NEWS - Der Streit um Olivia - Die Nation leidet mit einem Kind

NEWS, 27.07.1995

zeitungsartikel


Der Streit um Olivia

Die Nation leidet mit einem Kind

Haftbefehl gegen ‚Krebsheiler’ Hamer kommt




AM MENSCHLICHSTEN

Das schönste Kompliment für die auf den folgenden Seiten veröffentlichte Reportage über die Flucht der kleinen Olivia Pilhar bekam das NEWS-Team (Euke Frank, Chefredakteur Werner Schima, Fotograf Roman Zach-Kiesling) nach dem Rückflug in Wien von der Ärztin Marina Marcovich: „Ihr wart von allen Reportern die menschlichsten. Danke.“

Letzten Donnerstag früh – die NEWS-Exklusivmeldung, daß sich Olivias Familie nach Südspanien zurückgezogen hat, war gerade in allen Nachrichten - meldete sich Helmut Pilhar telefonisch in der NEWS-Redaktion und stimmte einem Besuch in Malaga zu. In Absprache mit Olivias Vater flog NEWS noch Donnerstag vormittag gemeinsam mit drei Verwandten und Freunden der Familie in einem Flieger der „Tyrolean Jet Service“ nach Spanien - das war ein Grundstein der Vertrauensbildung für die Rückkehr. Unser Verhältnis zur kleinen Olivia wurde so gut, daß wir als einzige Journalisten ins Appartement durften, in das sich Olivias Familie vor den Journalisten geflüchtet hatte. Als einzige Journalistin durfte Euke Frank schließlich auch im Jet der Ärzteflugambulanz bei Olivias Rückkehr dabeisein. Das Hauptverdienst an dieser Rückkehr gehört der Ärztin Marina Marcovich. Daß wir ein klein wenig mithelfen durften, erfüllt uns mit Freude.



Olivia
Der Kampf um Leben und Tod


OLIVIA PILHAR. Die Geschichte, die ein Land bewegt. NEWS erlebte die Flucht und den Leidensweg des Kindes, das todkrank ist – aber leben will. Und recherchiert, warum Heiler Hamer verhaftet wird.

REPORTAGE: EUKE FRANK
FOTOS: ROMAN ZACH-KIESLING

DER RÜCKFLUG: „Friedliche, ohne jeglichen Zwischenfall.“
DAS VERSTECK: Drei Tage im geheimen Appartement.
DER STRANDAUSFLUG: Die Show für die Kamera.
DIE HETZE: Sieben Wochen Flucht.



Der Versuch, zu seiner „Patientin“ zärtlich zu sein, gemahnt ein wenig an frankensteinsche Liebesbezeugungen. Mit seiner riesigen linken Pranke fährt der 1,90-Meter-Hüne dem kleinen Mädchen durchs Gesicht. Ein Abschied für immer? „Wirst du mir schreiben, Olivia?“ Das ausgemergelte Mädchen kann nicht antworten, sie wimmert nur kraftlos.
Noch einmal schleudert er seinen Schlachtruf „Eviva la medicina sagrada, eviva Olivia“ in die bestenfalls gequält lächelnde Runde - dann tritt Geerd Ryke Hamer, der Kölner Wunderheiler, der seit einer Woche mit dem Stigma leben muß, der meistgehaßte Mann Österreichs zu sein, von der Bühne ab. Endlich.
Am vergangenen Montag, kurz vor halb sechs Uhr morgens, hat das Flucht-Drama der fünfköpfigen Familie quer durch Europa ein Ende. Der Lear-Jet der „Österreichischen Ärzteflugambulanz“ startet vom südspanischen Flughafen Malaga. An Bord: Vater Helmut Pilhar, Mutter Erika. Ihre Kinder Elisabeth, 4, Alexander, 7 - und Olivia. Das - leider nur vorläufige – Happy-End des Dramas um die sechsjährige krebskranke Olivia, das eine knappe Woche lang die Republik in Atem hielt. Das die Titelblätter sämtlicher Medien bestimmte, das sogar den Bundespräsidenten zur persönlichen Intervention mobilisierte - und das in der Öffentlichkeit für breite Diskussionen sorgte: Über die Frage, ob der Staat in das Selbstbestimmungsrecht der Eltern eingreifen darf, über den Konflikt zwischen Schul- und Alternativmedizin und über die zunehmende Bedeutung dubioser Wunderheiler.

Vermittlerin Marcovich.
Als der Pilot die Turbinen der Maschine anwirft, löst sich die Spannung bei allen Familienmitgliedern. Olivia liegt angegurtet auf der Rettungspritsche und beobachtet die kleine Crew beim Funken mit der Bodenstation. Intensivmediziner Andreas Valentin überprüft alle medizinischtechnischen Geräte. Marina Marcovich, die umstrittene Kinderärztin, die aufgrund ihrer skeptischen Haltung zur Schulmedizin eine ideale Vermittlerin war und die spektakuläre Rückkehr durch stundenlange Gespräche mit allen Beteiligten ermöglich hatte, unterhält sich mit den beiden Kindern Elisabeth und Alexander.
Kurz nach dem Start schläft Olivia ein, ihre knöchrigen kleinen Händchen umklammern die Finger der Mutter. Und halten sie bis zur Ankunft in Wien-Schwechat fest.

