentlich-rechtlichen Schamgrenzen und ließ bei Walter Schiejok nicht nur den vom heiligen Geist gestreiften Bäckermeister Erwin Fillafer gegen Fußpilz und Siechtum ansingen, sondern schickte den längst vergessenen Jaroslaw Nowicky und sein nicht mehr ganz junges Krebsmittel „Ukrain“ ins Rennen um die Quoten.
Wunderheilung als Massenunterhaltung bringt Geld für Scharlatane und Zuschauer für TV-Sender. Übrig bleiben die Betroffenen. Wer kommt schon rechtzeitig zur Erkenntnis wie Olivia Pilhars Großvater, der vor wenigen Tagen im Fernsehen schluchzte: „Das ist doch alles Humbug.“
Spanien: Eltern mit Olivia bereits wieder in einem „Versteck“
Klinikbefunde gefälscht?
Martina Prewein, Malaga
Ilse Schmid
Das geplante und angekündigte Familienfrühstück mit Olivia, an dem der KURIER im Hotel „Las Vegas“ in Malaga teilnehmen sollte, fiel Samstag aus:
„Um dem Wirbel zu entgehen“, so die Nachricht, war das Ehepaar Pilhar samt Olivia und den beiden anderen Kindern bei Nacht und Nebel aus dem Hotel verschwunden.
Vertraute ließen wissen, daß sich die Pilhars nun in einem Privatquartier bei spanischen Gefolgsleuten des „Wunderheilers“ Geerd Hamer verstecken. Nach der Vereinbarung mit dem österreichischen Konsul Walter Esten sollten sie freilich in der Stadt Malaga bleiben. Doch niemand kannte Samstag den genauen Aufenthaltsort des Mädchens.
Dafür tauchten Gerüchte über geradezu kriminelle Täuschungsmanöver des in Spanien offenbar bestens orientierten und organisierten „Krebspredigers“ Geerd Hamer auf. Demnach sollen von Hamer präsentierte Untersuchungsbefunde von Kliniken in Malaga und Barcelona gefälscht sein. Wer diese Papiere angefertigt haben soll, ist allerdings noch ungeklärt. Sicher ist, daß ein kursierender Untersuchungsbefund vom Freitag jedenfalls nicht von der Kinderklinik in Malaga erstellt und verfaßt wurde.
Mit den echt wirkenden Gutachten konnte der fanatische Gegner der Schulmedizin der Ärzteschaft offenbar seinen Thesen genehme Diagnosen „unterjubeln“.
Bei Olivias nur halbstündigem Besuch im „Hospital Matorno Infantil“ in Malaga am Freitag ließ sich der trostlose Zustand der Patientin freilich nicht verheimlichen.
Chefärztin ist tief erschüttert
Bei einem Gespräch mit dem KURIER am Samstag zeigten sich die ärztliche Leiterin Dr. Rosa Alcaniz und der untersuchende Arzt Dr. Pablo Garin tief erschüttert: „Wir durften nichts tun, weder Röntgen noch Blutabnahme wurde von den Eltern gestattet. Das Kind war so schwach, wir wollten es unbedingt in der Klinik behalten, aber kein Zureden half!“
Auch wenn vielleicht aus medizinischer Sicht keine akute Lebensgefahr bestand, niemand, der Olivia gesehen hatte, konnte an ihren Qualen zweifeln. Das vor wenigen Wochen noch fröhliche, bildhübsche Mädchen ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Nach der kurzen klinischen Beobachtung kann das Kind vor Schmerzen nicht einmal liegen. Praktisch alle Reserven des kleinen Körpers sind aufgezehrt.
Der trotzdem ungebrochene Glaube der Eltern an Hamers obskure Heiltheorien entsetzt auch nach Spanien gereiste alte Bekannte. Ein nicht zum umfangreichen Hamer-Clan gehöriger Freund zum KURIER: „Sie denken wirklich, daß Olivia so geheilt wird. Nichts und niemand kann sie davon abbringen!“
Der verzweifelte Glaube - oder Wahn - wird noch von der zahlreichen Hamer-Anhängern in Spanien unterstützt. Malaga dürfte einer der Hauptstützpunkte der Gruppe sein.
