tv-media (NEWS) - Olivia: Krebskind als Medienaffäre

tv-media (NEWS), Nr. 6 23.-29.DEZ.'95

zeitungsartikel


Olivia: Krebskind als Medienaffäre

DAS DRAMA eines Krebskindes, das ein Land und seine Medien ein Jahr fesselte.

Sie war das Medienthema des Jahres: Olivia Pilhar, 7 Jahre alt, laut Spiegel „Europas bekannteste Krebspatientin“, 24 Seiten war allein dem Spiegel der „Fall Olivia“ wert. In Österreich berichtete der ORF 30mal über Olivia, die Krone 47mal, der Kurier sogar 78mal - und selbst der Standard, der sich darüber erregte, daß Olivia zur Spitzenmeldung der Zeit im Bild avancierte, hatte das Krebskind über 50mal im Blatt.
„Das Leiden von Olivia“, titelte Bild, „schneidet sich wie ein Skalpell in unsere Herzen.“ Die Geschichte von Olivia begann im Mai „mit Bauchweh“. Die Eltern, ein Computertechniker und eine Lehrerin, vermuteten Blinddarm, doch der Wr. Neustädter Krebsspezialist Jürgenssen diagnostizierte einen Wilms-Tumor, in diesem Stadium noch heilbar. Das Kind kam auf die Krebsstation im St.-Anna-Kinderspital. Dort sahen die verzweifelten Eltern die Folgen der Chemotherapie: glatzköpfige, hohläugige, erbrechende Kinder. Sie verweigerten die Zustimmung zur „Chemo“, nahmen das Kind aus dem Spital, gerieten an den Wunderheiler Geerd Hamer, der Heilung ohne „Chemo“ versprach.
Als gleichzeitig die Behörde den Eltern wegen der verweigerten Behandlung das Sorgerecht entzog, begann - auf Hamers Rat und von ihm organisiert - eine drei Wochen lange Flucht, auf der das Kind - mit mittlerweile fußballgroßem Tumor - an den Schmerzen fast zugrunde ging. Aufgestachelt von Spiegel TV, das die Eltern auf der Flucht gefilmt hatte, verfolgten etwa 50 Journalisten Kind und „Heiler“ bis ins spanische Malaga, ehe die Alternativärztin Marina Marcovich und das Magazin NEWS die Kleine in letzter Sekunde heimholten. Im AKH wurde Olivia mittlerweile erfolgreich operiert und chemotherapiert - Weihnachten verbringt sie (noch ohne ihre geliebten langen Haare) wieder zu Hause.
Nichts gelernt aus der ganzen Affäre hat nur der ORF, der mit dem Auftritt des Wunderheilers Hamer in „Help TV“ die ganze unnötige Flucht eingeleitet hatte.
Er ließ kürzlich bei „Vera“ erneut einen obskuren Wunderheiler auftreten - und mit absurden Hypnosetheater angeblich die ganze Nation heilen ...



Bilanz: War ‚Olivia’ Medienhysterie?


RUNDER TISCH: Vater, Arzt, Journalisten diskutieren den „Fall Olivia“.

Am Runden Tisch von TV-MEDIA trafen sich der Vater von Olivia, Helmut Pilhar, der ehemalige ZiB-Chefredakteur, Hans Besenböck, NEWS-Chefredakteur Werner Schirna, Publizistikprofessor Thomas Bauer und der kritische ORF-Vertreter Franz Manola zur rückblickenden Analyse eines Medienphänomens. War die intensive Berichterstattung über Olivia in ORF und Zeitungen richtig - oder war's eine Jagd auf ein kleines, wehrloses Kind? Wurde ein Leben gerettet - oder wurden journalistische Grenzen gesprengt?

TV-MEDIA: Herr Pilhar, wie hat denn das Medienereignis Olivia begonnen?

Pilhar: Ich habe mich zunächst an eine Tageszeitung, an Täglich Alles, gewandt, um auf unsere dramatische Situation aufmerksam zu machen - nämlich daß man uns das Kind wegnehmen und es ohne unsere Zustimmung chemotherapieren wollte. Dann gab es Bilder von Olivia in „Help TV“, aber wirklich ausschlaggebend war die Sendung „Spiegel TV“. Das war kein objektiver Bericht, sondern eine Hetze gegen uns und Doktor Hamer. „Spiegel TV“ war das Ärgste, was uns passiert ist - danach ging die Medienjagd los.