Sieben sinnlose Wochen Flucht. Die Familie Pilhar ist wieder am Ausgangspunkt ihrer Flucht angelangt - nach sieben sinnlosen Wochen, in denen der Tumor in dem kleinen Körper weiterwachsen, den ganzen Bauchraum ausfüllen und andere Organe, auch das Gehirn, angreifen konnte. Sieben Wochen, in denen eine Familie ihre materielle Existenz aufs Spiel gesetzt hat. Auf ihrer Flucht vor der Vernunft haben die Pilhars beinahe ihr gesamtes Urlaubsgeld aufgebraucht, drei Bausparverträge sollen aufgelöst werden - der geplante Hausbau im Herbst wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Mutter Erika wird ihren Beruf als Handarbeits- und Kochlehrerin in einer Hauptschule nicht mehr antreten. „Ich will nur mehr für Olivia da sein“, sagt sie. Vater Helmut, ein hochqualifizierter EDV-Spezialist bei „Schrack“, hat seinen Job verloren. Vergangenen Donnerstag in Malaga erfuhr er von seinem Rauswurf. „Ist mir eh lieber so“, sagt er.
Sieben Wochen wurde die Familie von Geerd Ryke Hamer, dem selbsternannten Propheten der „Neuen Medizin“ (siehe auch Seite 14), durch halb Europa gehetzt. Wenn Erika und Helmut Pilhar im NEWS-Gespräch die Geschichte ihrer Flucht erzählen, wird deutlich, wie sehr die Eltern die Getriebenen waren.
Die harmonische, glückliche Familie Pilhar wird am 18. Mai mit der schockierenden Diagnose konfrontiert: Wilmstumor an der Niere. Im St.-Anna-Kinderspital wartet man - ein Wochenende lang - auf die Behandlung. „Ich war nicht a priori ein Gegner der Schulmedizin - aber der arrogante und unpersönliche Umgang in diesem Krankenhaus hat mich vertrieben.“ Die Wahrheit ist: Die St.-Anna-Ärzte hätten bereits am Samstag mit der Chemotherapie beginnen können, wollten aber die Entscheidung der Oberärzte am Montag abwarten. Außerdem war man nicht in der Lage, den Eltern, die vom Anblick der chemotherapierten Kinder schockiert waren, die verlangte psychologische Hilfe zu leisten.
Dr. Olaf Arne Jürgenssen, Chefarzt der Kinderabteilung in Wiener Neustadt, sagt heute: „Wären die Eltern unsereren Empfehlungen gefolgt, hätten wir vor zwei Jahren mit einer leichten Chemotherapie begonnen, wäre sie heute bereits fast abgeschlossen. Und der Olivia wüchsen schon wieder Haare.“

„Der Tumor ist was Gutes.“ Doch die Schulmedizin verpaßt ihre Chance bei den Pilhars. Verunsichert konsultieren sie andere Ärzte, stoßen auf Vermittlung einer Wiener Ärztin auf den „Wunderheiler“ Geerd Ryke Hamer. Der verspricht: „Olivia wird schon bald wieder gesund. Der Tumor ist was Gutes.“ Und warnt: „Das Spital nimmt euch Olivia weg.“

Hamer hat's in der Nase. Am 22. Mai, dem Tag, als die Behandlung beginnen soll, tauchen die Pilhars unter. Zuerst zu einer Verwandten ins Kärntner Lavanttal, dann zu Mitgliedern der „Fiat Lux“-Sekte, die die beiden verstecken. Von dort bringen sie Tage später Sektenmitglieder in zwei Autos über Freilassing an den Chiemsee. Helmut Pilhar: „Der Geerd hat's in der Nase gehabt, daß die Behörden hinter uns her sind und wir Österreich verlassen sollten.“ Hamers Befund: „Ganz Österreich fahndet nach euch, um Olivia zu finden und letztendlich zu töten.“
Fünf Tage später hat's Hamer wieder in der Nase, und die Flucht geht weiter in die Schweiz - in die konspirative Wohnung eines „Freundes“ (Hamer: „Wir sind alle eine große Familie“). Der Tumor des Kindes wächst mittlerweile bedrohlich, die Schmerzen werden immer stärker.
Hamer, Routinier in Sachen Verfolgung („Hinter mir war auch schon die Mafia her“), hält's auch hier nicht lange: „In der Schweiz“, hat er wieder was in der Nase, „gibt's zuviele Chemiekonzerne, die gegen meine Lehre sind. Denn die könnten ja zusperren, wenn ich mich durchsetze.“
Von Zürich geht's zur letzten Station in Malaga - wo Hamer ein Heimspiel hat. Hier, in Spanien, hat er viele Jünger, die sich binnen weniger Stunden im Hotel „Las Vegas“, einer 3-Sterne-Absteige am Strand, die Hamer als Stützpunkt dient, einfinden und die Pilhars nicht mehr aus den Augen lassen - darunter auch Dr. Vigunales, immerhin Klubarzt beim spanischen Spitzenverein „Atletico Madrid“.

Freunde und Familie in Malaga. Wie sehr Hamers Jünger die Pilhars unter Kontrolle haben, wird deutlich, wenn sie die Familie einmal gerade nicht umzingeln.
Veronika, die Schwester Erika Pilhars, ein Freund Helmuts und ein befreundeter Arzt entschließen sich vergangenen Donnerstag, selbst nach Malaga aufzubrechen und auf die Familie einzuwirken. Mit NEWS fliegen sie mit dem „Tyrolean Jet Service“ nach Südspanien. Den Pilhars ist die Erleichterung anzumerken, wieder vertraute Gesichter aus der Heimat zu sehen, als sie die Freunde an diesem Donnerstag im Justizpalast von Malaga treffen.
Auch Marina Marcovich ist eingetroffen, um zu vermitteln. Hier wird klar: Die Eltern sind nicht verbohrt, suchen das Gespräch - nur wenn Berater Hamer dabei ist, wird die Situation verkrampft.
Wie einen Tag später: Die Pilhars haben sich in ein Appartement am Meer - wieder von einem „Hamer-Freund“ zur Verfügung gestellt - vor dem Presserummel im „Las Vegas“ zurückgezogen. Hier können sie die Kinder besser vom Rummel abschirmen, können ihnen die Illusion vom Urlaub glaubwürdiger vermitteln. Als NEWS sie in diesem Versteck als einziges Medium besucht, wirken sie locker. Taucht Hamer auf, werden die Antworten mechanisch und monoton: „Olivia geht es sehr gut.“
Dr. Marcovich erkennt, daß mit den Pilhars gegen Hamer nichts läuft. So beginnt ein Verhandlungsgeplänkel um das kleine Mädchen. Marcovich, die dem Kind helfen will, die aber in diesem Fall auch die Möglichkeit sieht, sich wieder endgültig gesellschaftlich zu rehabilitieren, geht zum Schein auf Hamers Forderungen ein, unterschreibt sogar einen Befund des Wunderheilers. Das Papier, von Hamer in Malaga gegenüber Journalisten und Jüngern als Magna Charta des Durchbruchs seiner Lehre gefeiert, ist für Marcovich nichts als ein „Beschwichtigungsdokument“.

