NEWS - Das Netz des Spinners
NEWS, 10.08.1995
Das Netz des Spinners
GEERD HAMER. Seine Anhänger sitzen in Krankenkassen, Spitälern und Selbsthilfegruppen. NEWS zeigt, wie der „Wunderheiler“ Krebs-Patienten fing.
DER TRICK: Hamer köderte Patienten per Flugblatt
„Dieser Doktor Hamer hat ein gemeines Spiel mit uns getrieben. Er hat meinen Mann verblendet und ihn in den Tod getrieben.“ Die Szene hatte etwas Gespenstisches. Im schwarzen Kleid rezitiert Margarete K. am Friedhof von Steyr beim NEWS-Termin das letzte Gedicht ihres Mannes Friedrich. Jene Verse, die er zu Ehren Geerd Hamers nur wenige Stunden vor seinem Tod am Sterbebett gedichtet hatte: „Sein Werk wird vollendet / trotz Lug', die verblendet / von unwissendem Jammer / es gibt nur einen Hamer.“ Sechs Monate zuvor hatte der schwer krebskranke Zuckerbäcker im steirischen Burgau Geerd Hamer kennengelernt. Die Diagnose des selbsternannten Krebs-Wunderheilers: „Brechen Sie die schulmedizinische Behandlung ab. Erkennen Sie Ihre Probleme, dann werden Sie wieder gesund.“ Seine Ehefrau Margarete: „Mein Mann war vernarrt in Hamer. Er hat sogar seine Bücher auswendig gelernt.“ Als Friedrich K. wenige Wochen danach schließlich ins Koma fiel, schickte Hamer eine Mitarbeiterin vorbei. Margarete K.: „Sie frohlockte und sagte, jetzt ist er auf dem Weg der Besserung.“
Selbst als die Schmerzen unerträglich wurden, glaubt der oberösterreichische Lokalpolitiker weiter an Hamers Heilslehre. Margarete K.: „Es war furchtbar. Mein Mann verendete wie ein Tier. Er war völlig verblendet.“
Die letzten Worte des bedingungslosen Hamer-Fans, der seinen Glauben mit dem Tod bezahlen mußte: „Chemie ist verkehrt / dank Hamerschem Herd.“
Die geheimen Hamer-Zellen. Sohn Ewald K., Seelsorger am Krankenhaus Steyr, heftet sich unmittelbar nach dem Tod seines Vaters auf die Spuren des Hamerschen Imperiums. Seine Recherchen enthüllen erstmals, wie Hamer über Jahre hinweg ungehindert in Österreich und Deutschland über ein gutorganisiertes Netzwerk seine abstrusen Ideen verbreiten konnte: „Hamer und seine Anhänger sind hierarchisch gegliedert. Fast wie eine Sekte. Sie sitzen in strategischen Schlüsselpositionen in Krankenhäusern. Mit Einsicht in die Daten der Kranken.“
In der Folge gerät der bis dahin ahnungslose Patient in das Netzwerk des Geerd Hamer: „Wird irgendwo ein besonderer Krebsfall eingeliefert, kommen nur wenige Tage später Hamer-Jünger zu Besuch und überreden den Kranken, sich doch an den gebürtigen Ostfriesen zu wenden.“
Ein Beispiel aus der gängigen Anwerbepraxis des selbsternannten „Krebsarztes“. Ewald K.: „Bei uns im Krankenhaus lieferten vor wenigen Wochen Eltern ein krebskrankes Kind ab. Eine Stunde später standen Hamers Leute schon am Krankenbett und priesen seine ,Neue Medizin'. In ihrer Not bissen die Eltern an und nahmen ihr Kind aus der Klinik.“
Die Vorwürfe des Seelsorgers gehen freilich noch viel weiter: „Ich kann beweisen, daß eine Frau bei der örtlichen Gebietskrankenkasse sitzt, die relevante Daten an die Hamer-Gemeinde weitergibt.“ Nachsatz: „Hamer bedient sich auch gerne Vereinigungen mit seriös klingenden Namen.“
Eine davon: die „1. Österreichische Gesundheitskasse". Hinter dem hochtrabenden Namen steckt in Wirklichkeit ein simpler privater Verein mit Sitz in Mödling bei Wien. Sein Ziel laut Info-Text der Werbebroschüre, die in zahlreichen Arztpraxen und Spitälern des Landes aufliegt: „Wir bieten bei unheilbaren Krankheiten wie Krebs völlig neue Informationen an. Sie haben Zugang zu den neuesten Entdeckungen wie der ,Neuen Medizin' nach Dr. Hamer.“
Hamers Werbeblatt. Anruf beim Service-Telefon. Der NEWS-Reporter gibt sich als Krebskranker aus und wird umgehend an Geerd Hamer verwiesen. Vorher freilich werden dem NEWS-Reporter eine Unzahl von „Geheilten“ als Garantie für den zu erwartenden Erfolg der „Behandlung“ präsentiert.