Vielleicht ist auch schon eine endgültige Übersiedlung geplant falls in Österreich handfeste Anklagen formiert werden.
Wird Termin am Montag eingehalten?
Ärzte, Behörden und besorgte Freunde und Verwandte warten nun gespannt auf den Montag. Alles hängt davon ab, ob die Eltern Olivia wirklich zu der angesetzten und versprochenen Untersuchung bringen und der gegebenen Empfehlung folgen. Für das Kind ist es schon sehr spät.
Krisengipfel im St.-Anna-Kinderspital:
Primarius Gadner reist am Montag zu Olivia
„Unsere Kinder sind hier geheilt worden, Olivia soll auch ihre Chance haben!“ Ein leidenschaftlicher Appell von Eltern ehemaliger Patienten des St.-Anna-Kinderspitals bildete Samstag den Auftakt zu einem Krisengipfel zwischen Primarius Helmut Gadner und Bezirkshauptmann-Stellvertreter Dr. Heinz Zimper aus Wiener Neustadt, dem gesetzlichen Vater des schwerkranken Mädchens.
Nach dem praktisch ergebnislosen offiziellen Klinikbesuch Olivias in Malaga am Freitag brannte den Verantwortlichen die Zeit unter den Nägeln. Die kurze Tastuntersuchung hatte praktisch keine verwertbaren Ergebnisse zum aktuellen Krankheitsverlauf gebracht. Statt der erhofften Spitalsbetreuung für das bereits schrecklich geschwächte Kind war nur die Zusage einer weiteren Untersuchung am Montag zustande gekommen.
Der Chef des St.-Anna-Kinderspitals, Primarius Gadner, ist reisefertig. Treten keine unvorhersehbaren Schwierigkeiten auf, wird er Montag oder Dienstag nach Malaga fliegen, um mit den spanischen Kollegen Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten abzustimmen. Dabei hängt freilich alles von der Kooperation der Eltern und deren Guru Hamer ab. Die Nachricht vom plötzlichen Umzug der Familie löste neue Sorgen aus.
Dabei will niemand das todkranke Kind gewaltsam von den Eltern trennen. Die rechtlichen Möglichkeiten dazu sind jedoch laut Dr. Zimper nach wie vor gegeben, sollen jedoch nur im äußersten Fall ausgeschöpft werden.
Nach wie vor bemühen sich auch enge Verwandte darum, die Eltern zu einer klinischen Behandlung Olivias zu überreden.
Die Schwester von Helmut Pilhar meldete sich am Samstag in St. Anna und bat Primar Gadner, einen Brief an den Bruder mitzunehmen.
Bei den Behörden mehren sich inzwischen Anzeigen gegen Hamer. Dr. Zimper: „Noch Freitag spätabends rief mich ein Mann zu Hause an und berichtete, daß seine Frau bei Hamer in Behandlung war und an Krebs gestorben ist.
Drama um Olivia beschäftigt auch die spanischen Zeitungen
Die spanische Presse zum, Drama um Olivia:
„El Pais“: Das entführte österreichische Mädchen bleibt in Malaga
Malaga - Olivia Pilhar, das krebskranke Mädchen aus Österreich, das seine Eltern entführt haben, damit es nicht operiert wird, bleibt vorerst in Malaga. Laut einer Abmachung, die in mehr als zweistündigen Verhandlungen zwischen den Eltern, dem österreichischen Konsul Walter Esten und einem aus Österreich angereisten Ärzteteam erzielt wurde, wird das Kind mit seinen Eltern unter Aufsicht der Krebsspezialisten des „Hospital Clinico de Malaga“ und des österreichischen Zentrums, wo Olivia behandelt wurde, bleiben. Diese Ärzte werden über die Art der Behandlung zu befinden haben. Derzeit wird eine Einlieferung in ein Spital ausgeschlossen. (. . .) Die Familie Pilhar ist zu Flüchtlingen geworden, nachdem sie sich geweigert hatte, Olivia, die an einem Nierentumor und möglicherweise Gehirnmetastasen leidet, einer Operation und Chemotherapie zu unterziehen. Nach Angaben der Ärzte aus Wien bleibt Olivia weniger als ein Monat zum Leben.