Zustand verschlechtert. Marcovich fliegt heim, kehrt aber in der Nacht von Sonntag auf Montag wieder nach Malaga zurück. Die Eltern sind plötzlich zum Heimtransport bereit. Der Hintergrund: Olivias Zustand hat sich dramatisch verschlechtert. In der Nacht auf Sonntag hat sie durchgeweint, ließ sich nicht einmal mehr von ihrer Mutter beruhigen. Helmut Pilhar hat stundenlang mit seinem Freund gesprochen und sieht ein, daß dem Kind die Flucht einfach nicht mehr zuzumuten ist. Er ist - wenn Hamer nicht zuhört, wagt er es auch zuzugeben - verzweifelt und weiß jetzt keinen anderen Ausweg mehr als heimzukehren.
Geerd Ryke Hamer hat noch einen letzten Auftritt. Er hat die Familie auf den Flugplatz begleitet und noch einmal ein Papier vorbereitet. Marina Marcovich und Walter Esten, Österreichs Konsul in Malaga, der sich als Diplomat der Menschlichkeit bewährt hat und für den an diesem frühen Morgen ein Alptraum zu Ende geht, unterschreiben entnervt, um den friedlichen Abzug nicht im letzten Moment zu gefährden.

Belagert in Maiersdorf. Nach der Ankunft in Wien-Schwechat, wo 80 Reporter, die in der kleinen Halle der „General Avition“ warten, ausgetrickst werden (die Flugambulanz landet im Ostteil des Flughafens), zieht sich die Familie in das Haus von Erikas Eltern in Maiersdorf zurück. Es ist der Versuch einer Rückkehr zur Normalität. Schwester Veronika ist mit den Kindern mitgekommen, die Mutter kocht – „Gemüse vor allem, weil das so gesund ist“. „Die kleine Olivia“, sagen die Eltern, „ißt wieder mehr. Sie kommt wieder zu Kräften.“
Doch die Illusion in der heimatlichen Umgebung weniger unter Druck zu stehen, erweist sich als trügerisch. Mindestens acht Gendarmen bewachen das Haus rund um die Uhr, am Dienstag wäre es fast zu einem Handgemenge zwischen Helmut Pilhar und einem Fotoreporter gekommen, dem es gelang, in den Garten einzutreten.

Stimmungsumschwung. Außerdem hat sich die Stimmung im Ort gewandelt, erzählen Freunde. War das ganze Dorf zu Beginn der Affäre, als die Pilhars plötzlich im Rampenlicht standen, auf ihrer Seite - gegen die Behörden, gegen die Schulmedizin -, hat sich das Blatt mittlerweile gewendet. Die Pilhars sind Außenseiter geworden, und man läßt es sie spüren. Man hat plötzlich kein Verständnis mehr für die Eltern, die das Leben ihres Kindes in Gefahr bringen.
Ein Freund, der Helmut Pilhar am Montag besucht hat: „Wie ich aus dem Haus gekommen bin, habe ich den Eindruck gehabt - die Leut' schauen weg.“
Die Situation der Pilhars macht das nicht leichter. Die Befunde der Ärzte sind alarmierend. Professor Helmut Gadner, Chef des St.-Anna-Kinderspitals, der erste seriöse Mediziner, der die schwerkranke Olivia seit dem 18. Mai untersucht hat, stellt die Diagnose, die alle „Nicht-Hamer-Jünger“ befürchtet hatten; „In Olivia wächst ein unglaublich großer Tumor. Ich habe so etwas noch nie bei einem Patienten gesehen. Dem Kind geht es sehr, sehr schlecht.“
Auch wenn die Zeit drängt - der Kampf um das Kind geht weiter. Beim Ärztegipfel, Dienstag nachmittag im St.-Anna-Kinderspital, an dem der Radiologe Mosbeck, Kinderchirurg Horcher, Krebsexperte Gadner und Dr. Rozkydal, die Vertrauensärztin von Wunderheiler Hamer, Marina Marcovich, und der Vertreter der für das Sorgerecht der Eltern zuständigen Bezirkshauptmannschaft Wiener Neustadt, Heinz Zimper, teilnehmen, erscheint Helmut Pilhar nicht.

Hamers Einfluß nicht gebannt. Allen Beteiligten ist klar: Hamers Einfluß ist noch nicht gebannt. Der Wunderheiler, der erst in Malaga blieb und dann nach Köln flog, wo sein Verlag „Amici di Dirk“ seinen Sitz hat, hält nach wie vor Kontakt zur Familie. Er beschränkt sich allerdings im Moment nur aufs Telefon.
Denn Geerd Ryke Hamer hat's offensichtlich auch in eigener Sache „in der Nase“. Er kann sich vorstellen, daß es weder seiner Freiheit noch seiner Gesundheit bekömmlich wäre, würde er derzeit österreichischen Boden betreten.

EUKE FRANK UND WERNER SCHIMA



Kein Interview – eine Begegnung
„Mein Papi macht immer Schmähs“
NEWS-Redakteurin Euke Frank sprach mit Olivia


Das geheime Versteck der Pilhars in Malaga, ein Appartementhaus am Rande der Stadt, direkt am Meer: Hier hatte sich die Familie bis zum Ende der Flucht zurückgezogen.

Olivia (zu ihrer Mutter): Ich mag was zum Naschen. Darf ich die Kekspackung aufmachen?

NEWS: Wir fliegen morgen nach Österreich zurück. Fällt dir irgendeine Nascherei ein, die du gerne hättest, die man hier aber nicht kaufen kann?

Olivia: Am liebsten esse ich Messino-Kekse, und die kann die Mami da auch kaufen.

NEWS: Wie geht's deinem Bauch?

Olivia: Manchmal tut er ziemlich weh. Dann kommt die Mami und hält ihre Hand drauf. Dann sind die Stiche fast immer weg.

NEWS: Im September kommst du in die Schule, stimmt's Olivia?

Olivia: Vielleicht ein bißchen später. Aber die Mami hat mir versprochen, daß wir gleich, wenn wir zurückkommen, eine Schultasche kaufen gehen.

NEWS: Worauf freust du dich denn, wenn du wieder zu Hause bist?

Olivia: Meine Oma hat einen Hund. Den Aro. Der fehlt mir.

NEWS: Dein Papi hat mir gesagt, daß du Filmschauspielerin werden willst - wegen der vielen Fernsehkameras.

Olivia: Mein Papi erzählt immer solche Schmähs.