Bei Dr. Geerd Hamer selbst allerdings antwortet neuerdings nur mehr der Anrufbeantworter. Der selbsternannte Krebs-Guru ist inzwischen in Köln untergetaucht. Mit gutem Grund: Seit Anfang dieser Woche ermittelt neben den österreichischen Behörden auch die Staatsanwaltschaft Köln gegen den Arzt mit Berufsverbot. Möglicher Tatbestand: fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Tötung. Wolfgang Weber, Ankläger in Köln: „Jetzt müssen wir erst mal herausfinden, wo sich Herr Hamer aufhält, und die österreichischen Kollegen bitten, uns ihr Beweismaterial zu schicken.“
Entgegnungen per Fax. Hamers einziger Kontakt zur Außenwelt besteht mittlerweile nur mehr in seinem Faxgerät. Fast täglich schickt Hamer abstruse Gegendarstellungen an Zeitungs- und Fernsehredaktionen, die es wagen, seine „Neue Medizin“ zu kritisieren.
Höhepunkt der in holprigem Deutsch verfaßten Pamphlete: eine wüste Beschimpfung des ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden- Württemberg, Lothar Späth. Wie NEWS vergangene Woche berichtet hatte, war die Freundin des Ministerpräsidenten durch die Behandlungsmethoden Hamers vorzeitig verstorben (siehe Kasten rechts).
Millionenspende. Um das nötige Bargeld für sein Leben als U-Boot braucht sich Hamer indes keine Sorgen zu machen. Patienten, die in das „Netz des Spinners“ gegangen sind, werden zwar nicht verpflichtet, Zahlungen zu leisten. Dennoch bettelte Hamer bei jeder Gelegenheit um einen finanziellen Beitrag zur Aufstockung seiner „Kasse im Kampf gegen die Schulmedizin“. Und Hamers Verlag „Amici di Dirk“ mit Sitz in Köln will nach eigenen Angaben bereits mehr als 50.000 Exemplare jener beiden Bücher verkauft haben, in denen Hamer seine „Neue Medizin“ erklärt.
Erst vor wenigen Tagen wurde bei einer Hausdurchsuchung in Hamers steirischem Büro in Burgau evident, wie der „Wunderheiler“ zu Geld kam. Die Beamten fanden Unterlagen über die Behandlung der krebskranken Ehefrau eines steirischen Großindustriellen. Sie war von Geerd Hamer persönlich betreut worden. Nach ihrem Tod im Frühjahr 1995 überwies der finanzpotente Ehemann angeblich runde zehn Millionen Schilling an Hamers Verlag ...
Hintergrund
Hamers dubiose Fax-Botschaften
Der „Wunderheiler“ legt sich mit deutschem Ex-Politiker an
Mit dem ihm eigenen Größenwahn antwortete Geerd Hamer auf eine NEWS-Story von vergangener Woche. Die Vorgeschichte: NEWS hatte über den Fall der 47jährigen Deutschen Annelie K. berichtet. Die Frau eines Großindustriellen und Freundin des ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Lothar Späth, war Anfang Februar 1995 schwer krebskrank an Hamer geraten. Die schulmedizinische Diagnose: „Brustkrebs im Endstadium“. Wahrscheinliche Lebenserwartung: kaum mehr als zwei Monate.
Hamer macht der Frau dennoch Hoffnungen: „Sie werden gesund.“ Auf seine Empfehlung hin fliegt Annelie K. in Begleitung ihrer Freundin Ursula Späth nach Malaga. Hamer brachte die Kranke genau in jenem drittklassigen Hotel unter, in dem später auch Familie Pilhar nächtigte. Als es der Frau dort zunehmend schlechter geht, rät ihr Hamer bereits nach vier Tagen zum Ortswechsel. Annelie K. reist nach Mallorca. Dort trifft sie Hamers angeblichen „Vertrauensarzt“ Johannes B., der nach Hamers „Neuer Medizin“ behandelt. Als die Schmerzen der Frau immer unerträglicher werden, legt ihr Hamers Kollege die Hände auf und versichert: „Das heilt.“
Am 11. April meldet sich Hamer plötzlich bei der Tochter der Kranken: „Sie können Ihre Mutter jetzt abholen. Sie stirbt.“ In der Münchner Uni-Klinik, wo Annelie K. drei Tage später verstirbt, stellen die Ärzte eine für Hamer folgenschwere Diagnose: „Die Frau starb, weil ihr wichtige Infusionen fehlten.“
Mittlerweile druckte auch das deutsche Nachrichtenmagazin „Spiegel“ die NEWS-Story, und Hamer richtete einen „Offenen Brief“ an Lothar Späth. Gipfelzitat der Perfidie: „Eine Verantwortung trägt in erster Linie jeder Patient selber, der sich als mündiger Bürger für oder gegen eine Therapieform entscheidet.“
Inzwischen hat der Anwalt der betroffenen Familie den Fall bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht. Möglicherweise, so die Justiz, könnte sich ein Haftbefehl gegen Hamer in Deutschland genau auf diesen Fall stützen.
