stern - "Bewacht wie ein Außerirdischer"

stern, 10.08.1995

zeitungsartikel


INTERVIEW

„Bewacht wie ein Außerirdischer“

Die Eltern der krebskranken Olivia, die in einer Klinik gegen den Willen ihrer Familie therapiert wird, über Schuldgefühle, Polizisten im Krankenhaus und ihren unbeirrbaren Glauben an einen dubiosen Wunderheiler

STERN: Sie haben sich mehr als zwei Monate lang geweigert, Ihre todkranke Tochter mit Chemotherapie behandeln zu lassen. Dadurch hat sich ihr Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert. Jetzt wird Olivia „zwangstherapiert“. Haben Sie Schuldgefühle?

HELMUT PILHAR: Wir haben Fehler gemacht. Der größte war der, den Namen von Geerd Hamer überhaupt zu erwähnen. Es wäre besser gewesen, wir hätten den Mund gehalten, unsere Sachen gepackt und wären nach Australien oder Kanada gezogen und erst nach der Ausheilung wieder nach Österreich zurückgekommen.

ERIKA PILHAR:
Der ganze Behörden- und Klinik-Apparat ist mit schuld. Wir waren ja gesprächsbereit, aber ich habe von Anfang an die Offenheit und Ernsthaftigkeit vermißt, sich mit unseren Sorgen und Wünschen auseinanderzusetzen.

STERN:
Wenn Olivia stirbt, erwartet Sie eine Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge.

HELMUT PILHAR: Es ist uns versprochen worden, daß wir unser Sorgerecht zurückerhalten und die Staatsanwaltschaft die Anklage fallenläßt, wenn das Kind erfolgreich therapiert wird. Stirbt Olivia, wird man uns unterstellen, wir hätten unser Kind gequält und die notwendige Hilfe unterlassen.

STERN: Und ist es nicht so?

HELMUT PILHAR: Nein, wir haben unser Kind nicht auf dem Gewissen. Und sollte Olivia überleben, heißt das noch lange nicht, daß die Schulmedizin sie gerettet hat.

STERN: Was macht Sie so sicher, daß sie ohne Schulmedizin gesund geworden wäre?

ERIKA PILHAR: Weil ich ganz fest an Hamers „Neue Medizin“ glaube. Dann hätten wir die Möglichkeit gehabt, das Kind liebevoll zu betreuen. Wir hätten dafür gesorgt, daß es alles bekommt, auch aus homöopathischer Sicht.

STERN:
Seit Olivia in der Klinik behandelt wird, hat sich aber ihr Zustand nicht nur stabilisiert, sondern der Tumor ist sogar geschrumpft. Spricht das nicht ganz klar für die Schulmedizin?

HELMUT PILHAR: Olivia hat sich bereits in der Heilungsphase befunden, bevor sie auf die Intensivstation kam und der ganze Horror der Apparatemedizin begann.

STERN: Dafür gibt es aber keinen Beweis. Würden Sie Ihre Einstellung gegen die Chemotherapie ändern, wenn Olivia wieder ganz gesund wird?

HELMUT PILHAR: Die Chemotherapie ist für mich so, als würde man in einem Wald den Borkenkäfer bekämpfen wollen, indem man DDT drüber schüttet. Man bringt damit alles Leben im Wald um, so daß er früher oder später ebenfalls sterben muß.

STERN: Aber Ihr Kind ist kein Käfer.

HELMUT PILHAR: Ich bin ganz sicher: Es gibt keinen Schulmediziner, der für sein Kind die Chemotherapie wählen würde, solange es noch irgendeinen anderen Weg gibt.

ERIKA PILHAR:
Ich wollte meinem Kind Leid ersparen. Man darf doch Eltern nicht das Sorgerecht wegnehmen, nur weil sie in die Chemo- und Strahlentherapie kein Vertrauen haben. Gehen Sie mal auf eine Kinderkrebsstation. Wie die Kleinen dort unendlich leiden, weil sie die Chemo nicht mehr ertragen.

STERN: Sind Sie nicht trotzdem erleichtert, daß die Ärzte alles versuchen werden, um Ihrer Tochter das Leben zu retten?

ERIKA PILHAR:
Ich habe schon den Eindruck, daß die alle das Beste wollen für mein Kind. Einer hat sogar Verständnis dafür gezeigt, daß man in der Krebstherapie nach neuen Wegen sucht. Mir wäre es am liebsten, wenn die Schulmediziner auch die Naturheilkunde berücksichtigen würden.

STERN: In der Öffentlichkeit gelten Sie als Rabenmutter, die ihr Kind blindlings einem dubiosen Wunderheiler ausliefert. Trifft Sie das?

ERIKA PILHAR: Menschen, die Hamers Therapie nicht kennen, haben kein Recht, mich zu verurteilen. Mich beschäftigt ohnehin nur eines: daß Olivia wieder gesund wird. Ich besuche sie jeden Tag, stehe ihr bei. Ich glaube, daß sie auch im Dämmerschlaf genau spürt, daß ich da bin.

