täglich Alles - Olivias Vater stimmt Chemotherapie zu

täglich Alles, 27.07.1995

zeitungsartikel


"Der Staat hat sein Wort gebrochen,
aber ich stimme der Chemotherapie zu!"


Mädchen wurde ins Tullner Spital eingeliefert
Eltern dürfen es nicht mit nach Hause nehmen
Jetzt wird es zwangstherapiert


Hochspannung in Tulln (NÖ)! Im örtlichen Krankenhaus liegt Olivia Pilhar (6). Und wird therapiert. Nach einer Marathonsitzung erklärten sich die Eltern kurz vor Mitternacht schließlich mit der Chemotherapie einverstanden.

Schon am Montag hatten die Eltern Erika (32) und Helmut (30) gegenüber St.-Anna-Chef Helmut Gadner und Olivias amtlichem Vormund Dr. Heinz Zimper zugesagt, ihre Tochter im Krankenhaus Tulln untersuchen zu lassen.
Sie stimmten zu, im Vertrauen. Einer Untersuchung, ausdrücklich keiner stationären Aufnahme, keiner Chemotherapie. Das haben die Eltern schriftlich. In einem Vertrag, der vom österreichischen Konsul in Malaga und von der Vermittlerin, der Wiener Kinderärztin Marina Marcovich, unterzeichnet wurde.
Diesen Vertrag können sie jetzt zerreißen.
Nach der Untersuchung wollten sie ihre Tochter wieder mit nach Hause nehmen. "Keine Lebensgefahr" hatte der Tullner Primar Hans Vanura gegenüber dem ORF gesagt. "Sie wurde nicht, wie im ,Kurier' fälschlicherweise behauptet, eingeliefert, weil sich ihr Zustand verschlechtert hatte", hatte Dr. Zimper gesagt. Doch als Erika und Helmut Pilhar sich anschickten, ihr Kind tatsächlich mit nach Hause zu nehmen, sah die Sache plötzlich anders aus.
"Ihre Tochter muß hierbleiben", stellte Primar Vanura fest. Kurz darauf wurde Olivia an einen Infusionstropf angehängt. "Traubenzuckerläsung und Aspirin", sagten die Ärzte. Von nun an überschlugen Sich die Ereignisse. "Mein Kind hat eine kranke Leber. Sie verträgt jetzt kein Medikament", flehte Erika Pilhar. Vergeblich. Die Frau brach zusammen.
Der Vater Helmut lief zu den "täglich ALLES"-Reportern, die vor dem Spital warteten. "Bitte, helfen Sie uns!" bettelte der Mann unter Tränen. "Sie wollen Olivia chemotherapieren." Die Nachfrage bei den Ärzten ergab: Ja, das Mädchen wird chemotherapiert. "Bitte, tun Sie etwas, mein Kind überlebt das nicht", flehte Helmut Pilhar. Der Vater brach zusammen, weinte wie ein kleines Kind. "Wie können die jetzt so etwas machen? Die bringen mein Kind um! Der Staat hat sein Wort gebrochen. Mein Kind wird exekutiert!"
"täglich ALLES"-Reporter Marcus Eibensteiner versuchte, den Mann zu beruhigen. Völlig umsonst.
Helmut Pilhar muß jetzt etwas tun. Aber er kann es nicht. Vor dem Krankenzimmer seiner Tochter stehen Gendarmen. Das Spital ist hermetisch abgeriegelt.
In der "täglich ALLES"-Redaktion meldet sich Dr. Marina Marcovich. Ihre Stimme zittert: "Sie sind die einzigen in Tulln, zu denen die Pilhars noch Vertrauen haben. Ich bitte Sie: Sorgen Sie dafür, daß die Pilhars durchhalten, bis ich in Tulln bin. Wir müssen da eine Lösung finden." Gegen 18 Uhr hatte es Marcovich geschafft, einen neuen Ärzte-Gipfel in Tulln einzuberufen. Ergebnis: Ein Krebsexperte aus dem Wiener AKH weigerte sich, Olivia ohne Chemotherapie zu operieren. Kurz vor Mitternacht gab Vater Pilhar dem Druck der Ärzte schließlich nach: "Ich habe keine Wahl, stimme einer Chemotherapie schweren Herzens zu ... "



"Gemeinde will mir einen Strick aus meinem Engagement drehen"

Marina Marcovich. Umstrittene Neonatologin. Vermittlerin im verfahrenen Fall um die krebskranke Olivia.
Sie setzte sich mit all ihrer Kraft und menschlichem Gespür dafür ein, daß Olivia und ihre Eltern wieder nach Österreich zurückkehren. Nicht in Handschellen. Nicht als Gefangene. Um die ohnehin höchst heikle Situation nicht noch weiter eskalieren zu lassen. Ihr Leitsatz: "Man muß die Eltern bei der Hand nehmen, ihnen Vertrauen geben. Und sie nicht vor sich hertreiben."
Die große Schwäche der Schulmedizin also.
Auch nach der Rückkehr am Montag war Marina Marcovich weiter als Vermittlerin zwischen Olivias Eltern, Geerd Hamer und den Schulmedizinern schwer beschäftigt.
Das Engagement der unbequemen Medizinerin ist der Gemeinde Wien offenbar ein Dorn im Auge: Derzeit interessieren Wiens Vizebürgermeister Sepp Rieder, den Gesundheitsstadtrat, nämlich zwei Fragen besonders brennend:
Hat Marina Marcovich für die Tage, die sie für die Ärzteflugambulanz im Einsatz war, auch Urlaubszettel ausgefüllt?
Indirekt war auch von einem Disziplinarverfahren die Rede.
Und: Ist ihre Nebenbeschäftigung überhaupt gemeldet und der Behörde bekannt?
"Eigentlich sollte ich mich hier im Wilhelminenspital um meine Patienten kümmern", wundert sich Marcovich, "aber statt dessen muß ich Rechtfertigungen schreiben. Außerdem bin ich seit Jahren bereits für die Ärzteflugambulanz unterwegs. Man hat in dieser Sache nichts Besseres zu tun, als mir einen Strick aus meinen Bemühungen um die Familie Pilhar zu drehen."
Stadtrat Rieder war vorerst nicht erreichbar. Er weilte Mittwoch nachmittag bei einem Amtsantritt - interessanterweise in St. Andrä an der Traisen (NÖ).
Aus seinem Büro verlautete, daß nicht der Stadtrat, sondern der Chef des Wilhelminenspitals die Nachprüfung gefordert hätte. Außerdem: "Frau Marcovich hat für alle Tage, die sie nicht im Wilhelminenspital gearbeitet hat, Urlaubsscheine ausgefüllt. In ihrer Freizeit kann sie machen, was sie will. Was soll ihr da schon passieren?"
Damit wurde auch dem Amtsschimmel Genüge getan. Eine Frage drängt sich aber auf: Wieso werden einer engagierten Ärztin Prügel zwischen die Beine geworfen, anstatt sie bei ihren Bemühungen zu unterstützen?



Wiener Ärztin bei Kammer angezeigt

Arzt und VP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger hat 1 Elisabeth Rozkydal der Ärztekammer angezeigt. Grund: Sie soll Patienten an Hamer vermittelt haben. Ihr drohen disziplinäre Sanktionen und Berufsverbot!