„Olivia ging es noch nie so schlecht.“
OLIVIA PILHAR. Während Ärzte um das Leben des krebskranken Mädchens ringen, führen die Eltern ihren irrationalen Kampf weiter.
Der Vater ist entrüstet. „Ich darf doch bitte ein Foto von meinem Kind machen“, erregt sich Helmut Pilhar, als man ihm die Kamera am Bett seiner krebskranken Olivia aus der Hand reißt. Der erste Besuch des Vaters bei seiner Tochter endet gleich mit einem Eklat.
Dabei hatte alles versöhnlich begonnen. Am vergangenen Sonntag durfte der Vater der krebskranken Olivia nach mehr als einer Woche wieder zu seinem Kind. Zuvor war dem Computertechniker (Pilhar: „Die haben geglaubt, ich schlage dort alles kurz und klein. Ziehe dem Kind die Schläuche aus dem Mund.“) vom gesetzlichen Vormund, der Wiener Neustädter Bezirkshauptmannschaft, das Besuchsrecht verweigert worden.
Der Auftritt dauerte allerdings nur wenige Minuten. Pilhar zückte die im Hosensack versteckte Kamera und drückte einige Male ab. Eine Schwester, die ihn beobachtet hatte, machte umgehend Meldung. Pilhar wurde die Minikamera abgenommen. Eine Verwarnung vom stellvertretenden Klinikvorstand Dr. Franz Waldhauser („Olivias offizieller Vater ist der Bezirkshauptmann. Und der hat eben Fotos verboten“) folgte. Bloß: Pilhar benützte eine zweite Kamera und brachte den Originalfilm unversehrt aus der Kinder-Intensivstation des Wiener AKH. Entwickelt wurde der heißbegehrte Film am Tag danach im 21. Bezirk in Wien im Labor eines bunten Billigblatts.
Fotos als Gegengeschäft. Helmut Pilhar, der verzweifelte Vater, der seine Tochter durch halb Europa hetzte, riskiert damit, seine letzten Sympathien zu verspielen. Die Fotos der auf der Kinder-Intensivstation des AKH im Tiefschlaf dahindämmernden Olivia sind offenbar ein Gegengeschäft mit „täglich Alles“, dem wohl einzigen Medium des deutschsprachigen Raums, das für die Methoden des mittlerweile in Österreich und Deutschland gesuchten „Wunderheilers“ Geerd Ryke Hamer Verständnis aufbringt (siehe Faksimile).
Helmut Pilhar hat damit ein zweites Mal sein Besuchsrecht verwirkt. Ein Umstand, der ihn zum nächsten Rundumschlag bei den Medien bewegt. Auf der Terrasse des „Café Clinicum“, direkt vor dem Krankenhaus, hält er kleine Pressekonferenzen ab. Journalisten aus dem In- und Ausland - zuletzt zwei Top-Redakteure des deutschen Nachrichtenmagazins „Spiegel“ – lauschen, wenn Helmut Pilhar mit unverminderter Härte seine Vorwürfe wiederholt: „Sie werden Olivia umbringen, nur um unseren Dr. Hamer dingfest zu machen.“
Die Chemotherapie zeigt Wirkung. Erika Pilhar berläßt den Medienrummel ihrem Mann, hat zur Zeit kaum noch Kontakt zu ihm. Die enorme Spannung der letzten Wochen hat auch ihre Ehe einer großen Belastung ausgesetzt. Sie wacht indessen stumm am Krankenbett ihrer Tochter. Der magere Körper des kleinen Mädchens verschwindet fast im weißen Bettzeug. Plüschtiere sind rund um den Polster drapiert. Seit sieben Tagen befindet sich Olivia im Tiefschlaf. Leise summen die Monitore, die Herzschlag, Blutdruck und Sauerstoffversorgung kontrollieren. Die Chemotherapie zeigte erste Wirkung, der Tumor ist um wenige Zentimeter geschrumpft. Schwere Antibiotika sollen die Lungenentzündung bekämpfen. Anfang der Woche kam dann hohes Fieber (Helmut Pilhar: „Fast 40 Grad“) hinzu. Erika Pilhar: „Meiner Tochter ist es noch nie so schlecht wie jetzt gegangen.“ Die positiven Bulletins der behandelnden Ärzte seien „alle Lug und Trug“.