„El Mundo“: Österreich setzt geflüchtetem Ehepaar Ultimatum
Helmut Pilhar gibt an, daß die Absicht bestehe, Olivia alle zwei Wochen untersuchen zu lassen.
„Aber solange wir keine Garantie haben, daß sie keiner Chemotherapie unterzogen wird, bleiben wir lieber hier.“
Zweifel an den während der Flucht erstellten Befunden
Nach der von den Eltern der krebskranken Olivia Pilhar und „Guru“ Geerd Hamer praktisch. verhinderten Untersuchung in Malaga am Freitag, fehlte am Samstag von der Familie jede Spur. Die Pilhars verließen ihr Hotel und verstecken sich nun in einem Privatquartier, wahrscheinlich bei spanischen Hamer-Anhängern.
Inzwischen kursiert in Malaga der Verdacht, daß verschiedene, angeblich nach Untersuchungen des Mädchens während der Flucht erstellte Befunde gefälscht sein könnten. Wer das tat, ist unbekannt.
Ein vom Freitag datierter Befund über eine „Untersuchung“ wurde jedenfalls mit Sicherheit nicht in der Kinderklinik in Malaga erstellt und verfasst, wie die ärztliche Leiterin dem KURIER erklärte
Seite 9
Kriminell
Wenn die Affäre um die krebskranke kleine Olivia bisher noch nicht kriminell war, ist sie es wohl jetzt endgültig. Wie der KURIER berichtet, hat die Klinik in Malaga ein Gutachten, das von der Familie als Entlastung vorgebracht wurde, als Fälschung bezeichnet.
Die Situation ist mehr als verfahren. Die Eltern befinden sich offensichtlich in einem Zustand der uneinsichtigen Abwehr aller Versuche, dem Kind mit schulmedizinischen Mitteln zu helfen. Sie befinden sich überdies ganz offenbar in psychologischer Geiselhaft eines obskuren „Heilers“, den sein Doktorgrad nicht daran hindert, absurde Theorien zu verbreiten.
Es ist ein Unterschied zwischen „Alternativmedizin“, die längst auch von der Schulmedizin akzeptiert wird, und sogenannten „Heilern“.
Ein Unterschied manchmal zwischen Leben und Tod.
Rau
Fall Olivia: Die lebensgefährlichen Lehren der Wunderheiler
Florierender Schwarzmarkt der Medizin
Das Schicksal der krebskranken Olivia hält Österreich in Atem. Ein Kind als Opfer dubioser Lehren eines „Heilers“. Kein Einzelfall: Immer mehr Menschen fühlen sich von der modernen Apparatemedizin allein gelassen. Werden leichte Beute für Wunderheiler, verlieren Unsummen und mitunter ihr Leben.
Von Konrad Kramar,
Susanne Mauthner-Weber
und Helga Goggenberger
Die Zeit arbeitet gegen Olivia. Läuft die Lebensuhr der Sechsjährigen ab, bevor ein Ärzteteam zumindest einen Rettungsversuch starten kann? Der Tumor im Bauch des krebskranken Mädchens hat mittlerweile die Größe eines Handballs und wächst ständig.
Doch was ganz Österreich am Fernsehschirm verfolgt, will er nicht sehen: Für Geerd Hamer, Arzt mit Berufsverbot in Deutschland und fanatischer Prediger seiner Krebs-Theorie, geht es Olivia zusehends besser. Helmut und Erika Pilhar,die Eltern, glauben ihm.
Sie sind nur zwei von vielen Menschen, die, abgeschreckt von der Maschinerie der Apparatemedizin, Zuflucht bei einer Heilslehre gesucht haben, die ihnen und ihrer Tochter etwas verspricht, wofür es in der Klinik keine Abteilung gibt: als Patient auch Mensch und nicht nur biologischer Baukasten zu sein. Für diesen Glauben opfern die Pilhars und ihr Guru Hamer möglicherweise ein Menschenleben.