TV-MEDIA: Ist das Drama Olivia vom Privat-TV hochgespielt worden - oder anders gefragt: Wäre es vor fünf Jahren ohne Privat-TV auch so ein großes Thema gewesen?

Prof. Bauer: Nein. Stünde der ORF heute nicht in einer Konkurrenz zu Privatsendern, dann wäre das an anderer Stelle und sicher nicht als Spitzenmeldung der ZiB gebracht worden. Aber zum Medienereignis Olivia kam es, weil hier ein persönliches Schicksal dargestellt wurde, das in Wahrheit sehr viele gesellschaftspolitische Fragen aufgeworfen hat.

TV-MEDIA: Herr Besenböck, warum haben Sie sich in der Zeit im Bild für diese Story so stark gemacht?

Besenböck: Sehr emotionell geantwortet: Da ging es um ein Kind und seine Eltern. Da ging es um den spannenden Streit Schulmedizin contra Alternativmedizin und Scharlatanerie. Und vor allem: Es ging um Leben und Tod. Die Geschichte entwickelte sich so spannend wie ein Kriminalroman, aber sie hatte mehrere zutiefst politische Ebenen. Ich halte es nach wie vor für absolut richtig, daß wir den Fall Olivia so groß gebracht haben. Und ich gebe zu: Es hat auch Quotenerfolg gebracht. Wir hatten in diesem Monat 3 Prozent mehr Seher in den Kabel- und Satellitenhaushalten als sonst. Das heißt: Privat-TV-Seher haben sichtlich wegen Olivia verstärkt die ZiB eingeschaltet.

TV-MEDIA:
Punktete der ORF mit einem Boulevardthema?

Besenböck: Es war ein großes Thema, mit dem wir Zuseher gewannen. Aber Boulevard ist kein Inhalt, sondern eine Form. Wir haben das nicht voyeuristisch gemacht - wir haben zum Beispiel ganz bewußt den aufgeblähten Bauch oder das weinende Kind nie in Großaufnahme gebracht.

Prof. Bauer: Besenböck hat recht, es ging wirklich um ein wichtiges Thema - um den Streit zwischen Schul- und Alternativmedizin. Die Personalisierung war in gewissem Sinn gut, weil dadurch dieses Thema erst so richtig bewußt gemacht wurde. Schlecht war, daß im Laufe der Diskussion, die politisch-sachliche Perspektive immer mehr verlorenging und die persönliche Anteilnahme am Schicksal Olivias das Sachthema überdeckt hat. Auch im Fernsehen hat dann die Sensationalisierung die sachliche Analyse verdrängt.

Schima: Wir haben bei NEWS bis zum Schluß versucht, den Fall Olivia auf die sachpolitische Ebene Alternativmedizin gegen Schulmedizin zu bringen, wir haben Diskussionen im Heft gehabt, ähnlich wie der Spiegel auch eine Titelstory - nur hat das niemand aufgegriffen.

Marcovich: Ich glaube, daß der „Fall Olivia“ deshalb so ein großes Echo gehabt hat, weil er die vielleicht wichtigste Frage unserer Zeit berührt hat: Wieweit hat der Staat das Recht, in unser Privatleben und unsere persönlichen Entscheidungen einzugreifen? An diesem Fall hat sich das ganze Elternrecht thematisiert.

Besenböck:
Ich glaube, es ging darum, das Leben eines Kindes zu retten. Herr Pilhar, Ihre Tochter wäre gestorben ohne die Berichte der Medien.

Pilhar: Es gibt einen Parallelfall zur Olivia, auch da wählten die Eltern einen anderen Weg als die brutale Schulmedizin, und das Kind lebt nach 5 Jahren noch immer. Ich glaube, daß die Medien mißbraucht wurden, um die Bevölkerung in eine vom Obrigkeitsstaat gewünschte Richtung - gegen die Neue Medizin von Dr. Hamer - zu lenken, damit die Schulmedizin akzeptiert wird.