Während die Mutter allerdings im vertraulichen Gespräch Zweifel am eigenen Verhalten äußert (siehe auch nebenstehendes Marcovich-Interview), bleibt Helmut Pilhar unverrückbar: „Die Medien und die Schulmedizin werden ihren Triumph haben. Sie werden unseren Dr. Hamer hinter Gitter bringen. Doch eines dürfen sie nie vergessen: Sie haben eine Familie zerstört.“
Interview mit Marina Marcovich
„Seit Malaga kann ich nicht schlafen“
Die Ärztin, die Olivia heimholte, appelliert an die behandelnden Ärzte
Seit der spektakulären Rückholaktion aus Malaga versieht Marina Marcovich wieder ihren Dienst nach Vorschrift im Wiener Wilhelminenspital. Ihr Engagement im Fall Olivia beschränkt sich nur noch auf das allabendliche Gespräch mit Erika Pilhar, Olivias Mutter - bei den Besprechungen mit den behandelnden Ärzten ist sie längst nicht mehr dabei: „Jetzt sind die Kliniker unter sich.“ Nachsatz: „Und wollen es auch bleiben.“
Zur Tagesordnung übergehen kann die engagierte Ärztin dennoch nicht. Marcovich: „Seit ich aus Malaga zurück bin, habe ich keine Nacht mehr durchgeschlafen. Ich träume jede Nacht von einer Lösung - doch wenn ich aufwache, ist alles wieder weg.“
NEWS: Frau Dr. Marcovich, Sie haben der Familie Pilhar vor Ihrer Abreise aus Malaga versprochen, dass in Österreich keine Behandlung ohne deren Einverständnis durchgeführt wird. Jetzt liegt Olivia im Wiener AKH und wird zwangstherapiert. Sie standen für eine Gesprächsbasis zwischen den Eltern Pilhar und den Schulmedizinern. Ist Ihre Mission gescheitert?
Marcovich: Ich betrachte sie nicht als gescheitert. Ich hoffe nach wie vor, daß die Eltern in die Behandlung einbezogen werden. Ich hatte gehofft, daß durch meine Vermittlerrolle eine Lösung gefunden wird, mit der alle leben können. Die Eltern haben aber nach wie vor das Gefühl, ausgegrenzt zu sein. Jetzt mehr denn je. Aber das Kind braucht die elterliche Unterstützung einfach zum Gesundwerden.
NEWS: OIivias Vater Helmut Pilhar war doch zeitweise gar nicht mehr gesprächsbereit, hat sogar gedroht, das Spitalszimmer zu zertrümmern. Ist hier nicht die Sorge um das Wohl des Kindes bedeutender als das gute Einvernehmen mit den Eltern?
Marcovich: Freilich ist das eine Gratwanderung. Im Fall Olivia haben allerdings viele versagt. Für mich ist das Versagen Helmut Pilhars noch das verständlichste. Er hat Todesangst um seine Tochter. Und von dieser hat ihn bislang nur einer ein wenig befreien können. Das war Hamer. Für mich zeigt sich hier eher das Unvermögen der Schulmedizin, sich den Menschen näherzubringen. Die Medizin, vor allem die Intensivmedizin, ist halt immer sehr darauf bedacht, alles Machbare zu machen und übersieht dabei ihren Auftrag, primär die Selbstheilungskräfte des Menschen zu unterstützen. Natürlich ist eine Heilung, an der der Mensch selbst mehr beteiligt ist als die Medizin, für die Ärzte wenig spektakulär. Und natürlich auch nicht so lukrativ.
NEWS: Derzeit kümmern sich acht namhafte Fachärzte und Krebsspezialisten um Olivias Gesundheitszustand ...
Marcovich: Egal, ob die Leute zu einem Schulmediziner, einem Homöopathen oder zu einem Wunderwuzzi gehen - letztendlich geht es um menschliches Verhalten. Olivia wurde deswegen an die Universitätsklinik verlegt, da dort die besten baulichen Voraussetzungen bestehen, den Vater vom Kind fernzuhalten. Aber geschlossene Systeme, die Mauern um sich aufbauen, die Menschen in ihre Grenzen zwingen, die alles Andersartige ausgrenzen, haben keine Zukunft.
NEWS: Sie telefonieren jeden Abend mit Olivias Eltern. Welchen Eindruck haben Sie von der familiären Situation?
Marcovich: Beide sind sehr belastet. Und schwanken zwischen Hoffen und einem Sich-in-ihr-Schicksal-Begeben. Irgendwann letzte Woche bin ich mit Erika Pilhar im verdunkelten Krankenzimmer gesessen. Plötzlich sagt sie ganz leise zu mir: „Glauben Sie, haben wir alles falsch gemacht?“
GEERD HAMER. Seine Anhänger sitzen in Krankenkassen, Spitälern und Selbsthilfegruppen. NEWS zeigt, wie der „Wunderheiler“ Krebs-Patienten fing.