STERN: Die Therapie von Hamer besteht doch darin, daß er nichts tut und auf Spontanheilung wartet. Der ehemalige Arzt wird inzwischen über Interpol gesucht. Was macht Sie so sicher, daß er ein Wohltäter und kein Scharlatan ist?

HELMUT PILHAR:
Weil errecht hat. Nach der Diagnose der Schulmediziner dürfte Olivia schon lange nicht mehr leben. Ihre Niere ist nicht geschädigt, obwohl da ein kiloschwerer Tumor draufsitzt. Sie müßte Blut im Urin haben, hat sie aber nicht. Das beweist doch, daß die Schulmedizin auch nicht alles erklären kann. Ich glaube, daß einzig und allein die Natur perfekt ist. Was der Mensch mit der Medizintechnik erreichen kann, ist nur ein Bruchteil dessen, was die Natur leistet.

STERN: Wie konnten Sie es auf Ihrer Flucht durch Deutschland und Spanien überhaupt mitansehen, daß Olivias Bauch immer dicker und ihre Schmerzen immer größer wurden?

ERIKA PILHAR: Natürlich haben uns auch immer wieder mal Zweifel befallen, ob wir das Richtige tun. Aber da war ja niemand, an den wir uns vertrauensvoll hätten wenden können. Wir wurden verfolgt, es wurde uns gedroht. Wir wurden massiv unter Druck gesetzt. Natürlich war es schrecklich, unser Kind leiden zu sehen. Es war so, als würde ich die Schmerzen meiner Tochter am eigenen Leib spüren. Wenn ich mit Doktor Hamer telefoniert habe, war ich hinterher immer beruhigt.

STERN:
Aber war es für Sie nicht schrecklich, in den letzten Wochen nur auf Ferntherapierung angewiesen zu sein?

ERIKA PILHAR: Nein. Das Schlimmste war, daß wir gezwungen wurden, in die Chemotherapie einzuwilligen. Daß man uns Olivia weggenommen hat. Daß wir den Behörden ausgeliefert waren und keinen Einfluß mehr auf die Therapie haben.

HELMUT PILHAR: Bis vor wenigen Wochen waren wir eine normale glückliche Familie. Die Wertigkeiten haben sich total verschoben. Ich habe an den österreichischen Bundespräsidenten geschrieben, daß es ein Wahnsinn ist, was hier passiert. Eine Familie wird von der Staatsanwaltschaft verfolgt, zweimal festgenommen. Als wir nach der Rückkehr aus Spanien im Vertrauen auf Zusammenarbeit in die Klinik kamen, wurden wir dort eingesperrt und von vier Polizisten vor der Tür bewacht.

STERN: Stehen die noch da?

HELMUT PILHAR: Ein privater Wachdienst ist rund um die Uhr im Einsatz. Das Kind wird bewacht wie ein Außerirdischer. Drei Leute sitzen vor dem Eingang des Krankenhauses und zwei weitere vor dem Krankenzimmer von Olivia. Ich hatte fast eine Woche lang Besuchsverbot, weil man befürchtet hat, ich würde Olivia die Schläuche herausreißen. Das ist absurd. Niemals würde ich so was tun und mein Kind gefährden. Als ich meine Tochter dann das erste Mal besuchen durfte, rannte ständig ein Wachmann hinter mir her. Eine erniedrigende Situation.

STERN: Hatten Sie nie das Gefühl, von Hamer als Kreuzritter für seine „Neue Medizin“ mißbraucht zu werden?

ERIKA PILHAR: Ich sehe mich nicht als Kreuzritter. Mir geht es nur um mein Kind.

STERN: Es wurde vermutet, daß Sie der umstrittenen Sekte „Fiat Lux“ nahestehen oder angehören, die für ihre Verachtung der Schulmedizin bekannt ist.

ERIKA PILHAR: Zwei Leute von Fiat Lux haben sich bereit erklärt, uns bei der Flucht zu helfen. Das war alles. Wir gehören keiner Sekte an und keiner Religion. Trotzdem glaube ich an Gott. Ich hoffe, wenigstens das ist erlaubt.

Das Interview führte STERN-Redakteurin Irmgard Hochreither.



DER FALL OLIVIA PILHAR
Seit Wochen bewegt das Schicksal der krebskranken Olivia Pilhar aus Niederösterreich die Öffentlichkeit. Ihre Eltern weigerten sich, den diagnostizierten Wilms-Tumor, ein bösartiges Nieren-Karzinom, das normalerweise gute Heilungschancen hat, mit Chemotherapie behandeln zu lassen.
Statt dessen wandten sie sich an den selbsternannten Wunderheiler Ryke Geerd Hamer. Nach einer dramatischen 72tägigen Flucht wird Olivia auf Veranlassung der österreichischen Behörden zur Zeit in einer Wiener Klinik „zwangstherapiert“. Österreich will den deutschen Wunderheiler Hamer wegen „Kinderquälerei“ verhaften lassen und hat Deutschland nach Ausstellung eines internationalen Haftbefehls um Amtshilfe gebeten.