Es wäre nicht das erste auf der Liste Hamers. In mehreren Bundesländern versucht ihm die Ärztekammer das Handwerk zu legen. Bisher ohne Erfolg. „Die Gesetze sind zu lax, die Behörden sind nicht willens, überhaupt etwas zu tun“, erklärt Dr. Felix Wallner von der Oberösterreichischen Ärztekammer, der seit Jahren einen verlustreichen Kampf gegen Kurpfuscher und Wunderheiler führt: „Fünfzehn Anzeigen und keine Verurteilung.“ Auf seinem Tisch das letzte Schreiben eines Krebskranken an seinen „Heiler“ Hamer: „Wie lange muß ich noch dahinsiechen?“ Hamer hatte ihn von einer Darmkrebs-Operation abgehalten, denn Schulmedizin er nennt er nur Schulmedizyniker. Und an den Alternativmedizinern läßt er auch kein gutes Haar: Alternaivmediziner heißen sie im Hamerschen Sprachgebrauch. Seinem Patienten verordnete er statt Therapie Konfliktlösung. Die Ärztekammer klagte. Am Tag, als die abweisende Antwort der Staatsanwaltschaft eintraf, starb der Patient unbehandelt.
Ihr Anspruch auf Ausschließlichkeit, die Ablehnung jeglicher Kombination mit anderen - in der medizinischen Fachwelt anerkannten - Methoden, das macht die Heiler erst zu gefährlichen Heilern.
Hamer jedenfalls benützt den Fall Pilhar, um seiner „Neuen Medizin“ endlich jene Popularität zu verschaffen, die sie - seiner Meinung nach - längst verdient hätte. Seine fanatischen Anhänger folgen ihm ohnehin kritiklos - sogar bis nach Malaga.
Krebspatienten sind leichte Beute für Heiler und ihre wundersamen Therapien. Viele solcher Kurpfuscher findet man in kleinen Orten. Oft sind es Bauern, die nebenbei als „Schröpfer“ oder „Wender“ die ganze Gegend kurieren, Leukämiesalben oder Krebs-Bestrahlungen mit Heizlampen anbieten. Kuriositäten von meist nur lokaler Bedeutung, die den Ärztekammern Kopfzerbrechen bereiten. Mehrere hundert Anzeigen muß das Kurpfuscher-Referat jährlich bearbeiten. Nicht nur die Kammern, auch die Gerichte haben mit Heilern regelmäßig zu tun. Denn so wie der bayrische Geistheiler, der sich im Vorjahr knapp 1,4 Millionen Schilling von einer Kundschaft in Kufstein erpreßte, halten viele die heilenden Hände nicht nur auf, sondern drohen auch mit Unglück, Blitz und Todesfällen für die nächsten fünf Leben, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden.
Die großen Stars der Wundermedizin aber sind meist Ärzte, die ihre selbstentwickelten Therapien nicht nur über alle Medien verbreiten, sondern sie auch im großen Stil in eigens erbauten Kliniken anbieten. Legendär der Chirurg und spätere „Sterbehelfer“ Julius Hackethal, der in seinem „Eubios-Gesundheitszentrum“ mit „Wildtier- und Haustierkrebs“ und deren Behandlung durch ziemlich heftige Hormondosen nicht nur ein Vermögen, sondern auch einige Leichen erwirtschaftete.
Umstritten auch Nikolaus Kehr, der Münchner Arzt, der auch Hans Peter Heinzls Krebsleiden mit seiner ATC-Therapie traktierte. Die Immunstimulation wird von fast allen Kollegen als wirkungslos abgelehnt.
Doch es bedarf heute weder eines Ärztekittels noch des Anscheins von Seriosität, um als Wunderheiler Erfolg zu haben. Im ausgehenden 20. Jahrhundert genügen wie im Mittelalter Handauflegen, heilende Blicke oder Strahlen jeder Art und Wellenlänge, um im Handumdrehen Tausende Heilungsuchende anzuziehen. Denn die Abgrenzung zwischen seriösem Alternativmediziner und Wundertätigem ist selbst für Fachleute schwer und für Laien meist unmöglich. Sogar in Ärztezeitungen dürfen selbsternannte „Heiler“ ihre Dienste anbieten. „Die Ganzheitsmedizin kommt durch einen Scharlatan in Mißkredit“, kritisiert Günther Leiner, ÖVP-Fraktionsführer im Gesundheitsausschuß.