DER TRICK: Hamer köderte Patienten per Flugblatt
„Dieser Doktor Hamer hat ein gemeines Spiel mit uns getrieben. Er hat meinen Mann verblendet und ihn in den Tod getrieben.“ Die Szene hatte etwas Gespenstisches. Im schwarzen Kleid rezitiert Margarete K. am Friedhof von Steyr beim NEWS-Termin das letzte Gedicht ihres Mannes Friedrich. Jene Verse, die er zu Ehren Geerd Hamers nur wenige Stunden vor seinem Tod am Sterbebett gedichtet hatte: „Sein Werk wird vollendet / trotz Lug', die verblendet / von unwissendem Jammer / es gibt nur einen Hamer.“ Sechs Monate zuvor hatte der schwer krebskranke Zuckerbäcker im steirischen Burgau Geerd Hamer kennengelernt. Die Diagnose des selbsternannten Krebs-Wunderheilers: „Brechen Sie die schulmedizinische Behandlung ab. Erkennen Sie Ihre Probleme, dann werden Sie wieder gesund.“ Seine Ehefrau Margarete: „Mein Mann war vernarrt in Hamer. Er hat sogar seine Bücher auswendig gelernt.“ Als Friedrich K. wenige Wochen danach schließlich ins Koma fiel, schickte Hamer eine Mitarbeiterin vorbei. Margarete K.: „Sie frohlockte und sagte, jetzt ist er auf dem Weg der Besserung.“
Selbst als die Schmerzen unerträglich wurden, glaubt der oberösterreichische Lokalpolitiker weiter an Hamers Heilslehre. Margarete K.: „Es war furchtbar. Mein Mann verendete wie ein Tier. Er war völlig verblendet.“
Die letzten Worte des bedingungslosen Hamer-Fans, der seinen Glauben mit dem Tod bezahlen mußte: „Chemie ist verkehrt / dank Hamerschem Herd.“
Die geheimen Hamer-Zellen. Sohn Ewald K., Seelsorger am Krankenhaus Steyr, heftet sich unmittelbar nach dem Tod seines Vaters auf die Spuren des Hamerschen Imperiums. Seine Recherchen enthüllen erstmals, wie Hamer über Jahre hinweg ungehindert in Österreich und Deutschland über ein gutorganisiertes Netzwerk seine abstrusen Ideen verbreiten konnte: „Hamer und seine Anhänger sind hierarchisch gegliedert. Fast wie eine Sekte. Sie sitzen in strategischen Schlüsselpositionen in Krankenhäusern. Mit Einsicht in die Daten der Kranken.“
In der Folge gerät der bis dahin ahnungslose Patient in das Netzwerk des Geerd Hamer: „Wird irgendwo ein besonderer Krebsfall eingeliefert, kommen nur wenige Tage später Hamer-Jünger zu Besuch und überreden den Kranken, sich doch an den gebürtigen Ostfriesen zu wenden.“
Ein Beispiel aus der gängigen Anwerbepraxis des selbsternannten „Krebsarztes“. Ewald K.: „Bei uns im Krankenhaus lieferten vor wenigen Wochen Eltern ein krebskrankes Kind ab. Eine Stunde später standen Hamers Leute schon am Krankenbett und priesen seine ,Neue Medizin'. In ihrer Not bissen die Eltern an und nahmen ihr Kind aus der Klinik.“
Die Vorwürfe des Seelsorgers gehen freilich noch viel weiter: „Ich kann beweisen, daß eine Frau bei der örtlichen Gebietskrankenkasse sitzt, die relevante Daten an die Hamer-Gemeinde weitergibt.“ Nachsatz: „Hamer bedient sich auch gerne Vereinigungen mit seriös klingenden Namen.“
Eine davon: die „1. Österreichische Gesundheitskasse". Hinter dem hochtrabenden Namen steckt in Wirklichkeit ein simpler privater Verein mit Sitz in Mödling bei Wien. Sein Ziel laut Info-Text der Werbebroschüre, die in zahlreichen Arztpraxen und Spitälern des Landes aufliegt: „Wir bieten bei unheilbaren Krankheiten wie Krebs völlig neue Informationen an. Sie haben Zugang zu den neuesten Entdeckungen wie der ,Neuen Medizin' nach Dr. Hamer.“
Hamers Werbeblatt. Anruf beim Service-Telefon. Der NEWS-Reporter gibt sich als Krebskranker aus und wird umgehend an Geerd Hamer verwiesen. Vorher freilich werden dem NEWS-Reporter eine Unzahl von „Geheilten“ als Garantie für den zu erwartenden Erfolg der „Behandlung“ präsentiert.