Hintergrund
Medien drehen durch
Olivia bewegte die Presse


Wer nicht mitspielt, wird bestraft. „Olivias Eltern drehen durch“, titelte die „Krone“ vergangenen Sonntag - zu einem Zeitpunkt, als sich die Pilhars bereits dazu entschlossen hatten heimzukehren. Sie hatten nur einen Fehler gemacht: Erika und Helmut Pilhar zeigten sich den harrenden Reportern gegenüber unkooperativ.
Kaum ein Ereignis hat die Rolle der Medien bei einer Schicksalsgeschichte so grell beleuchtet wie der Fall des sechsjährigen krebskranken Mädchens. Begonnen hatte es mit einer dem Wunderheiler Hamer eher wohlgesonnenen Story in einem bunten Billigblatt, den Höhepunkt erreicht hatte es mit einem Aufmarsch der heimischen und internationalen Presse, darunter mehrerer deutscher und spanischer TV-Stationen, vor einem unscheinbaren Dreisternehotel im südspanischen Malaga.
Der ORF, der in den ersten Tagen der Flucht besonders ausführlich über das Drama Olivia berichtet hatte, bekam dafür Prügel von der „Qualitätspresse“ - die die Story allerdings ebenfalls auf den Titelseiten hatte.
Und die - wie alle seriösen Berichterstatter - mithalf, daß dieses Schicksal eine so breite Öffentlichkeit bekam, ohne die eine Heimholung nicht möglich gewesen wäre.



Interview mit Helmut Pilhar
Exekutionsmediziner“
Olivias Vater über seine Flucht


NEWS: Herr Pilhar, haben die vergangenen sieben Wochen Flucht quer durch Europa überhaupt einen Sinn gehabt?

Pilhar: Man hat uns keine andere Wahl gelassen. Die österreichischen Behörden wollten uns Olivia wegnehmen. Oder eben zu einer Therapie zwingen, die für uns überhaupt nicht in Frage kommt. Es kann doch nicht rechtmäßig sein, wenn man Eltern zwingt, das ihrer Meinung nach Schlechteste für ihr Kind zu tun.

NEWS: Der Gesundheitszustand Ihrer Tochter ist wesentlich dramatischer als noch vor Antritt Ihrer Flucht. Hegen Sie nicht langsam Zweifel an Hamers Methode?

Pilhar: Absolut nicht. Hamer ist der Meinung, daß Olivias derzeitige Beschwerden Heilungsschmerzen sind. Sie wird überleben - aber nur dann, wenn Erika und ich weiterhin die Chemotherapie ablehnen.

NEWS: Während Ihrer Flucht gab es in Österreich Hinweise darauf, daß Sie sich in den Fängen der Sekte „Fiat Lux“ befinden ...


Pilhar: Alles Unsinn. Eine Verwandte von uns hat Kontakt zu dieser Glaubensgemeinschaft. Vier Mitglieder haben uns über die Grenze nach Deutschland gebracht. Dann brach der Kontakt auch schon wieder ab.

NEWS: Was werfen Sie der Schulmedizin vor?


Pilhar: Absolte Ignoranz gegenüber den Menschen. An jenem unsäglichen Wochenende im St.-Anna-Kinderspital war nicht einmal ein Psychologe da, der uns in diesen schweren Stunden ein Gespräch angeboten hätte. Geerd hingegen ist Mensch und kein Exekutionsmediziner. Ohne daß wir ihm Details aus Olivias Leben erzählt haben, hat er ihr eine Reihe von Konflikten attestiert, beispielsweise den „Wasserkonflikt“. Tatsächlich hatte sie mit ungefähr zwei Jahren ein schreckliches Erlebnis auf einem See. Sie war mit meiner Schwägerin Veronika in einem Schlauchboot unterwegs. Plötzlich ging aus einer Kammer die Luft aus. Veronika schrie um Hilfe. Das Unglück ging glimpflich aus, trotzdem hat sie diese Situation nie richtig verarbeitet. Hame hat uns zur Flucht aus Österreich geraten. Er spürte die Schritte der Behörden immer in der Nase.

NEWS: Sind Sie gläubig?

Pilhar: Ja, seit wenigen Wochen. Ich war früher überzeugter Atheist. Das Leiden meiner Tochter, die vielen Gespräche mit Hamer und unsere Flucht haben mich zu einem zutiefst gläubigen Menschen gemacht.



Dr. Horroris causa
GEERD HAMER. Jetzt wird der Wunderheiler zum Justizfall. NEWS zeigt die Opfer.
GEHEILT? Zwei Patienten schwören noch immer auf Dr. Hamer.


Ich werde nach Österreich kommen, aber ich werde verdeckt einreisen müssen, denn ich werde bereits per Haftbefehl gesucht.“ Ein Stehsatz aus dem Repertoire des Geerd Ryke Hamer, mit dem sich der umstrittene Krebswunderheiler bei Gesprächspartnern interessant zu machen beliebt.
Der Satz könnte schon bald keine kokette Übertreibung mehr sein. Obwohl Dienstag noch kein offizieller Haftbefehl gegen Hamer erlassen worden war, wird es jetzt immer enger für den gebürtigen Ostfriesen. Sechs Fälle von ehemaligen Hamer-Patienten, die nach einer Behandlung durch den Arzt verstorben waren, wurden bereits Anfang der Woche von der steirischen Ärztekammer zur Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt gebracht. Sechs weitere werden Montag folgen. Angezeigter Tatbestand: fahrlässige Tötung, Körperverletzung, Gemeingefährdung und Quälung von Minderjährigen.
Gerhard Litzka, Sprecher des Justizministeriums: „Diese Fälle werden gerade von der Staatsanwaltschaft geprüft. Wir können also noch nichts unternehmen.“