Langsam setzt auch bei Schulmedizinern ein Umdenken ein. Der Dekan der Medizinischen Fakultät der Uni Graz, Thomas Kenner: „Die Tatsache, daß Krebs psychische Wurzeln haben kann, ist längst bekannt.“ Sowohl Psycho-Onkologie als auch Psycho-Neuro-Immunologie (psychische Faktoren können die Immunabwehr so beeinflussen, daß Krebs „spontan“ heilt) werden an der Uni Graz gelehrt. Ein Lehrfach, wie man verunsicherte und verängstigte Patienten richtig behandelt, fehlt allerdings.
Und so können sich die neuesten Heilsvermittler via Fernsehen profilieren. Seit der Wunderheiler Erich Lasch in „Schreinemakers live“ nicht nur mehreren Zuschauern die erwünschte Wunderheilung, sondern SAT 1 Rekordquoten einbrachte, stürzen sich die deutschsprachigen Sender auf die Wunderheiler. Auch der ORF sprang über die öffentlich-rechtlichen Schamgrenzen und ließ bei Walter Schiejok nicht nur den vom heiligen Geist gestreiften Bäckermeister Erwin Fillafer gegen Fußpilz und Siechtum ansingen, sondern schickte den längst vergessenen Jaroslaw Nowicky und sein nicht mehr ganz junges Krebsmittel „Ukrain“ ins Rennen um die Quoten.
Wunderheilung als Massenunterhaltung bringt Geld für Scharlatane und Zuschauer für TV-Sender. Übrig bleiben die Betroffenen. Wer kommt schon rechtzeitig zur Erkenntnis wie Olivia Pilhars Großvater, der vor wenigen Tagen im Fernsehen schluchzte: „Das ist doch alles Humbug.“
| INTERVIEW |
| "Das hat mit Medizin nichts zu tun“ Professor Alois Stacher, ehemaliger Primar des Wiener Hanusch-Krankenhauses und Wiener Gesundheitsstadtrat, ist als Vorstand der „Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin“ Österreichs prominentester Vertreter der Komplementärmedizin. Warum haben Wunderheiler und Kurpfuscher wieder solchen Zulauf? Viele Ärzte sind auf schwere Akuterkrankungen fixiert, die nehmen die alltäglichen Erkrankungen der Leute einfach nicht mehr ernst. Der Kontakt zwischen Patient und Arzt wird immer kürzer. Früher hat man ihn untersucht, angegriffen, mit ihm gesprochen, heute schiebt man ihn in den Computertomographen. Die persönliche Betreuung der Patienten muß verstärkt werden. Wie kann der Patient zwischen seriöser Therapie und Scharlatanerie unterscheiden? Das ist für den Laien fast unmöglich. Er braucht einen Arzt, dem er in allen Lebenslagen ein Leben lang vertrauen kann, den bewährten Hausarzt. Das Um und Auf der Medizin ist das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten. Was ist eigentlich „Alternativmedizin“? Ich lehne das Wort Alternativmedizin ab, da Methoden wie Akupunktur oder Neuraltherapie keine Alternative zur Schulmedizin darstellen, sie sind eine sinnvolle Ergänzung, also eine „Komplementärmedizin“. Ich bin gegen sturen Glauben an das eine oder andere. Der Arzt muß im richtigen Moment die richtige Therapie anwenden. Und wo steht Geerd Hamer? Der Hamer hat mit Komplementärmedizin nichts zu tun. Er ist eine Gefahr. Wie kommt der Patient zur richtigen Therapie? Sein praktischer Arzt muß mit den wichtigsten schul- und komplementärmedizinischen Therapien vertraut sein, also über sie Bescheid wissen. Es kann nicht sein, daß ein Patient eine Therapie nicht bekommt, nur weil sein Arzt davon keine Ahnung hat. Wann also Schul- und wann Komplementärmedizin? Bei akuten Erkrankungen ist die Schulmedizin überlegen. Doch für chronische Leiden sind Therapien wie Akupunktur oder Neuraltherapie besser, ich kann einen Menschen nicht über Jahre mit Schlafmitteln oder Schmerztabletten bombardieren. Und Leute wie Hamer? Kurpfuscherei gehört unterdrückt. Nur Ärzte sollen Kranke behandeln, aber man muß ihnen genauer auf die Finger schauen. Auch als Arzt kann man nicht jede dubiose Methode anwenden. |