Bei Dr. Geerd Hamer selbst allerdings antwortet neuerdings nur mehr der Anrufbeantworter. Der selbsternannte Krebs-Guru ist inzwischen in Köln untergetaucht. Mit gutem Grund: Seit Anfang dieser Woche ermittelt neben den österreichischen Behörden auch die Staatsanwaltschaft Köln gegen den Arzt mit Berufsverbot. Möglicher Tatbestand: fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Tötung. Wolfgang Weber, Ankläger in Köln: „Jetzt müssen wir erst mal herausfinden, wo sich Herr Hamer aufhält, und die österreichischen Kollegen bitten, uns ihr Beweismaterial zu schicken.“
Entgegnungen per Fax. Hamers einziger Kontakt zur Außenwelt besteht mittlerweile nur mehr in seinem Faxgerät. Fast täglich schickt Hamer abstruse Gegendarstellungen an Zeitungs- und Fernsehredaktionen, die es wagen, seine „Neue Medizin“ zu kritisieren.
Höhepunkt der in holprigem Deutsch verfaßten Pamphlete: eine wüste Beschimpfung des ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden- Württemberg, Lothar Späth. Wie NEWS vergangene Woche berichtet hatte, war die Freundin des Ministerpräsidenten durch die Behandlungsmethoden Hamers vorzeitig verstorben (siehe Kasten rechts).
Millionenspende. Um das nötige Bargeld für sein Leben als U-Boot braucht sich Hamer indes keine Sorgen zu machen. Patienten, die in das „Netz des Spinners“ gegangen sind, werden zwar nicht verpflichtet, Zahlungen zu leisten. Dennoch bettelte Hamer bei jeder Gelegenheit um einen finanziellen Beitrag zur Aufstockung seiner „Kasse im Kampf gegen die Schulmedizin“. Und Hamers Verlag „Amici di Dirk“ mit Sitz in Köln will nach eigenen Angaben bereits mehr als 50.000 Exemplare jener beiden Bücher verkauft haben, in denen Hamer seine „Neue Medizin“ erklärt.
Erst vor wenigen Tagen wurde bei einer Hausdurchsuchung in Hamers steirischem Büro in Burgau evident, wie der „Wunderheiler“ zu Geld kam. Die Beamten fanden Unterlagen über die Behandlung der krebskranken Ehefrau eines steirischen Großindustriellen. Sie war von Geerd Hamer persönlich betreut worden. Nach ihrem Tod im Frühjahr 1995 überwies der finanzpotente Ehemann angeblich runde zehn Millionen Schilling an Hamers Verlag ...
Hintergrund
Hamers dubiose Fax-Botschaften
Der „Wunderheiler“ legt sich mit deutschem Ex-Politiker an
Mit dem ihm eigenen Größenwahn antwortete Geerd Hamer auf eine NEWS-Story von vergangener Woche. Die Vorgeschichte: NEWS hatte über den Fall der 47jährigen Deutschen Annelie K. berichtet. Die Frau eines Großindustriellen und Freundin des ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Lothar Späth, war Anfang Februar 1995 schwer krebskrank an Hamer geraten. Die schulmedizinische Diagnose: „Brustkrebs im Endstadium“. Wahrscheinliche Lebenserwartung: kaum mehr als zwei Monate.
Hamer macht der Frau dennoch Hoffnungen: „Sie werden gesund.“ Auf seine Empfehlung hin fliegt Annelie K. in Begleitung ihrer Freundin Ursula Späth nach Malaga. Hamer brachte die Kranke genau in jenem drittklassigen Hotel unter, in dem später auch Familie Pilhar nächtigte. Als es der Frau dort zunehmend schlechter geht, rät ihr Hamer bereits nach vier Tagen zum Ortswechsel. Annelie K. reist nach Mallorca. Dort trifft sie Hamers angeblichen „Vertrauensarzt“ Johannes B., der nach Hamers „Neuer Medizin“ behandelt. Als die Schmerzen der Frau immer unerträglicher werden, legt ihr Hamers Kollege die Hände auf und versichert: „Das heilt.“
Am 11. April meldet sich Hamer plötzlich bei der Tochter der Kranken: „Sie können Ihre Mutter jetzt abholen. Sie stirbt.“ In der Münchner Uni-Klinik, wo Annelie K. drei Tage später verstirbt, stellen die Ärzte eine für Hamer folgenschwere Diagnose: „Die Frau starb, weil ihr wichtige Infusionen fehlten.“
Mittlerweile druckte auch das deutsche Nachrichtenmagazin „Spiegel“ die NEWS-Story, und Hamer richtete einen „Offenen Brief“ an Lothar Späth. Gipfelzitat der Perfidie: „Eine Verantwortung trägt in erster Linie jeder Patient selber, der sich als mündiger Bürger für oder gegen eine Therapieform entscheidet.“
Inzwischen hat der Anwalt der betroffenen Familie den Fall bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht. Möglicherweise, so die Justiz, könnte sich ein Haftbefehl gegen Hamer in Deutschland genau auf diesen Fall stützen.