Haftbefehl gegen Hamer.
Ein Haftbefehl scheint dennoch fix, und zwar im Fall der kleinen Olivia Pilhar. Ein juristischer Balanceakt. Denn Olivias Eltern wurde von der österreichischen Justiz Straffreiheit versprochen. Ein Staatsanwalt des zuständigen Gerichts in Wiener Neustadt: „Wir argumentieren so: Olivias Eltern standen unter einer immensen psychischen Belastung, kein Gericht der Welt würde sie daher belangen. Aber Hamer wußte, was er tat, und ist somit voll strafbar.“ Der Staatsanwalt weiter: „Unser medizinisches Gutachten wird sicher beweisen können, daß eine Chemotherapie Olivia gerettet hätte. Hamer macht sich somit der Vernachlässigung eines Kindes mit darauffolgender Gesundheitsschädigung strafbar. Außerdem werden wir wahrscheinlich auch wegen Entführung Anklage erheben.“ Nachsatz des Juristen: „Auf jeden Fall wird Herr Hamer von uns zum Fall Olivia einvernommen werden. Und vielleicht können wir ihn dann auch gleich dabehalten.“
Auch für die deutschen Gerichte ist Geerd Ryke Hamer kein Unbekannter. Bereits Anfang der 70er erlangte Hamer, der in Erlangen und Tübingen Theologie und Medizin studiert hat und sich rühmt, einer der „besten Kliniker der Welt“ zu sein, regionale Berühmtheit, als er diversen Kleingemeinden versprach, sich bei ihnen als Arzt niederzulassen, wenn ihm für eine Praxiseröffnung ein Bankkredit gewährt würde. Die Folge allzu leichtfertiger Kreditvergabe: Hamer verschwand mit mehreren hunderttausend Mark auf Nimmerwiedersehen.
Heute hält er bei 2,5 Millionen Mark Schulden - der Gerichtsvollzieher ist bei Hamer ein Dauergast.

Hamers Todesserie. Seit 1981, dem Jahr, als Hamer mit seiner Theorie von der „Neuen Medizin“ an die Öffentlichkeit ging, sind mehrere Todesfälle bekannt. Von 50 Krebsfällen, die die deutschen Behörden nachgeprüft haben, überlebten die Hamer-Therapie nur sieben Patienten.
Hamers Therapie, benannt nach seinem unter tragischen Umständen verstorbenen Sohn Dirk (DHS), ist auf einen Satz zu komprimieren: „Krebs entsteht im Hirn durch Konflikte - werden diese behoben, verschwindet er wieder.“ 1993 eröffnet Hamer dann im steirischen Burgau eine Filiale seines Zentrums für „Neue Medizin“. Von dort aus, mit Unterstützung des ansässigen Bürgermeisters, missioniert er vor allem Ostösterreich.
NEWS recherchierte vier Fälle von Hamer-Patienten, zwei von ihnen wurden vom selbsternannten Krebsexperten zu Tode therapiert. Eine überlebte, eine wurde geheilt.

• Fall Dunja Huszar, 20. 1987, während einer Schulsportveranstaltung, bricht die damals 17jährige zusammen: Schmerzen in der Leistengegend. Der Arzt verschreibt mehrmals Wärmebestrahlungen. Während einer dieser Sitzungen kollabiert Dunja. Im Krankenhaus Hartberg diagnostizieren die Ärzte zuerst einen akuten Blinddarm. Erst ein Jahr später, nach einer Schwangerschaftsuntersuchung, entdecken die Ärzte den wahren Grund ihrer Übelkeit: Leukämie. Die Ärzte am Landeskrankenhaus Graz raten Dunja, das Kind abtreiben zu lassen und sich einer Strahlentherapie zu unterziehen. Dunja lehnt ab: „Ich will das Kind!“ Einen Monat später lernt sie dann bei einem Vortrag Dr. Hamer kennen.
Anhand der obligatorischen Computertomographie diagnostiziert er: „Ein Sexualkonflikt ist der Grund für den Krebs.“ Sein Rat: „Wenn Sie Ihre Probleme bewältigt haben, werden Sie auch wieder gesund.“ Im Februar 1988 entbindet Dunja einen gesunden, 4,3 Kilo schweren Buben. Sie ist glücklich. Doch nach nur einem Monat kommen die ersten Krebsschübe. Alle drei Wochen bricht Dunja zusammen. Brigitte Huszar, Dunjas Mutter: „Wir waren so glücklich, es war so, wie Hamer den Heilungsprozeß in seinem Buch schildert.“ Über die Vermittlung der Familie Huszar siedelt sich Hamer dann auch in Burgau in der Steiermark an. Dunja wird seine Sekretärin. 1990, nur zehn Tage nach der Geburt des zweiten Kindes, hat Dunja dann einen Blutsturz. Sie fällt für drei Tage ins Koma. Arzt wird keiner zugezogen. Hamer behandelt Dunja weiter.
Dunja überlebt. Inzwischen aber hat der Krebs auch auf die inneren Organe übergegriffen. Ihr Bauch wird von Tag zu Tag größer - ein Milztumor. Hamers Diagnose: „Eine Milzvergrößerung, nichts Schlimmes.“
Einen Monat vor ihrem Tod im Juli 1991 kann Dunja vor Schmerzen nicht mehr essen, nicht mehr gehen, nicht mehr am Rücken liegen - so groß ist der Tumor inzwischen. Die letzten Tage verbringt Dunja kauernd am Fußboden. Hamer ist immer dabei, streicht ihr über den Kopf, beruhigt: „Du wirst gesund.“ Eine Stunde vor ihrem Tod schreit Dunja dann doch rasend vor Schmerzen nach einem Arzt. Hamers lapidarer Kommentar: „Bevor du im Krankenhaus an der Gerätemedizin stirbst, ist es besser, du gehst in den Wald und stirbst dort allein.“

• Fall Anneliese E., 45: Im Dezember 1992 wird die 45jährige Gerichtsmedizinerin aus Graz mit der Diagnose eines Kollegen konfrontiert: „Du hast einen Knoten in der Brust.“ Zu Silvester läßt sich die Ärztin dann im AKH in Wien operieren. Eine Gewebsprobe soll entnommen werden. Doch die Chirurgen entfernen sofort die Brust. Ihre Begründung: „Der Krebs war schon so weit fortgeschritten.“ Drei Monate später nimmt Anneliese B. Kontakt zu Hamer auf. Wieder diagnostiziert Hamer per Computertomographie des Hirns mehrere Ursachen für den Krebs: „Ein Konflikt am Arbeitsplatz und ein Konflikt mit Ihrem Freund.“ Von da an bricht Anneliese B. jeglichen Kontakt zur Schulmedizin ab: „Ich will keine Chemotherapie.“ Ein Jahr später, Anneliese B. ist auf 40 Kilo abgemagert. Todkrank wird sie ins LKH Graz eingeliefert. Trotz guten Zuredens der Ärzte läßt sich die Frau nicht behandeln und verläßt das Krankenhaus. Wenige Tage später stirbt sie. Der behandelnde Arzt: „Ich war so wütend und hilflos. Hamer hat ihr immer zugeredet, daß alles gut wird.“

