stern - Diagnose vom Schein-Heiler

stern, 05.10.1995

zeitungsartikel


Rollen-Reportage Ryke Geerd Hamer ist schwer zu erreichen: Am Telefon des Kölner Wunderdoktors, der im Sommer das Krebskind Olivia Pilhar 72 Tage lang von medizinischer Behandlung ferngehalten hatte, meldet sich niemand; Briefe und Faxe bleiben unbeantwortet. STERN-Redakteur Christoph Fasel und die Fotografin Regine Körner fanden ihn trotzdem: Bei einem „Seminar“, das der Begründer einer absurden „Neuen Medizin“ im Kurhaus des rheinischen Bad Honnef abhielt. Um selber zu hören, wie gefährlich die Diagnosen und Therapie-Anweisungen für Patienten sein können, gab sich Fasel selbst als unheilbar Kranker aus: Mit falschen Tomogrammen und mit dem Gutachten eines Medizinprofessors, der den STERN bei dem Projekt beraten hatte, suchte Fasel STERN-Reporter und bei Hamer Hilfe wegen seiner vorgetäuschten Multiplen Sklerose. Die unglaublichen Antworten und abenteuerlichen Theorien des Scharlatans Ryke Geerd Hamer lesen Sie ab Seite 222



MEDIZIN-GURU


Diagnose vom Schein-Heiler

Mit einem vorgetäuschten Leiden konsultierte STERN-Redakteur Christoph Fasel den Wunderdoktor Hamer - und bekam nichts als Absurditäten zu hören


Sehen Sie, da ist ein Konfliktherd!“ Dr. Ryke Geerd Hamer tippt auf einen undefinierbaren Schatten im Kernspin-Tomogramm, das ihm ein Patient vorgelegt hat. Seine Diagnose legt der selbsternannte Krebs-, Aids- und Multiple-Sklerose-Heiler, Erfinder der „Neuen Medizin“ und Experte für aussichtslose Fälle, gleich nach: „Herr Neumaier, Sie haben einen schweren Konflikt mit Ihrer Mutter.“ Dann blickt er dem Ratsuchenden tief in die Augen und fügt hinzu: „Und der ist noch nicht ausgeräumt.“

Herr Neumaier nickt. Ja, das muß wohl der Grund für seine Multiple Sklerose sein. Und fragt, ob denn der Doktor auf den Tomographie-Bildern seines Gehirns noch andere Dinge erkennen kann. Der Maestro muß passen. Anders als Schulmediziner sucht er nicht nach MS-typischen Befunden, sondern nach „Schießscheiben“, wie er sagt, Ringformationen im Gewebe, die angeblich auf einen psychischen Konflikt hinweisen.

Als therapeutische Wegzehrung kriegt MS-Patient Johannes Neumaier den Rat, fortan Ärzte und Medikamente zu meiden, es sich wohlgehen zu lassen und „in einem Vierteljahr mit einem neuen Computer-Tomogramm“ wiederzukommen.

Das wird Johannes Neumaier kaum tun. Denn der Name ist genauso getürkt wie die Gehirnbilder und die Multiple Sklerose: Neumaier bin ich. Zusammen mit der Fotografin Regine Körner - sie mimt meine wundergläubige Tante - will ich vom Guru Ryke Geerd Hamer erfahren, was ihn dazu verführt, kranke Menschen in den Tod zu treiben.

Die Chance bekomme ich auf einem Wochenend-Seminar im Kurhaus von Bad Honnef bei Bonn. Dorthin hat Hamer zum „Laienseminar Neue Medizin“ geladen - eine Info-Veranstaltung für 300 Mark pro Nase, zu der 36 Interessierte, Lahme und Krebskranke aus ganz Deutschland vor allem aus einem Grund hergeströmt sind: damit der Meister sich hernach ihre Tomogramme anschaue und sie von ihrem Übel erlöse.

Als Beelzebub der Medizin etablierte sich der studierte Theologe und Mediziner Hamer nach dem Tod seines Sohnes Dirk. Der wurde im Jahre 1978 unter mysteriösen Umständen von einem italienischen Prinzen aus dem Hause Savoyen angeschossen und erlag kurze Zeit darauf seinen Verletzungen. Ein Hodenkrebs, den Hamer kurze Zeit später angeblich an sich diagnostizierte, führte den Arzt zur Erkenntnis, daß Krebs anscheinend durch Schockerlebnisse und daraus resultierende Kurzschlüsse im Gehirn („Dirk-Hamer-Syndrom“, DHS) erzeugt werde. Dementsprechend könne er nur durch Aufarbeitung des Konfliktes geheilt werden. Chemotherapie, Medikamente und Skalpell dagegen würden zum Tod der Patienten führen. „Krebs-Krankheit der Seele“ heißt einer von Hamers Bestsellern.