| DUBIOSE METHODEN |
| Wasserkur gegen Aids? Berres-Tropfen: Angebliches Krebsmittel, aus Ungarn, enthält aber leider nur Eisenchlorid. Orgon-Akkumulator: Nach Wilhelm Reichs Theorien konstruierter Kasten, in dem die Patienten energetisch aufgeladen werden. Schwächt angeblich Krebszellen. Energieübertragung: Wunderheiler Josef M. ließ seine Patienten sein Foto anschauen und will so ihr Kraftfeld aktiviert haben. Behandlungskosten inklusive Foto: 50.000 Schilling. Hundeschmalz: Hunde werden geschlachtet und zu „Fett“ verarbeitet. Uraltes „Hausmittel“, das gegen sämtliche Lungenkrankheiten helfen soll. Wasserkur: Eine ungarische Ärztegruppe behauptet sogar, Aids und Krebs mit magnetisiertem Wasser heilen zu können. Antenne: Bäumchenartiges Metallgestell wird an „Curry-Punkten“, an denen sich Erdstrahlen kreuzen, aufgestellt. Hilft angeblich gegen fast alles. Wunderplatte: 50 Gramm schwere Scheibe, die als „Biobatterie“ am Herzen getragen wird und mit Hilfe von Zellfrequenzspektren gegen alles - von Nierenleiden bis Wetterfühligkeit - helfen soll. Abschirm-Scheibe: Schützt angeblich vor Wasser- und Erdstrahlen. Wurde von einem Tapezierer erfunden und besteht daher - aus Tapetenresten. Tele-Orgasmus: Spezialität russischer Wunderheiler. Wilde Blicke und Händefuchteln lösen bei Frauen Orgasmen aus - sagt man. Bestrahlungsgeräte: Dieser Wunderstrahler aus Baden bei Wien hat frappierende Ähnlichkeit mit einer Heizlampe und soll Krebs heilen. Kostenpunkt: 18.000 Schilling. |
| UMSTRITTENES GESETZ |
| Keine Anlaßgesetzgebung „Das Gesetz gegen Kurpfuscherei muß dringend einer Prüfung unterzogen werden, um Wunderheilern wie Ryke Geerd Hamer endlich das Handwerk legen zu können.“ So lautet die Forderung aus allen Parteien. Der Anlaßfall hatte gezeigt, daß die Anwendung des Kurpfuscher-Paragraphen auf Ärzte schwierig bis unmöglich ist. Gerhard Litzka, Sprecher des Justizministeriums, warnt allerdings vor einer Anlaßgesetzgebung: „Die Erweiterung auf Ärzte ist gefährlich, weil es leicht zu einer Versteinerung der Schulmedizin kommen könnte.“ Jeder Mediziner stünde mit einem Bein im Kriminal, sobald er nur irgend etwas Neues probiere. Auch die Streichung der „Gewerbsmäßigkeit“ hält er für nicht zielführend: „Jeder Vater, jeder Bekannte, der einem Kranken einen Ratschlag gibt, wäre dann strafbar. Das Streichen irgendwelcher Passagen ist einfach, die Auswirkungen aber sind nicht durchdacht.“ Allerdings ist man im Justizministerium überzeugt, daß eine Gesetzesbestimmung, die nach dem Zweiten Weltkrieg mehr oder minder zufällig in unser Rechtssystem herübergerettet Wurde, dringend überprüft werden sollte. Auch die Einführung eines Heilpraktikergesetzes wäre sinnvoll. Für den Fall von Ryke Geerd Hamer kommen Gesetzesänderungen jedenfalls zu spät. Er sieht sich dieser Tage trotzdem mit einer Delikte-Flut konfrontiert: Verdacht der Körperverletzung, der fahrlässigen Tötung, Gemeingefährdung und Beihilfe oder Bestimmung zum Quälen und Vernachlässigen eines Unmündigen. |
Spanien: Eltern mit Olivia bereits wieder in einem „Versteck“
Klinikbefunde gefälscht?