• Fall Emilia B. 36: Bei der 36jährigen Lehrerin diagnostizieren die Ärzte im April 1994 Gebärmutterkrebs. Sie wollen sofort operieren. Emilia B. lehnt ab: „Die Unmöglichkeit, ein Kind zu bekommen, hat mich wütend gemacht. Ich wollte mich nicht amputieren lassen.“
Im Mai vermittelt sie eine Freundin zu Dr. Hamer. Per Telefon diagnostiziert dieser Emilia B. eine postmortale Schizophrenie, einen postsensorischen Konflikt und einen Trennungs- und Herzbeutelkonflikt.
Emilia B: „Er war ganz begeistert, daß ich ihn anrufe. Er sagte, die Schulmediziner wollen mir nur aus einem Gebärneid heraus die Gebärmutter herausschneiden.“ Im Juli begannen die Blutungen. Emilia: „Ich dachte: Hurra, jetzt beginnt die Heilungsphase, wie sie Hamer vorausgesagt hat. Doch bald konnte ich mich nicht einmal mehr auf den Beinen halten.“ Sie bricht auf offener Straße zusammen. Mit letzter Kraft bittet sie eine Freundin, sie ins Spital zu bringen. Im Krankenhaus Lainz dann die Diagnose des behandelnden Arztes: „Der Krebs ist inoperabel. Aber es besteht eine Chance.“
Emilia B.: „Das war der Moment, als ich mich für das Leben und gegen Dr. Hamer entschied.“
Nach zweimonatiger Bestrahlung kann Emilia B. das Krankenhaus wieder verlassen. Heute, ein Jahr später, ist Emilia B. geheilt. Sie unterrichtet wieder und spielt Theater.

• Fall Ingrid Steininger, 56: Doch es gibt auch einen positiven Fall Hamer: 1989 klagt Ingrid Steininger das erstemal über Schmerzen in der Brust. Ihr Hausarzt überweist sie ins Krankenhaus Mödling. „Die Ärzte wollten nur eine Gewebsprobe entfernen, aber als ich aus der Narkose aufgewacht bin, hatte ich keine Brust mehr. Alles verkrebst, sagten die Ärzte.“ Einen Monat später folgen 60 Bestrahlungen im KH Lainz. „Von da an hat sich mein Zustand permanent verschlechtert.“
Am Heiligen Abend 1990 bittet dann der Primar um ein Gespräch. Ingrid Steininger: „Er sagte, mein Körper sei voller Metastasen, ich hätte nur noch einen Monat zu leben.“ Ein Freund vermittelt sie an Hamer. Steininger: „Ich war bei ihm, und er hat mich kurz angeschaut und gesagt, Sie werden gesund wenn Sie sich von der Schulmedizin abwenden.“ Steiniger gehorchte, und tatsächlich begann sich ihr Zustand zu bessern. Ein Jahr später konnte die Totgesagte wieder gehen, ihren Beruf wieder aufnehmen. Ingrid Steininger: „Für mich ist Hamer ein Engel.“

ATHA ATHANASIADIS



Der Wunderheiler im Originalton
„Platt wie Pfannkuchen“
Geerd Ryke Hamer – aufgezeichnet im Hotel „Las Vegas“


Über seine Lehre: „Die Medizin besteht aus mindestens 5.000 voneinander teilweise völlig divergierenden Hypothesen. Und da komme ich und sage: ,Seht her, es ist alles ganz einfach: Es gibt nur fünf Gesetze, und die sind überall anwendbar.' Das ist doch die größte Revolution in der Medizin.“

Über seine Unfehlbarkeit: „Ich bin der einzige auf der Welt, der das durchschaut hat. Ich will nicht sagen, daß ich unfehlbar bin aber es gibt daneben einfach keine Wahrheit. Es gibt keinen Kompromiß zwischen 5.000 Hypothesen und fünf Gesetzmäßigkeiten.“

Über seine Sicherheit, als einziger die Wahrheit zu kennen: „Weil ich Realist bin.“

Über den Quell seiner Weisheit: „Das alles verdanke ich meinem toten Sohn Dirk.“

Über seine Feinde: „Meine Gegner sind nicht ein paar vertrottelte Ärzte, meine Gegner sind der Staat und das System.“

Über sein Verhältnis zur Schulmedizin: „Ich bin jederzeit bereit, die Schulmediziner platt wie Pfannkuchen zu klopfen, daß man sie sogar unter der Türe durchschieben kann.“

Über seine Diagnostik: „Ich erfasse meine Patienten mit den Händen, den Augen, der Nase, mit allen Sinnen. Dann setze ich die Tomographie ein - und dann entscheidet sich, ob der Arzt Charisma hat.“

Über Olivias Bedeutung für ihn selbst: „Wenn Olivia von mir geheilt wird, wäre das endlich der Durchbruch der ,Neuen Medizin' in Österreich. Dann müßte man mir eine eigene Klinik an der Universität anbieten, an der ich unentgeltlich arbeiten werde. Die Leute werden bei mir Schlange stehen. Und bei mir ist der Patient der Chef.“

Über Dr. Jürgenssen (der Wiener Neustädter Arzt hatte Olivia als erster untersucht und den Wilmstumor festgestellt): Der ist der Scharlatan - nicht ich. Seit Wochen kündigt er Olivias Tod für den kommenden Tag an. Dieser Mann müßte schleunigst abtreten. Nur die dümmsten kleinen Schweinchen gehen noch zu dem hin.“



Die Zeit der Heiler
78 PROZENT der Patienten sind mit ihren Ärzten unzufrieden. Sagt eine Studie.