„Olivia ging es noch nie so schlecht.“
OLIVIA PILHAR. Während Ärzte um das Leben des krebskranken Mädchens ringen, führen die Eltern ihren irrationalen Kampf weiter.
Der Vater ist entrüstet. „Ich darf doch bitte ein Foto von meinem Kind machen“, erregt sich Helmut Pilhar, als man ihm die Kamera am Bett seiner krebskranken Olivia aus der Hand reißt. Der erste Besuch des Vaters bei seiner Tochter endet gleich mit einem Eklat.
Dabei hatte alles versöhnlich begonnen. Am vergangenen Sonntag durfte der Vater der krebskranken Olivia nach mehr als einer Woche wieder zu seinem Kind. Zuvor war dem Computertechniker (Pilhar: „Die haben geglaubt, ich schlage dort alles kurz und klein. Ziehe dem Kind die Schläuche aus dem Mund.“) vom gesetzlichen Vormund, der Wiener Neustädter Bezirkshauptmannschaft, das Besuchsrecht verweigert worden.
Der Auftritt dauerte allerdings nur wenige Minuten. Pilhar zückte die im Hosensack versteckte Kamera und drückte einige Male ab. Eine Schwester, die ihn beobachtet hatte, machte umgehend Meldung. Pilhar wurde die Minikamera abgenommen. Eine Verwarnung vom stellvertretenden Klinikvorstand Dr. Franz Waldhauser („Olivias offizieller Vater ist der Bezirkshauptmann. Und der hat eben Fotos verboten“) folgte. Bloß: Pilhar benützte eine zweite Kamera und brachte den Originalfilm unversehrt aus der Kinder-Intensivstation des Wiener AKH. Entwickelt wurde der heißbegehrte Film am Tag danach im 21. Bezirk in Wien im Labor eines bunten Billigblatts.
Fotos als Gegengeschäft. Helmut Pilhar, der verzweifelte Vater, der seine Tochter durch halb Europa hetzte, riskiert damit, seine letzten Sympathien zu verspielen. Die Fotos der auf der Kinder-Intensivstation des AKH im Tiefschlaf dahindämmernden Olivia sind offenbar ein Gegengeschäft mit „täglich Alles“, dem wohl einzigen Medium des deutschsprachigen Raums, das für die Methoden des mittlerweile in Österreich und Deutschland gesuchten „Wunderheilers“ Geerd Ryke Hamer Verständnis aufbringt (siehe Faksimile).
Helmut Pilhar hat damit ein zweites Mal sein Besuchsrecht verwirkt. Ein Umstand, der ihn zum nächsten Rundumschlag bei den Medien bewegt. Auf der Terrasse des „Café Clinicum“, direkt vor dem Krankenhaus, hält er kleine Pressekonferenzen ab. Journalisten aus dem In- und Ausland - zuletzt zwei Top-Redakteure des deutschen Nachrichtenmagazins „Spiegel“ – lauschen, wenn Helmut Pilhar mit unverminderter Härte seine Vorwürfe wiederholt: „Sie werden Olivia umbringen, nur um unseren Dr. Hamer dingfest zu machen.“
Die Chemotherapie zeigt Wirkung. Erika Pilhar berläßt den Medienrummel ihrem Mann, hat zur Zeit kaum noch Kontakt zu ihm. Die enorme Spannung der letzten Wochen hat auch ihre Ehe einer großen Belastung ausgesetzt. Sie wacht indessen stumm am Krankenbett ihrer Tochter. Der magere Körper des kleinen Mädchens verschwindet fast im weißen Bettzeug. Plüschtiere sind rund um den Polster drapiert. Seit sieben Tagen befindet sich Olivia im Tiefschlaf. Leise summen die Monitore, die Herzschlag, Blutdruck und Sauerstoffversorgung kontrollieren. Die Chemotherapie zeigte erste Wirkung, der Tumor ist um wenige Zentimeter geschrumpft. Schwere Antibiotika sollen die Lungenentzündung bekämpfen. Anfang der Woche kam dann hohes Fieber (Helmut Pilhar: „Fast 40 Grad“) hinzu. Erika Pilhar: „Meiner Tochter ist es noch nie so schlecht wie jetzt gegangen.“ Die positiven Bulletins der behandelnden Ärzte seien „alle Lug und Trug“.