Martina Prewein, Malaga
Ilse Schmid
Das geplante und angekündigte Familienfrühstück mit Olivia, an dem der KURIER im Hotel „Las Vegas“ in Malaga teilnehmen sollte, fiel Samstag aus:
„Um dem Wirbel zu entgehen“, so die Nachricht, war das Ehepaar Pilhar samt Olivia und den beiden anderen Kindern bei Nacht und Nebel aus dem Hotel verschwunden.
Vertraute ließen wissen, daß sich die Pilhars nun in einem Privatquartier bei spanischen Gefolgsleuten des „Wunderheilers“ Geerd Hamer verstecken. Nach der Vereinbarung mit dem österreichischen Konsul Walter Esten sollten sie freilich in der Stadt Malaga bleiben. Doch niemand kannte Samstag den genauen Aufenthaltsort des Mädchens.
Dafür tauchten Gerüchte über geradezu kriminelle Täuschungsmanöver des in Spanien offenbar bestens orientierten und organisierten „Krebspredigers“ Geerd Hamer auf. Demnach sollen von Hamer präsentierte Untersuchungsbefunde von Kliniken in Malaga und Barcelona gefälscht sein. Wer diese Papiere angefertigt haben soll, ist allerdings noch ungeklärt. Sicher ist, daß ein kursierender Untersuchungsbefund vom Freitag jedenfalls nicht von der Kinderklinik in Malaga erstellt und verfaßt wurde.
Mit den echt wirkenden Gutachten konnte der fanatische Gegner der Schulmedizin der Ärzteschaft offenbar seinen Thesen genehme Diagnosen „unterjubeln“.
Bei Olivias nur halbstündigem Besuch im „Hospital Matorno Infantil“ in Malaga am Freitag ließ sich der trostlose Zustand der Patientin freilich nicht verheimlichen.
Chefärztin ist tief erschüttert
Bei einem Gespräch mit dem KURIER am Samstag zeigten sich die ärztliche Leiterin Dr. Rosa Alcaniz und der untersuchende Arzt Dr. Pablo Garin tief erschüttert: „Wir durften nichts tun, weder Röntgen noch Blutabnahme wurde von den Eltern gestattet. Das Kind war so schwach, wir wollten es unbedingt in der Klinik behalten, aber kein Zureden half!“
Auch wenn vielleicht aus medizinischer Sicht keine akute Lebensgefahr bestand, niemand, der Olivia gesehen hatte, konnte an ihren Qualen zweifeln. Das vor wenigen Wochen noch fröhliche, bildhübsche Mädchen ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Nach der kurzen klinischen Beobachtung kann das Kind vor Schmerzen nicht einmal liegen. Praktisch alle Reserven des kleinen Körpers sind aufgezehrt.
Der trotzdem ungebrochene Glaube der Eltern an Hamers obskure Heiltheorien entsetzt auch nach Spanien gereiste alte Bekannte. Ein nicht zum umfangreichen Hamer-Clan gehöriger Freund zum KURIER: „Sie denken wirklich, daß Olivia so geheilt wird. Nichts und niemand kann sie davon abbringen!“
Der verzweifelte Glaube - oder Wahn - wird noch von der zahlreichen Hamer-Anhängern in Spanien unterstützt. Malaga dürfte einer der Hauptstützpunkte der Gruppe sein.
Vielleicht ist auch schon eine endgültige Übersiedlung geplant falls in Österreich handfeste Anklagen formiert werden.
Wird Termin am Montag eingehalten?
Ärzte, Behörden und besorgte Freunde und Verwandte warten nun gespannt auf den Montag. Alles hängt davon ab, ob die Eltern Olivia wirklich zu der angesetzten und versprochenen Untersuchung bringen und der gegebenen Empfehlung folgen. Für das Kind ist es schon sehr spät.
