KURIER - Deutschland: Ermittlungen gegen Hamer aufgenommen

KURIER, 08.08.1995

zeitungsartikel


Deutschland: Ermittlungen gegen Hamer aufgenommen

Olivia steht Krise bevor / Vater fotografierte schreiend sein Kind: Besuchsrecht eingeschränkt

Martina Prewein
Ilse Schmid


Für Geerd Hamer spitzt sich die Situation langsam zu. Mit einer sofortigen Verhaftung ist zwar nicht zu rechnen, doch die Behörden sind in „Kleinarbeit“ daran, das Imperium des selbsternannten „Krebshellers“ schrittweise zu stürzen.

Ermittlungen in Köln

Hamers „Praxis“ im steirischen Schloß Burgau wurde am Freitag auf gerichtlichen Befehl durchsucht. Eine Kiste mit Medikamenten wurde sichergestellt. Obwohl sich der „todbringende Krebsphilosoph“ ja offiziell gegen Produkte der Pharmaindustrie ausspricht, hortete er in seinem „Zentrum für Neue Medizin“ Grippetabletten, Nasentropfen und verschiedenste Schmerzmittel. Die Kripo fand zudem ellenlange, Patientenlisten - und Karteien, in welchen „Spendenbeträge“ der Anhänger und Behandelten angeführt sind.

In Deutschland überprüft man, ob Hamer auch dort Menschen „totbehandelt“ hat. Während in der neuesten Ausgabe des „Spiegel“ diesbezügliche Fälle dokumentiert sind, liegt dem Kölner Oberstaatsanwalt Wolfgang Weber noch kein belastendes Faktenmaterial vor. „Wir haben vorerst Ermittlungen wegen Mißbrauchs von Schutzbefohlenen und Verdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet und werden den Aufenthalt des Beschuldigten feststellen,“ so der Jurist zum KURIER. Hamer soll zu den Vorwürfen befragt werden, stellt er sich nicht, sind laut Staatsanwaltschaft durchaus Zwangsmittel vorgesehen.

Die beteiligten Gerichte müssen die nächsten Schritte noch abstimmen.

Doch: die mit dem „Fall Hamer“ betraute Wiener Neustädter Staatsanwaltschaft arbeitet noch an der Anklageschrift.

Auch der deutschen Justiz ist Hamer kein Unbekannter. Dem fragwürdigen „Heiler“ wurde schon vor neun Jahren die Approbation entzogen. 1993 wurde er wegen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Eine neuerliche Verurteilung könnte für ihn fatale Folgen haben.

Anwälte bereit

Verteidiger stehen bereit. Eine Krefelder Anwaltskanzlei hat schon im Voraus Protestbriefe an die Staatsanwaltschaft gerichtet. Ein Mandat für die Verteidigung fehlt zwar noch, doch der mit der Causa befaßte und mit den Hamerschen Thesen bestens vertraute Rechtsanwalt gab sich am Montag gegenüber dem KURIER recht optimistisch: „Ich hoffe, daß es nicht so gefährlich wird!“

Hamer selbst prognostizierte in einem „Spiegel“ Interview Olivias Tod durch die Chemotherapie und verbuchte das erwartete Sterben des kleinen Mädchens als „seinen Sieg“. Doch noch haben die Schulmediziner im Wiener AKH nicht kapituliert.

Die Strahlenbehandlung wurde am Montag abgebrochen, die dritte Phase der Chemotherapie eingeleitet. Am Freitag wird eine Computertomographie die Reaktion des Tumors und der zuletzt entdeckten Metastasen zeigen.

Das kommende Wochenende wird nach Meinung der besorgten Mediziner allerdings sehr kritisch, da dann die Nebenwirkungen der Chemotherapie voll einsetzen.

Während Mutter Erika weiter täglich viele Stunden am Krankenbett von Olivia wachte, mußten die erst kürzlich gestatteten Besuche des Vaters schon wieder eingeschränkt werden. Der Mann brüllte in der Intensivstation Hamer-Parolen und betätigte sich als Fotoreporter. Der Film wurde ihm abgenommen. Er darf nur noch in Begleitung zu Olivia.