FOCUS - "Sie werden mich verhaften"

FOCUS, 14.08.1995

zeitungsartikel


„Sie werden mich verhaften“

Wunderheiler Hamer über die krebskranke Olivia, den Haftbefehl gegen ihn und seine Finanzen

FOCUS: Sie haben die krebskranke Olivia rund zwei Monate vom Krankenhaus ferngehalten. Das Kind hatte gute Heilungschancen, jetzt sind sie nur noch gering.

Hamer: Alles Schwindel. 95 Prozent der Patienten sterben durch Chemo und Morphium. Krebs ist ein sinnvolles Sonderprogramm der Natur. Olivia war schon in der Heilungsphase. Der Konflikt, der den Krebs verursachte, war bewältigt. Mutter Natur schickt dann Tuberkelbakterien, die das Geschwür verkäsen und abräumen.

FOCUS: Olivias Tumor wuchs aber.

Hamer: Schwindel. Was jetzt passiert, ist schlimm. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich höre, daß das Kind immer noch im Krankenhaus ist.

FOCUS: Das Mädchen muß furchtbare Schmerzen gehabt haben. Tat Ihnen das nicht weh?

Hamer: Sie hat eine Viertelstunde am Tag geweint, d. h. 23 und eine Dreiviertelstunde war sie schmerzfrei.

FOCUS: Gaben Sie ihr Schmerzmittel?

Hamer: Nein.

FOCUS: Sind Sie jetzt noch auf dem laufenden über Olivias Zustand?

Hamer: Die Eltern und ich telefonieren. Aber ich bin nicht mehr am Ball. Die Staatsmediziner behandeln das Kind aus Prinzip weiter. Bis es tot ist.

FOCUS: Interpol fahndet nach Ihnen. In Österreich liegt ein Haftbefehl vor, weil Sie am Tod von vier Kindern mitschuldig sein sollen.

Hamer: Ich soll Kinder umgebracht haben, die ich gar nicht kenne. In Wirklichkeit geht es doch nur darum, daß die Schulmediziner den Hamer hinter Schloß und Riegel bringen.

FOCUS: In Deutschland sind Sie im Moment sicher.

Hamer: Naja. Die werden schon kommen. Wir wissen aus bester Quelle, daß die deutsche Staatsanwaltschaft gesagt hat, sie müsse nur noch einen Namen für das Kind finden.

FOCUS: Sie rechnen also fest mit Ihrer Verhaftung?

Hamer: Ja.

FOCUS: Wie werden Sie reagieren?

Hamer: Lächelnd. Ich werde nicht wegrennen. Ich bin ein Wissenschaftler, der nichts Verkehrtes gemacht hat.

FOCUS: . . . und vorerst im sicheren Köln bleibt?

Hamer: Natürlich. Sobald ich ins Ausland gehe, lande ich in österreichischer Haft.

FOCUS: Haben Sie kein schlechtes Gewissen gegenüber Olivia?

Hamer: Warum? Es gibt auf der ganzen Welt keinen Arzt, der seinem eigenen Kind Chemo und Morphium geben würde.

FOCUS: Wie würde ein Schulmediziner sein eigenes Kind behandeln?

Hamer: Er würde machen, was der Hamer macht.

FOCUS: Gar nichts also?

Hamer: Er würde sein Kind aufpäppeln und dann operieren. Bei Olivia läßt man das ja nicht zu.

FOCUS: Sie selbst haben sich mit Hodenkrebs der Schulmedizin anvertraut.

Hamer: Damals gab es keine andere Möglichkeit. Die „Neue Medizin“ habe ich drei Jahre später entdeckt.

FOCUS: Die versagte aber schon bald. Ihre Frau, ebenfalls krebskrank, starb an einem Herzinfarkt.

Hamer: Kein Versagen. Das System stimmt immer. Wenn ein Patient seinen Konflikt nicht lösen kann und er stirbt, dann entspricht dies exakt den Regeln der „Neuen Medizin“. Der Herzinfarkt meiner Frau war eine epileptische Krise in der Heilungsphase - eine Art TÜV: Manche bestehen den TÜV nicht.

FOCUS: Dann haben Sie den Schulmedizinern wenigstens eins voraus: Sie können keine Fehler machen. Wie kommt Ihre Lehre zu den Kranken?

Hamer: Die Doktors kommen mit den Patienten zu mir. Wir spüren den Konflikt auf, der zur Erkrankung des jeweiligen Organs führt, und stellen fest, ob der Tumor noch in der aktiven oder schon in der Heilphase ist. Der Kranke muß natürlich meine Schriften kennen.

FOCUS: Wie viele Patienten haben Sie schon behandelt?

Hamer: Nicht behandelt. Gesehen. In den 14 Jahren rund 20 000.

FOCUS: Und viel Geld verdient?

Hamer: Ich schwöre Ihnen, mir zahlt nie ein Patient auch nur einen Pfennig.

FOCUS: Wovon lebt so ein Menschenfreund?

Hamer: Ich bin Chef des Verlags, bekomme aber kein Geld, nehme mir nur den Fürsorgesatz - als Spesen sozusagen.

FOCUS: Womit handelt der Verlag?

Hamer: Wir verkaufen meine Schriften, bisher 50 000 bis 100 000 Ausgaben, und Videos mit Patientengesprächen.

FOCUS: Sie ziehen mit Ihrer Theorie auch über Land.

Hamer: Ungefähr einmal im Monat veranstalten wir Seminare für 40 bis 50 Leute.

FOCUS: Ebenfalls kostenlos?

Hamer: Nein, die kosten 300 Mark pro Person. Das Geld bekommt der Verlag.

FOCUS: Wann ist das nächste Seminar?

Hamer: Ende August in Bad Godesberg.

K. H. STEINKÜHLER/ S. WITTLICH



DER GURU, DER STECKBRIEF UND DIE DEUTSCHEN BEHÖRDEN

„Der Mann ist gefährlich“, warnt der Kölner Patientenanwalt Markus Meinecke. Der selbsternannte Krebsexperte Ryke Geerd Hamer soll am Tod von vier Kindern und drei Erwachsenen mitschuldig sein. So steht es im „Steckbrief“ (Haftbefehl) der Wiener Staatsanwaltschaft von Ende Juli. Vergangene Woche ging der von Interpol Gesuchte in Köln spazieren.

Während die sechsjährige Olivia Pilhar, die Hamer rund zwei Monate von der Chemotherapie ferngehalten hat, in Wien mit dem Tod kämpft, verbreitet der Wunderheiler in seiner Kölner Verlagspraxis „Amici di Dirk“ weiterhin seine wahnwitzigen Thesen über die „Neue Medizin“.

Die Staatsanwaltschaft, die in Köln gegen Hamer ermittelt, bleibt gelassen. Die Akten habe man erst am Montag vergangener Woche angefordert. Bis sie geprüft und bewertet seien, könnten noch „Wochen oder gar Monate“ vergehen.

Hamer ist agiler. Von Köln aus verkauft er Bücher und Videokassetten (Umsatz 1993: 330 000 Mark), plant weiterhin Seminare. Pro Kurs kassiert der Guru 12 000 bis 15 000 Mark. Auf sein Spendenkonto in Österreich, wo er noch ein „Zentrum Neuer Medizin“ betreibt, gehen regelmäßig Überweisungen ein.

Wenn Olivia stirbt, will Hamer selbst die Justiz einschalten: „Dann zeige ich die Wiener Ärzte wegen Mordes an. Das Mädchen wird doch vor den Augen der Eltern exekutiert.“