NEWS - Schonfrist für den"Heiler"

NEWS, 31.08.1995

zeitungsartikel


Schonfrist für den „Heiler“

Die Auslieferung des „Krebsarztes“ Hamer könnte sich um Monate verzögern. Währenddessen lieferte der Gesuchte im TV einen Eklat.

Die nächtliche Szene im Studio des „Norddeutschen Rundfunks“ war gespenstisch: Geerd Ryke Hamer, der selbsternannte Wunderheiler, hob seine Hände in die Höhe, setzte einen hypnotischen Blick auf und verkündete dem Auditorium: „Ich bin ein Feldherr und kämpfe für eine Sache. Meine Neue Medizin erobert die Welt. Ich werde meine Gegner vernichten.“ Ab diesem Zeitpunkt war den letzten Gästen klar, daß sie das Studio, in dem die Scheinwerfer längst erloschen waren, verlassen sollten. Einer der Zuschauer gab noch einen letzten Kommentar ab: „Spätestens jetzt ist mir klar, daß dieser Mann ein psychotischer Irrer ist.“

Hamers Trick. Nur knapp zwei Stunden zuvor war am Freitag der Vorwoche Hamers „großer Auftritt“ über die Bühne gegangen. In der Talk-Show „III vor neun“ durfte der 60jährige „Krebsheiler“ zum ersten Mal vor großem Publikum auftreten. Dabei hatte sich der per internationalem Haftbefehl gesuchte Mann aus Köln mit einem Trick vor die Kameras geschwindelt. Ursprünglich nämlich war nur Helmut Pilhar, der Vater der krebskranken Olivia, zur Fernsehdiskussion geladen gewesen. Wolf Neubauer, verantwortlicher Redakteur des Senders: „Herr Pilhar ließ uns kurz vor der Sendung wissen, daß er nur käme, wenn auch Hamer dabeisein dürfe. Darauf haben wir uns schließlich eingelassen.“

Eklat im Studio. Ein Entschluß mit unangenehmen Folgen: Mitten in der Sendung stürmte ein als Zuschauer „getarnter“ Hamer-Jünger auf die Bühne und beschimpfte Moderator Giovanni di Lorenzo vor laufender Kamera als „Mörder“.
Fest steht: Während Hamer via TV seine krausen Krebsthesen verbreitet und die Reporter des Nachrichten-Magazins „Focus“ zum Interview lädt, quält sich seine „Jägerin“ , die Kölner Staatsanwältin Regine Appenroth, mit dem Akt zur Causa: „Ich brauche noch zwei Wochen, ehe ich die 3.000 Seiten starke Ermittlungsakte aus Österreich durchgearbeitet habe.“ Bis dahin gilt im Fall Olivia Pilhar die Unschuldsvermutung. Denn um Hamer festnehmen zu können, braucht die dortige Justiz einen deutschen Haftbefehl. Das in Wien ausgestellte Ansuchen um Festnahme genügt nicht. Appenroth sieht derzeit jedenfalls keinen Handlungsbedarf: „Vorerst wird es sicher nicht zu einem Haftbefehl kommen.“

Justiz sichert sich ab. Für den möglichen Fall, daß Hamers Festnahme überhaupt abgelehnt wird, hat Österreichs Justiz schon vorgesorgt. Erich Reisner, zuständiger Staatsanwalt im Fall Hamer am Gericht in Wiener Neustadt: „Wir haben mittlerweile mehrere medizinische Gutachter beauftragt, Expertisen zu erstellen. Es könnte Monate dauern, bis diese Beurteilungen vorliegen. Aber dann werden die deutschen Kollegen kaum umhin können, diesen Mann zu verhaften.“
Hamer, der offenbar weiß, daß er noch eine „Schonfrist“ von mehreren Monaten hat, sorgt sich indessen um Olivias Gesundheitszustand: „Olivia wäre eigentlich schon tot und wird nur noch künstlich am Leben gehalten.“ Tatsächlich aber hat sich der Zustand des Mädchens in den letzten Tagen extrem gebessert. Olivia hat erstmals seit Beginn der spektakulären „Flucht“ nach Malaga im Juli dieses Jahres wieder zugenommen, die Ärzte wollen den auf zwei Kilo Gewicht geschrumpften Tumor demnächst operativ entfernen (siehe Kasten).
Olivias Vater Helmut Pilhar ist nun übrigens auch Gegenstand eines Verfahrens: Das Gericht prüft, ob ihm das Pflegerecht für Olivias Geschwister entzogen werden kann.

BENGT PFLUGHAUPT




Olivia wird in 14 Tagen operiert
Tumor schrumpft – ein Happy-End scheint möglich


Olivia ist auf dem Weg zurück ins Leben. „Olivias Zustand hat sich nach Auskunft der Ärzte schon so weit gebessert, daß sie in 14 Tagen operiert werden kann“, verrät Herbert Marandy. Der 54jährige Bezirkshauptmann von Wiener Neustadt ist der gesetzliche Vormund von Olivia Pilhar. Rein rechtlich gesehen also der „Vater“ des Krebskindes. Nur er und die Mutter bekommen Olivia regelmäßig zu Gesicht. Marandy: „Ich bin sicher, die Olivia packt's.“ Für ein Happy-End sprechen auch die medizinischen Fakten: Der Todes-Tumor im geschwächten Körper wiegt jetzt „nur“ noch zwei Kilo. Metastasen sind auf den Röntgenbildern kaum zu erkennen. Bei der Einlieferung von Olivia Ende Juli ins Wiener AKH hatte das sechs Kilo schwere Geschwür noch den gesamten Bauchraum ausgefüllt.
Vor einem Monat hatte Olivia nur 20 kg gewogen, der Körper der Sechsjährigen war völlig ausgemergelt. Inzwischen hat sie fünf Kilo zugenommen. Der „Ersatzvater“: „Die Kleine nimmt alles um sie herum wahr. Sie ißt, was ihr nicht schadet. Das tut sie mit gutem Appetit. Und Olivia freut sich über die Pakete, die sie jeden Tag bekommt.“ Kinder schicken Zeichnungen und Bildergeschichten. „So wirst Du gesund werden, Olivia. Halte durch, wir denken an Dich.“ Eltern anderer krebskranker Patienten liefern Stofftiere und Glückwunschkarten ab.
Dennoch warnt Herbert Marandy vor zuviel Optimismus: „Wir müssen daran denken, daß sich der Zustand des Mädchens zwar sensationell verbessert hat. Im Vergleich zu einem gesunden Kind geht es Olivia aber noch immer sehr, sehr schlecht.“