Während die Mutter allerdings im vertraulichen Gespräch Zweifel am eigenen Verhalten äußert (siehe auch nebenstehendes Marcovich-Interview), bleibt Helmut Pilhar unverrückbar: „Die Medien und die Schulmedizin werden ihren Triumph haben. Sie werden unseren Dr. Hamer hinter Gitter bringen. Doch eines dürfen sie nie vergessen: Sie haben eine Familie zerstört.“
Interview mit Marina Marcovich
„Seit Malaga kann ich nicht schlafen“
Die Ärztin, die Olivia heimholte, appelliert an die behandelnden Ärzte
Seit der spektakulären Rückholaktion aus Malaga versieht Marina Marcovich wieder ihren Dienst nach Vorschrift im Wiener Wilhelminenspital. Ihr Engagement im Fall Olivia beschränkt sich nur noch auf das allabendliche Gespräch mit Erika Pilhar, Olivias Mutter - bei den Besprechungen mit den behandelnden Ärzten ist sie längst nicht mehr dabei: „Jetzt sind die Kliniker unter sich.“ Nachsatz: „Und wollen es auch bleiben.“
Zur Tagesordnung übergehen kann die engagierte Ärztin dennoch nicht. Marcovich: „Seit ich aus Malaga zurück bin, habe ich keine Nacht mehr durchgeschlafen. Ich träume jede Nacht von einer Lösung - doch wenn ich aufwache, ist alles wieder weg.“
NEWS: Frau Dr. Marcovich, Sie haben der Familie Pilhar vor Ihrer Abreise aus Malaga versprochen, dass in Österreich keine Behandlung ohne deren Einverständnis durchgeführt wird. Jetzt liegt Olivia im Wiener AKH und wird zwangstherapiert. Sie standen für eine Gesprächsbasis zwischen den Eltern Pilhar und den Schulmedizinern. Ist Ihre Mission gescheitert?
Marcovich: Ich betrachte sie nicht als gescheitert. Ich hoffe nach wie vor, daß die Eltern in die Behandlung einbezogen werden. Ich hatte gehofft, daß durch meine Vermittlerrolle eine Lösung gefunden wird, mit der alle leben können. Die Eltern haben aber nach wie vor das Gefühl, ausgegrenzt zu sein. Jetzt mehr denn je. Aber das Kind braucht die elterliche Unterstützung einfach zum Gesundwerden.
NEWS: OIivias Vater Helmut Pilhar war doch zeitweise gar nicht mehr gesprächsbereit, hat sogar gedroht, das Spitalszimmer zu zertrümmern. Ist hier nicht die Sorge um das Wohl des Kindes bedeutender als das gute Einvernehmen mit den Eltern?
Marcovich: Freilich ist das eine Gratwanderung. Im Fall Olivia haben allerdings viele versagt. Für mich ist das Versagen Helmut Pilhars noch das verständlichste. Er hat Todesangst um seine Tochter. Und von dieser hat ihn bislang nur einer ein wenig befreien können. Das war Hamer. Für mich zeigt sich hier eher das Unvermögen der Schulmedizin, sich den Menschen näherzubringen. Die Medizin, vor allem die Intensivmedizin, ist halt immer sehr darauf bedacht, alles Machbare zu machen und übersieht dabei ihren Auftrag, primär die Selbstheilungskräfte des Menschen zu unterstützen. Natürlich ist eine Heilung, an der der Mensch selbst mehr beteiligt ist als die Medizin, für die Ärzte wenig spektakulär. Und natürlich auch nicht so lukrativ.
NEWS: Derzeit kümmern sich acht namhafte Fachärzte und Krebsspezialisten um Olivias Gesundheitszustand ...
Marcovich: Egal, ob die Leute zu einem Schulmediziner, einem Homöopathen oder zu einem Wunderwuzzi gehen - letztendlich geht es um menschliches Verhalten. Olivia wurde deswegen an die Universitätsklinik verlegt, da dort die besten baulichen Voraussetzungen bestehen, den Vater vom Kind fernzuhalten. Aber geschlossene Systeme, die Mauern um sich aufbauen, die Menschen in ihre Grenzen zwingen, die alles Andersartige ausgrenzen, haben keine Zukunft.
NEWS: Sie telefonieren jeden Abend mit Olivias Eltern. Welchen Eindruck haben Sie von der familiären Situation?
Marcovich: Beide sind sehr belastet. Und schwanken zwischen Hoffen und einem Sich-in-ihr-Schicksal-Begeben. Irgendwann letzte Woche bin ich mit Erika Pilhar im verdunkelten Krankenzimmer gesessen. Plötzlich sagt sie ganz leise zu mir: „Glauben Sie, haben wir alles falsch gemacht?“
| < Zurück | Weiter > |
|---|











