Hörzu - ... aber niemand fragt nach Olivia

Hörzu, 19.07.1996

zeitungsartikel

 

Wann gibt's endlich ein Happy-End?

Der Rummel um den Fall „Krebsmädchen Olivia” will kein Ende nehmen. Nach der Siebenjährigen selbst fragt keiner. HÖRZU hat's getan.
Seite 108


Das Schicksal des Krebs-Mädchens bewegt Millionen. Jetzt gibt es neue Aufregung ...

... aber niemand fragt nach Olivia

Schon nach dem ersten Läuten hebt Helmut Pilhar den Hörer ab. Seine Stimme klingt fest: „Noch vor eineinhalb Jahren“, sagt der Mann aus dem kleinen niederösterreichischen Ort Maiersdorf, „waren wir eine ganz normale Familie. Aber heute ist meine Tochter Olivia überall eine Attraktion. Es ist nicht einfach für sie, immer etwas Besonderes zu sein.“
Was sich so anhört wie eine Zirkusnummer, erschütterte vergangenen Sommer Millionen Menschen. Das Bild der siebenjährigen Olivia Pilhar auf den Titelseiten der internationalen Presse: kahlköpfig, im Bauch einen Tumor so groß wie ein Luftballon. Als die Ärzte eine bösartige Geschwulst an Olivias Niere feststellten, hatten die Eltern Rat bei dem umstrittenen Kölner „Krebsarzt“ Ryke Geerd Hamer gesucht. Sie wollten ihrer Tochter die Chemotherapie ersparen, glaubten den Tumor mit alternativen Methoden heilen zu können - und flüchteten ins Ausland.
Als die Pilhars nach sieben Wochen zurückkehrten, war Olivia auf 17 Kilo abgemagert. Ihre Überlebenschancen lagen bei nicht einmal zehn Prozent.
Inzwischen sind der Tumor und eine befallene Niere entfernt worden, die Chemotherapie ist beendet und Olivia wieder zu Hause - endlich Frieden?
Neueste Nachrichten aus dem Hause Pilhar signalisieren eher das Gegenteil:
• Vater Helmut, noch immer „Hamer-Jünger“, schrieb ein Tagebuch über Olivias Leidensweg, das jetzt in Hamers Verlag herausgekommen ist. Pilhar: „Die Leute kennen den Fall nur aus der Presse. In diesem Buch erfahren sie unsere Sicht der Dinge.“
• Auch ein Fernsehfilm ist gerade in Vorbereitung und soll Mitte Oktober bei RTL ausgestrahlt werden. Erst waren die Eltern einverstanden - und erhielten für die Rechte an ihrer Story umgerechnet rund 70 000 Mark. Jetzt macht Helmut Pilhar plötzlich einen Rückzieher, will die Produktion stoppen. „Im Drehbuch stehen falsche Sachen. Weder habe ich mich mit Ärzten gerauft, noch ist Hamer ein Scharlatan“, empört sich der 31jährige. Ein Fall für die Anwälte.
• Helmut Pilhar ist auch in einer weiteren Angelegenheit auf juristischen Beistand angewiesen: Gegen ihn und seine Frau Erika liegt ein Strafantrag wegen des Verdachtes der „Entziehung des Kindes aus der Macht der Erziehungsberechtigten“ sowie wegen „fahrlässiger schwerer Körperverletzung“ vor.
Hintergrund: Den Eltern war vorübergehend das Sorgerecht aberkannt worden.
• Und: Erika Pilhar ist zum vierten Mal Mutter geworden: Am 12. Juni brachte sie Söhnchen Matthias zu Hause zur Welt.
Auch nach über einem Jahr hat der Rummel um das Krebskind Olivia also kein Ende. Ärzte, Journalisten, Politiker, Pädagogen, Juristen - alle reden über den „Medizin-Fall“, aber niemand fragt nach Olivia. Wie geht es ihr nach dem langen Krankenhausaufenthalt?
„Seit dem Frühjahr besucht sie wieder die Schule“, erzählt Helmut Pilhar und fügt stolz hinzu, „der Unterricht macht ihr Spaß, sie kommt gut mit.“ Und gesundheitlich? „Olivias letzte Untersuchung zeigte, daß sie noch immer eine verminderte Herzleistung hat, ihre Niere Eiweiß ausscheidet und der Blutdruck zu niedrig ist.“ Dann behauptet er unbeirrt: „Ohne Chemo wäre sie sicherlich schon gesund.“
Herbert Marady, der als Bezirkshauptmann dafür zu sorgen hat, daß Olivia zu den Routineuntersuchungen ins Krankenhaus geht und nicht wieder in Hamers Hände gerät, widerspricht: „Das ist völliger Blödsinn. Dem Kind geht es nach so einer schweren Behandlung ganz normal.“ Auch die Mediziner sind offenbar zufrieden. „Die Beinlähmung wird sicherlich besser“, so Dr. Jürgenssen, „aber wäre der Tumor früher behandelt worden, wären diese Nebenwirkungen gar nicht aufgetreten.“
Ob Olivias Geschichte ein Happy-End haben. wird, können die Ärzte spätestens in fünf Jahren sagen. Erst wenn bis dahin keine Krebszellen mehr feststellbar sind, gilt das Mädchen als vollständig geheilt.