Der Fall der Olivia Pilhar ist das bisher dramatischste Symptom für die zunehmende Entfremdung zwischen Schulmedizinern und Patienten. Eine aktuelle Studie, die derzeit deutsche und österreichische Mediziner schockt, behauptet bereits: 78 Prozent der Patienten sind mit den Ärzten unzufrieden - kritisieren vor allem ihre „Arroganz“, ihre „fehlende Gesprächsbereitschaft“ und ihr „mangelndes Einfühlungsvermögen“.
Noch dramatischer: In einer Umfrage der letzten Woche, die der „Standard“ in Auftrag gab, äußerten sich bereits 46 Prozent der Österreicher positiv zu Wunderheilern - nur noch 54 Prozent kritisch.
Kaum ein anderer menschlicher Bereich hat sich in den letzten Jahren ähnlich stark entwickelt wie die Alternativmedizin. Von der Akupunktur bis zur Bachblütentherapie, von der Homöopathie bis zu ätherischen Ölen. Längst hat auch die Schulmedizin ihren anfänglichen Widerstand gegen die Alternativen aufgegeben. Bestes Beispiel: Der ehemalige Wiener Gesundheitsstadtrat Alois Stacher, einst der stärkste Lobbyist einer hochtechnisierten Medizin, ist heute Vorstand der „Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin“, bildete zuletzt fast 2.000 (!) Ärzte in neuen Formen der Ganzheitsmedizin aus - und meint im NEWS-Streitgespräch: „Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient klappt überhaupt nicht mehr. Unser Medizinstudium ist falsch angelegt - die Ärzte sollten nicht nur operieren, sondern auch reden und zuhören lernen.“
Die Zahl der sogenannten Ganzheitsmediziner - mit alternativen Methoden arbeitender Ärzte - hat sich in den letzten zwei Jahren auf weit über 1.000 verdoppelt. Sie setzen bereits mehr als eine Milliarde Schilling pro Jahr um. Allein die Ausgaben der Krankenversicherungsträger für pflanzliche Heilmittel sind seit 1990 um über 150 Prozent - von 6,3 auf 16 Millionen Schilling - gestiegen.
Das größte Problem der seriösen Alternativen: Nur ein Bruchteil der Ganzheitsmedizin konnte bisher wissenschaftlich untersucht werden - Experten schätzen den erforschten Bereich nur auf maximal 15 Prozent, der Großteil der Ganzheitsmedizin kann bestenfalls auf Fallstudien verweisen.
In die Grauzone zwischen Komplementärmedizin, Naturheilkunde und Psychologie mischen sich - wie der Fall Olivia zeigt - immer häufiger Scharlatane und Wunderheiler. Am anfälligsten für die Enttäuschung von der Schulmedizin sind nachweislich die Krebspatienten - eine enorme Zielgruppe, bei der die Verzweiflung am höchsten ist. Denn jeder dritte Österreicher bekommt in seinem Leben Krebs, jeder fünfte stirbt daran. Jeder zweite Krebspatient kommt im Laufe der Krankheit in Kontakt mit einem „Heiler“.
Über 200 selbsternannte „Heiler“ sind nach Schätzungen der Ärztekammer in Österreich am Werk. Die Therapien reichen von bloßer Handauflegung, der Einnahme von diversen Kräutern und Pflanzensäften bis hin zu komplizierten Elektrogeräten und lebensbedrohlichen Mixturen. Mehr als 100 Anzeigen wegen Kurpfuscherei gibt es jährlich! Allerdings: „Die Gesetze sind nicht wirklich wirksam“, meint Martin Novak von der Ärztekammer. So muß dem Kurpfuscher eine gewerbsmäßige Tätigkeit in mindestens zehn Fällen nachgewiesen werden. Und: „Auf gewerbsmäßige Kurpfuscherei ist die Höchststrafe mit drei Monaten Haft bemessen.“



Die Fehler der Ärzte
DIE DISKUSSION von drei Ärzten über die Hintergründe des „Falles Olivia“.


Drei prominente, auch politisch engagierte Ärzte diskutierten mit NEWS die Ursachen für den Fall Olivia Pilhar. Versagt die Schulmedizin? Sind alternative Ärzte besser? Welche Fehler machen Ärzte?

Es trafen sich zur NEWS-Diskussion:
• Marina Marcovich, die von den Schulmedizinern verfolgte Frühgeburten-Spezialistin, die Olivia nach Österreich zurückholte.
• Elisabeth Pittermann, Schulmedizinerin, Krebs-Spezialistin, Primarärztin sowie SPÖ-Abgeordnete für Gesundheitsfragen.
• Und Alois Stacher, einst als Stadtrat ein Schulmedizin-Lobbyist, heute Alternativer.

NEWS: Welche Konsequenzen lassen sich aus dem „Fall Olivia“ ziehen? Welche Vorwürfe muß sich dabei die Schulmedizin machen?

Pittermann: Das St.-Anna-Kinderspital betreut die Kinder und die Angehörigen sehr liebevoll. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Eltern Olivias in die Enge getrieben wurden. Am Boom der Wunderheiler sind sicher auch die Medien schuld, die die Wundermedizin und die Alternativmedizin und was weiß ich alles anpreisen und die Chemotherapie und die Schulmedizin verteufeln. Ich kenne genug Fälle, die aus unserer Klinik gegangen sind, um danach wieder reumütig zurückzukehren. Aber natürlich gibt es auch, berechtigte Kritik an der Schulmedizin.

Marcovich: Was der Patient, und in diesem konkreten Fall die Eltern des Kindes, spürt, ist die Identifikation des Arztes mit seinem Problem. Wie liebevoll geht er mit mir um? Wie wendet er sich mir zu? Genau das ist es, was der Patient beurteilt. Offenbar ist es Herrn Hamer gelungen, den Eltern zu vermitteln, daß er ganz auf ihrer Seite steht, und deshalb haben sie sich für ihn entschieden. Denn der Patient kann die Qualität einer Therapie nicht beurteilen. Da spielt das Vertrauen eine Rolle. Und da liegt die Gefahr, daß Leute, die charismatisch sind, dem Patienten Dinge einreden, die gefährlich sind.

Stacher: Sehr oft klappt die Kommunikation zwischen Arzt und Patient überhaupt nicht. Ein Teil der Ärzte versteht es nicht, mit dem Patienten zu reden. Das ist kein Wunder. Im Medizinstudium gibt es weder ein Kommunikationstraining noch eine Vorlesung, wie man mit dem Patienten sprechen muß. Zudem verwehre ich mich gegen die Bezeichnung Schulmedizin oder Alternativmedizin, denn sie ist keine Alternative, sondern eine Ergänzung mit zusätzlichen Methoden.

NEWS: Hat Hamer die neuen Ansätze in der Medizin diskreditiert?