Seither tingelt Hamer durch Stadt und Land und behauptet, an mittlerweile 25000 Patienten seine haarsträubenden Thesen beweisen zu können. Für die Ärztekammer Nordrhein-Westfalen übt der Kölner Wunderdoktor damit eindeutig die Heilkunde aus. Die ist definiert durch die wiederholte Feststellung, Heilung oder Linderung von Leiden, was Hamer jedoch seit Entzug der ärztlichen Approbation 1986 untersagt ist. 1992 wurde er deswegen auch schon einmal verurteilt. Dennoch machte er weiter - und geriet im Sommer durch das sechsjährige Krebskind Olivia Pilhar erneut ins Zwielicht.

Außer dem STERN-Team waren eine naturkundlich bewegte Heilpraktikerin aus Würzburg nach Bad Honnef gekommen, eine Studentin mit MS-Diagnose aus Osnabrück, ein Rentner mit Hautkrebs aus Stuttgart sowie eine jugendliche Mittvierzigerin, die in der Mittagspause unerschrocken Details ihres Enddarmkrebses („himbeergroß“) offenbarte.



Um zehn Uhr beginnt am Samstag der Vortrag. Hamer redet ohne Punkt und Komma, verhaspelt sich in teils von ihm erfundenen Fachwörtern, verheddert sich in Anekdoten, lacht am lautesten über Schlüpfriges und sucht immer wieder nach dem roten Faden. Erst als Erika, ehrenamtliche Mitarbeiterin und guter Geist im Hintergrund, dem Meister souffliert, kann er fortfahren.

Hamers Credo: Es gibt keine bösen Krankheiten. Alle sind „Sonderprogramme“ der Natur, die einen „biologischen Sinn“ haben. Deshalb ist Schulmedizin Scharlatanerie und für den Patienten gefährlich – „sie bringt 80 Prozent der Patienten um“, behauptet der selbsternannte Heiler.

An der Wand hängt ein badehandtuchgroßes Schaubild, das den irreführenden Titel „Wissenschaftliche Tabellen der Neuen Medizin“ trägt. Penibel listet Hamer auf, welcher Psycho-Konflikt in welcher Hirnregion zu „Schießscheiben“ und in welchem Körperteil zu Krebs führt. Woher er das alles weiß, bleibt sein Geheimnis. Der Krankheits-Atlas, für „10 Mark in Papier, für 60 Mark in haltbarer Folie inklusive Aufhänger“ feilgeboten, gibt darüber keinen Aufschluß.

Nachdem er die schlichten Grundsätze seiner „Neuen Medizin“ dargestellt hat, holt er zum Rundumschlag aus. Die Ärzte seien „Medizyniker“, die ihre Patienten mit Morphium totspritzen, mit Tabletten vergiften, verstrahlen oder sonstwie um die Ecke brächten. Ehrfürchtig lauscht das Auditorium, triumphierend blickt Hamer in die Runde und fügt an: „Die Chemo macht den natürlichen Heilungsprozeß des Krebses kaputt.“



So einfach funktioniert das auch bei anderen Leiden. Herz-Medikamente wie Betablocker seien „Blödsinn“, aggressive Melanome „nie bösartig“, andere „Karzinömchen“ nur die Durchgangsphase zur Genesung von einem schweren Konflikterlebnis, Aids schließlich ein „Riesenschwindel: „Die Krankheit gibt es gar nicht! Aids ist nichts anderes als eine Allergie gegen männliches Smegma“ - jene Substanz also, die sich unter der männlichen Vorhaut bildet. Folglich gebe es laut Hamer auch keine Ansteckungsgefahr, keine tödlichen Aids-Viren.

Je kruder die Thesen, desto gespannter warten meine Kollegin und ich auf Widerspruch aus dem Publikum. Doch der bleibt selbst dann aus, als Hamer wettert, daß es „gegen die natürliche biologische Funktion verlaufe, die Frau zum Halbmann und den Mann zum Softie umerziehen zu wollen“. Dadurch, daß man ihnen die „seit Millionen Jahren zugewiesene Rolle“ nehme, treibe man sie in Herzinfarkt und Hirnschlag.