Schima:
Also das ist absurd. Wir von NEWS konnten Ihre Situation anfangs wirklich gut verstehen - aber wir haben uns während unserer Recherchen die Meinung gebildet, daß es für das Kind nur eine Überlebenschance gab, nämlich Olivia zurückzuholen. Da sind wir nicht von irgendwelchen Obrigkeitsstellen dirigiert worden, sondern von unserem Gewissen. Und immerhin ist jetzt Weihnachten - und Olivia hat nicht zuletzt dank des Medienechos überlebt, es geht ihr gut.

Pilhar: Herr Schima, das ist doch nur eine Phrase: Dem Kind geht es gut! Chemotherapie ist so ziemlich das Allerschlimmste, was einem Kind passieren kann, denn das ist eine Vergiftungstherapie, und die Wahrscheinlichkeit ist minimal, daß man überlebt. Das Kind überlebte bis jetzt - aber das Leid, das wir als Eltern jetzt hautnah mitbekommen, das, was das Kind durchmacht, das können Medien kaum beschreiben.

TV-MEDIA: Auch wenn's zynisch klingt: War Olivia für den ORF mehr als nur ein Quotenbringer?

Prof. Bauer: Es bleibt eine ethische Frage, ob ein Medium wie der ORF aus einem persönlichen Schicksal einen inszenierten Fall für die ganze Mediengesellschaft machen darf. Ich würde das bejahen, wenn man von diesem Einzelfall zur sachpolitischen Diskussion kommt. Aber das ist im Fall Olivia zuwenig passiert.

Manola: Das ist schon passiert. Es war doch das Interesse am Fall Olivia an sich ein gesellschaftliches Phänomen. Es ging im weitesten Sinn darum, daß unser Vertrauen in die Wissenschaft in die Krise gekommen ist. Es gibt eine Zunahme an Erscheinungen wie Sekten, Mystik, Alternativmedizin. Im Fall Olivia ging es darum, daß in unserer Gesellschaft zwei Kräfte aufeinanderprallen. Die einen, die darauf beharren, daß Aufklärung und Schulmedizin ein Fortschritt für die Menschen sind - und die anderen, denen es ein Zuviel an Technik gibt. Um das diskutieren zu können, braucht man einen personalisierten Fall. Es gibt drei Möglichkeiten, damit umzugehen. Richtung 1: Gar nichts über private Einzelfälle bringen, wie etwa die Frankfurter Allgemeine. Richtung 2 a la Besenböck: Die Geschichte voll hämmern. Unter dem Motto: Manchmal heiligt der Zweck die Mittel, denn auch ich glaube, Olivia würde heute nicht mehr leben, wenn über sie nicht berichtet worden wäre. Die dritte Richtung aber wäre zu sagen: Natürlich ist das eine Geschichte, eine politisch relevante Geschichte, aber sie spielt ins Private, deshalb darf man sie nur mit Vorsicht bringen. Dieser Mittelweg wurde von den Medien nicht gegangen.

TV-MEDIA: Würde der ORF Olivia noch einmal so hochspielen?

Manola: Dieser Fall würde heute im ORF nicht mehr so stattfinden, weil es einen neuen ZiB-Chefredakteur, Franz Kössler, gibt, der es falsch findet, mit dieser Geschichte die ZiB aufzumachen.

Marcovich: Ich möchte eine Lanze für die Medien brechen. Es sind die Medien heute das Korrektiv, daß Positives bewegt wird - gerade auch im Fall Olivia. Simplifiziert wird von der Zusehermasse.

TV-MEDIA:
Herr Pilhar, Sie stellen heute den Medien von sich aus Bilder und Videos der leidenden Olivia zur Verfügung. Warum?

Pilhar: Damit man auch den zweiten Teil der Geschichte sieht: wie sich Kinder unter der Chemotherapie fühlen. Sonst sieht man zwar glatzköpfige, aber lächelnde krebskranke Kinder. Die hübsche Olivia war so medienpräsent, daß ich heute herzeigen möchte, wie es ihr jetzt wirklich geht. Man kann doch nicht nur immer sagen, daß sie eh gesund ist. Wenn der Fall dazu führen würde, daß endlich einmal Hamers Neue Medizin überprüft wird, dann hat Olivias Leiden wenigstens einen Sinn gehabt.

MODERATION: CLAUDIA SCHANZA