Stacher: Das glaube ich nicht, denn Hamer ist kein Komplementärmediziner. Ich kenne keinen Fall, wo eine eindeutige Krebsdiagnose da war, den Hamer geheilt hat. Ich weiß, daß wir einen Nachholbedarf haben, um die Gräben zwischen komplementärer und universitärer Medizin zuzuschütten.

NEWS: Muß man nicht auch einen neuen Graben ziehen, den zu den Hamers?

Stacher: Da ist ein Graben zuwenig, da brauchen Sie schon einen Wall.

Marcovich: Die Naturwissenschaft will immer alles messen und dokumentieren. Nur: Das ist nicht immer möglich. Ich kann Blutdruck messen, aber wie messen Sie, wie sich Ihr persönliches Wohlbefinden auf den Blutdruck auswirkt?

Stacher: Es gibt eine Reihe von funktionellen Störungen, die man psychisch positiv beeinflussen kann. Aber bei wirklich schweren Erkrankungen geht das nicht. Wenn ich so wie im Fall von Olivia in der Schulmedizin eine fast 100prozentige Heilungschance habe und keine wirklichen Alternativen da sind, darf man darüber nicht einmal diskutieren.

Marcovich:
Ich möchte nicht wissen, wie wir reagieren würden, wenn wir in der Situation dieser Eltern sind. Da kommt eine Irrationalität dazu, die man überhaupt nicht mehr beherrschen kann. Ich habe nur gemeint, daß im einzelnen Fall sehr schwer zu sagen ist, wieviel die Chemotherapie bewirkt hat und wieviel Prozent die Psyche.

Pittermann:
Das kennt man ja aus Statistiken: Vor Weihnachten sterben weniger Leute als nachher. Natürlich spielen der Wille zu leben und die Psyche eine Rolle, aber die medizinische Therapie muß man machen.

Marcovich: Das ist klar, aber schwierig ...

Pittermann: Daß es gewisse Scharlatanerien gibt, die natürlich abzulehnen sind, ist klar. Daß es medizinische Therapien gibt, wo über die Wirksamkeit kein Zweifel besteht, ist auch klar. Dazwischen gibt es aber auch eine Grauzone. Da ist es auch für den Gesetzgeber schwierig, eine Entscheidung zu treffen.

NEWS: Ist das, was Hamer macht, nicht Kurpfuscherei?

Pittermann: Nein. Er handelt ja nicht als Arzt, er berät ja nur. Auch nimmt er keine Bezahlung an. Er empfiehlt nur ein Buch. Wir haben einige Patienten, die in seine Hände geflohen und dann in einem sehr schlimmen Zustand zu uns zurückgekommen sind. Trotzdem kann man ihn nicht erwischen. Und ich muß sagen, wir haben ein ausgezeichnetes Kurpfuscher-Gesetz, strenger als das deutsche.

Stacher: Ganz gleich, ob ein Arzt Naturwissenschaftler oder Komplementärmediziner ist. Der gefährlichste Arzt ist der, der seine eigenen Grenzen nicht kennt, in beiden Richtungen. Daher ist der Hamer in diesem Rahmen einer der gefährlichsten Menschen, die ich kenne. Weil er weder seine Grenzen noch die Grenzen seiner Methoden kennt.

Pittermann: Ein Mensch, und das ist ganz logisch, akzeptiert es halt schwer, daß er möglicherweise an seiner Krankheit sterben kann. Der möchte vollständig geheilt werden, und das ist sein legitimes Recht. Und diese Heiler versprechen es ihm halt. Die haben keine Skrupel. Ich sag diesen Patienten: Gescheit find ich das nicht, aus diesen und diesen Gründen - und dann kommt meist die Antwort: Darf ich wiederkommen, falls es nicht klappt? Ich kann doch den Menschen nicht völlig ausgrenzen, vor allem, wenn sein Tod fast unausweichlich ist und ich wirklich keine Heilung anbieten kann.

Marcovich: Und daß die Patienten zu Heilern gehen, wird man auch mit legistischen Maßnahmen nie verhindern können. Zudem wird die Medizin ohnehin immer mehr verrechtlicht. Da muß mittlerweile eh jeder Schritt dokumentiert werden.

Pittermann: Das stimmt. Ich bin jetzt jeden Tag zwei bis drei Stunden länger im Spital und schreibe Dokumentationen am Computer.

Stacher: Die Sicherheitsmedizin kriegt immer mehr Kraft und kostet uns Milliarden.

Marcovich:
Die Chancen, daß Sie heute als Arzt vor Gericht kommen, stehen sehr hoch. Bestraft wird nur die Unterlassung. Wenn ich einen Kaiserschnitt zuwenig mache, bin ich dran. Ein Kaiserschnitt zuviel macht gar nichts. Die Juristen tun natürlich das übrige dazu, denn die wollen ja daran verdienen. Wir driften in Richtung Amerika. Dort leben zwar nur fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber 70 Prozent der Anwälte.

NEWS: Wenn die Grauzone so breit ist, wie soll sich dann der Patient zurechtfinden?

Stacher: Es ist höchste Zeit, die Hausärzte neu zu organisieren. Für mich ist der praktische Arzt die Drehscheibe bei der Betreuung des Patienten. Der Patient braucht einfach einen vertrauensvollen Ansprechpartner, mit dem er über alles reden kann. Der Arzt müßte nicht alle Details der Medizin kennen oder alle Diagnosen erstellen. Er muß nur wissen, was es gibt, und er muß den Patienten genau kennen und ihn beraten können. Natürlich muß sich das System ändern. Auch die Krankenkassen müssen erkennen, daß es ohne dieses ärztliche Gespräch oder eine Erhöhung der Kosten für die erste Ordination nicht gehen wird. Aus einem einfachen Grund: Ein Arzt, der mit dem Patienten redet und Zeit dafür hat, wird weniger falsche Diagnosen stellen und damit auch weniger Medikamente verschreiben.

Marcovich: Heute muß alles geschwind gehen. Ich komme zum Arzt, krieg eine Therapie, und schon bin ich gesund. Das ist die Botschaft der heutigen Medizin: Alles ist machbar.

Pittermann: Das wichtigste ist die Kommunikation - mit dem Patienten, aber auch zwischen den Ärzten. Das muß in Zukunft jeder Spitalserhalter einsehen, daß dafür genügend Zeit gegeben ist. Man muß als Arzt selber immer wieder seine Grenzen erfassen können.