Krisengipfel im St.-Anna-Kinderspital:
Primarius Gadner reist am Montag zu Olivia
„Unsere Kinder sind hier geheilt worden, Olivia soll auch ihre Chance haben!“ Ein leidenschaftlicher Appell von Eltern ehemaliger Patienten des St.-Anna-Kinderspitals bildete Samstag den Auftakt zu einem Krisengipfel zwischen Primarius Helmut Gadner und Bezirkshauptmann-Stellvertreter Dr. Heinz Zimper aus Wiener Neustadt, dem gesetzlichen Vater des schwerkranken Mädchens.
Nach dem praktisch ergebnislosen offiziellen Klinikbesuch Olivias in Malaga am Freitag brannte den Verantwortlichen die Zeit unter den Nägeln. Die kurze Tastuntersuchung hatte praktisch keine verwertbaren Ergebnisse zum aktuellen Krankheitsverlauf gebracht. Statt der erhofften Spitalsbetreuung für das bereits schrecklich geschwächte Kind war nur die Zusage einer weiteren Untersuchung am Montag zustande gekommen.
Der Chef des St.-Anna-Kinderspitals, Primarius Gadner, ist reisefertig. Treten keine unvorhersehbaren Schwierigkeiten auf, wird er Montag oder Dienstag nach Malaga fliegen, um mit den spanischen Kollegen Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten abzustimmen. Dabei hängt freilich alles von der Kooperation der Eltern und deren Guru Hamer ab. Die Nachricht vom plötzlichen Umzug der Familie löste neue Sorgen aus.
Dabei will niemand das todkranke Kind gewaltsam von den Eltern trennen. Die rechtlichen Möglichkeiten dazu sind jedoch laut Dr. Zimper nach wie vor gegeben, sollen jedoch nur im äußersten Fall ausgeschöpft werden.
Nach wie vor bemühen sich auch enge Verwandte darum, die Eltern zu einer klinischen Behandlung Olivias zu überreden.
Die Schwester von Helmut Pilhar meldete sich am Samstag in St. Anna und bat Primar Gadner, einen Brief an den Bruder mitzunehmen.
Bei den Behörden mehren sich inzwischen Anzeigen gegen Hamer. Dr. Zimper: „Noch Freitag spätabends rief mich ein Mann zu Hause an und berichtete, daß seine Frau bei Hamer in Behandlung war und an Krebs gestorben ist.
Drama um Olivia beschäftigt auch die spanischen Zeitungen
Die spanische Presse zum, Drama um Olivia:
„El Pais“: Das entführte österreichische Mädchen bleibt in Malaga
Malaga - Olivia Pilhar, das krebskranke Mädchen aus Österreich, das seine Eltern entführt haben, damit es nicht operiert wird, bleibt vorerst in Malaga. Laut einer Abmachung, die in mehr als zweistündigen Verhandlungen zwischen den Eltern, dem österreichischen Konsul Walter Esten und einem aus Österreich angereisten Ärzteteam erzielt wurde, wird das Kind mit seinen Eltern unter Aufsicht der Krebsspezialisten des „Hospital Clinico de Malaga“ und des österreichischen Zentrums, wo Olivia behandelt wurde, bleiben. Diese Ärzte werden über die Art der Behandlung zu befinden haben. Derzeit wird eine Einlieferung in ein Spital ausgeschlossen. (. . .) Die Familie Pilhar ist zu Flüchtlingen geworden, nachdem sie sich geweigert hatte, Olivia, die an einem Nierentumor und möglicherweise Gehirnmetastasen leidet, einer Operation und Chemotherapie zu unterziehen. Nach Angaben der Ärzte aus Wien bleibt Olivia weniger als ein Monat zum Leben.
„El Mundo“: Österreich setzt geflüchtetem Ehepaar Ultimatum
Helmut Pilhar gibt an, daß die Absicht bestehe, Olivia alle zwei Wochen untersuchen zu lassen.
„Aber solange wir keine Garantie haben, daß sie keiner Chemotherapie unterzogen wird, bleiben wir lieber hier.“
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