die ganze Woche - Olivias Leben hängt an Schläuchen und Drähten

Die ganze Woche, 09.08.1995

zeitungsartikel


Olivias Leben hängt an Schläuchen und Drähten

„Wir sind keine Fanatiker“


Die Berichterstattung über den „Fall Olivia“ geht von drei Fixpunkten aus: Das Mädchen ist arm, die Eltern sind verblendet, und Hamer gehört eingesperrt. Der Kernpunkt ist aber sicherlich jener: Hier haben zwei Mütter um ein Kind gestritten: der Staat und die leibliche Mutter. Der Staat zerrte am festesten und nahm das Kind in seine Gewalt. Aber ist er deshalb die bessere Mutter? Und darf er künftig überall eingreifen, wo jemand nicht an die feste Lehre der Schulmedizin zu glauben vermag? „Die Schulmedizin hat uns unser Kind weggenommen“, sagt Erika Pilhar, „aber ich hoffe zutiefst, daß die Ärzte es schaffen, Olivia zu retten.“

Nie wieder“, sagt Erika Pilhar, „soll sich so etwas wiederholen dürfen. Nie wieder soll einer Familie so tiefes Leid zugefügt werden.“ Sie kommt gerade vom Krankenbett ihres Kindes in der Intensivstation. Sie sieht ihren Fall, doch sie kann nicht kühl überlegen, die Chancen so abschätzen, wie das andere tun. Die sagen, hätte sie doch schon früher und wäre sie doch gleich...

Aber Frau Pilhar ist als medizinischer Laie in die Tragödie geraten, und niemand darf sich anmaßen, hier den Richter zu spielen.

„Wir haben zunächst bei zwei Schulmedizinern schlimme Erfahrungen erlebt“, sagt sie. „Wir waren im tiefen Schock und völlig hilflos in dieser Situation. Dann kamen wir zu Hamer, und zum ersten Mal war alles klar. Er sagte: ,So schaut es aus!', und wir haben langsam Vertrauen gefaßt. Wir sind keine Fanatiker. Wir hatten Zweifel noch und noch, ob wir das Richtige tun.“

Erika Pilhar ist an diesem Tag, es ist der Freitag der Vorwoche, optimistisch gestimmt. Es ist das erste Mal, seit Olivia im AKH ist, daß sie wieder das Gefühl hat, ihr Kind sei bei ihr. „Sie hat mich erkannt und war ganz aufgeregt. Laut kann sie nicht werden. Aber auf ihren Lippen habe ich gelesen, daß sie ,Mama' sagen wollte. Dann hat sie angefangen zu weinen. Sie reibt sich ganz verzweifelt die Augen und kann sie nicht aufmachen.“ Ihre Beobachtungen klingen jetzt so, wie die der meisten Besucher auf Intensivstationen. Die Informationen kommen nicht mehr von Hamer, sondern von den Ärzten der Schulmedizin. Und Frau Pilhar hofft mit ihnen: „Sie haben mir gesagt, sie wollen jetzt versuchen, daß Olivia wieder selbst atmen kann. Das darf aber nicht zu schnell gehen, sonst reißt sie sich die Schläuche herunter.“ Vier Wochen soll die Chemotherapie nun dauern und dann müßte Olivia über dem Berg sein.

Am nächsten Tag stellt sich die Lage wieder ganz anders dar. So wie auf jeder Intensivstation. Olivia reagiert nicht. Sie hat hohes Fieber: von der Chemotherapie, heißt es. „Aber sie fühlt sich ganz kühl an.“ Und ständig sind die Zweifel da. Und ständig ist das „Gespenst“ Hamer da. Das Vertrauen zu den Ärzten schwindet so schnell, wie es aufgetaucht ist: „Die drehen alles so, wie sie es brauchen. Einmal heißt es so, einmal so. Jetzt haben sie plötzlich Metastasen auf der Leber gefunden. Der Hamer hat das von Anfang an gesagt, daß sie auch einen Lebertumor hat. Es ist eine Schande!“

Erika Pilhar sitzt im Garten ihres Elternhauses in Maiersdorf nahe des Naturparks Hohe Wand. Es ist ein herrlich schöner Vormittag. Aber alles zählt jetzt nicht. Alles außer Olivia zählt schon lange nichts mehr. Zu Mittag wird sie wieder hineinfahren. Und wieder eine aktuelle Einschätzung der Ärzte hören. „Eigentlich“, sagt sie, „geht es um das Selbstbestimmungsrecht der Eltern. Das, was man mit uns gemacht hat, kann morgen jeden anderen treffen. Morgen wird vielleicht die Homöopathie verboten, weil es jemandem nicht in den Kram paßt. Morgen wird vielleicht die ganze Naturmedizin verboten, und die Eltern werden entmündigt, wenn sie für ihre Kinder einen anderen Weg wählen.“ Erika Pilhars Annäherung an alternative Methoden der Medizin vollzog sich schrittweise. Das erste Kind, Alexander, kam in Wiener Neustadt im Spital zur Welt. Die Geburt war ein Alptraum-Erlebnis. Die Apparatemedizin hat alle Register gezogen. Das Kind wäre beinahe gestorben, die Mutter erlebte einen Schock. Dann Olivia: Sie erkundigten sich genauer. Wählten die „Sanfte-Geburt“-Klinik in Oberpullendorf. Es war zu Silvester 1988, und es war ein Fest. Genau wie beim dritten Kind, Elisabeth.

Oder ihre Schuppenflechte, an der Erika seit ihrem 15. Lebensjahr leidet. „Die Ärzte meinten nur, ich muß mich damit abfinden.“ Mit natürlichen Heilmitteln erzielte sie Erfolge und konnte die Hautkrankheit halbwegs in den Griff kriegen. Das Vertrauen in die Schulmedizin ging wieder ein Stückchen mehr verloren. Und niemand vermochte es zurückzuholen.

Jetzt halten sie alle zusammen wie eine Festung. Erikas Eltern, ihre Schwester Veronika, ihr Mann Helmut und dessen Mutter. Sie ist die einzige, die nun, nach dem neuerlichen Besuchsverbot für Helmut, neben Erika noch zu Olivia darf.

Sie sitzen zusammen im Familienkreis und bestärken sich in ihrer Abscheu vor der Vorgangsweise des Staates. Und sie rätseln, warum es gerade Olivia treffen mußte. So wie dies alle Eltern tun, denen ein so grausames Schicksal widerfährt. Helmut Pilhar macht sich schwere Vorwürfe: „Ich habe Erika gedrängt, wieder arbeiten zu gehen, damit wir das Geld für unseren geplanten Hausbau zusammenbringen. Erika hat dann zwei Tage vor Schulbeginn erfahren, daß eine Stelle in der Sonderschule Mödling frei wäre. Es war ein irrsinniger Streß. Wir mußten umziehen, damit jemand auf die Kinder schaut. Olivia hat enorm gelitten, daß sie nun ihre Mama seltener gesehen hat. Vielleicht hat das den Krebs ausgelöst.“

Erika und Helmut Pilhar sind ratlos und zornig. Und ihr Strohhalm Hamer, an den sie sich geklammert haben, ist weit weg. Von dort tönt er, daß er immer recht gehabt hat. Und sie glauben ihm. Wer selbst im Besitz der Wahrheit ist, werfe den ersten Stein.

Bert Ehgartner