MS-Kranke denunziert der Wunderheiler als Sozialschmarotzer: „Die haben 3000 bis 4000 Mark nur für sich, kriegen eine schicke Behinderten-Wohnung, brauchen nicht mehr zu arbeiten und haben alle Vergünstigungen“, rechnet Hamer vor und behauptet: „Die wollen doch gar nicht mehr geheilt werden!“

Hamer erläutert, daß Karies „überhaupt nix mit Zucker zu tun hat“ und daß es für die schlechte Zahngesundheits-Statistik ganz andere Ursachen gebe. „ln Köln, da sind 80 Prozent Türkenjungs in den Klassen“, sinniert Hamer. „Die sind gut trainiert, und wenn dann ein Deutscher mal den Mund aufmacht, kriegt er gleich einen auf die Zähne!“ Die Schweizer, ja, die hätten bessere Zähne: „Die lassen ja keine Ausländer rein!“

• Und warum kriegt man eine Glatze? Klarer Fall: „Aus einem Verlustkonflikt heraus“, sagt Hamer. „Wenn ein Partner stirbt, der einem immer über den Kopf gestreichelt hat!“

• Was passiert mit einem Krebs, wenn der psychische Konflikt gelöst wird? „Er buttert, verkäst, stinkt dabei und geht zurück!“

• Wo liegt die Ursache für Diabetes? Für Hamer ein Sexualkontflikt - jedenfalls „bei einer linkshändigen Frau. Die ekelt sich vor Spinnen, Fröschen und dem männlichen Glied“.

Einem Inder, an metastasierendem Krebs erkrankt, rät Hamer, in die Heimat zurückzukehren, um dort seinen Kultur-Konflikt zu lösen. Der abgemagerten Mittvierzigerin mit Darmkrebs empfiehlt er: „Nehmen Sie fünf Kilo zu, und kommen Sie in ein paar Monaten wieder!“ Die Frau vertraut ihm. Und ehe sie sich operieren ließe, würde sie lieber sterben.



Wegen über 40 Todesfällen, bei denen Hamer eine sachgerechte ärztliche Behandlung abgewendet haben soll, sprach die österreichische Justiz im August einen internationalen Haftbefehl aus. Der Kölner Staatsanwaltschaft liegt jedoch noch kein Auslieferungsbegehren vor. Die Strafverfolger zögern, dem Treiben des Wunderdoktors ein Ende zu setzen. „Wir haben noch nichts Neues“, heißt es. Man warte weiterhin „auf die Hauptermittlungsergebnisse aus Österreich“.

Hamer verkündet in Bad Honnef, ihm sei es „Wurscht“, daß ihn die Staatsanwaltschaft verfolgt und die etablierte Heilkunst ihn ächtet. „Für die Neue Medizin gehe ich auch ins Gefängnis.“

Derweil setzt Hamer seine - durch die Seminare nur mühsam getarnte - ärztliche Beratungsarbeit fort. Die Patienten danken es ihm. Denn dort, wo Hamer ist, keimt Hoffnung. „Haben Sie keine Sorge“, spricht mir etwa die Begleiterin einer MS-Patientin Mut zu, die sich nur noch mit Rollgestell vorwärtsbewegen kann. „Vertrauen Sie auf den Doktor. Sie werden schon wieder gesund.“ Und dabei lacht sie über das ganze Gesicht. Wie hatte uns der Wunderheiler im Seminar anvertraut? “In der Neuen Medizin wird viel gelacht!“

Bis zum bitteren Ende.



Operation unter Protest

Erst ein Gericht konnte die Therapie des Krebskindes Olivia Pilhar durchsetzen

Im Wiener Allgemeinen Krankenhaus übt Olivia Pilhar für ihr zweites Leben. Die Sechsjährige erholt sich von dem Eingriff am 18. September, bei dem Ärzte ihren über vier Kilo schweren Nierenkrebs („Wilms-Tumor“) entfernten. Mit einer Gehhilfe marschiert sie über den Flur.

Unter Einfluß des „Wunderdoktors“ Ryke Geerd Hamer waren Olivias Eltern mit dem kranken Kind durch halb Europa geflüchtet. Wie ihr medizinischer Berater lehnten sie Operation und Chemotherapie ab, obwohl die Heilungschancen ihrer Tochter zu diesem Zeitpunkt 95 Prozent betrugen. Nach 72 Tagen Flucht hatte sich der Tumor um das Zwölffache vergrößert und Metastasen in Leber und Lunge gebildet. Olivas Chancen standen jetzt nur noch bei zehn Prozent. Wunderheiler Hamer meint hingegen, das Kind sei längst auf dem Weg der Besserung gewesen.

Ein Gericht entzog den Eltern das Sorgerecht. ein bestellter Vormund willigte in Operation und Chemotherapie ein. Trotz der Behandlungserfolge steht Olivias Mutter „noch immer zwischen dem Kind und der Medizin, die ihm geholfen hat“, so der behandelnde Chirurg Prof. Ernst Horcher zum STERN.